Beschreibung

vor 2 Jahren

In unserem Bezirk finden zurzeit Kurse zu „Ein Platz an der
Sonne“ statt. In der ersten Einheit geht es um Zachäus, der in
einen Baum gestiegen ist, um Jesus zu sehen. (Lukas 19,1 ff)


Eine eher beiläufige Frage im Kurs ist „Wie sehen denn unsere
Bäume aus?“


Die Frage beschäftigt mich, weil ich sie nicht so leicht
beantworten kann. Der Baum bietet Zachäus die Möglichkeit Jesus
zu sehen, aber er ist auch ein Versteck. Der Baum gibt Zachäus
scheinbare Größe, sorgt aber auch für Abstand zu den Anderen -
auch zum eigentlichen Sehnsuchtspunkt Jesus.


Wo also gibt es heute Beispiele, in denen man sehen will, aber
nicht gesehen werden will?


Hier fallen mir die neuen Medien ein. Aus dem sicheren Versteck
meiner Internet-Identität kann ich Kommentare abgeben, bewerten,
benoten, schlechtmachen ohne dass ich mich den anderen stellen
muss und ohne das Risiko, dass jemand den gleichen Maßstab bei
mir anlegen könnte.


Auch Fernsehgottesdienste erscheinen mir wie solche Bäume, wenn
ich sie dem Präsenzgottesdienst vorziehe, um bestimmten Menschen
nicht zu begegnen oder weil man leicht umschalten kann, wenn
Bestandteile kommen, die einem nicht passen.


In letzter Zeit ist mir der Begriff Zuschauergesellschaft
mehrfach aufgefallen. Wir sehen zu, wir bewerten, wir wollen
informiert und unterhalten werden ohne Entscheidungen zu treffen,
für die ich einstehen muss. Wir setzen uns in den Baum.


Und was passiert nun, als Jesus an dem Baum vorbeikommt, auf dem
Zachäus in seiner Zuschauerrolle sitzt? Er fordert ihn auf,
herunterzusteigen, weil er in seinem Hause einkehren muss. Also
raus aus der Zuschauerrolle, raus aus dem Versteck.


Und dafür bekommt er eine echte Begegnung mit Jesus, nicht nur
ein aus dem Versteck gedrehtes Video eines vorbeiziehenden Rabbi.


Er nimmt Jesus auf und das bewirkt in ihm eine Veränderung. Er
bereut seinen bisherigen Umgang mit seinen Mitmenschen und will
ihnen nun Gutes tun. Heute würden wir vielleicht sagen, er will
sich in die Gesellschaft integrieren und Jesus fordert auch die
Gemeinschaft auf, Zachäus aufzunehmen.


Zuschauer zu sein ist zunächst ein einfacher Weg. Der Nachteil
ist, dass man in der Masse untergeht, eigentlich keine Rolle
spielt, nicht persönlich vorkommt. Wenn ich nichts an mich
heranlasse, kann mich auch nichts berühren.


Manchmal beklagen sich Menschen bei mir, dass sie nicht gesehen
werden. Könnte das auch daran liegen, dass derjenige versteckt in
seinem Baum sitzt und anders als Zachäus nicht bereit ist,
jemanden zu sich einzulassen?


Es wäre doch schöner, wenn wir zum Ernten in die Bäume steigen
und nicht zum Zuschauen.

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