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Serienmord & Wahnsinn Archiv

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Der Moment, in dem London verstand 

Am Abend des 30. April 1999 war der Admiral Duncan in der Old Compton Street in Soho voll. Menschen standen zusammen, tranken, unterhielten sich. Für Andrea Dykes, ihren Ehemann Julian und ihre Freunde John Light und Nik Moore sollte es ein Abend in London werden, bevor sie weiter ins Theater gingen. Andrea Dykes war 27 Jahre alt und schwanger. 

Dann explodierte eine Bombe. 

Die Druckwelle riss durch das Lokal. Nägel, die in der Bombe als Splitterwirkung dienen sollten, wurden mit großer Wucht in den Raum geschleudert. Andrea Dykes, John Light und Nik Moore starben. Julian Dykes wurde schwer verletzt. Dutzende weitere Menschen erlitten Verbrennungen, Verletzungen durch Nägel und Splitter oder mussten später mit den Folgen des Anschlags leben. Insgesamt wurden bei den drei Bombenanschlägen 139 Menschen verletzt. 

Für London war es der dritte Anschlag innerhalb von nur 13 Tagen. Erst Brixton, dann Brick Lane, schließlich Soho. Die Orte waren nicht zufällig gewählt worden. Die Anschläge richteten sich gegen schwarze, asiatische und homosexuelle Menschen. 

Der Mann, der diese Bomben gelegt hatte, hieß David Copeland. 

Ein unauffälliger junger Mann 

Copeland wurde am 15. Mai 1976 in Isleworth im Westen Londons geboren. Er wuchs in einer Arbeiterfamilie auf. Sein Vater arbeitete als Lokführer, seine Mutter war Hausfrau. Die Familie lebte später in Yateley in Hampshire, wo Copeland die örtliche Gesamtschule besuchte. 

Als Schüler galt er nach späteren Aussagen als eher zurückhaltend. Er war nicht als besonders gewalttätig bekannt. Er bestand sieben GCSE-Prüfungen und verließ die Schule mit 16 Jahren. Danach folgten verschiedene Arbeitsstellen, Alkohol und Drogen spielten in seinem Leben eine Rolle. Schließlich arbeitete er als technischer Helfer im Umfeld der Londoner U-Bahn. 

Nach außen wirkte seine Entwicklung lange weniger spektakulär, als sie sich später darstellen sollte. Doch in den Jahren vor den Anschlägen veränderte sich Copeland zunehmend. 

Psychiater berichteten später von einer zunehmenden Isolation. Copeland entwickelte eine Faszination für Nationalsozialismus, Gewalt und rassistische Ideologien. 1997 trat er der British National Party bei. Im folgenden Jahr schloss er sich dem National Socialist Movement an, einer neonazistischen Organisation. 

Seine politische Radikalisierung fiel mit persönlichen Problemen zusammen. 1998 suchte er einen Arzt auf und sagte, er habe das Gefühl, den Verstand zu verlieren. Er erhielt Antidepressiva. 

Später sollte genau diese Frage den Mittelpunkt eines langen juristischen Streits bilden: War David Copeland ein ideologisch motivierter Mörder, der wusste, was er tat? Oder war er durch eine schwere psychische Erkrankung in seiner Schuldfähigkeit wesentlich eingeschränkt? 

Der Hass bekam ein Ziel 

Copelands Weltbild war von rassistischen und neonazistischen Vorstellungen geprägt. Im Prozess wurden Aussagen über seine Fantasien und seine Besessenheit von Adolf Hitler und der SS bekannt. 

Psychiatrische Gutachter berichteten, Copeland habe bereits als Jugendlicher Gewaltfantasien entwickelt. Er habe davon gesprochen, SS-Kommandeur zu sein und Macht über andere Menschen zu besitzen. Diese Aussagen stammten aus seinen späteren psychiatrischen Untersuchungen und wurden während des Prozesses ausführlich diskutiert. 

Seine politische Radikalisierung blieb nicht auf Worte beschränkt. 

Im April 1999 begann Copeland mit der Umsetzung seiner Pläne. 

Brixton 

Am 17. April 1999 fuhr Copeland nach Brixton im Süden Londons. In einer Gegend, die stark von der schwarzen Bevölkerung geprägt war, stellte er eine selbstgebaute Bombe ab. 

Das Gerät befand sich in einer Sporttasche. Die Bombe war mit Nägeln versehen, um die Zahl und Schwere der Verletzungen zu erhöhen. 

Menschen bemerkten die Tasche und alarmierten die Polizei. Als die Beamten eintrafen, explodierte der Sprengsatz. 

Rund 50 Menschen wurden verletzt. Es gab keinen Toten. 

Für die Ermittler war zunächst unklar, wer hinter dem Anschlag stand. Die Wahl des Zielortes deutete jedoch auf ein rassistisches Motiv hin. Kurz darauf bekannten sich rechtsextreme Gruppen telefonisch zu dem Anschlag. Die Polizei untersuchte deshalb zunächst auch mögliche Verbindungen zu organisierten extremistischen Netzwerken. 

Doch der Täter war kein Mitglied eines solchen Netzwerks, das die Anschläge gemeinsam geplant hatte. 

Er arbeitete allein. 

Die Spur auf den Bildern 

Nach dem Anschlag begannen die Ermittler, Videoaufnahmen aus Brixton auszuwerten. Die Polizei suchte nach einer Person, die mit dem später gefundenen Ablauf des Anschlags in Verbindung gebracht werden konnte. 

Die Auswertung der Überwachungskameras führte schließlich zu einem Mann. 

David Copeland. 

Am 29. April 1999 wurden Bilder des Verdächtigen veröffentlicht. Damit änderte sich die Lage dramatisch. 

Copeland wusste nun, dass die Polizei ihm auf der Spur war. 

Und trotzdem machte er weiter. 

Brick Lane 

Am 24. April hatte Copeland bereits den zweiten Anschlag vorbereitet. 

Diesmal wählte er Brick Lane im Londoner East End, ein Gebiet mit einer großen bangladeschischstämmigen Bevölkerung. Die Bombe wurde in Hanbury Street zurückgelassen. 

Auch dieses Mal bemerkte ein Passant die Tasche und alarmierte die Polizei. Der Sprengsatz explodierte dennoch. 

Dreizehn Menschen wurden verletzt. 

Wieder hatte Copeland ein Gebiet gewählt, das für eine ethnische Gemeinschaft Londons stand. Die Anschläge ergaben nun ein Muster: schwarze Menschen in Brixton, die südasiatische Gemeinschaft im East End und schließlich homosexuelle Menschen in Soho. 

Die Polizei begann, von einem gezielten rassistischen und homophoben Bombenfeldzug auszugehen. 

Der dritte Anschlag 

Die Veröffentlichung der Bilder setzte Copeland unter Druck. 

Später wurde bekannt, dass er den dritten Anschlag deshalb vorgezogen hatte. Statt noch länger zu warten, entschied er sich für Freitag, den 30. April. 

Sein Ziel war der Admiral Duncan in Soho. 

Der Pub lag im Herzen der Londoner Schwulenszene. Für Copeland war das Lokal damit nicht einfach ein beliebiger Ort. Es passte in das Feindbild, das sich aus seiner Ideologie entwickelt hatte. 

Am Abend betrat er das Lokal und stellte die Bombe ab. 

Andrea Dykes, ihr Ehemann Julian sowie John Light und Nik Moore waren zu diesem Zeitpunkt dort. Sie waren gemeinsam unterwegs und wollten später ins Theater. 

Die Bombe explodierte. 

Dykes, Light und Moore starben. Dykes war im vierten Monat schwanger. Ihr ungeborenes Kind starb ebenfalls. 

Die Zahl der Verletzten war enorm. Viele Menschen wurden durch die Nägel getroffen, andere erlitten schwere Verbrennungen. Einige Verletzte verloren Gliedmaßen. 

Der Anschlag auf den Admiral Duncan war der schwerste der drei Angriffe. 

Und zugleich wurde er zum Wendepunkt der Ermittlungen. 

Der entscheidende Hinweis 

Etwa 80 Minuten vor der Explosion hatte sich ein Mann bei der Polizei gemeldet: Paul Mifsud, ein Arbeitskollege Copelands. 

Mifsud hatte die veröffentlichten Bilder gesehen und glaubte, den Mann zu erkennen. 

Er informierte die Polizei. 

Die Ermittler hatten nun nicht mehr nur Überwachungsbilder, sondern einen konkreten Namen und eine Verbindung zu einer Person aus dem Umfeld des Verdächtigen. 

In der Nacht wurde Copelands Wohnort in Cove in Hampshire zum Ziel der Polizei. 

In den frühen Morgenstunden des 1. Mai 1999 wurde er festgenommen. 

Die Ermittler gingen davon aus, dass er allein gehandelt hatte. Bei der Durchsuchung fanden sie unter anderem Materialien, die mit seiner rechtsextremen Gesinnung und den Anschlägen in Verbindung standen. Copeland legte schließlich ein Geständnis ab und gab zu, die drei Bombenanschläge verübt zu haben. 

Damit endete die dreizehntägige Serie. 

Doch die Frage nach dem Warum begann erst jetzt. 

Der Mann hinter den Bomben 

Die Ermittlungen zeichneten ein Bild von einem jungen Mann, dessen Leben sich in den Jahren vor den Anschlägen zunehmend verengt hatte. 

Copeland hatte sich politisch radikalisiert. Er war Mitglied rechtsextremer Organisationen geworden und hatte sich mit nationalsozialistischer Ideologie beschäftigt. Gleichzeitig hatten sich psychische Probleme entwickelt. 

Mehrere Psychiater untersuchten ihn nach seiner Festnahme. 

Fünf Gutachter kamen zu dem Schluss, dass Copeland an paranoider Schizophrenie litt. Ein weiterer Psychiater diagnostizierte dagegen eine Persönlichkeitsstörung, die seiner Einschätzung nach nicht schwer genug war, um eine verminderte Schuldfähigkeit zu begründen. 

Damit war der Fall juristisch kompliziert. 

Denn dass Copeland psychisch krank war, wurde nicht grundsätzlich bestritten. Entscheidend war vielmehr die Frage, wie schwer seine Erkrankung zum Zeitpunkt der Anschläge gewesen war und ob sie seine Fähigkeit, zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden beziehungsweise die Folgen seines Handelns zu verstehen, erheblich beeinträchtigt hatte. 

Der Prozess am Old Bailey 

Der Prozess gegen Copeland begann vor dem Old Bailey in London. 

Copeland räumte ein, die drei Explosionen verursacht zu haben. Er bestritt jedoch, für Mord verantwortlich zu sein. Seine Verteidigung argumentierte mit verminderter Schuldfähigkeit und wollte erreichen, dass er wegen Totschlags statt wegen Mordes verurteilt wurde. 

Die Staatsanwaltschaft widersprach. 

Sie stellte Copelands politische Überzeugungen und seine Planung der Anschläge in den Mittelpunkt. Die Bomben waren nicht spontan entstanden. Er hatte Ziele ausgesucht, Geräte hergestellt, sie transportiert und an öffentlichen Orten platziert. 

Die Staatsanwaltschaft argumentierte, dass seine psychische Erkrankung nicht ausreichte, um ihn von der Verantwortung für die Morde zu entbinden. 

Auch Copelands eigene Äußerungen spielten eine Rolle. 

Während seiner Untersuchungshaft hatte er Kontakt zu dem Kriminalautor Bernard O’Mahoney aufgenommen, der sich gegenüber Copeland unter einer erfundenen Identität als Frau ausgab. In Briefen äußerte sich Copeland über die Anschläge und seine psychische Verfassung. Die Schreiben wurden später für die Anklage wichtig, weil sie Hinweise auf seinen damaligen Geisteszustand und seine Haltung zu den Taten lieferten. 

Die Verteidigung stand damit vor einem erheblichen Problem. 

Drei Menschenleben 

Im Prozess wurde auch das Leid der Überlebenden sichtbar. 

Julian Dykes überlebte die Explosion schwer verletzt. Seine Frau Andrea war tot. Ebenso seine Freunde John Light und Nik Moore. 

Für die Angehörigen war der Anschlag nicht nur ein abstrakter Terrorakt. Er hatte Familien auseinandergerissen und Zukunftspläne ausgelöscht. 

Andrea Dykes war schwanger gewesen. Ihr Mann verlor damit nicht nur seine Ehefrau, sondern auch sein ungeborenes Kind. 

Die Opfer standen dabei für etwas, das Copeland treffen wollte: Menschen, die er aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer von ihm verachteten Gruppe als Feinde betrachtete. 

Das Urteil 

Am 30. Juni 2000 verkündete die Jury am Old Bailey ihr Urteil. 

David Copeland wurde wegen dreifachen Mordes schuldig gesprochen. 

Die Jury akzeptierte seine Argumentation der verminderten Schuldfähigkeit nicht. 

Copeland erhielt sechs lebenslange Freiheitsstrafen: drei wegen der Morde und drei wegen der Bombenanschläge. 

Im Gerichtssaal blieb er weitgehend regungslos. 

Der Richter bezeichnete die Taten als von fanatischem Hass und Verachtung gegenüber anderen Menschen geprägt. Die Entscheidung bedeutete, dass Copeland für seine Anschläge und die drei Todesopfer strafrechtlich als voll verantwortlich behandelt wurde. 

Er wurde anschließend in das Hochsicherheitskrankenhaus Broadmoor eingewiesen. 

Die Frage nach der Haftdauer 

Mit dem Urteil war der Fall juristisch jedoch noch nicht vollständig abgeschlossen. 

Copeland war zunächst zu einer Mindesthaftzeit von 30 Jahren verurteilt worden. 2007 überprüfte der High Court den Fall erneut und erhöhte die Mindesthaftzeit auf 50 Jahre. 

Damit war eine Entlassung frühestens 2049 möglich, wenn Copeland 73 Jahre alt wäre. Der Richter bezeichnete den Fall als außergewöhnlich schwerwiegend und die Anschläge als eine Reihe gezielter Morde. 

Copeland legte gegen diese Entscheidung Berufung ein. 

2011 bestätigte das Court of Appeal die Mindesthaftzeit von 50 Jahren. 

Ein Anschlag, der London veränderte 

Die Bomben von 1999 trafen nicht nur einzelne Menschen. Sie richteten sich gegen das Prinzip einer vielfältigen Stadt. 

Brixton, Brick Lane und Soho standen für unterschiedliche Gemeinschaften Londons. Copelands Ziel war es, Angst zu erzeugen und gesellschaftliche Gruppen gegeneinander aufzubringen. Seine Taten wurden deshalb als Versuch eingeordnet, rassistische und homophobe Spannungen zu verschärfen. 

Doch die Reaktion Londons entwickelte sich anders. 

