#285 Globale Zukünfte 3: Chile
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vor 3 Monaten
In der Podcastreihe „Globale Zukünfte“ fragt Michael, ob es Orte
auf der Welt gibt, von denen aus sich die großen Krisen unserer
Zeit – Klima, Politik, Gesellschaft – neu denken lassen. Fünf
Länder auf fünf Kontinenten sollen dafür den Blick weiten. Nach
Neuseeland und Estland führt die dritte Etappe der Reise an das
sprichwörtliche Ende der Welt: nach Chile.
Ein Land, das in seiner Länge von Finnland bis Spanien reichen
könnte, doch im Durchschnitt nur 120 Kilometer breit ist – und
ebenso schmal scheint manchmal der Grat zwischen Hoffnung und
Ernüchterung. Gesprächspartnerin Gitte Cullmann, Leiterin der
Heinrich-Böll-Stiftung in Santiago de Chile, beschreibt ein Land
voller Gegensätze: stabil und unruhig zugleich, von ungeheurer
Energie und tiefen Widersprüchen durchzogen.
Chile ist ein Land im Dauerzustand der Transformation. Nach den
gewaltigen Protesten von 2019, den sogenannten Estallido
Social, träumte die Gesellschaft von einem neuen
Gesellschaftsvertrag. Zwei Anläufe für eine neue Verfassung –
einer progressiv, einer konservativ – scheiterten. Der Wille zur
Veränderung ist groß, die Angst davor ebenso. Zwischen
neoliberaler Tradition und sozialer Erneuerung tastet sich das
Land an ein neues Gleichgewicht heran.
Hinter der Fassade wirtschaftlicher Stärke verbirgt sich eine der
größten sozialen Ungleichheiten im OECD-Raum. Renten, Bildung,
Gesundheit – alles ist privatisiert. Wer es sich nicht leisten
kann, fällt durchs Raster. Das Chile der Chicago Boys war einst
das Labor des Neoliberalismus. Heute kämpft es mit dessen
Spätfolgen: hoher Verschuldung, schwindender Chancengleichheit
und einer tiefen gesellschaftlichen Unzufriedenheit.
Gleichzeitig ist Chile eines der rohstoffreichsten Länder der
Welt – und könnte damit eine Schlüsselrolle in der globalen
Energiewende spielen. Kupfer, Lithium, grüner Wasserstoff: kaum
ein Land ist besser aufgestellt, um die Dekarbonisierung
voranzutreiben. Doch noch wird zu wenig Wertschöpfung im eigenen
Land gehalten. Gitte spricht von einem „Gefühl der ökologischen
Kolonie“ – Europa profitiert von den Ressourcen, Chile trägt die
ökologischen Kosten. Der Anspruch auf Partnerschaft „auf
Augenhöhe“ bleibt oft ein Lippenbekenntnis.
Auch die Klimakrise trifft das Land härter als viele andere.
Dürren, Waldbrände, Wassermangel – Chile ist eines der
verwundbarsten Länder der Erde. Doch die politische
Aufmerksamkeit liegt anderswo. „Klimapolitik spielt im Wahlkampf
keine Rolle“, sagt Gitte. Und doch zeigt sich in der
Anpassungsfähigkeit der Chilenen eine Form der Resilienz, die
Hoffnung macht. Katastrophen gehören zum Alltag – Erdbeben,
Überschwemmungen, Brände. Die Menschen leben mit der Natur, nicht
gegen sie. Diese Haltung teilt die indigene Bevölkerung schon
seit Jahrhunderten.
Indigene und nicht-indigene Perspektiven prallen aufeinander:
hier der extraktivistische Blick des globalen Marktes, dort die
Vorstellung von Pachamama, der Erde als Teil des eigenen
Lebens. Diese unvereinbaren Weltbilder prägen die
gesellschaftliche Debatte – und zeigen, dass Zukunft in Chile
mehr ist als technologische Modernisierung. Sie ist ein
kulturelles Aushandeln darüber, was Fortschritt bedeutet.
Chile könnte ein Zukunftslabor werden – wenn es gelingt,
gesellschaftliche Kreativität, ökologische Verantwortung und
internationale Kooperation zu verbinden. Schon heute stammt über
zwei Drittel der Energie aus erneuerbaren Quellen, Kohle ist fast
Geschichte. Doch der Weg bleibt lang. Zukunft entsteht hier nicht
aus Reichtum, sondern aus Bewegung.
Chile ist dynamisch und divers – in seinen Landschaften, in
seinen Ideen, in seinen Konflikten. Wer sich von Widersprüchen
nicht abschrecken lässt, sondern von ihnen anregen lässt, wer
Wandel nicht fürchtet, sondern sucht, findet hier vielleicht den
spannendsten Zukunftsort der Welt: am Ende der Welt, wo die
Zukunft schon begonnen hat.
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