Der international Gesuchte - Alexander Wieser

Der international Gesuchte - Alexander Wieser

17 Minuten

Beschreibung

vor 1 Monat

Zehn Monate Auslandseinsatz. So nennt Alexander Wieser heute eine
Zeit, die ihn fast alles gekostet hätte: Freiheit, Familie,
Selbstachtung – und beinahe auch die Zukunft. Was nach einem
Business-Trip klingt, war in Wahrheit ein Interpol-Haftbefehl,
vier Länder, eine Spezialeinheit und die harte Realität der
Einzelhaft. Österreich, Deutschland, Schweiz, Liechtenstein –
gesucht, gefunden, eingesperrt.
Er nennt es „Gitterbox“. Ein Wort, das klingt wie ein Parkplatz
für Menschen, wie eine Endstation ohne Rückfahrkarte. Für Wieser
war sie genau das – und zugleich der brutalste Wendepunkt seines
Lebens.
Geboren 1977 in Hard am Bodensee, aufgewachsen zwischen Autos,
Motorengeräuschen und PS-Träumen, hatte Alex früh gelernt, wie
man schraubt, repariert, schneller ist als andere. Doch
irgendwann war Geschwindigkeit nicht mehr nur ein Hobby – sondern
ein Lebensstil. Drei, vier Jobs reichten nicht mehr aus, um die
selbstgebauten Probleme zu regulieren. Der „einfachste Weg“ wurde
der falsche.
Kleindelikte, Einbrüche, Raub, Juwelierüberfälle – „die komplette
Palette“, wie er heute sagt. Und das auch noch schlecht
organisiert. Einmal stand er im falschen Gebäude, im falschen
Raum, während der Plan längst anders lautete. Verbrechen mit
Slapstick-Charakter – bis es nicht mehr lustig war.
Irgendwann redete jemand. In der Schweiz holte ihn die
Spezialeinheit. Einzelhaft. Big Brother – live, ohne Bezahlung.
„Es ist eine andere Welt“, sagt er. Eine Welt, in die er nie
wieder zurück will - für kein Geld dieser Welt.
Zehn Monate saß er – mit einem kurzen, bitteren Zwischenstopp
draußen, ausgelöst durch einen Verfahrensfehler. Freiheit auf
Zeit, nur um dann freiwillig zurückzugehen und die restlichen
vier Monate abzusitzen. Für ihn schlimmer als die erste
Inhaftierung.
Seine Kinder sah er nicht. Aus Scham. Einmal durfte er seinen
Sohn auf dem Parkplatz beobachten, während seine damalige Frau
mit ihm spielte. Mehr Nähe erlaubte er sich nicht. Und als er
zurückkam, war da plötzlich etwas, das vorher nie da war:
Verlustangst. „Papa, du kommst heute Abend wieder heim, oder?“ –
ein Satz, der tiefer schneidet als jede Gefängnistür.
Wieser schrieb darüber ein Buch: „Zweite Chance verpasst“. Keine
Heldenstory, sondern Aufarbeitung. Für ihn selbst. Zwei, drei
Exemplare liegen bis heute in seiner Wohnung. Mahnmale.
Koordinaten, damit er nie wieder die falsche Ausfahrt
nimmt.
99 Prozent der Reaktionen waren positiv. Aber es gab auch
Abwendung, Freundschaftsbrüche, Unverständnis – sogar aus der
eigenen Familie. Trotzdem: Das Buch war notwendig. Nicht als
Imagepolitur, sondern als seelischer Frühjahrsputz. Ein neues
Buch liegt bereits in der Schublade und muss nur noch
veröffentlicht werden.
20, 25 Bewerbungen. Ehrlich geschrieben: „Ich komme aus dem
Gefängnis, brauche eine zweite Chance.“ Die Antworten? Meist
keine. Der krumme Weg wäre leichter gewesen – alte Kontakte, alte
Muster. Doch Wieser brach radikal mit seiner Vergangenheit.
Heute ist er Familienmensch, Unternehmer, Autofanatiker mit Herz
und Speaker mit Haltung. Der gelernte KFZ-Mechaniker führt
Mastercars Lackzentrum im Aargau: Lackiererei, Spenglerei,
Verkauf und Vermietung – vom Polo bis zum Lamborghini, vom Smart
bis zum G63. Sein Lieblingsauto? Ausgerechnet der Smart. Wegen
des Wendekreises. Und weil Statussymbole für ihn längst ihren
Glanz verloren haben.
Als Mentaltrainer steht Wieser heute auf Bühnen, vor
Jugendlichen, mehreren Schulklassen oder einer ganzen Schule, vor
sogenannten „schwierigen Zielgruppen“. Er zieht die Hosen runter
– im übertragenen Sinn – und erzählt von Unterführungen, von
Nächten im Auto, von Momenten, in denen selbst das Auto weg war.
Perspektivenwechsel statt Phrasen.
Seine Botschaft ist unbequem ehrlich:
Fehler darf man machen – aber manche lassen sich nicht mehr
reparieren. Respekt ist keine Floskel, sondern
Überlebensstrategie. Und Positivität bedeutet nicht, dass alles
rosarot ist – sondern dass man selbst an grauen Tagen das Beste
daraus macht.

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