Nach dem Anschlag auf den Admiral Duncan wurden Blumen und Nachrichten vor dem Pub niedergelegt. Wenige Tage später wurden sie in einer Prozession nach Soho Square gebracht, wo ein provisorischer Erinnerungsort entstand. Eine Gedenkveranstaltung in Soho wurde von Hunderten Menschen besucht. 

Der Anschlag führte außerdem zu einer intensiveren Zusammenarbeit zwischen Polizei und der schwulen Community. Gerade der Umgang der Polizei mit den Opfern und Zeugen nach der Explosion wurde später als wichtiger Moment in den Beziehungen zwischen Polizei und Londons LGBTQ-Community beschrieben. 

Ausgerechnet dort, wo Copeland eine Gesellschaft spalten wollte, entstand ein sichtbares Zeichen des Zusammenhalts. 

Die Erinnerung 

Der Name David Copeland wurde zum Synonym für die Londoner Nail-Bomb-Anschläge von 1999. Doch hinter diesem Namen standen drei Menschen, deren Leben nicht auf einen Täter reduziert werden konnte. 

Andrea Dykes war 27 Jahre alt. Sie war mit ihrem Mann und Freunden unterwegs und erwartete ihr erstes Kind. 

John Light war ihr Freund und sollte Pate des ungeborenen Kindes werden. 

Nik Moore gehörte ebenfalls zu der Gruppe, die an diesem Abend gemeinsam unterwegs war. 

Sie waren keine abstrakten Opfer eines politischen Konflikts. Sie waren Menschen, die an einem Freitagabend einen Pub besuchten. 

Der Anschlag machte sie zu Opfern eines Mannes, der glaubte, mit Gewalt eine Gesellschaft nach seinen rassistischen und homophoben Vorstellungen verändern zu können. 

Was von den Bomben blieb 

Die Geschichte von David Copeland ist deshalb nicht nur die Geschichte eines einzelnen Rechtsextremisten. Sie zeigt auch, wie sich persönliche Isolation, psychische Probleme, politische Radikalisierung und eine zunehmend menschenfeindliche Ideologie miteinander verbinden konnten. 

Doch nichts davon erklärt oder entschuldigt die Morde. 

Copeland hatte seine Ziele ausgewählt. Er hatte seine Bomben vorbereitet. Er hatte sie an Orten platziert, an denen Menschen zusammenkamen. Und über einen Zeitraum von 13 Tagen setzte er seinen Plan fort, obwohl der erste Anschlag bereits zahlreiche Menschen verletzt hatte und die Polizei nach ihm suchte. 

Am Ende starben drei Menschen. 

139 weitere wurden verletzt. 

Und eine Stadt, die der Täter durch Angst und Hass auseinanderreißen wollte, reagierte mit Trauer, Solidarität und Erinnerung. 

Der Admiral Duncan blieb geöffnet. Die Gemeinschaft, die Copeland treffen wollte, blieb bestehen. 

Die Bomben waren verstummt. 

Der Versuch, London durch Hass zu spalten, war gescheitert. 

David Copeland blieb im Gefängnis. 

Und die Namen Andrea Dykes, John Light und Nik Moore blieben mit dem Ort verbunden, an dem ihr Leben endete. 
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Ein sonniger Tag im Wald 

Am 1. März 1981 gingen Ellen Hansen und Steven Haertle im Henry Cowell Redwoods State Park bei Santa Cruz wandern. Dort trafen sie auf einen bewaffneten Mann. Er zwang die beiden, ihm zu folgen. Nach Haertles späterer Aussage kündigte der Mann einen sexuellen Übergriff auf Hansen an. Als sich die beiden widersetzten, schoss er auf sie. Hansen starb, Haertle überlebte schwer verletzt. Haertles Beschreibung des Angreifers wurde später zu einem wichtigen Bestandteil der Ermittlungen gegen David Carpenter. 

Dass Carpenter der Täter dieses Angriffs war, war keine bloße Vermutung: Haertle identifizierte ihn, und Carpenter wurde später wegen Hansens Mordes und des Angriffs auf Haertle verurteilt. 

Von diesem Punkt an musste jedoch zwischen gerichtlichen Feststellungen und späteren Erzählungen unterschieden werden. Denn um Carpenter entstand im Laufe der Jahre ein Bild, das teilweise aus Beweisen, teilweise aus Ermittlerhypothesen und teilweise aus medialen Deutungen bestand. 

Was über Carpenter bekannt war 

David Joseph Carpenter wurde am 6. Mai 1930 in San Francisco geboren. Fest steht, dass er bereits lange vor der Mordserie mit dem Strafrecht in Konflikt geraten war. 

1960 wurde er wegen eines schweren Angriffs auf eine Frau verurteilt. Später folgten weitere Verurteilungen, darunter wegen Sexualdelikten. Carpenter verbrachte deshalb erhebliche Teile seines Erwachsenenlebens im Gefängnis. 

Auch sein starkes Stottern war öffentlich bekannt. Über seine Kindheit und sein familiäres Umfeld existieren Berichte über Gewalt und schwierige Lebensumstände. 

Hier beginnt jedoch die Grenze zwischen belegbarer Biografie und psychologischer Interpretation. 

Es lässt sich nicht seriös behaupten, seine Kindheit habe ihn zum Mörder gemacht. Ebenso wenig lässt sich aus seiner Sprachstörung eine spätere Gewaltbereitschaft ableiten. Solche Zusammenhänge wurden in Darstellungen des Falls teilweise nahegelegt, sind aber keine gerichtliche Erklärung für seine späteren Taten. 

Belegt war vielmehr seine lange Vorgeschichte von Gewalt- und Sexualdelikten. 

Die Morde von Marin County 

Im Herbst 1980 wurden in Marin County mehrere Menschen getötet. Die Opfer waren Cynthia Moreland, Richard Stowers, Anne Alderson, Diane O’Connell und Shauna May. 

Die späteren Ermittlungen führten diese fünf Morde auf Carpenter zurück. 

Entscheidend ist die Formulierung: Carpenter wurde für diese fünf Morde verurteilt. Damit handelt es sich nicht lediglich um eine polizeiliche Theorie. 

Gleichzeitig bedeutet die Tatsache, dass mehrere Taten einem Täter zugeschrieben wurden, nicht, dass jedes Detail der jeweiligen Tat rekonstruiert werden konnte. Bei späteren Darstellungen der Mordserie wurden Motive, innere Beweggründe und genaue Abläufe teilweise mit größerer Sicherheit beschrieben, als die öffentlich bekannten Gerichtsunterlagen tatsächlich erlaubten. 

Der Begriff „Trailside Killer“ selbst war eine mediale Bezeichnung. Er beschrieb Carpenter als Täter, der seine Opfer an Wanderwegen und in Naturgebieten angegriffen hatte. Er war kein offizieller psychologischer oder juristischer Titel. 

Was die Ermittler zusammenführte 

Die Ermittler sahen Gemeinsamkeiten zwischen den Fällen. Die Tatorte lagen in abgelegenen Gebieten. Mehrere Opfer waren Frauen. Die Ermittlungen konzentrierten sich zunehmend auf die Möglichkeit, dass hinter den einzelnen Taten derselbe Täter stand. 

Der entscheidende Durchbruch kam nach dem Mord an Ellen Hansen. 

Steven Haertle hatte den Angriff überlebt und konnte den Täter beschreiben. Seine Aussagen ermöglichten es den Ermittlern, die Suche nach einem konkreten Verdächtigen zu richten. 

Später führten weitere Hinweise zu Carpenter. Er wurde am 15. Mai 1981 in San Francisco festgenommen. 

Dass die Ermittler Carpenter für die gesamte Mordserie verantwortlich machten, war zu diesem Zeitpunkt zunächst eine Hypothese. Erst die folgenden Strafverfahren mussten klären, welche einzelnen Taten ihm tatsächlich nachgewiesen werden konnten. 

Heather Scaggs 

Zu den beiden Fällen aus Santa Cruz County gehörte der Mord an Heather Scaggs. 

Scaggs war 20 Jahre alt. Sie verschwand im Mai 1981 und wurde später tot aufgefunden. 

Die Staatsanwaltschaft brachte Carpenter mit ihrem Tod in Verbindung. Auch dieser Fall endete schließlich mit einer Verurteilung. 

Damit ist der juristische Status wichtig: Der Mord an Scaggs gehörte nicht lediglich zu den Fällen, die Ermittler Carpenter zuschrieben. Carpenter wurde dafür vor Gericht schuldig gesprochen. 

Die Zahl sieben 

Carpenter wurde letztlich wegen sieben Morden verurteilt. 

Zwei davon betrafen Ellen Hansen und Heather Scaggs in Santa Cruz County. Die übrigen fünf waren die Morde an Cynthia Moreland, Richard Stowers, Anne Alderson, Diane O’Connell und Shauna May in Marin County. 

Diese sieben Fälle bilden den Kern dessen, was als Trailside-Mordserie bekannt wurde. 

Andere ungeklärte Morde oder Vermisstenfälle mit Carpenter in Verbindung zu bringen, wäre dagegen nicht ohne Weiteres zulässig. Im Laufe der Jahrzehnte entstanden Spekulationen darüber, ob er für weitere Taten verantwortlich gewesen sein könnte. Eine solche Möglichkeit ist nicht dasselbe wie eine bewiesene Täterschaft. 

Der erste Prozess 

1984 wurde Carpenter wegen der Morde an Ellen Hansen und Heather Scaggs verurteilt. 

Das Gericht verhängte die Todesstrafe. 

Die Verurteilung bedeutete nicht, dass alle später diskutierten Theorien über Carpenter damit bestätigt worden wären. Sie bezog sich auf die konkreten Anklagepunkte, die vor Gericht verhandelt worden waren. 

Besonders wichtig war die Aussage des Überlebenden Steven Haertle im Fall Hansen. Seine Wahrnehmung des Täters war unmittelbarer als spätere Rekonstruktionen, die auf Akten, Medienberichten oder Ermittlerannahmen beruhten. 

Der zweite Prozess 

Die fünf Morde in Marin County wurden in einem eigenen Verfahren behandelt. 

1988 wurde Carpenter wegen aller fünf Morde schuldig gesprochen. Zusätzlich wurde er wegen zweier Vergewaltigungen und eines versuchten sexuellen Übergriffs verurteilt. 

Auch in diesem Verfahren wurde die Todesstrafe verhängt. 

Damit lag eine außergewöhnliche Situation vor: Carpenter war nun aufgrund zweier getrennter Verfahren zweimal zum Tod verurteilt worden. 

Der Streit um die Jury 

Der zweite Prozess wurde später selbst zum Gegenstand eines juristischen Konflikts. 

Es ging um die Frage, ob eine Geschworene während des Verfahrens von Carpenters früherer Verurteilung wegen der beiden Santa-Cruz-Morde erfahren hatte. 

Das war rechtlich bedeutsam. Ein Geschworenengericht sollte über die ihm vorgelegten Anklagen entscheiden und nicht durch unzulässige Informationen über eine frühere Verurteilung beeinflusst werden. 

Der zuständige Richter hob die Verurteilung zunächst auf und ordnete einen neuen Prozess an. 

Das bedeutete nicht, dass der Richter Carpenter für unschuldig hielt. Im Gegenteil: Er erklärte, von dessen Schuld überzeugt zu sein. Die Aufhebung beruhte auf der Frage, ob das Verfahren den Anforderungen an ein faires Geschworenengericht genügt hatte. 

Später korrigierte der California Supreme Court diese Entscheidung. Die Verurteilung wegen der fünf Morde blieb bestehen. 

Was bleibt – und was nicht bewiesen ist 

Die gerichtliche Akte erlaubt eine klare Trennung. 

Bewiesen beziehungsweise rechtskräftig festgestellt ist, dass David Carpenter wegen sieben Morden verurteilt wurde. Bewiesen ist außerdem seine frühere kriminelle Vorgeschichte und die Tatsache, dass ein Überlebender des Hansen-Angriffs ihn als Täter identifizierte. 

Nicht auf dieselbe Weise bewiesen sind Aussagen darüber, was Carpenter „wirklich dachte“, welches psychologische Motiv hinter jedem einzelnen Mord stand oder ob seine schwierige Kindheit ursächlich für seine spätere Gewalt war. 

Auch die Vorstellung, Carpenter habe seine Opfer systematisch über Jahre hinweg „gejagt“, ist eher eine erzählerische Verdichtung als eine präzise juristische Feststellung. Der Begriff passt zum öffentlichen Bild des Falls, sollte aber nicht mit einem nachgewiesenen inneren Tatplan verwechselt werden. 

Dasselbe gilt für mögliche weitere Opfer. 

Bei einem Serienmörder entsteht schnell die Versuchung, ungeklärte Fälle mit einem bereits verurteilten Täter zu verbinden. Doch ein ungeklärter Mord bleibt ein ungeklärter Mord, solange die Beweislage keine belastbare Verbindung herstellt. 

Die Angst vor dem Wanderweg 

Der öffentliche Schrecken des Falles hatte dennoch einen realen Kern. 

Die Morde ereigneten sich in Landschaften, die für Spaziergänge, Wanderungen und Erholung standen. Die Tatorte lagen nicht in einer anonymen Großstadtstraße, sondern in Parks und Naturgebieten rund um die San Francisco Bay Area. 

Dadurch wurde der Fall zu einer Geschichte über einen Ort ebenso wie über einen Täter. 

Die Medien machten aus Carpenter den „Trailside Killer“. Der Name reduzierte eine komplexe Reihe von Strafverfahren auf ein eingängiges Bild: einen Mann, der an Wanderwegen auf seine Opfer lauerte. 

Dieses Bild war wirkungsmächtig. 

Aber es war nicht die vollständige Beweislage. 

Hinter dem Mediennamen standen sieben rechtskräftig festgestellte Morde, konkrete Zeugenaussagen, Ermittlungen, Gerichtsverfahren und jahrelange Rechtsmittel. 

Und dahinter standen sieben Menschen, deren Namen nicht zu bloßen Bestandteilen einer Tätergeschichte werden sollten. 

Der letzte Unterschied 

True Crime lebt von der Rekonstruktion. 

Doch Rekonstruktion kann leicht in Erfindung übergehen. 

Bei David Carpenter ist die Grenze besonders wichtig. Die Akten ergeben das Bild eines Mannes mit einer langen Vorgeschichte von Gewalt und schließlich sieben Mordverurteilungen. Sie ergeben eine Reihe von Ermittlungen, Zeugenaussagen und Gerichtsentscheidungen. Sie ergeben einen Täter, dessen Schuld an diesen sieben Morden von Gerichten festgestellt wurde. 

Sie liefern dagegen nicht automatisch Antworten auf jede Frage, die sich heute stellen lässt. 

