Der gastroaffine Ausnahmekünstler - Thomas Anton Rauch
27 Minuten
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Beschreibung
vor 1 Monat
Wer das Atelier von Thomas Anton Rauch in
Feldkirch betritt, überschreitet keine Schwelle, sondern eine
Welt. Man muss sich ducken, vorbei an Stromkastentüren, hinein in
ein Labyrinth aus Besteckskulpturen, Tierpräparaten,
Schweißnähten, Farbschlieren, ironischen Zitaten und
bitterernstem Humor. Hier arbeitet ein Mann, der nie in eine
Schublade gepasst hat – und der genau daraus seine künstlerische
Kraft schöpft.
Rauch, 61 Jahre alt und ursprünglich aus Frastanz, hat nicht an
einer Kunstakademie begonnen, sondern auf hoher See. Nach seiner
Lehre zum Maschinenmechaniker fuhr er zwei Jahre
zur See – ein Leben zwischen Urlaubszwang und Ozean, zwischen
Freiheit und Exzess. Was aus dieser Zeit blieb? „Alkohol“, sagt
er trocken – und eine tiefe Kenntnis menschlicher Abgründe.
1999 eröffnete er mit seinem Bruder die legendäre
„Sonderbar“ in Feldkirch – eine Institution der
Vorarlberger Szene. Zwanzig Jahre lang war sie Treffpunkt für
Anwälte und Sandler, Banker und Punks, Musiker, Literaten und
Nachtgestalten aller Art. Türsteher? Brauchte es nie. Zu divers
war das Publikum, zu offen der Geist. Rauch war sein eigener
bester Kunde – der erste an der Bar, der letzte, der ging.
Mit fünfzig zog Rauch die Reißleine. Die Gastronomie ließ er
hinter sich, nicht aber das Leben. „Wenn ich es jetzt nicht
versuche, mache ich es nie mehr.“ Seit elf Jahren ist er
freischaffender Künstler, Mitglied der
Berufsvereinigung Bildender Künstler in Bregenz, Paletton- und
Taxis-Mitglied.
Seine Kunst nennt er am ehesten Objektkunst:
Alltagsgegenstände verlieren ihren Zweck, Tierpräparate werden zu
Leoparden, Besteck zu Skulpturen, Herrgottsbilder zu bitteren
Kommentaren über Religion und Macht. Sozialkritisch, politisch
unkorrekt, oft schmerzhaft – etwa wenn er Frauenporträts mit
Sicherheitsnadeln durch die Stirn versieht, um auf Altersarmut,
Lohnungleichheit oder Kinderehen hinzuweisen.
Rauchs Werke sind keine Dekoration. Sie sind Zumutungen. Ein
geschweißtes Kreuz mit daran hängender Suppenkelle trägt den
Titel „Mein Schöpfer.“ Donald Trump erscheint
als Bühnenstück zwischen zerrissenen Fahnen, Hillary Clinton
springt mit Freiheitsfackel hervor, während Martin Luther King
übermalt wird. Aus einer Fischdose windet sich eine Schlange an
einem zum Leoparden mutierten Reh empor – Titel: „Es ist
nicht immer drin, was draufsteht.“ Eine Metapher auf
Politik, Beziehungen und das Leben selbst.
Besonders eindrücklich: sein Bild „Der ewige
Kreislauf“. Wildschweinkopf, Menschenhand, Karotte.
Pflanze frisst Tier, Tier frisst Mensch, Mensch stirbt. Ende?
Vielleicht Reinkarnation als Karotte. Rauch glaubt nicht an ein
Leben nach dem Tod, wohl aber an Verantwortung im Jetzt: gegen
Gewalt, gegen Populismus, gegen den europaweiten Rechtsruck.
Neben der Kunst war Rauch auch Autor – zwei
Kriminalromane liegen hinter ihm, ein dritter fertig in der
Schublade. Keine Lust mehr, sagt er. Vielleicht auch, weil seine
Kunst längst laut genug spricht.
Er arbeitete für Erwin Wurm an „Fat Cars“, gestaltete mit dem
Fotografen Alexander S. eine preisgekrönte Gondel am Flumserberg,
ist aktuell in der Galerie Koukou Phi und im internationalen
Ausstellungsformat heimspiel.tv in der
Kunsthalle St. Gallen vertreten.
Thomas Anton Rauch ist kein Wohlfühlkünstler. Er ist ein
Störenfried mit Schweißgerät, ein Chronist der Brüche, ein
ehemaliger Barkeeper, der die Nacht kennt – und das Leben. Er
malt, schweißt, sammelt, montiert fast täglich, wie ein ganz
normaler Arbeiter. Nur dass seine Produkte Fragen stellen, wo
andere Antworten verkaufen.
Ein Mann wie Rauch passt in keine Vitrine. Er gehört ins Atelier,
in den Schweißrauch, ins pralle Leben – und genau dort entfaltet
seine Kunst ihre ganze, unbequeme Schönheit.
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