Der Farbenflüsterer - Thomas Payr
33 Minuten
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Beschreibung
vor 4 Monaten
Thomas Payr, geboren am 19. September 1940 in
Feldkirch-Altenstadt, ist ein Mann, der die Welt durch Linien,
Farben und Geschichten erfasst. Sein Leben liest sich wie ein
Roman: geprägt von osttirolerischen Wurzeln, künstlerischer
Leidenschaft und der unerschütterlichen Überzeugung, dass Kunst
nicht nur gemalt, sondern gelebt wird. „Die Kunst ist ein
väterliches Erbe“, sagt er – und tatsächlich scheint sie ihm im
Blut zu liegen. Schon sein Vater, ein kluger Kopf aus Kals am
Großglockner, träumte von einer künstlerischen Laufbahn, doch die
Pflichten als Familienvater führten ihn in den Beamtenstand.
Thomas Payr aber folgte dem Ruf der Leinwand – wenn auch mit
Umwegen.
Nach der Matura und einem kurzen Intermezzo bei der Post, wo er
„die Pragmatisierung“ erreichte („Mein Bub, du verstehst“), brach
er auf: erst ins Bauhaus nach Bochum, dann als Lehrer nach Tirol
und Vorarlberg, immer mit dem Skizzenblock in der Hand. Die
Linie, so sagt er, sei sein „dominanter Ratgeber“. Ob im
grafischen Design, in der Malerei oder im Unterricht – Payr blieb
ein Zeichner, ein Gestalter, ein Mann, der die Welt in Formen und
Farben übersetzt.
Payrs Stil ist unverkennbar: klar, expressiv, durchdrungen von
der Schule des Bauhauses, doch nie dogmatisch. „Ich bin kein
Hungerleiter“, betont er, „aber die Kunst war mir immer den Preis
wert.“ Sein Atelier in der alten Dogana in Feldkirch wurde zum
kreativen Zentrum – bis die Stadt es ihm eines Tages „wegnahm“.
Doch Payr ist kein Mann der Klagen. Stattdessen packte er die
Koffer und folgte dem Ruf seines Sohnes Simon auf die Kanarische
Insel La Gomera. Dort, zwischen Vulkanen und dem
endlosen Blau des Atlantiks, entdeckte er ein neues Farbspektrum:
„Die Farbe war wie ein Magnet, der mich überschüttete.“
Monatelang malte er unter freiem Himmel, lernte Spanisch („mit
Latein als Wurzel“), und fand in der Galeria
Oasis eine zweite Heimat. „Das Licht dort ist eine
Droge“, schwärmt er. Seine Bilder wurden intensiver, lebendiger –
als würde er seinen Motiven nicht nur Farbe, sondern
Leben selbst schenken.
Die Kanaren wurden zu seinem Winterrefugium, ein Ort, an dem er
„jeden Tag malte, nicht aus Muss, sondern aus Lust“. Doch selbst
im Paradies blieb er ein Vorarlberger: „Die Farbe hier ist
verkraut“, sagt er über die Heimat, „aber unten habe ich gelernt,
sie zu intensivieren.“ Seine Werke – ob Acryl auf Leinwand oder
Mixed-Media-Experimente – erzählen von dieser Dualität: der
kühlen Klarheit der Alpen und der glühenden Leuchtkraft des
Südens.
Payr unterrichtete an Gymnasien in Tirol und Vorarlberg, prägte
Generationen von Schülern – und lernte selbst nie aus. Seine
Kontakte zu Schriftstellern, Kunsthistorikern und Kollegen waren
ihm stets wichtiger als der große Markt. „Die Zeit ist die
Mängelware unserer Epoche“, sagt er. Doch er nahm sie sich: für
Gespräche, für die Staffelei, für das „Gespräch mit dem
Bild“ – eine private Auseinandersetzung, die er wie eine
Liebe pflegt. „Das Bild ist widerspenstig. Es muss in die Spur
gebracht werden.“
Sein vielleicht berühmtestes Werk, „Feldkirch vernetzt“
(1974/2024), ist ein dreidimensionales Drahtgeflecht, das die
Stadt in Linien auflöst. „Ich habe mit dem Lötkolben gearbeitet,
bis die dritte Dimension entstand“, erzählt er. Ein Bild, das
nicht nur hängt, sondern Raum schafft – genau
wie sein Leben, das sich zwischen Ateliers, Reisen und
Familienbanden entfaltet.
Payr schreibt, wie er malt: mit Hingabe und ohne lange zu feilen.
Seine Texte – wie das Gedicht „Gestern war ich zu Hause“ – sind
voller Erinnerungen an Altenstadt, an eine Kindheit im Schatten
der Kirche, an „einen Rosenkranz von Bildern, im Wissen, dass
Rosen Dornen tragen“. Doch veröffentlicht hat er sie nie.
Seine Söhne, der Fotograf David Payr (Wien) und
der in Berlin lebende Simon, trugen die Kunst in die Welt. Doch
Thomas selbst blieb ein Heimkehrer – heute, mit
85 Jahren, bilanziert: „Die Freiheit in der Malerei war mein
größtes Geschenk.“
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