Beschreibung

vor 9 Monaten

Es gibt Worte, die einem plötzlich an ganz verschiedenen Stellen
begegnen. Mir geht es gerade mit dem Wort „wertungsfrei“ so.


Zuerst wahrgenommen habe ich das Wort wertungsfrei als ein
Prinzip der Achtsamkeit.  Je nach Autor wird dort auch vom
Prinzip nicht zu urteilen, nicht werten oder auch Wertneutralität
gesprochen. Wir sind sehr stark damit beschäftigt alles was wir
denken, wie wir handeln oder was wir von anderen wahrnehmen
einzuordnen und damit auch zu beurteilen. Bei der Achtsamkeit
geht es darum, diesen Bewertungskreislauf zu unterbrechen.


Als Beispiel: Ich kann auf die Uhr sehen und feststellen, es ist
jetzt 10:00 Uhr – das ist wertungsfrei. Oder fällt mir sofort
ein, was ich eigentlich bis 10 Uhr erledigen wollte und dass ich
also zu langsam bin?


Auch das Verhalten oder Aussagen von anderen Personen soll
wertungsfrei wahrgenommen werden. Nicht wertungsfrei ist es, wenn
ich mir Gedanken mache, ob mich der andere gerade schief anschaut
oder wie er diesen Satz wohl gemeint hat.


Ergänzt wird die wertungsfreie Wahrnehmung bei der
Achtsamkeitslehre unter anderem von der liebevollen oder
wohlwollenden Wahrnehmung.


Sich selbst und andere wertungsfrei anzunehmen erleichtert
zunächst einmal meinen Denkprozess. Ich muss nicht einordnen,
bewerten, beurteilen und darauf basierend Zukunftsszenarios
aufbauen. Den Gegensatz dazu habe ich auf einem Kalenderblatt
gelesen: ich könnte mich schon wieder über Dinge aufregen, die
noch gar nicht passiert sind.


Wir leben in einer Zeit, in der alles öffentlich bewertet wird,
Restaurants, Friseure, Ärzte, Urlaub, Feste, Menschen. Die
Bewertungen sind nicht wohlwollend liebevoll,
sondern höchst kritisch und werden häufig auch als Retourkutsche
verwendet, wenn irgendetwas nicht so gelaufen ist, wie ich mir
das vorgestellt hatte.


Wie entspannend ist es, wenn ich mich einem Menschen gegenüber
finde, der mir wertungsfrei begegnet. Es nimmt mir die Anspannung
genügen zu müssen. Niemand fühlt sich wohl dabei, bewertet zu
werden.


Jesus ist so mit Menschen umgegangen. Ohne Beurteilung, ohne
Einordnung, ohne Kategorisierung. Und seine Art der liebevollen,
wertungsfreien Annahme bildet die Basis, dass in diesen Menschen
ein Verwandlungsprozess starten kann. Wenn Jesus eine Einordnung
vornimmt, dann nur die einer Handlung, nicht einer Person und das
auch erst dann, wenn er eine persönliche Beziehung geknüpft hat.


Das will ich mir zum Vorbild nehmen im Umgang mit anderen und
auch im Umgang mit Bewertungen.


Eine gute Woche wünscht Christine Sommer

Kommentare (0)

Lade Inhalte...

Abonnenten

15
15