Guten Morgen, Generalmusikdirektoren!

Guten Morgen, Generalmusikdirektoren!

Axel Brüggemann im Gespräch mit Eckehard Stier und Marcus Bosch
17 Minuten

Beschreibung

vor 10 Monaten
Die Generalmusikdirektoren (GMD) in Deutschland fühlen sich in
ihrer beruflichen Position zunehmend unter Druck. Bei ihrer
Konferenz in Berlin äußerten die Dirigenten Eckehard Stier und
Marcus Bosch Kritik an den aktuellen Machtverhältnissen und
Vertragsbedingungen an einigen Stadttheatern. Sie sehen den
Berufsstand in einer »großen Transformation«. Ein zentraler
Kritikpunkt ist laut den GMD die zunehmende Praxis,
Generalmusikdirektoren mit einem Vertrag nach dem Normalvertrag
(NV) Bühne zu verpflichten. Die Konferenz der
Generalmusikdirektorinnen und Generalmusikdirektoren hat am 1. Mai
beschlossen, dass diese Praxis keineswegs der tatsächlichen
Tätigkeit der GMDs entspricht. Eckehard Stier bezeichnete den NV
Bühne für GMDs als einen »Knebelvertrag«, in dem im Endeffekt gar
nichts über die Verantwortung des GMDs stehe. Dieser Vertrag bilde
weder den Arbeitsumfang ab noch die notwendige Möglichkeit, den
Dienstherrn adäquat zu vertreten, und symbolisiere keine
Theaterleitung auf Augenhöhe. Die GMD fühlen sich nach den Worten
von Marcus Bosch oft in einer »Sandwich-Position« wieder. Das
tatsächliche Gefühl der allermeisten Kollegen sei eher ein Gefühl
der »Ohmacht nach zwei Seiten«: Einerseits abhängig vom Orchester
zu sein, bei Veränderungsvorschlägen aber schnell auf Ablehnung zu
stoßen, andererseits Ängste gegenüber der Intendanz zu haben. Es
gebe eine Verschiebung hin zu Machtverhältnissen, die nicht immer
die tatsächliche Kompetenz berücksichtige, so Eckehard Stier. Man
merke, dass der musikalische Einfluss zurückgedrängt werde, unter
anderem durch die Vertragsform an der Spitze. Marcus Bosch
beschrieb das Gefühl einer Kollegen, nur noch »dirigierender
Dienstleister« zu sein. Früher hätten GMDs ein gewichtiges Wort bei
Entscheidungen mitzureden gehabt, überall stehe heute das
Letztentscheidungsrecht des Intendanten vor. Beispiele für
exzessive Streitereien, etwa in Kassel oder Bremerhaven, zeigten,
wie sich das Team oft zerfalle. Als möglichen Ansatz zur
Verbesserung sehen Stier und Bosch die Erkenntnis in den Spitzen
der Theater, Aufsichtsräten und der Politik, dass der derzeitige
Theaterbetrieb an vielen Stellen nicht gut funktionieren könne. Es
gehe nicht darum, die Orchesterordnung in Deutschland grundsätzlich
zu ändern, was Gefahren für die 9.000 Orchestermusikerinnen und
Musiker berge. Vielmehr müsse die Struktur der Leitung eines Hauses
und die wirkliche Ausnutzung gegenseitiger Kompetenzen betrachtet
werden. Marcus Bosch betonte, man müsse an den Ecken anfangen, wo
man selber etwas ändern könne. Wichtig sei, dass Städte überlegen,
was sie für ein Theater wollen und dann »Teams bauen und nicht
Leute zusammenspannen«. Es gehe um eine Sensibilisierung. »Wir
müssen sensibler miteinander umgehen und wir müssen gemeinsam an
einem Strang ziehen«, fasste Bosch die Hoffnung zusammen. Eckart
Stier ergänzte, dies sei der Idealfall und wäre gut. Die Debatte
über die Rolle der Musik und der Orchester in den Stadttheatern und
die Bedeutung, die ihren Leitern innerhalb der Strukturen gegeben
werden soll, sei noch offen und werde weiter ausdebattiert.

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