Von den Kleinsten lernen

Von den Kleinsten lernen

3 Minuten

Beschreibung

vor 2 Jahren

Unser jüngster, neunmonatiger Enkel bevorzugt drei Zeichen. Damit
kommuniziert er hervorragend: Mit dem ausgetreckten Zeigefinger.
Mit dem ausgestreckten rechten Arm und der offenen Handfläche,
die er nach oben gedreht hat. Und immer wieder mit dem Klatschen
in seine beiden Hände und einem strahlenden Gesicht.


Den Zeigefinger nach vorne gestreckt. Das heißt: Da will ich hin.
Wenn seine Mama da ist, bevorzugt zu ihr. Zu meiner Mama will
ich. Der nach vorne gestreckte Zeigefinger heißt aber auch: Das
will ich haben oder essen. Oder: Da sollst du mit mir hingehen.
Zu einem Blatt, das vom Wind bewegt wird. Oder zu einem Baustein
am Boden. Mich fasziniert das. Der kleine Junge äußert mit einem
ausgestreckten Zeigefinger und einem entschlossenen Gesicht, was
er will und wofür er uns braucht.
Mich erinnert dieser ausgestreckte Finger an den ausgestreckten,
überlangen Finger vom Täufer Johannes. Der weist auf dem
beeindruckenden Kreuzigungsbild von Matthias Grünewald auf den
gekreuzigte Jesus. Die Botschaft des Johannes auf dieser Tafel
des Isenheimer Altars spricht zu mir: Da musst du hin. In diesem
gekreuzigten und auferstandenen Jesus findest du Gott und dein
Heil.


Wenn unser kleiner Enkel seinen rechten Arm ausstreckt und seine
offene Hand nach oben wendet, sehe ich eine große Bereitschaft
etwas zu empfangen oder sogar eine Haltung des Staunens.
Das wünsche ich mir, dass ich immer wieder mit leeren, offenen
Händen empfangsbereit bin für das Schöne, das nicht selbst
Gemachte, für das Wunder des Lebens. Offene Hände nach oben
gedreht ist für mich auch eine Weise des Betens. Mir fällt ein
schlichtes Gebet aus meiner Kindheit ein: „Komm, Herr Jesus, sei
du unser Gast und segne, was du uns bescheret hast.“


Klatschen in die Hände ist reine Begeisterung. Das Gesicht
unseres jüngsten Enkels strahlt dann. Freude pur. Das hat etwas
Ansteckendes. Da kann ich gar nicht anders als Mitklatschen und
mich am Leben freuen. Zugegeben, manchmal klatsche ich ganz
bewusst bei dem kleinen Jungen. Dann stecke ich ihn an und er
klatscht auch. Klatschen ist applaudieren. Ein Zeichen der
Anerkennung. Nach einer Rede oder der Aufführung eines
Musikstücks. Da erkenne ich die Leistung anderer an. Warum nicht
auch Gott applaudieren für das Wunder des Lebens eines kleinen
Kindes.


Von einem neunmonatigen Kind lernen. Der ausgesteckte
Zeigefinger. Die nach oben geöffnete Hand. Begeistert klatschen.
Erwachsenen zur Nachahmung empfohlen.


Schalom und liebe Grüße Hans-Martin Steffe,
Linkenheim-Hochstetten

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