Episode 272: Enter the Void von Gaspar Noé - Spirituelle Pornografie

Episode 272: Enter the Void von Gaspar Noé - Spirituelle Pornografie

Enter the Void aus dem Jahr 2010 vom französischen Filmemacher Gaspar Noé wird konsequent aus der Ich-Perspektive seines Protagonisten Oscar erzählt… nur, dieser Oscar stirbt bereits nach den ersten 25 Filmminuten.
1 Stunde 32 Minuten
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Wir lieben Filme und wir lieben es, über Filme zu diskutieren. Die Sache ist nur, wir haben einen sehr unterschiedlichen Filmgeschmack. Daher drückt jeder von uns dem jeweils anderen für die aktuelle Episode einen neuen Film aufs Auge mit dem Ziel, des...

Beschreibung

vor 16 Stunden
Enter the Void aus dem Jahr 2010 vom französischen Filmemacher
Gaspar Noé wird konsequent aus der Ich-Perspektive seines
Protagonisten Oscar erzählt… nur, dieser Oscar stirbt bereits nach
den ersten 25 Filmminuten. Wie also diese radikale POV beibehalten?
Frei nach dem Motto “Beim Sterben siehst du dein ganzes Leben an
deinem inneren Auge vorbeirasen” erlebt Oscar noch einmal seine
Geschichte, die ihn zu diesem Ende geführt hat: Wie er und seine
jüngere Schwester Linda eine glückliche Kindheit erleben. Wie ihre
Eltern bei einem Verkehrsunfall sterben. Wie sich die innig
verbundenen Geschwister ewige Treue schwören und dann doch
voneinander getrennt werden. Oscar lebt schließlich als junger
Erwachsener in Tokio und holt Linda zu sich. Während Sie in einem
Stripclub arbeitet, versucht er sich als Drogendealer über Wasser
zu halten. Das Schicksal schlägt erbarmungslos zu, als Oscar von
einem seiner Kontakte an die Polizei verraten wird. Zugedröhnt mit
DMT begeht er einen fatalen Fehler und wird auf der Toilette einer
heruntergekommenen Bar erschossen. Der Kreis zum Beginn schließt
sich… …Nur in diesem Moment sind gerade mal die ersten 85 Minuten
von diesem fast dreistündigen Ungetüm von einem Film vorbei. Was
folgt, ist ein Mäandern von Oscars Seele durch Raum und Zeit. Weil
er versprochen hat, Linda nie zu verlassen, schwebt er als Geist
über den Neonlichtern Tokios: Eindrücke von den Ereignissen nach
seinem Tod mischen sich mit Erinnerungen, mit Farben, mit
abstrakten Strukturen. Er betritt die Wahrnehmung anderer Menschen
und verlässt sie wieder. Wir sehen die brutale Realität,
alptraumhafte Visionen, Träume, Hoffnungen, Ängste. Ideen des
tibetischen Totenbuches, Drogentrips, flackernde Lichter, Sex und
Gewalt, bis wir schließlich durch die POV einer Vagina der Zeugung
von neuem Leben beiwohnen dürfen (wenn ihr wisst, was das visuell
bedeutet, dann wisst ihr es)… vielleicht die Wiedergeburt Oscars,
vielleicht aber auch nur die letzten Eindrücke eines Sterbenden auf
einem schlechten Trip. Enter the Void, hinein in die Leere:
Spiritualität, Rausch, das Mäandern einer rastlosen Seele,
Padmasambhava, Bach, Haeckel, Anger und vor allem flackernde
Neonlichter und Motion Sickness. Ein gefühlt endloses Wabern durch
Raum und Zeit… Film als Trip, Film als spiritueller Porno... Uff.
Johannes, wenn ich dir so etwas gebe, kann - wie schon in der
Vergangenheit - die erste Frage eigentlich nur so lauten: Wie
erschöpft hast du dich nach diesem Film gefühlt?
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