Warum genau er jedes Opfer auswählte, was er unmittelbar vor jeder Tat dachte, welche Fantasien ihn antrieben oder ob hinter nicht aufgeklärten Fällen ebenfalls Carpenter stand, lässt sich nicht in derselben Gewissheit beantworten. 

Die belastbare Geschichte ist deshalb weniger spektakulär als manche Legende – aber gerade dadurch eindringlicher. 

David Carpenter wurde wegen sieben Morden verurteilt. 

Die übrigen Lücken der Geschichte sollten Lücken bleiben, solange Beweise sie nicht schließen. 
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Ein Koffer vor der Tür 

Kischinjow, 1980. Die Sowjetunion bereitete sich auf die Olympischen Spiele in Moskau vor, im Fernsehen liefen Bilder von einer scheinbar unbeschwerten Zeit. Doch in der moldauischen Hauptstadt begann sich unter dieser Oberfläche eine Geschichte zu entwickeln, die selbst erfahrene Ermittler vor ein Rätsel stellte. 

Vor der Wohnung des Bekannten von Alexander Skrynnik stand eines Tages ein Koffer. Was darin lag, war zunächst kaum zu begreifen. Im Inneren befand sich der Kopf einer Frau. 

Der Fund war nicht nur ein Mordfall. Er war eine Botschaft. 

Der Täter hatte den Kopf nicht einfach versteckt. Er hatte ihn gezielt zu einem Mann gebracht, den er kannte, und eine Nachricht hinterlassen. Es ging um Geld und um Drohungen gegen die Familie des Empfängers. Für die Ermittler bedeutete das zunächst, dass sie es möglicherweise nicht mit einem gewöhnlichen Raub- oder Beziehungsdelikt zu tun hatten. Jemand wollte Angst erzeugen. Und jemand wollte, dass eine ganz bestimmte Person Angst bekam. 

Noch schwieriger war eine andere Frage: Wer war die Frau? 

Die Identifizierung der Toten wurde zum ersten großen Problem der Ermittler. Der Täter hatte die Leiche so schwer verstümmelt, dass die üblichen Möglichkeiten zur Identifizierung nicht ausreichten. Schließlich wurde eine außergewöhnliche Entscheidung getroffen. Der Kopf der unbekannten Frau wurde im Fernsehen gezeigt. 

Es war ein Schritt, der heute kaum vorstellbar wäre. Doch er führte zum Ziel. 

Ein siebenjähriger Junge erkannte die Frau als seine Mutter, Irina Trasyn. Er hatte sie seit Tagen nicht gesehen. Mit der Identifizierung bekam das Opfer einen Namen zurück – und die Ermittler erhielten einen ersten festen Punkt in einem Fall, der sich gerade erst entwickelte. Der Junge wurde anschließend in einem Kinderheim untergebracht. 

Ein unauffälliger Mann 

Alexander Iwanowitsch Skrynnik war kein Mann, bei dem seine Umgebung einen Serienmörder vermutet hätte. 

Sein genaues Geburtsdatum und manche Einzelheiten seiner frühen Biografie sind bis heute nicht eindeutig überliefert. In den verfügbaren Darstellungen wird er Anfang der 1950er-Jahre geboren. Er stammte aus der Moldauischen SSR und lebte später in Kischinjow. 

Er war verheiratet und Vater. Beruflich arbeitete er unter anderem als Tischler beziehungsweise als Arbeiter in der Kischinjower Süßwarenfabrik Bucuria. Dort galt er offenbar als fleißiger und erfolgreicher Mitarbeiter. Er war Produktionsauszeichner und Kandidat für die Kommunistische Partei. Nach außen entsprach sein Leben damit weitgehend dem Bild eines gewöhnlichen sowjetischen Arbeiters und Familienvaters. 

Doch hinter dieser Fassade entwickelte sich ein ausgeprägter Hass auf Frauen. 

Berichten über seine Aussagen zufolge empfand Skrynnik sein Privatleben als gescheitert. Nach der Geburt eines Kindes habe er erkannt, dass er seine Frau nicht liebe. Gleichzeitig beneidete er einen Bekannten, Feodosiy Glukharyov, um dessen Erfolg bei Frauen. 

Glukharyov soll zahlreiche Beziehungen gehabt haben. Für Skrynnik wurde dieser Bekannte offenbar zu einer Projektionsfläche für das eigene Gefühl des Versagens. 

Dann gab Skrynnik eine Zeitungsanzeige auf, in der er nach einer Partnerin suchte. 

Eine Begegnung endete für ihn mit einer Geschlechtskrankheit. Später erklärte er, dieses Erlebnis habe seine Einstellung gegenüber Frauen verändert. Aus persönlicher Enttäuschung wurde in seiner eigenen Vorstellung eine Art Weltanschauung. Frauen seien für sein Unglück verantwortlich, so die spätere Darstellung seiner Motive. 

Nichts davon erklärt einen Mord. 

Es erklärt höchstens, wie ein Mensch seine eigene Wut in eine Rechtfertigung verwandeln konnte. 

Der erste Mord 

Die Spur der Gewalt führte zunächst weit weg von Kischinjow. 

Mitte der 1970er-Jahre arbeitete Skrynnik in der Jakutischen ASSR. Dort wurde die Stewardess Nina Puganova ermordet. Ihr Körper wurde schwer verstümmelt aufgefunden. Die Ermittlungen brachten zunächst keinen Täter hervor. 

Der Mord blieb ungelöst. 

Jahre später sollte sich herausstellen, dass die Ermittler damals bereits nach einem Mann suchten, dessen Name ihnen erst sehr viel später begegnen würde. 

Skrynnik kehrte irgendwann nach Moldau zurück und führte dort sein scheinbar normales Leben weiter. Er arbeitete, war verheiratet und bewegte sich unauffällig in seinem sozialen Umfeld. 

Der Abstand zwischen seinem Alltag und seinen Verbrechen war enorm. 

Gerade diese Diskrepanz machte den späteren Fall so verstörend. Der Mann, der tagsüber einer geregelten Arbeit nachging, war zugleich mit einem ungelösten Mord aus einer anderen Region verbunden. 

Die Frau im Koffer 

1980 begann die Mordserie in Kischinjow eine neue Dimension anzunehmen. 

Skrynnik traf Irina Trasyn. Sie war Mutter eines siebenjährigen Sohnes. 

Was zunächst wie ein gewöhnliches Treffen ausgesehen haben soll, endete mit ihrer Ermordung. Anschließend verstümmelte der Täter die Leiche und trennte den Kopf vom Körper. 

Dann kam der Koffer. 

Er brachte den Kopf zu seinem Bekannten Glukharyov. Die beigefügte Nachricht enthielt Forderungen und Drohungen. Glukharyov sollte Geld zu einem bestimmten Ort bringen. Zugleich wurde seiner Familie Gefahr angedroht. 

Damit hatte Skrynnik eine zweite Ebene in seine Tat eingebaut. 

Er wollte nicht nur töten. Er wollte einen anderen Menschen terrorisieren. 

Für die Polizei bedeutete das zunächst eine völlig andere Ermittlungsrichtung. Warum wurde ausgerechnet Glukharyov bedroht? Warum wurde eine Leiche in seine Nähe gebracht? Und wer konnte einen persönlichen Konflikt mit ihm haben? 

Der Verdacht fiel zunächst auf Menschen aus dessen Umfeld. 

Ein Täter, der seine Ermittler in die Irre führte 

Die Ermittler betrachteten Glukharyovs Bekanntenkreis. Eine mögliche Erklärung war, dass sich jemand an ihm rächen wollte. Beziehungen, Eifersucht und persönliche Konflikte rückten in den Mittelpunkt. 

Auch ein Verwandter geriet ins Visier. Er hatte in der Vergangenheit einen Streit mit Glukharyov gehabt und ihm sogar gedroht. Als die Polizei ihn im Zusammenhang mit dem Fall antraf, versuchte er zu fliehen. 

Doch die Spur führte nicht zum Mörder. 

Der Mann war offenbar aus einem anderen Grund nervös geworden. Gegen ihn bestanden Verdachtsmomente wegen wirtschaftlicher Delikte. Für den Mord gab es jedoch ein Alibi. 

Die Ermittler standen wieder am Anfang. 

Dann kam die nächste Nachricht. 

Eine Hand im Schatten 

Kurz darauf wurde eine weitere Frau getötet. Ihr Name wird in den verfügbaren Darstellungen als Anastasia Mikhailova angegeben. 

Diesmal brachte der Täter keine vollständige Leiche zu seinem Bekannten. Er hinterließ eine abgetrennte Hand – erneut verbunden mit einer Nachricht und Drohungen. 

Die Situation wurde immer unheimlicher. 

In Kischinjow entstanden Gerüchte. Manche Menschen glaubten, ein besonders grausamer Täter sei aus einer anderen Region in die Stadt gekommen. Andere erzählten sich Geschichten über Grabschänder oder sogar über einen Kannibalen, der angeblich in der moldauischen Hauptstadt sein Unwesen treibe. 

Der Name Nikolai Dzhumagaliev tauchte in den Gerüchten auf. Dzhumagaliev war tatsächlich ein anderer sowjetischer Serienmörder, dessen Verbrechen zu jener Zeit bekannt geworden waren. Eine Verbindung zu Skrynnik bestand jedoch nicht. 

Die Angst wuchs schneller als die Erkenntnisse der Polizei. 

Der Fehler des Täters 

Doch der Täter hatte einen Fehler gemacht. 

Eine junge Frau namens Olga Lebedeva überlebte einen Angriff. 

Skrynnik hatte sie im zentralen Park von Kischinjow angegriffen. Nach den späteren Darstellungen versuchte er, sie zu überwältigen und zu töten. Lebedeva konnte sich jedoch wehren und entkommen. 

Damit besaßen die Ermittler etwas, das sie bei den toten Frauen nicht mehr bekommen konnten: eine lebende Zeugin. 

Sie konnte den Angreifer beschreiben. 

Und sie kannte ihn bereits. 

Skrynnik hatte zuvor Kontakt zu ihr aufgenommen. Er hatte ihr geschrieben. Die Briefe, die er ihr geschickt hatte, wurden dadurch zu einem entscheidenden Beweisstück. 

Für die Ermittler entstand nun eine Verbindung zwischen dem unbekannten Angreifer, den Drohbriefen und den Morden. 

Doch noch fehlte der eindeutige Beweis. 

Die Handschrift 

Der Täter hatte die Nachrichten in Druckbuchstaben geschrieben. 

Das erschwerte zunächst den Vergleich mit vorhandenen Schriftproben. Die Ermittler konnten nicht einfach einen Brief nehmen und ihn mit einer normalen Handschrift vergleichen. 

Dann kam ihnen eine ungewöhnliche Idee. 

Skrynnik wurde zum Militärkommissariat bestellt. Dort sollte er Formulare ausfüllen. Entscheidend war die Anweisung, die Angaben in Druckbuchstaben einzutragen. 

Damit erzeugte die Polizei eine Vergleichsprobe. 

Die Schrift wurde anschließend untersucht. Nach den veröffentlichten Darstellungen stimmte sie mit der Schrift auf den Nachrichten des Täters überein. 

Aus einem anonymen Verfasser wurde ein konkreter Verdächtiger. 

Alexander Skrynnik. 

Die Überwachung 

Nun mussten die Ermittler vorsichtig vorgehen. 

Skrynnik wusste noch nicht, dass sich die Schlinge um ihn zusammenzog. Eine Festnahme durfte nicht scheitern. Zu diesem Zeitpunkt war klar, dass die Polizei es mit einem Täter zu tun hatte, der extrem brutal vorging und bereits mehrfach getötet hatte. 

Die Ermittler beobachteten sein Umfeld. 

Schließlich entschieden sie sich für einen ungewöhnlichen Zugriff. 

Skrynnik ging in das Kino Patria. Er war nicht allein. Er hatte eine Frau dabei und wollte einen Film sehen. 

Die Polizei wusste, dass er dort sein würde. 

Ein Beamter trat unter einer Tarnung an ihn heran. Die Situation sollte nicht wie eine Festnahme aussehen. Skrynnik wurde aus dem öffentlichen Bereich gelockt – und dort schließlich überwältigt. 

Der Mann, der sich jahrelang zwischen Arbeit, Familie und Bekannten bewegt hatte, war gefasst. 

„Sanitäter der Natur“ 

Nach seiner Festnahme begann Skrynnik auszusagen. 

Zunächst soll er sich gegen die Vorwürfe gewehrt haben. Er habe auf seine beruflichen Leistungen verwiesen und seine Stellung als Arbeiter betont. Doch angesichts der Beweise geriet diese Verteidigung ins Wanken. 

Später sprach er über seine Taten. 

Dabei bezeichnete er sich selbst als eine Art „Sanitäter der Natur“. 

Der Ausdruck war mehr als eine bizarre Selbstbezeichnung. Er zeigte, wie der Täter seine Gewalt in eine eigene moralische Ordnung eingebaut hatte. Er sah sich nicht als Verbrecher, sondern als jemand, der angeblich eine Aufgabe erfülle. 

Gerade diese Selbstrechtfertigung machte den Fall für die Ermittler und die Öffentlichkeit so verstörend. 

Denn sie zeigte keinen Mann, der seine Taten als unbegreiflichen Ausbruch schilderte. Skrynnik versuchte vielmehr, ihnen einen Sinn zu geben. 

Drei Tote – und eine Überlebende 

Mit den Ermittlungen wurden drei Morde mit Skrynnik in Verbindung gebracht. 

Nina Puganova, die in Jakutien getötet worden war. 

Irina Trasyn, deren siebenjähriger Sohn seine Mutter auf einem Fernsehbild erkennen musste. 

Und Anastasia Mikhailova, deren Schicksal mit den Drohungen gegen Glukharyov verbunden wurde. 

Hinzu kam Olga Lebedeva, die einen Angriff überlebte und damit zu einer entscheidenden Zeugin wurde. 

Die öffentlich zugänglichen Darstellungen unterscheiden sich bei einzelnen biografischen Details und Namensformen. Auch die Schreibweise des Täternamens variiert. In der russischsprachigen Überlieferung erscheint der Mann unter anderem als Alexander Iwanowitsch Skrynnik beziehungsweise unter dem Namen Profir Skripnik. 

Die Bezeichnung „Moldawischer Chikatilo“ setzte sich später als Spitzname durch. Sie bezog sich auf die Brutalität seiner Taten, nicht darauf, dass er mit Andrei Chikatilo zusammengearbeitet hätte oder zu dessen Verbrechensserie gehörte. 

Der Prozess 

Der Prozess fand vor dem Obersten Gericht der Moldauischen SSR statt. 

Skrynnik wurde wegen Mordes unter erschwerenden Umständen angeklagt. Die Ermittlungen hatten ein Bild ergeben, das aus mehreren Puzzleteilen bestand: die Zeugenaussage der Überlebenden, die Briefe, die Handschriftenanalyse und die Verbindung zu den Opfern. 

