Episode 02 | Die Architektur des Gedächtnis
16 Minuten
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Die Wissensarchitekten ist ein kostenloser, wissenschaftlich fundierter Podcast, der erforscht, wie wir lernen, uns erinnern und Wissen organisieren.
Beschreibung
vor 2 Wochen
Episoden-Zusammenfassung
Warum weißt du sofort, dass Paris die Hauptstadt von Frankreich
ist, kannst dich aber nicht erinnern, dieses Wissen tatsächlich
gelernt zu haben? In dieser Episode erkunden wir die grundlegende
Architektur des menschlichen Gedächtnisses — das strukturelle
Rahmenwerk, das bestimmt, wie Informationen von der momentanen
Wahrnehmung zur dauerhaften Speicherung fließen.
Wir tauchen ein in das wegweisende Mehrspeichermodell von 1968
von Richard Atkinson und Richard Shiffrin, das vorschlug, dass
das Gedächtnis aus drei unterschiedlichen Speichern besteht:
sensorisches Gedächtnis, Kurzzeitgedächtnis und
Langzeitgedächtnis. Dann erkunden wir Endel Tulvings
revolutionäre Unterscheidung von 1972 zwischen episodischem
Gedächtnis (persönliche Erfahrungen, die man wiedererleben kann)
und semantischem Gedächtnis (Fakten und Wissen ohne Kontext).
Unterwegs entdecken wir, warum Informationen in nur 18 Sekunden
aus dem Kurzzeitgedächtnis verschwinden, wie dein Gehirn
kurzzeitig ALLE Buchstaben halten kann, die du siehst, bevor die
Erinnerung verblasst, und was Fallstudien von Patienten darüber
enthüllen, dass Gedächtnis nicht ein System ist, sondern eine
Architektur verbundener Speicher.
Behandelte Kernthemen
Die kognitive Revolution der 1960er Jahre und die
Computer-Metapher für das Gedächtnis
Atkinson und Shiffrins Mehrspeichermodell (1968)
Sensorisches Gedächtnis: Sperlings Experimente zum ikonischen
Gedächtnis
Kurzzeitgedächtnis: Der 18-Sekunden-Vergessensbefund
(Brown-Peterson-Paradigma)
Langzeitgedächtnis und seine praktisch unbegrenzte Kapazität
Tulvings Unterscheidung zwischen episodischem und
semantischem Gedächtnis (1972)
Autonoetisches Bewusstsein und "mentale Zeitreise"
Die "Erinnern" vs. "Wissen" Unterscheidung
Semantisierung: Wie episodische Erinnerungen zu semantischem
Wissen werden
Evidenz von Patienten: K.C., entwicklungsbedingte Amnesie und
semantische Demenz
Erwähnte Forscher
Richard Atkinson (Stanford University) —
Mitschöpfer des Mehrspeichermodells
Richard Shiffrin (Indiana University) —
Mitschöpfer des Mehrspeichermodells
Endel Tulving (University of Toronto) —
Unterscheidung episodisches und semantisches Gedächtnis
George Sperling (Bell Labs) — Experimente zum
ikonischen Gedächtnis
Lloyd & Margaret Peterson (Indiana
University) — Zerfall des Kurzzeitgedächtnisses
John Brown (Cambridge University) — Zerfall
des Kurzzeitgedächtnisses
Frederic Bartlett (Cambridge University) —
"Krieg der Geister" Studie, Schema-Theorie
William James — Unterscheidung primäres und
sekundäres Gedächtnis (1890)
Wichtige Studien & Quellen
Atkinson, R.C., & Shiffrin, R.M. (1968). "Human memory: A
proposed system and its control processes." The Psychology of
Learning and Motivation, Vol. 2, S. 89-195.
Tulving, E. (1972). "Episodic and semantic memory." In
Organization of Memory, S. 381-403.
Sperling, G. (1960). "The information available in brief
visual presentations." Psychological Monographs, 74(11), 1-29.
Peterson, L.R., & Peterson, M.J. (1959). "Short-term
retention of individual verbal items." Journal of Experimental
Psychology, 58(3), 193-198.
Tulving, E. (1985). "Memory and consciousness." Canadian
Psychology, 26(1), 1-12.
Bartlett, F.C. (1932). Remembering: A Study in Experimental
and Social Psychology.
Wichtige Zahlen zum Merken
107 Seiten — Länge des originalen
Atkinson-Shiffrin-Papers
250-500 ms — Dauer des ikonischen (visuellen)
Gedächtnisses
2-4 Sekunden — Dauer des echoischen
(auditiven) Gedächtnisses
18 Sekunden — Zeit, bis Informationen ohne
Wiederholung aus dem Kurzzeitgedächtnis verschwinden
7±2 Elemente — Klassische
Kurzzeitgedächtnis-Kapazität (Miller, 1956)
1968 — Jahr der Veröffentlichung des
Mehrspeichermodells
1972 — Jahr von Tulvings Unterscheidung
episodisch/semantisch
Einprägsame Zitate
"Gedächtnis ist nicht ein einzelnes System, sondern eine
Architektur verbundener Speicher, jeder mit eigenen Eigenschaften,
Dauern und Zwecken."
"Episodisches Gedächtnis ermöglicht mentale Zeitreise durch
subjektive Zeit, von der Gegenwart in die Vergangenheit, und
erlaubt so, durch autonoetisches Bewusstsein die eigenen früheren
Erfahrungen wiederzuerleben."
Endel Tulving
"Er hat jeden Preis gewonnen außer dem Nobelpreis."
Don Stuss, über Endel Tulving
Die Kernidee
Dein Gehirn speichert Fakten und Erlebnisse auf grundlegend
unterschiedliche Weise. Episodisches Gedächtnis ermöglicht es
dir, mental in die Vergangenheit zu reisen und persönliche
Erfahrungen wiederzuerleben, während semantisches Gedächtnis
kontextloses Wissen enthält. Mit der Zeit verblassen spezifische
Lern-Episoden durch einen Prozess namens Semantisierung und
hinterlassen die reinen Fakten — deshalb weißt du, dass Paris die
Hauptstadt von Frankreich ist, aber kannst dich nicht erinnern,
es gelernt zu haben.
Vorschau auf die nächste Episode
Episode 3: The Magical Number — Im Jahr 1956
erklärte George Miller, dass das Kurzzeitgedächtnis "sieben, plus
oder minus zwei" Elemente fasst. Aber moderne Forschung legt
nahe, dass er zu großzügig war — das tatsächliche Limit liegt
eher bei vier. Wir werden das Arbeitsgedächtnis erkunden, seine
verschiedenen Komponenten, und warum dieser Engpass alles darüber
beeinflusst, wie wir Informationen präsentieren sollten.
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