Auch der Mord in Jakutien wurde in die Geschichte des Täters eingeordnet. 

Das Gericht verurteilte Skrynnik zum Tod. 

In der Sowjetunion war die Todesstrafe durch Erschießen vollstreckbar. Auch Skrynnik wurde schließlich durch ein Erschießungskommando hingerichtet. Als Todesdatum wird in mehreren Darstellungen der 15. August 1981 genannt. Andere Quellen geben lediglich das Jahr 1981 an. 

Damit endete die Geschichte des Mannes, der sich selbst als „Sanitäter der Natur“ bezeichnet hatte. 

Doch der Fall verschwand nicht vollständig. 

Eine Stadt voller Gerüchte 

In einer Gesellschaft, in der Informationen über schwere Verbrechen nicht in der heutigen Geschwindigkeit verbreitet wurden, entstanden Leerstellen. Und Leerstellen werden schnell mit Gerüchten gefüllt. 

Die Sowjetunion war geprägt von einer stark kontrollierten Medienlandschaft. Gewaltverbrechen wurden zwar berichtet, doch die Darstellung schwerer Serienverbrechen war nicht mit der heutigen True-Crime-Kultur vergleichbar. 

Gerade deshalb wirkte der Fall in Kischinjow so verstörend. 

Eine Frau verschwand. 

Dann wurde ein menschlicher Kopf in einem Koffer gefunden. 

Dann eine Hand. 

Dann tauchten Drohbriefe auf. 

Und schließlich erzählte eine junge Frau, dass sie dem Täter selbst gegenübergestanden hatte. 

Während die Polizei versuchte, die tatsächlichen Zusammenhänge zu rekonstruieren, kursierten Geschichten über andere Serienmörder und angebliche Monster, die längst in der Stadt angekommen sein sollten. Die Realität war am Ende weniger mythisch – und gerade deshalb erschreckender. 

Der Täter war kein Fremder aus einer anderen Welt. 

Er war ein Mann aus dem sozialen Umfeld seiner Opfer. 

Was von dem Fall blieb 

Heute ist Alexander Skrynnik außerhalb des postsowjetischen Raums weitgehend unbekannt. Sein Name taucht in Übersichten über sowjetische Serienmörder auf, gelegentlich wird er als „Moldawischer Chikatilo“ bezeichnet. 

Doch hinter diesem Etikett verschwinden leicht die Menschen, die tatsächlich im Mittelpunkt der Geschichte standen. 

Nina Puganova war nicht einfach ein Eintrag in einer Statistik. Irina Trasyn war nicht „die Frau mit dem Koffer“. Sie war eine Mutter, deren siebenjähriger Sohn sie nach ihrem Tod im Fernsehen identifizieren musste. 

Und Olga Lebedeva war nicht nur eine Zeugin. Sie war eine Frau, die einen Angriff überlebte und deren Aussage dazu beitrug, einen Täter zu identifizieren. 

Das Entscheidende an dem Fall war deshalb nicht nur die Grausamkeit der Morde. 

Es war die Kombination aus Alltag und Abgrund. 

Skrynnik hatte gearbeitet. Er war verheiratet. Er hatte Kinder. Er war in seinem Betrieb als leistungsfähiger Mitarbeiter bekannt. Er bewegte sich in einer Gesellschaft, in der Menschen ihn kannten und ihm begegneten. 

Und dennoch führte er ein zweites Leben. 

Der Koffer als Symbol 

Vielleicht blieb deshalb ausgerechnet der Koffer als Bild dieses Falles so stark. 

Ein gewöhnlicher Gegenstand, gemacht für Reisen und persönliche Dinge, wurde zum Behältnis eines Verbrechens. Er stand vor einer Wohnungstür und verwandelte einen privaten Ort in einen Tatort. 

Für die Ermittler war der Koffer zunächst ein Rätsel. 

Für die Öffentlichkeit wurde er zum Symbol. 

Und für den siebenjährigen Sohn von Irina Trasyn bedeutete die Geschichte etwas anderes als für alle anderen: Er verlor seine Mutter und musste sie anschließend auf einem Fernsehbild erkennen. 

Jahrzehnte später ist genau das der Punkt, an dem jede Darstellung dieses Falles vorsichtig werden muss. 

Denn Serienmörder werden in der Erinnerung oft zu Figuren. Zu Spitznamen. Zu Schlagzeilen. Zu dunklen Legenden. 

Die Opfer bleiben dagegen leicht unsichtbar. 

Bei Alexander Skrynnik sollte man deshalb nicht nur an den Mann denken, der sich selbst einen „Sanitäter der Natur“ nannte. 

Man sollte an die Frauen denken, die ihm begegneten. 

An die Mutter, die nicht nach Hause zurückkehrte. 

An den Jungen, der sie wiedererkannte. 

Und an die Überlebende, deren Aussage schließlich half, den Mann hinter den Drohungen sichtbar zu machen. 

Am Ende war es nicht das Gerücht über einen unbekannten Dämon, das den Fall löste. 

Es waren Spuren. 

Ein Brief. 

Eine Handschrift. 

Eine Zeugenaussage. 

Und ein Täter, der glaubte, seine Gewalt vor der Welt verbergen zu können. 

Das konnte er nicht. 
23 Minuten
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Am Morgen des 24. November 1989 lag über dem Miramichi River in New Brunswick eine Kälte, die sich durch Kleidung und Handschuhe fraß. Seit fast sieben Monaten suchte die Polizei nach einem Mann, dessen Gesicht in Zeitungen und auf Fahndungsfotos immer wieder abgedruckt worden war. Allan Joseph Legere war nicht irgendein Flüchtiger. Er war ein verurteilter Mörder, der aus einem Hochsicherheitsgefängnis entkommen war und während seiner Flucht vier Menschen getötet hatte. 

Nun näherte sich die Suche ihrem Ende. 

Legere saß in einem Lastwagen, den er auf seiner Flucht übernommen hatte. Er wollte weiter. Weg aus der Region, weg aus New Brunswick, irgendwohin, wo die Fahndung nach ihm schwieriger werden würde. Doch ein anderer Lastwagenfahrer war aufmerksam geworden. Die ungewöhnliche Route machte ihn misstrauisch. Er verständigte die Polizei. 

Wenig später errichteten Beamte eine Straßensperre. 

Als die Polizisten den Lastwagen stoppten, war Legere bewaffnet. Eine abgesägte Schusswaffe befand sich bei ihm. Die Beamten wussten, mit wem sie es zu tun hatten. Sie hatten monatelang nach diesem Mann gesucht. 

Dann stieg Legere aus. 

Seine Flucht war vorbei. 

Was danach blieb, war eine Region, die sich von den Ereignissen jener sechs Monate nur langsam erholen sollte. Und ein Strafverfahren, das weit über den Mordfall hinaus Bedeutung erlangte. Denn im Gerichtssaal von Burton sollte eine damals noch junge kriminaltechnische Methode eine entscheidende Rolle spielen: die DNA-Analyse. 

Ein Mann aus Chatham 

Allan Joseph Legere wurde am 13. Februar 1948 in Chatham, New Brunswick, geboren. Er stammte aus jener Region am Miramichi River, in der er später zum Synonym für Angst werden sollte. 

Über seine frühen Jahre ist deutlich weniger bekannt als über die späteren Verbrechen. Sein Leben vor der ersten Verurteilung war nicht die Biografie eines Menschen, dessen späteres Verhalten sich einfach aus einzelnen Ereignissen erklären ließe. Was sich jedoch aus den Gerichtsakten und den späteren Verfahren ergibt, ist eine lange Geschichte von Kriminalität, Gewalt und Fluchtversuchen. 

Im Juni 1986 überschritt Legere eine Grenze, die für seine weitere Geschichte entscheidend werden sollte. 

John und Mary Glendenning betrieben in Black River Bridge einen kleinen Laden. In der Nacht des 21. Juni 1986 drangen Legere und zwei Komplizen in das Gebäude ein. Aus einem Raubüberfall wurde ein brutaler Angriff. 

John Glendenning wurde tödlich verletzt. Seine Frau Mary überlebte schwer verletzt und sexuell missbraucht. Nachdem sie wieder zu Bewusstsein gekommen war, schleppte sie sich zu einem Telefon und alarmierte die Rettungskräfte. 

Die Polizei nahm die Beteiligten fest. 

Legere wurde wegen des Mordes verurteilt und zu lebenslanger Haft verurteilt. Am 22. Januar 1987 begann seine lebenslange Freiheitsstrafe. 

Für die Außenwelt hätte damit die Geschichte enden können. 

Doch im Gefängnis war sie nicht zu Ende. 

Die Flucht aus dem Krankenhaus 

Am 3. Mai 1989 wurde Legere aus dem Atlantic Institution, einem Hochsicherheitsgefängnis in Renous, zu einer medizinischen Behandlung nach Moncton gebracht. Er hatte eine Ohrinfektion. 

Die Sicherheitsvorkehrungen waren streng. Legere trug Handschellen und Fußfesseln. Gefängnisbeamte begleiteten ihn. 

Dann bat er um einen Toilettengang. 

Es war ein scheinbar nebensächlicher Moment. Doch Legere hatte offenbar eine Möglichkeit gefunden, die Fesseln zu überwinden. Im Badezimmer gelang es ihm, die Sicherungen zu öffnen. Als die Wärter reagierten, war er bereits entschlossen zu fliehen. 

Um 10.40 Uhr war Allan Legere verschwunden. 

Er verließ das Krankenhausgelände und begann eine Flucht, die sich über Monate erstrecken sollte. Fahrzeuge wurden gestohlen, Menschen bedroht, Wohnungen durchsucht. Die Polizei suchte in einer Region, deren Straßen, Wälder und abgelegene Grundstücke einem Flüchtigen zahlreiche Möglichkeiten boten, sich zu verstecken. 

Doch niemand wusste damals, wie lange diese Suche dauern würde. 

Und niemand wusste, wie viele Menschen sterben würden. 

Annie Flam 

Am 28. Mai 1989, nur wenige Wochen nach der Flucht, wurde in Chatham ein Feuer gemeldet. 

Es war Nacht. Ein kleines Geschäft stand in Flammen. Einsatzkräfte näherten sich dem Gebäude und fanden eine schwer verletzte Frau. Nina Flam lebte noch. 

Ihre Schwester Annie Flam war tot. 

Nina berichtete später von einem Angriff. Die Ermittler rekonstruierten einen Ablauf, der zu dem Mann passte, nach dem sie seit Wochen suchten. DNA-Spuren und andere Beweismittel sollten später eine Verbindung zu Legere herstellen. 

Annie Flam war eine ältere Frau und betrieb gemeinsam mit ihrer Schwester das Geschäft. Sie wurde brutal angegriffen und getötet. Anschließend wurde das Gebäude in Brand gesetzt. 

Nina überlebte. 

Ihre Aussage sollte für die Ermittler von großer Bedeutung werden. Sie war eine der wenigen Personen, die den Mann, den die Polizei suchte, unmittelbar erlebt und überlebt hatten. 

Während Feuerwehrleute und Polizisten am Tatort arbeiteten, wurde der Name Allan Legere erneut zum Zentrum der Ermittlungen. 

Für die Menschen am Miramichi bedeutete das etwas anderes. 

Der Mann, der bereits wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt worden war, lief wieder frei herum. 

Und er war offenbar bereit, erneut Gewalt anzuwenden. 

Die Angst wird zum Alltag 

Die Fahndung nach Legere entwickelte sich zu einer der größten Suchaktionen in der Geschichte der Royal Canadian Mounted Police. 

Polizisten patrouillierten durch die Gemeinden. Hinweise gingen ein. Menschen glaubten, den Flüchtigen gesehen zu haben. Andere meldeten verdächtige Fahrzeuge oder Geräusche. 

Die Bevölkerung begann, ihr Verhalten zu verändern. 

Türen wurden verriegelt. Menschen gingen nachts nicht mehr allein hinaus. Waffen und Gewehre wurden in Häusern bereitgehalten. Das Gefühl, dass der gesuchte Mörder irgendwo in der Nähe sein könnte, wurde Teil des täglichen Lebens. 

Die Ermittler standen gleichzeitig vor einem schwierigen Problem. Sie mussten einen Mann finden, der seine Erscheinung verändern konnte, Fahrzeuge wechselte und sich offenbar in der Region auskannte. 

Die Fahndung war nicht nur eine Suche nach einer Person. 

Sie war eine Suche nach jemandem, der nicht gefunden werden wollte. 

Zwei Schwestern 

Am 13. Oktober 1989 geschah in Newcastle das nächste Verbrechen. 

Donna und Linda Daughney lebten gemeinsam. Beide Frauen wurden in ihrem Haus getötet. 

Auch dieses Haus wurde angezündet. 

Die Ermittler fanden Hinweise auf massive Gewalt. Bei den Untersuchungen wurden Verletzungen festgestellt, die zu dem Muster passten, das sie bereits vom Flam-Verbrechen kannten. 

Jetzt waren es drei Tatorte. 

Drei Verbrechen. 

Mehrere Monate Flucht. 

Und jedes Mal tauchte derselbe Name im Hintergrund auf. 

Doch die Polizei musste beweisen, dass es tatsächlich Legere war. 

Genau hier lag das Problem. 

Es gab keine einfache fotografische Aufnahme des Täters am Tatort. Die Ermittler mussten eine Beweiskette aufbauen, die vor Gericht Bestand haben würde. 

Zeugenaussagen waren wichtig. Gefundene Gegenstände waren wichtig. Die Bewegungen des Flüchtigen waren wichtig. 

Doch ein Beweis sollte alles verändern. 

Die Spur im Blut 

Während der Ermittlungen wurden biologische Spuren gesichert. 

Die Forensik stand 1989 an einem Wendepunkt. DNA-Analysen waren noch weit davon entfernt, jene Selbstverständlichkeit zu besitzen, die sie Jahrzehnte später in Kriminalfällen haben würden. 

Im Fall Legere wurden DNA-Proben aus mehreren Tatorten untersucht. 

Bei Nina Flam ergaben die Analysen Übereinstimmungen mit Legeres DNA. Bei den Daughney-Schwestern wurden ebenfalls DNA-Spuren untersucht. In einem Fall ergab der Vergleich eine Übereinstimmung an mehreren hochvariablen Bereichen des genetischen Materials. 

Die statistische Bedeutung dieser Ergebnisse war enorm. 

Bei einer der Proben aus dem Flam-Fall wurde die Häufigkeit eines entsprechenden Vier-Sonden-Musters in der damaligen Vergleichspopulation mit weniger als eins zu 5,2 Millionen angegeben. Bei einer Probe aus dem Fall Linda Daughney lag die errechnete Häufigkeit eines Fünf-Sonden-Musters bei weniger als eins zu 310 Millionen. 

Die Verteidigung würde genau diese statistische Interpretation angreifen. 

Doch die DNA war nur ein Teil des Puzzles. 

Die Ermittler hatten noch weitere Spuren. 

Haare. Kleidung. Fußabdrücke. Fahrzeuge. Zeugenaussagen. Gegenstände, die während der Flucht auftauchten. 

Und immer wieder führte die Spur zurück zu Legere. 

Der Priester 

Am 15. November 1989 wurde James Smith in Chatham Head getötet. 

Smith war katholischer Priester. Er lebte im Pfarrhaus nahe der Kirche Nativity of the Blessed Virgin Mary. 

Als er am nächsten Tag nicht zum Gottesdienst erschien, wurde man misstrauisch. 

Ein Bekannter, der einen Schlüssel besaß, ging zum Pfarrhaus. 

Im Inneren fand er Smith tot. 

Die Polizei wurde gerufen. 

Wieder begann die Spurensicherung. 

Blut befand sich in mehreren Bereichen des Hauses. Auf dem Boden wurden Fußabdrücke entdeckt. Später konnten Ermittler die Abdrücke mit Schuhen in Verbindung bringen, die in der Nähe des verlassenen Fahrzeugs von Smith gefunden worden waren. 

Die Stiefel waren gereinigt worden. Dennoch fanden die Ermittler Blutspuren. 

Ein Sachverständiger kam zu dem Ergebnis, dass die Abdrücke von Legere oder von einer Person mit identischen charakteristischen Fußmerkmalen stammen mussten. Weitere Beweise verstärkten die Verbindung. 

Der Mord an Smith war der vierte Mord während Legeres Flucht. 

Jetzt war die Fahndung nicht mehr nur eine Suche nach einem entflohenen Gefangenen. 

Sie war eine Jagd nach einem Mann, dem vier Morde zur Last gelegt wurden. 

Ein Zug nach Montreal 

Legere versuchte inzwischen, die Region zu verlassen. 

Am 17. November 1989 kaufte ein Mann unter seinem Namen beziehungsweise unter einem Namen, den er mit Legere in Verbindung brachte, ein Zugticket nach Montreal. Ein Polizeibeamter erkannte ihn später auf dem Zug. 

Doch die Identifizierung scheiterte an einem Detail. 

Der Beamte verfügte nicht über ein Foto Legeres. Stattdessen hatte er eine Beschreibung erhalten, zu der auch ein Tattoo gehörte. 

Er sah das Tattoo nicht. 

Legere wurde nicht festgenommen. 

Der Zug fuhr weiter. 

Es war einer jener Momente, in denen die Fahndung beinahe erfolgreich gewesen wäre und dennoch scheiterte. 

Noch sechs Tage sollten vergehen. 

Die letzte Etappe 

Am Abend des 23. November 1989 nahm Legere in Saint John ein Taxi. 

Der Fahrer war Ron Gomke. 

Legere bedrohte ihn mit einer abgesägten Schusswaffe und verlangte, nach Moncton gefahren zu werden. 

Später trafen Legere und Gomke auf die Polizeibeamtin Michelle Mercer. Auch ihr Fahrzeug wurde übernommen. Doch in Sussex ergab sich eine Gelegenheit zur Flucht. 

Gomke und Mercer konnten entkommen. 

Legere floh weiter. 

Am folgenden Morgen befand er sich erneut in einem Fahrzeug. Schließlich gelangte er zu einem Lastwagenfahrer namens Brian Golding. 

Golding nahm den Mann mit, der sich als Allan Legere vorstellte. 

Er wusste offenbar nicht sofort, wen er vor sich hatte. 

Die Fahrt ging in Richtung Miramichi. 

Dann bemerkte ein anderer Lastwagenfahrer etwas Ungewöhnliches. Das Fahrzeug bewegte sich auf einer Straße, die normalerweise nicht von Lastwagen benutzt wurde. 

Er verständigte die Polizei. 

Die Beamten errichteten eine Straßensperre. 

Die Festnahme 

Am 24. November 1989 näherte sich die Flucht ihrem Ende. 

Legere war bewaffnet. Die Polizei wusste, dass der Gesuchte extrem gefährlich war. 

Als die Beamten ihn schließlich festnahmen, war eine sechsmonatige Fahndung beendet. 

Der Mann, der aus dem Krankenhaus entkommen war, hatte während seiner Zeit in Freiheit vier Menschen getötet und eine weitere Frau schwer verletzt. 

Nun saß er wieder in Haft. 

Doch die Ermittler mussten noch beweisen, dass er für die Morde verantwortlich war. 

Die Festnahme war nicht das Ende des Falles. 

Sie war der Beginn des schwierigeren Teils. 

Der Gerichtssaal 

Der Prozess begann am 26. August 1991 im Gericht von Burton, New Brunswick. 

Schon die Sicherheitsmaßnahmen machten deutlich, welche Bedeutung der Fall inzwischen hatte. Besucher wurden kontrolliert. Vor dem Gericht wurden Menschen durchsucht und Metalldetektoren eingesetzt. 

Im Saal saß Allan Legere unter Bewachung. 

Die Anklage musste vier Mordfälle beweisen. 

Die Verteidigung griff die Beweismittel an. Besonders die DNA-Analyse wurde zum zentralen Streitpunkt. 

Damals war die Methode für viele Juristen und Laien noch schwer verständlich. Begriffe wie genetischer Fingerabdruck, Sonden, polymorphe DNA-Bereiche und Populationsstatistik waren kein Bestandteil des alltäglichen Strafprozesses. 

Nun mussten Wissenschaftler einer Jury erklären, warum winzige biologische Spuren einen Menschen mit einem Tatort verbinden konnten. 

Die Verteidigung stellte die statistischen Methoden infrage und ließ einen eigenen Experten aussagen. 

Der Prozess wurde damit zu einem Test für eine Technologie, die später aus der Kriminalistik nicht mehr wegzudenken sein würde. 

Der genetische Fingerabdruck 

Die DNA-Beweise waren besonders deshalb bedeutsam, weil die Ermittler nicht lediglich eine einzelne Übereinstimmung vorlegten. 

Bei den untersuchten Proben aus den Flam- und Daughney-Fällen ergaben sich Übereinstimmungen an mehreren DNA-Bereichen. 

Auch Haarproben wurden analysiert. Material aus früheren Ermittlungen und später gesicherte Proben konnten miteinander verglichen werden. 

Die Bedeutung lag in der Kombination. 

Ein einzelner biologischer Fund konnte theoretisch zufällig auftreten. Mehrere unabhängige Übereinstimmungen mit sehr seltenen genetischen Mustern waren etwas anderes. 

Die Staatsanwaltschaft argumentierte, die DNA-Spuren würden sich zusammen mit den übrigen Beweisen zu einem Gesamtbild verbinden. 

Die Verteidigung versuchte, genau diese Schlussfolgerung zu erschüttern. 

Für die Jury musste die Frage am Ende jedoch nicht lauten, ob DNA eine unfehlbare Maschine war. 

Sie musste entscheiden, ob die Gesamtheit der Beweise die Schuld des Angeklagten zweifelsfrei belegte. 

Das Urteil 

Am 3. November 1991 wurde das Urteil verkündet. 

Allan Joseph Legere wurde in allen vier Mordfällen schuldig gesprochen. 

Damit endete ein Prozess, der in Kanada juristische und kriminaltechnische Bedeutung erlangt hatte. 

Die Verurteilung beruhte auf einem umfangreichen Beweisgefüge. DNA spielte dabei eine herausragende Rolle. 

Der Fall wurde zu einem frühen Beispiel dafür, wie genetische Beweise in einem kanadischen Mordprozess eingesetzt werden konnten. 

Legere erhielt lebenslange Haft. 

Die Verurteilung wegen seiner Flucht, Entführung und Körperverletzung war bereits zuvor erfolgt. Nun war auch die Frage beantwortet, wer für die vier Morde während seiner Flucht verantwortlich gemacht werden konnte. 

Spätere Rechtsmittel änderten daran nichts. Das Berufungsgericht von New Brunswick bestätigte die Verurteilungen. 

Der Schatten über Miramichi 

Für die Menschen am Miramichi war der Fall niemals nur eine Geschichte über DNA oder Strafrecht. 

Er hatte ihr Sicherheitsgefühl verändert. 

Die Angst hatte sechs Monate lang zum Alltag gehört. Menschen hatten ihre Häuser verriegelt, Nachbarn beobachtet und auf Geräusche in der Nacht reagiert. Die Polizei hatte eine enorme Fahndung organisiert. Beamte patrouillierten in Gemeinden und durchsuchten Waldgebiete. 

Der Fall zeigte zugleich die Verwundbarkeit einer ländlichen Region. 

Der Täter kannte die Gegend. Er konnte sich zwischen Straßen, Häusern und abgelegenen Bereichen bewegen. Fahrzeuge boten ihm Mobilität. Die Nähe kleiner Gemeinden bedeutete, dass Gerüchte und tatsächliche Hinweise sich schnell vermischten. 

Für die Ermittler bedeutete das eine enorme Herausforderung. 

Für die Bevölkerung bedeutete es, dass der Name Allan Legere über Monate in fast jedem Gespräch präsent war. 

Ein Fall verändert die Forensik 

Heute wirkt die Verwendung von DNA in einem Mordfall selbstverständlich. 

Damals war sie es nicht. 

Der Legere-Prozess zeigte, wie groß die Möglichkeiten dieser Technologie waren – und zugleich, wie sorgfältig ihre Grenzen diskutiert werden mussten. 

Die Verteidigung stellte insbesondere die statistische Interpretation der DNA-Ergebnisse infrage. Wissenschaftler erklärten vor Gericht, wie selten bestimmte genetische Muster in der Bevölkerung vorkamen und welche Aussagekraft mehrere übereinstimmende Bereiche hatten. 

Damit wurde der Gerichtssaal für einige Wochen zu einem Ort, an dem Strafrecht und moderne Genetik unmittelbar aufeinandertrafen. 

Der Fall wurde später häufig als ein Meilenstein der kanadischen Forensik beschrieben. 

Nicht weil DNA allein einen Täter überführt hätte. 

Sondern weil die Ermittler erstmals in dieser Größenordnung zeigen konnten, wie genetische Spuren mit Zeugenaussagen, Gegenständen, Bewegungsprofilen und klassischen kriminalistischen Methoden zusammengeführt werden konnten. 

Die letzten Jahrzehnte 

Allan Legere blieb nach seiner Verurteilung im Gefängnis. 

Auch Jahrzehnte später blieb sein Name mit der Frage verbunden, ob von ihm weiterhin eine Gefahr ausgehen könnte. Seine Haftbedingungen und spätere Entscheidungen über seine Unterbringung sorgten immer wieder für Diskussionen. 

2015 wurde er aus der Special Handling Unit in Sainte-Anne-des-Plaines in das Edmonton Institution verlegt. 

Für Menschen aus der Miramichi-Region war die Nachricht schwer einzuordnen. Der Mann, der ihre Gemeinden 1989 in Angst versetzt hatte, war inzwischen ein alter Gefangener. 

Doch das Alter löschte die Vergangenheit nicht aus. 

Die Namen der Opfer blieben. 

Annie Flam. 

Donna Daughney. 

Linda Daughney. 

James Smith. 

Und auch die Überlebenden der früheren Angriffe mussten mit dem zurückbleiben, was geschehen war. 

Das Ende eines langen Lebens 

Am 9. März 2026 starb Allan Joseph Legere im Edmonton Institution. 

Er war 78 Jahre alt. 

Der kanadische Strafvollzugsdienst bestätigte seinen Tod während der Haft. Legere hatte seit dem Beginn seiner lebenslangen Freiheitsstrafe im Jahr 1987 insgesamt fast vier Jahrzehnte im Gefängnis verbracht. 

Sein Tod beendete damit nicht die Geschichte des Falles. 

Er schloss lediglich das letzte Kapitel im Leben des Mannes, dessen Flucht 1989 eine ganze Region erschüttert hatte. 

Was vom „Monster of the Miramichi“ bleibt 

Der Spitzname, den die Medien Legere gaben, war eingängig und grausam zugleich: „Monster of the Miramichi“. 

Doch hinter diesem Etikett standen reale Menschen. 

John Glendenning, dessen Leben 1986 bei einem Raubüberfall endete. 

Mary Glendenning, die schwer verletzt überlebte. 

Annie Flam, die in ihrem Geschäft getötet wurde. 

Nina Flam, die den Angriff überlebte. 

Donna und Linda Daughney, die gemeinsam in ihrem Zuhause starben. 

James Smith, der Priester, der nicht zu seinem Gottesdienst erschien und tot im Pfarrhaus gefunden wurde. 

Die Geschichte von Allan Legere ist deshalb nicht nur die Geschichte eines Mörders, einer Flucht oder einer spektakulären Fahndung. 

Sie ist auch die Geschichte einer Gemeinschaft, die für Monate in Angst lebte. 

Und sie ist die Geschichte eines kriminalistischen Umbruchs. 

Als Legere 1989 aus einem Krankenhaus floh, war DNA-Analyse noch eine junge Wissenschaft, deren Beweiskraft vor Gericht intensiv diskutiert wurde. Als er Jahrzehnte später starb, war genetische Forensik aus modernen Ermittlungen kaum mehr wegzudenken. 

Dazwischen lagen fast vierzig Jahre Gefängnis. 

Aber die entscheidenden Monate spielten sich im Jahr 1989 ab. 

Sechs Monate, in denen ein verurteilter Mörder frei war. 

Vier Menschen, die getötet wurden. 

Eine Frau, die überlebte. 

Eine Provinz, die sich fürchtete. 

Eine Polizei, die ihn suchte. 

Und ein Gericht, das schließlich mithilfe einer damals revolutionären Technologie die Frage beantwortete, die seit seiner Flucht über dem Miramichi gelegen hatte: 

Wer hatte diese Menschen getötet? 

Die Antwort lautete Allan Joseph Legere. 

Und mit seiner Verurteilung endete zwar die Suche nach dem Täter – nicht aber die Erinnerung an die Opfer. 
12 Minuten
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Am Morgen des 18. Oktober 1977 lag an einer Straße in Los Angeles der Körper einer jungen Frau im Gebüsch. Die Stadt war riesig, laut und rastlos, doch an diesem Ort war es still. Die Frau war tot, ihr Körper war zurückgelassen worden, als sollte er gefunden werden. Sie war die 19-jährige Yolanda Washington. 

Noch wusste niemand, dass ihr Tod der Beginn einer Mordserie war, die Los Angeles innerhalb weniger Monate verändern würde. 

Die Polizei suchte zunächst nach einem Täter. Die Öffentlichkeit bekam einen Namen, der bald in Zeitungen und Fernsehnachrichten auftauchte: der „Hillside Strangler“. Die Vorstellung war zunächst die eines einzelnen Mannes, der nachts durch die Stadt fuhr, junge Frauen auswählte, sie überwältigte und ihre Leichen an Hängen zurückließ. 

Doch hinter diesem Namen verbargen sich zwei Männer. 

Einer von ihnen war Angelo Buono Jr., ein 44-jähriger Autopolsterer aus Glendale. Der andere war sein jüngerer Cousin Kenneth Bianchi. Zwischen Oktober 1977 und Februar 1978 würden zehn junge Frauen und Mädchen Opfer ihrer Gewalt werden. Ihre Altersspanne reichte von zwölf bis 28 Jahren. 

Und lange Zeit ahnte niemand, dass die beiden Männer, die für die Morde verantwortlich waren, nicht irgendwo im Verborgenen lebten. Sie bewegten sich mitten in der Gesellschaft. 

Ein unauffälliger Mann 

Angelo Buono war kein Mann, der auf den ersten Blick wie ein Serienmörder wirkte. Er arbeitete als Autopolsterer und betrieb sein Geschäft in Glendale. Er hatte sich auf aufwendige Innenausstattungen spezialisiert und arbeitete auch an Fahrzeugen, die mit Persönlichkeiten aus dem Showgeschäft in Verbindung standen. 

Buono war ein Schulabbrecher, verheiratet gewesen und Vater mehrerer Kinder. Nach außen führte er ein Leben, das in das alltägliche Bild einer amerikanischen Großstadt passte. Er arbeitete, fuhr Auto, kannte Menschen in seiner Umgebung und besaß ein Haus. 

Doch hinter dieser Fassade lagen Eigenschaften, die später im Zusammenhang mit den Morden eine andere Bedeutung bekommen sollten. Zeitgenossen beschrieben ihn als dominant, vulgär und frauenfeindlich. Er hatte Verbindungen zum Prostitutionsmilieu und stellte sich gern als Frauenheld dar. 

1976 kam sein Cousin Kenneth Bianchi nach Los Angeles. Bianchi war deutlich jünger, wirkte gepflegter und hatte Ambitionen, im Sicherheits- oder Polizeiumfeld zu arbeiten. Er hatte den Wunsch, Polizist zu werden, und verstand es, nach außen einen seriösen Eindruck zu vermitteln. 

Zwischen den beiden entstand eine enge Beziehung. 

Später würden Ermittler und Staatsanwälte versuchen zu verstehen, wie aus dieser Beziehung eine Partnerschaft in Gewalt werden konnte. Eine eindeutige psychologische Erklärung für ihre Verbrechen gab es nicht. Sicher war jedoch, dass beide Männer gemeinsam handelten und sich gegenseitig in einer Eskalation von Macht, Kontrolle und Gewalt bestärkten. 

Die falschen Polizisten 

Ihr Vorgehen war perfide, weil es auf Vertrauen beruhte. 

Buono und Bianchi gaben sich als Polizisten aus. Mit falschen Abzeichen und dem Auftreten von Beamten konnten sie Frauen glauben machen, sie hätten es mit einer offiziellen Kontrolle zu tun. Für die Opfer bedeutete das, dass Widerstand zunächst nicht zwingend erschien. 

Die beiden konnten sie in ein Fahrzeug bringen und anschließend zu Buonos Anwesen beziehungsweise in seine Autowerkstatt führen. 

Dort begann die Gewalt. 

Die Opfer wurden sexuell missbraucht, gefesselt und misshandelt. Anschließend wurden sie getötet. In den meisten Fällen war Strangulation die Todesursache. Danach transportierten die Täter die Leichen an abgelegene oder öffentlich sichtbare Stellen in den Hügeln rund um Los Angeles. 

Die Körper wurden teilweise so zurückgelassen, dass sie von anderen Menschen entdeckt werden mussten. 

Damit entstand ein Muster. 

Und mit jedem neuen Fund wuchs die Angst. 

Zehn Tote in vier Monaten 

Nach Yolanda Washington folgte am 31. Oktober 1977 die 15-jährige Judith Lynn Miller. 

Miller war noch ein Teenager. Ihr Tod zeigte, dass die Opfer nicht einem klar erkennbaren Profil entsprachen, das der Öffentlichkeit Sicherheit hätte geben können. 

Dann wurde Lissa Kastin getötet, eine 21-jährige Frau, die als Kellnerin und Tänzerin gearbeitet hatte. 

Am 9. November verschwand die 28-jährige Jane King. Ihre Leiche wurde erst später entdeckt. 

Wenige Tage danach traf es zwei Mädchen. 

Dolores Cepeda war zwölf Jahre alt, Sonja Johnson 14. Beide wurden im November 1977 getötet. Ihre Leichen wurden gemeinsam in der Nähe des Dodger Stadium gefunden. 

Für die Ermittler war dieser Fund ein Wendepunkt. Zwei junge Schülerinnen waren tot. Die Opfer waren nicht länger nur einzelne Fälle, die möglicherweise keinen Zusammenhang hatten. Die Polizei sah sich mit einer Serie konfrontiert. 

Los Angeles begann, sich zu fürchten. 

Junge Frauen gingen nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr allein nach Hause. Eltern wurden nervös, wenn ihre Töchter unterwegs waren. Jede weitere Nachricht über eine gefundene Leiche verstärkte den Eindruck, dass ein unbekannter Täter die Stadt kontrollierte. 

Die Jagd nach einem Phantom 

Die Polizei stand vor einem Problem, das Serienmörderfälle besonders gefährlich machte: Die Täter hatten zunächst kaum etwas hinterlassen, das direkt zu ihnen führte. 

Die Leichen waren an verschiedenen Orten gefunden worden. Die Opfer unterschieden sich in Alter und Lebenssituation. Die Täter hatten versucht, Spuren zu beseitigen. 

Die Ermittler mussten deshalb aus einzelnen Tatorten ein gemeinsames Muster zusammensetzen. 

Eine große Sonderermittlung wurde eingerichtet. Schließlich waren mehr als 160 Beamte an der Suche beteiligt. Hunderte Hinweise gingen ein. 

Doch der Name des Täters blieb ein Phantom. 

Die Medien verstärkten die Angst. Die wöchentlichen Pressekonferenzen der Polizei wurden zu einem festen Bestandteil des öffentlichen Lebens. Jede neue Leiche erzeugte neue Schlagzeilen. 

Der Begriff „Hillside Strangler“ setzte sich durch. 

Dabei beruhte er auf einer falschen Annahme. 

Es war kein einzelner Täter. 

Kristina Weckler 

Eine der ungewöhnlichsten Taten war der Mord an der 20-jährigen Kunststudentin Kristina Weckler im November 1977. 

Die Täter hatten unterschiedliche Methoden ausprobiert. Bei Weckler wurde Gas eingesetzt. Kenneth Bianchi beschrieb später, wie die Tat durchgeführt worden sei. 

Doch Bianchis Aussagen waren ein Problem. 

Er war der einzige Mensch, der Buono unmittelbar mit den Morden in Verbindung brachte. 

Und Bianchi war alles andere als ein zuverlässiger Zeuge. 

Das sollte Jahre später zu einer der größten juristischen Herausforderungen des gesamten Falls werden. 

Die letzten Opfer 

Ende November wurde die 18-jährige Lauren Wagner getötet. Sie war Schülerin an einem Business College und wurde weniger als einen Häuserblock von ihrem Elternhaus entfernt entführt, als sie von ihrem Freund zurückkam. 

Für die Öffentlichkeit war das besonders erschreckend. 

Wenn eine junge Frau praktisch vor der Haustür ihrer Familie verschwinden konnte, schien kein Ort mehr sicher. 

Am 13. Dezember 1977 wurde die 17-jährige Kimberly Martin getötet. 

Dann verstummte die Mordserie plötzlich. 

Für Wochen gab es keinen weiteren bekannten Fall. 

Doch im Februar 1978 kehrte die Gewalt zurück. 

Cindy Lee Hudspeth war 20 Jahre alt. Sie wurde am 16. Februar getötet. Ihr Tod war das Ende der Serie, die Los Angeles über Monate terrorisiert hatte. 

Danach hörten die Morde auf. 

Nicht, weil die Polizei Buono und Bianchi gefasst hatte. 

Sondern weil sich die beiden Männer voneinander entfernten. 

Der Bruch 

Kenneth Bianchi verließ Kalifornien und zog nach Washington State. 

Dort schien zunächst ein neues Leben möglich. Er suchte Arbeit und bewarb sich unter anderem im Polizeiumfeld. Schließlich arbeitete er als Sicherheitsmann. 

Doch seine Vergangenheit holte ihn ein. 

Im Januar 1979 wurden in Bellingham zwei junge Frauen ermordet. Die Ermittler erkannten Parallelen zu den Verbrechen in Kalifornien. 

Bianchi geriet ins Visier der Polizei. 

Er wurde festgenommen. 

Nun begann sich der Fall zu drehen. 

Die Geschichte von „Steve“ 

Bianchi wusste, dass ihm eine Verurteilung drohte. Zunächst versuchte er, eine psychische Erkrankung vorzutäuschen. 

Er behauptete, an einer multiplen Persönlichkeit zu leiden. Für die Morde, so seine Geschichte, sei eine andere Persönlichkeit verantwortlich gewesen: ein Mann namens „Steve“. 

Die Ermittler ließen sich nicht dauerhaft überzeugen. 

Psychiatrische Untersuchungen führten zu dem Ergebnis, dass Bianchi seine Symptome vortäuschte. 

Damit brach seine Verteidigung zusammen. 

Nun blieb ihm eine andere Möglichkeit. 

Er konnte sprechen. 

Bianchi gestand schließlich seine Beteiligung an den Morden in Los Angeles und nannte Angelo Buono als seinen Partner. 

Für die Ermittler war es der Durchbruch, auf den sie fast zwei Jahre gewartet hatten. 

Für Buono begann damit der Weg vom unauffälligen Autopolsterer zum Angeklagten in einem der spektakulärsten Mordprozesse der amerikanischen Rechtsgeschichte. 

Der Mann, der alles bestritt 

Am 22. Oktober 1979 wurde Angelo Buono in seinem Autopolsterbetrieb in Glendale festgenommen. 

Er bestritt die Vorwürfe. 

Buono behauptete, nicht der Mann zu sein, den Bianchi aus ihm machte. Seine Verteidiger griffen genau dort an, wo die Ermittler am verwundbarsten waren: bei Bianchis Glaubwürdigkeit. 

Denn Bianchi hatte seine Aussagen mehrfach verändert. 

Mal behauptete er, sich an bestimmte Taten zu erinnern. Dann erklärte er, er wisse nicht, ob er überhaupt dabei gewesen sei. Seine Erinnerungen erschienen widersprüchlich und teilweise lückenhaft. 

Das Problem war offensichtlich. 

Ein Mann, der selbst sieben Morde gestanden hatte und nur deshalb der Todesstrafe entging, weil er gegen seinen Cousin aussagte, war kein neutraler Zeuge. 

Die Staatsanwaltschaft brauchte mehr. 

Die Spurensuche 

Die Ermittler fanden schließlich unabhängige Hinweise. 

Fasern aus Teppichen und Polstermaterialien, die an zwei Leichen entdeckt worden waren, konnten mit Material aus Buonos Haus beziehungsweise seiner Werkstatt in Verbindung gebracht werden. 

Es gab Zeugen, die Buono und Bianchi in Situationen gesehen hatten, die zu den Aussagen Bianchis passten. 

Eine Frau berichtete, die beiden Männer hätten sich in Hollywood als Polizisten ausgegeben. Eine weitere Zeugin schilderte, wie sie beobachtet habe, dass zwei Männer versuchten, eine Frau in ein Fahrzeug zu zwingen. 

Das bedeutete nicht, dass jeder einzelne Beweis Buono unmittelbar mit einem bestimmten Mord verband. 

Aber Stück für Stück entstand ein Bild. 

Die Staatsanwaltschaft wollte zeigen, dass Bianchis Aussagen nicht isoliert betrachtet werden durften, sondern durch unabhängige Beweise gestützt wurden. 

Genau das sollte später entscheidend werden. 

Ein Prozess droht zu scheitern 

Der juristische Weg war ungewöhnlich. 

Die Staatsanwaltschaft von Los Angeles County wollte den Fall zunächst nicht weiterverfolgen. Bianchis wechselnde Aussagen erschienen den zuständigen Anklägern zu problematisch. 

Der zuständige Richter Ronald George lehnte jedoch den Antrag ab, die Anklage fallen zu lassen. 

Damit stand der Fall vor einer außergewöhnlichen Wendung. 

Die kalifornische Generalstaatsanwaltschaft übernahm die Strafverfolgung. 

Roger Boren und Michael Nash wurden mit der Aufgabe betraut, den Fall gegen Buono aufzubauen. 

Es war ein Verfahren, das enorme Mengen an Material umfasste. 

Die Staatsanwaltschaft präsentierte 1.198 Beweisstücke und ließ 250 Zeugen aussagen. Der Prozess sollte sich über Jahre hinziehen. 

Sechs Monate für einen Zeugen 

Im Mittelpunkt stand Kenneth Bianchi. 

Er war gleichzeitig Täter, Geständiger und Kronzeuge. 

Seine Aussagen waren für die Anklage von enormer Bedeutung. Doch sie waren widersprüchlich genug, um die Verteidigung immer wieder ansetzen zu lassen. 

Während seiner Aussage schilderte Bianchi die Vorgehensweise der beiden Männer. Er sagte aus, dass sie sich als Polizisten ausgegeben und Frauen mit falschen Abzeichen getäuscht hätten. 

Doch bei den konkreten Tötungen zeigte sich seine Erinnerung häufig bruchstückhaft. 

In einem besonders umstrittenen Teil seiner Aussage erklärte Bianchi, wie Kristina Weckler getötet worden sei. Die Verteidigung griff die Darstellung sofort an und stellte die medizinische Plausibilität einzelner Angaben infrage. 

Für die Verteidigung war die Botschaft klar: Wenn Bianchi sich bei wichtigen Details irrte oder log, warum sollte man ihm bei Buonos Beteiligung glauben? 

Die Staatsanwaltschaft musste deshalb beweisen, dass der Fall nicht allein auf Bianchis Wort beruhte. 

Die Verteidigung von Angelo Buono 

Buono blieb bei seiner Unschuld. 

Seine Verteidiger argumentierten, Bianchi könne der alleinige Täter gewesen sein. Buono habe lediglich einen bequemen Sündenbock dargestellt, nachdem Bianchi in Washington festgenommen worden war. 

Die Verteidigung verwies auf das Fehlen eines eindeutigen einzelnen Beweises, der Buono als Mörder identifizierte. 

Auch die Aussage eines wichtigen Zeugen war nicht ohne Probleme. 

Markust Camden behauptete, Buono in der Nacht des Mordes an Judith Miller gesehen zu haben. Doch Camden räumte ein, in der Vergangenheit gegenüber Behörden gelogen zu haben und psychische Probleme gehabt zu haben. 

Damit wurde auch diese Aussage angreifbar. 

Der Prozess war inzwischen zu einem Kampf um Glaubwürdigkeit geworden. 

Ein Gerichtssaal, der kein Ende nahm 

Die Jury hatte nicht nur Zeugenaussagen und Beweisstücke zu bewerten. Die Dimension des Verfahrens machte den Prozess selbst zu einem Ereignis. 

Die Geschworenen wurden zu verschiedenen Orten geführt, die mit den Verbrechen in Verbindung standen. Sie sahen die Stellen, an denen Opfer verschwunden oder Leichen gefunden worden waren. 

Im Gerichtssaal wurden Fotografien der Tatorte und der Opfer gezeigt. 

Mehr als 400 Zeugen sollten im Verlauf des Verfahrens gehört werden. 

Der Prozess begann mit der Auswahl der Geschworenen im November 1981. Die Jury-Auswahl allein dauerte mehrere Monate. 

Dann folgte die eigentliche Beweisaufnahme. 

Monat um Monat wurde die Geschichte der zehn jungen Frauen rekonstruiert. 

Für die Angehörigen bedeutete das, dass ihre Verluste immer wieder öffentlich ausgebreitet wurden. 

Neun Schuldsprüche 

Am 31. Oktober 1983 fiel der erste Schuldspruch. 

Buono wurde wegen des Mordes an Lauren Wagner verurteilt. 

In den folgenden Wochen kamen weitere Urteile hinzu. 

Die Jury befand ihn schließlich in neun Mordfällen für schuldig. 

Nur beim Mord an Yolanda Washington wurde er freigesprochen. 

Damit stand fest: Angelo Buono würde wegen neun Morden verurteilt werden. 

Doch nun musste die Jury noch über sein Schicksal entscheiden. 

Die Staatsanwaltschaft hatte die Todesstrafe als mögliche Strafe im Raum stehen. 

Die Jury entschied sich dagegen. 

Buono wurde zu neun gleichzeitig zu verbüßenden lebenslangen Freiheitsstrafen ohne Möglichkeit einer Bewährung verurteilt. 

Richter Ronald George machte deutlich, wie außergewöhnlich er die Verbrechen bewertete. Nach seiner Auffassung gehörten die Täter für den Rest ihres Lebens hinter Gitter. 

Buono würde das Gefängnis nicht mehr verlassen. 

Ein Urteil, das juristisch umkämpft blieb 

Der Fall war damit nicht endgültig beendet. 

Buonos Verteidigung legte Berufung ein und griff unter anderem die Verwendung von Bianchis Aussagen an. 

Das Berufungsgericht bestätigte 1988 die Verurteilungen. 

Die Richter kamen zu dem Schluss, dass Bianchis Aussagen durch unabhängige Beweise ausreichend gestützt worden seien. Damit war ein zentraler Angriff der Verteidigung zurückgewiesen. 

Das Gericht veränderte lediglich einzelne rechtliche Feststellungen im Zusammenhang mit den besonderen Mordumständen. 

Der Schuldspruch blieb bestehen. 

Ein Name, der die Stadt veränderte 

Die Hillside-Strangler-Morde waren längst mehr als ein Strafverfahren. 

Sie hatten das Verhalten einer ganzen Stadt beeinflusst. 

Frauen hatten Angst, nachts allein unterwegs zu sein. Eltern warteten auf ihre Töchter. Jede Nachricht über eine weitere Leiche schien zu bestätigen, dass die Gefahr weiterhin irgendwo zwischen den Straßen, Hügeln und Vororten von Los Angeles lauerte. 

Die Ermittler standen unter enormem Druck. 

Die Mordserie gehörte zu den meistbeachteten Kriminalfällen Kaliforniens in den späten 1970er-Jahren. Die Medien machten aus dem unbekannten Täter eine Figur, die fast mythische Züge annahm. 

Doch der Begriff „Hillside Strangler“ verdeckte eine wichtige Tatsache. 

Es gab keinen einzelnen geheimnisvollen Mann. 

Es gab zwei Männer. 

Und einer von ihnen hatte jahrelang ein scheinbar gewöhnliches Leben geführt. 

Was von den Opfern blieb 

Hinter dem Namen „Hillside Strangler“ standen zehn Menschen. 

Yolanda Washington war 19 Jahre alt. 

Judith Lynn Miller war 15. 

Lissa Kastin war 21. 

Jane King war 28. 

Dolores Cepeda war zwölf. 

Sonja Johnson war 14. 

Kristina Weckler war 20. 

Lauren Wagner war 18. 

Kimberly Martin war 17. 

Cindy Lee Hudspeth war 20. 

Sie waren keine Aktennummern und keine Figuren in einem Kriminalfall. Sie hatten Familien, Freunde, Pläne und alltägliche Leben. 

Die Berichterstattung über die Mordserie konzentrierte sich zwangsläufig auf die Täter und die Suche nach ihnen. Doch die Geschichte begann nicht mit Angelo Buono und Kenneth Bianchi. 

Sie begann mit zehn Frauen und Mädchen, deren Leben gewaltsam beendet wurde. 

Das Ende von Angelo Buono 

Buono verbrachte den Rest seines Lebens im Gefängnis. 

Er zeigte nach seiner Verurteilung keine Bereitschaft, seine Rolle so anzuerkennen, wie sie das Gericht festgestellt hatte. Bis zuletzt blieb der Fall von seiner Behauptung geprägt, zu Unrecht verurteilt worden zu sein. 

Am 21. September 2002 starb Angelo Buono im Alter von 67 Jahren im Calipatria State Prison. 

Gefängnisbeamte gingen von einem natürlichen Tod aus. Buono hatte in der Vergangenheit Herzprobleme gehabt; Anzeichen für eine Gewalteinwirkung wurden nicht festgestellt. 

Der Mann, der gemeinsam mit Bianchi eine Stadt in Angst versetzt hatte, starb allein in seiner Gefängniszelle. 

Der Schatten des Falls 

Kenneth Bianchi blieb ebenfalls im Gefängnis. Seine Aussagen hatten Buono hinter Gitter gebracht, doch Bianchi selbst war längst als Täter überführt. 

Damit blieb eine verstörende Ironie dieses Falles bestehen. 

Die Ermittler hatten den „Hillside Strangler“ zunächst als einzelnen Täter gesucht. Erst Jahre später wurde deutlich, dass die Mordserie aus der Verbindung zweier Männer entstanden war. 

Die entscheidende Spur kam nicht aus einem spektakulären forensischen Durchbruch. 

Sie kam aus dem Zusammenbruch eines der Täter. 

Bianchi wurde wegen anderer Morde gefasst. Er versuchte, sich mit einer erfundenen psychischen Störung zu retten. Als diese Täuschung scheiterte, begann er zu reden. 

Seine Aussagen waren widersprüchlich, teilweise unglaubwürdig und juristisch gefährlich. 

Aber sie führten die Ermittler zu Angelo Buono. 

Und dort warteten die Spuren, die Bianchis Geschichte stützen konnten. 

Was bleibt 

Der Fall Angelo Buono ist deshalb bis heute bemerkenswert, weil er mehrere Seiten der amerikanischen Strafjustiz sichtbar machte: die Grenzen menschlicher Erinnerung, die Schwierigkeiten bei der Verfolgung von Serienmorden, die Bedeutung von Zeugenaussagen und die Macht unabhängiger Indizien. 

Er zeigte auch, wie gefährlich ein Täter sein konnte, der nicht wie ein Monster aussah. 

Buono war kein Fremder, der aus dem Dunkeln kam und anschließend wieder verschwand. 

Er hatte eine Werkstatt. 

Ein Haus. 

Familienangehörige. 

Kunden. 

Ein alltägliches Leben. 

Und genau darin lag ein Teil des Schreckens. 

Während Los Angeles nach einem unbekannten Mörder suchte, lebte der Mann, der später für neun der zehn angeklagten Morde verurteilt werden sollte, mitten in dieser Stadt. 

Die Hügel von Los Angeles wurden damals zu Symbolen der Angst. Jahrzehnte später sind sie vor allem Orte einer Vergangenheit, in der zehn junge Leben ausgelöscht wurden. 

Der Name „Hillside Strangler“ ist geblieben. 

Doch hinter diesem Namen standen nicht die Legende und das Phantom, die die Schlagzeilen einst erschufen. 

Dahinter standen zwei Männer. 

Und zehn Opfer, deren Namen nicht vergessen werden sollten. 
19 Minuten
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 Der Morgen des 15. September 2006 begann unscheinbar. Auf einem Fahrradweg in Amherst im US-Bundesstaat New York war die Luft kühl, die Wege noch ruhig. Spaziergänger und Jogger nutzten die frühen Stunden, ohne zu ahnen, dass sich dort erneut ein Gewaltverbrechen ereignen würde. Wenig später fanden Ermittler eine schwer verletzte Frau. Sie hatte einen brutalen Angriff überlebt. Anders als frühere Opfer konnte sie den Täter beschreiben. Es war der Moment, der einen jahrzehntelang ungelösten Fall entscheidend verändern sollte. 

Was damals noch niemand wusste: Der Mann, nach dem die Polizei suchte, führte seit Jahren ein scheinbar normales Leben. Er war verheiratet, Vater, arbeitete als Ingenieur und galt in seiner Nachbarschaft als unauffällig. Hinter dieser Fassade verbarg sich jedoch ein Serienmörder, der über fast drei Jahrzehnte hinweg Frauen auf abgelegenen Wegen überfallen, missbraucht und mehrere von ihnen getötet hatte. Die Öffentlichkeit sollte ihn später unter einem Namen kennenlernen, der seine bevorzugten Tatorte beschrieb: „Bike Path Killer“. 

Ein Leben zwischen Normalität und Gewalt 

Altemio Sanchez wurde 1958 in Puerto Rico geboren. Später zog seine Familie in die Vereinigten Staaten. Er studierte Ingenieurwissenschaften und arbeitete über viele Jahre als Konstrukteur in der Region Buffalo im Bundesstaat New York. Nach außen entsprach sein Leben dem Bild eines erfolgreichen Familienvaters. 

Nachbarn beschrieben ihn später als höflich und ruhig. Kollegen erinnerten sich an einen zuverlässigen Mitarbeiter. Nichts deutete auf die Gewalt hin, die sich parallel zu seinem Alltag entwickelte. 

Gerade diese Diskrepanz faszinierte Kriminalpsychologen. Wie bei zahlreichen Serienmördern gelang es Sanchez über Jahrzehnte, zwei vollkommen getrennte Identitäten aufrechtzuerhalten. Während Familie und Arbeitsumfeld kaum Auffälligkeiten bemerkten, entwickelte sich außerhalb seines Alltags ein Muster schwerster Sexual- und Gewaltverbrechen. 

Die ersten Morde 

Im Jahr 1981 verschwand die 21-jährige Sandra Scheuer während eines Spaziergangs in der Nähe eines Radwegs in Amherst. Wenig später wurde ihre Leiche entdeckt. Sie war sexuell angegriffen und getötet worden. 

Damals verfügte die Kriminaltechnik noch nicht über jene Möglichkeiten, die Jahrzehnte später selbstverständlich sein würden. Zwar sicherten Ermittler zahlreiche Spuren, doch konkrete Hinweise auf den Täter fehlten. 

Nur wenige Monate später wurde die Studentin Phyllis Gorman auf ähnliche Weise angegriffen und ermordet. Erneut führte die Spur zu einem abgelegenen Weg im Raum Buffalo. Wieder schien der Täter gezielt Frauen auszuwählen, die allein unterwegs waren. 

Für die Ermittler entstand allmählich der Verdacht, dass beide Taten zusammenhingen. Doch belastbare Beweise fehlten. 

Jahre der Unsicherheit 

Nach den ersten Morden folgten weitere Angriffe. Mehrere Frauen wurden auf Rad- und Wanderwegen überfallen. Manche konnten fliehen oder überlebten schwer verletzt. Andere hatten diese Chance nicht. 

Der Täter bewegte sich mit bemerkenswerter Vorsicht. Er griff überraschend an, verschwand schnell vom Tatort und hinterließ nur wenige verwertbare Hinweise. 

Die Bevölkerung in Erie County reagierte zunehmend verunsichert. Vor allem Frauen mieden abgelegene Wege oder gingen nur noch in Begleitung spazieren. Immer wieder veröffentlichten Behörden Warnungen und baten um Hinweise aus der Bevölkerung. 

Dennoch verliefen die Ermittlungen über Jahre im Kreis. 

Ein Fall wird zum Cold Case 

Mit jedem weiteren Jahr wuchs die Zahl der Ermittlungsakten. Zeugen wurden erneut befragt, Verdächtige überprüft und Spuren mehrfach ausgewertet. Die Ermittler arbeiteten inzwischen mit Spezialisten für Serienverbrechen zusammen. 

Obwohl moderne DNA-Analysen in den 1990er-Jahren immer leistungsfähiger wurden, blieb der Täter unbekannt. Zwar konnte genetisches Material aus mehreren Tatorten gesichert werden, doch es fand sich kein Treffer in den damaligen Datenbanken. 

Für die Angehörigen der Opfer bedeutete dies jahrzehntelange Ungewissheit. Immer wieder hofften sie auf einen Durchbruch. Gleichzeitig mussten sie erleben, wie die Ermittlungen öffentlich als einer der hartnäckigsten ungelösten Serienmordfälle im Westen des Bundesstaates New York bezeichnet wurden. 

Der Angriff von 2006 

Fast 25 Jahre nach den ersten Morden schlug der Täter erneut zu. 

Eine Frau wurde auf einem Radweg brutal angegriffen, überlebte jedoch. Anders als frühere Opfer konnte sie wichtige Informationen liefern. Ihre Aussage half den Ermittlern dabei, das Täterprofil deutlich einzugrenzen. 

Parallel dazu wurden alte DNA-Spuren erneut untersucht. Die Technik hatte sich inzwischen erheblich weiterentwickelt. Selbst kleinste genetische Rückstände konnten nun zuverlässig ausgewertet werden. 

Den entscheidenden Hinweis brachte schließlich eine verdeckte Maßnahme. 

Die Zigarette 

Ermittler konzentrierten sich auf Altemio Sanchez, nachdem verschiedene Hinweise ihn in den Fokus gerückt hatten. Nun benötigten sie einen rechtsverwertbaren DNA-Vergleich. 

Ohne dass Sanchez Verdacht schöpfte, observierten ihn Beamte über längere Zeit. Als er eine weggeworfene Zigarettenkippe hinterließ, sicherten Ermittler den Gegenstand. 

Die darauf enthaltene DNA wurde mit den jahrzehntealten Tatortspuren verglichen. 

Das Ergebnis war eindeutig. 

Nach Angaben der Ermittler stimmte das genetische Profil mit den Spuren mehrerer Tatorte überein. Jahrzehnte intensiver Ermittlungsarbeit verdichteten sich plötzlich zu einem einzigen wissenschaftlichen Beweis. 

Am 22. September 2006 wurde Altemio Sanchez festgenommen. 

Das Ende eines Doppellebens 

Für Familie, Freunde und Kollegen kam die Verhaftung überraschend. Viele konnten kaum glauben, dass der ruhige Ingenieur mit einer Serie schwerster Gewaltverbrechen in Verbindung gebracht wurde. 

Die Nachricht verbreitete sich rasch in den regionalen und nationalen Medien. Zahlreiche Berichte beschäftigten sich mit der Frage, wie ein Mann über Jahrzehnte hinweg ein scheinbar normales Familienleben führen und gleichzeitig als Serienmörder unerkannt bleiben konnte. 

Auch ehemalige Ermittler äußerten Erleichterung. Einige hatten einen Großteil ihrer beruflichen Laufbahn an dem Fall gearbeitet. 

Das Geständnis 

Während der Ermittlungen legte Sanchez schließlich ein umfassendes Geständnis ab. 

Er räumte mehrere Morde sowie zahlreiche sexuelle Übergriffe ein. Die Aussagen bestätigten viele Erkenntnisse der Ermittler und halfen dabei, offene Fragen einzelner Tatkomplexe zu klären. 

Gleichzeitig zeigte sich erneut, welche Bedeutung moderne DNA-Analysen inzwischen für sogenannte Cold Cases gewonnen hatten. Ohne den technischen Fortschritt wäre der Täter möglicherweise nie identifiziert worden. 

Der Prozess 

Vor Gericht bekannte sich Altemio Sanchez schuldig. 

Er gestand die Morde an Sandra Scheuer, Phyllis Gorman und Linda Yalem sowie zahlreiche weitere Sexualdelikte und Überfälle. Durch das Schuldbekenntnis blieb den Familien der Opfer ein langwieriger Prozess mit umfangreichen Zeugenaussagen erspart. 

Das Gericht verurteilte ihn 2008 zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe ohne Möglichkeit einer vorzeitigen Entlassung. 

In den Urteilsbegründungen wurde die außergewöhnliche Brutalität der Taten ebenso hervorgehoben wie die jahrzehntelange Serie von Angriffen, die das Sicherheitsgefühl einer ganzen Region nachhaltig erschüttert hatte. 

Die Bedeutung des Falls 

Der Fall Altemio Sanchez gilt heute als eines der bekanntesten Beispiele dafür, wie moderne Forensik jahrzehntealte Serienverbrechen aufklären kann. 

Vor allem der Einsatz der DNA-Analyse veränderte die Ermittlungsarbeit grundlegend. Spuren, die in den frühen 1980er-Jahren kaum ausgewertet werden konnten, entwickelten sich Jahrzehnte später zum entscheidenden Beweismittel. 

Kriminalisten verweisen bis heute auf diesen Fall, wenn sie die Bedeutung einer sorgfältigen Spurensicherung betonen. Selbst kleinste biologische Rückstände können noch Jahrzehnte später den entscheidenden Durchbruch bringen. 

Das Vermächtnis eines langen Ermittlungswegs 

Für die Angehörigen der Opfer konnte das Urteil den Verlust ihrer Familienmitglieder nicht ungeschehen machen. Dennoch bedeutete die Verurteilung das Ende jahrzehntelanger Ungewissheit. 

Der Name Altemio Sanchez bleibt untrennbar mit einer Serie von Gewaltverbrechen verbunden, die über fast drei Jahrzehnte ungelöst geblieben war. Ebenso steht der Fall für die Ausdauer von Ermittlern, die alte Akten nie vollständig schlossen, sondern immer wieder überprüften, sobald neue kriminaltechnische Möglichkeiten verfügbar wurden. 

Am Ende war es weder ein spektakuläres Geständnis noch ein zufälliger Zeuge, der den „Bike Path Killer“ überführte. Es war eine winzige DNA-Spur – konserviert über Jahrzehnte – und die Beharrlichkeit von Ermittlern, die den Glauben an eine späte Gerechtigkeit nie aufgegeben hatten. 
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 Eine Spur aus Gewalt 

Als Ermittler Mitte der 1980er-Jahre die Ereignisse rekonstruierten, zeigte sich nach und nach das Ausmaß einer Verbrechensserie, die selbst erfahrene Kriminalbeamte erschütterte. Tatorte verteilten sich über mehrere Orte in Nordengland. Die Opfer kannten ihren Mörder häufig nur flüchtig oder gar nicht. Manche wurden erschlagen, andere erstochen oder auf andere Weise getötet. Die Brutalität der Taten und ihre Unterschiedlichkeit erschwerten den Ermittlern zunächst die Einordnung. 

Lange schienen einzelne Delikte keinen offensichtlichen Zusammenhang zu haben. Erst als Anthony Arkwright festgenommen wurde und umfangreiche Geständnisse ablegte, wurde deutlich, dass zahlreiche ungeklärte Tötungsdelikte auf dieselbe Person zurückzuführen waren. 

Ein Leben voller Instabilität 

Anthony Arkwright wurde 1955 in England geboren. Seine Kindheit und Jugend waren von schwierigen familiären Verhältnissen geprägt. Bereits früh geriet er mit dem Gesetz in Konflikt. Gewalt spielte in seinem Leben schon lange vor den späteren Morden eine Rolle. 

Im Erwachsenenalter lebte Arkwright ohne stabile soziale Bindungen. Er hielt sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser und wechselte häufig seinen Aufenthaltsort. Immer wieder fiel er durch Straftaten auf. Seine Biografie zeichnete das Bild eines Mannes, dessen Leben zunehmend von Kriminalität, sozialer Isolation und psychischen Problemen bestimmt wurde. 

Spätere psychiatrische Gutachten beschäftigten sich intensiv mit seiner Persönlichkeit. Im Prozess spielte insbesondere die Frage eine Rolle, inwieweit psychische Erkrankungen oder Persönlichkeitsstörungen seine Schuldfähigkeit beeinflusst hatten. Dennoch kamen die Gerichte zu dem Ergebnis, dass er strafrechtlich verantwortlich war. 

Die Mordserie 

Zwischen 1987 und 1988 tötete Anthony Arkwright insgesamt neun Menschen. Die Opfer waren Männer und Frauen unterschiedlichen Alters. Ein einheitliches Tatmuster ließ sich nur schwer erkennen. 

Teilweise entstanden die Gewalttaten offenbar aus Streitigkeiten oder spontanen Konflikten. Andere Morde wirkten nahezu wahllos. Die Tatmittel wechselten ebenso wie die Vorgehensweise. Gerade diese Variabilität erschwerte es den Ermittlern, frühzeitig einen Serientäter zu identifizieren. 

Nach außen führte Arkwright kein besonders auffälliges Leben. Während Angehörige um Vermisste trauerten und einzelne Tötungsdelikte untersucht wurden, geriet der eigentliche Täter zunächst nicht in den Fokus der Polizei. 

Mit jedem weiteren Verbrechen wuchs jedoch die Zahl offener Fragen. Erst die spätere Gesamtschau offenbarte, dass zahlreiche Ermittlungsverfahren miteinander verbunden waren. 

Der entscheidende Durchbruch 

Der Wendepunkt kam 1988. Anthony Arkwright wurde zunächst wegen anderer Straftaten festgenommen. Während der Vernehmungen entwickelte sich der Fall in eine völlig unerwartete Richtung. 

Arkwright begann, über Tötungsdelikte zu sprechen. Seine Aussagen führten Ermittler zu bislang ungeklärten Fällen und lieferten Details, die nur der Täter kennen konnte. Polizeibeamte überprüften jedes einzelne Geständnis sorgfältig. 

Tatorte wurden erneut untersucht. Forensische Erkenntnisse, Zeugenaussagen und kriminaltechnische Spuren wurden mit den neuen Informationen abgeglichen. Obwohl moderne DNA-Analysen damals noch nicht die heutige Bedeutung hatten, gelang es den Ermittlern, zahlreiche Aussagen mit objektiven Beweisen zu untermauern. 

Nicht jedes Detail seiner Geständnisse erwies sich als vollständig korrekt. Dennoch bestätigten die Ermittlungen, dass Anthony Arkwright für neun Morde verantwortlich war. 

Ermittlungen unter schwierigen Bedingungen 

Die Aufklärung stellte die britischen Strafverfolgungsbehörden vor erhebliche Herausforderungen. Mehrere Polizeidienststellen mussten ihre Akten zusammenführen. Unterschiedliche Ermittlungsansätze wurden miteinander verglichen. 

Kriminalbeamte rekonstruierten die Bewegungen des Täters über Monate hinweg. Zeugen wurden erneut befragt. Bereits abgeschlossene Ermittlungsakten mussten geöffnet werden. In einigen Fällen bestätigten neue Erkenntnisse Vermutungen, die zuvor mangels Beweisen nicht weiterverfolgt worden waren. 

Besonders wichtig waren Arkwrights detaillierte Angaben zu einzelnen Tatorten und Abläufen. Viele dieser Informationen waren nie öffentlich bekannt geworden. Dadurch erhielten seine Aussagen ein erhebliches Gewicht. 

Der Prozess 

Vor Gericht wurde Anthony Arkwright wegen neun Morden angeklagt. Der Prozess zog große öffentliche Aufmerksamkeit auf sich. Die Staatsanwaltschaft zeichnete das Bild eines Mannes, dessen Gewaltbereitschaft sich über Jahre entwickelt hatte und schließlich in einer außergewöhnlichen Serie tödlicher Verbrechen gipfelte. 

Die Verteidigung verwies auf psychische Auffälligkeiten und psychiatrische Befunde. Dennoch gelangte das Gericht zu der Überzeugung, dass Arkwright die Tragweite seines Handelns erkannt hatte und strafrechtlich verantwortlich war. 

Er wurde in allen wesentlichen Anklagepunkten schuldig gesprochen. 

Das Gericht verhängte eine lebenslange Freiheitsstrafe. Zugleich wurde angeordnet, dass Anthony Arkwright niemals aus dem Gefängnis entlassen werden sollte. Damit gehörte er zu den wenigen Straftätern in England und Wales, gegen die eine sogenannte Whole-Life-Order ausgesprochen wurde – eine Strafe, die praktisch eine Haft bis zum Tod bedeutet. 

Ein Fall mit bleibender Wirkung 

Die Mordserie löste in Großbritannien intensive Diskussionen aus. Viele Beobachter fragten sich, weshalb die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Taten so lange unentdeckt geblieben waren. Der Fall machte deutlich, wie schwierig Ermittlungen sein können, wenn Opfer keinen gemeinsamen sozialen Hintergrund haben und Tatorte über verschiedene Regionen verteilt sind. 

Kriminalisten betrachteten den Fall später als Beispiel dafür, wie wichtig der Informationsaustausch zwischen Polizeibehörden ist. Auch die Bedeutung sorgfältiger Fallanalysen rückte stärker in den Mittelpunkt. 

Medien berichteten ausführlich über die Serie. Dokumentationen und True-Crime-Formate griffen den Fall immer wieder auf. Dabei standen weniger spektakuläre Details als vielmehr die Frage im Vordergrund, wie ein einzelner Täter über einen längeren Zeitraum so viele Menschen töten konnte, ohne frühzeitig identifiziert zu werden. 

Für die Angehörigen der Opfer bedeutete das Urteil zwar einen juristischen Abschluss, nicht jedoch das Ende ihres Verlustes. Viele Familien mussten über Jahre hinweg mit der Ungewissheit leben, bevor die Wahrheit ans Licht kam. Erst durch die umfassenden Ermittlungen konnten zahlreiche Verbrechen aufgeklärt und den Opfern sowie ihren Angehörigen zumindest ein Teil der offenen Fragen beantwortet werden. 

Der Name Anthony Arkwright blieb deshalb nicht nur mit einer außergewöhnlich hohen Zahl von Tötungsdelikten verbunden, sondern auch mit den Lehren, die Polizei und Justiz aus einem der schwersten Serienmordfälle der britischen Nachkriegsgeschichte zogen. 
22 Minuten
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 Der Nachmittag des 14. April 2006 wirkte zunächst unspektakulär. In einem Wohngebiet von Hamilton im US-Bundesstaat Ohio gingen Menschen ihren alltäglichen Beschäftigungen nach. Erst als Angehörige die 13-jährige Esme Kenney vermissten und kurze Zeit später ihre Leiche entdeckt wurde, begann sich das Bild eines Verbrechens abzuzeichnen, das die Region erschüttern sollte. Ermittler fanden Hinweise auf massive Gewalt. Schon bald führte eine Spur zu einem Mann, dessen Name den Strafverfolgungsbehörden längst bekannt war: Anthony C. Kirkland. 

Dass Kirkland überhaupt frei herumlief, machte den Fall besonders brisant. Bereits Jahre zuvor war er wegen schwerster Gewalttaten an jungen Frauen verurteilt worden. Dennoch war er nach Verbüßung seiner Strafe wieder auf freiem Fuß gewesen. Die Ermordung eines Kindes ließ eine alte Debatte mit neuer Wucht aufflammen: Hätte diese Tat verhindert werden können? 

Eine schwierige Kindheit und frühe Gewalt 

Anthony Charles Kirkland wurde 1971 geboren und wuchs in Cincinnati, Ohio, auf. Öffentliche Gerichtsunterlagen und spätere Aussagen zeichneten das Bild einer von Instabilität geprägten Kindheit. Berichtet wurde von schwierigen familiären Verhältnissen, Vernachlässigung und einem Umfeld, das von Gewalt geprägt gewesen sein soll. 

Solche Lebensumstände erklären keine späteren Taten, doch Sachverständige verwiesen später darauf, dass sich bei Kirkland bereits früh erhebliche soziale und emotionale Defizite gezeigt hätten. Gleichzeitig entwickelte er ein kriminelles Verhalten, das sich im Laufe der Jahre zunehmend steigerte. 

Als junger Erwachsener geriet er wiederholt mit dem Gesetz in Konflikt. Seine Delikte wurden schwerwiegender, und sein Umgang mit Frauen entwickelte sich zu einem zentralen Bestandteil späterer Ermittlungen. 

Die ersten Morde 

Im Jahr 1987 verschwand die 19-jährige Mary Catherine Heideman. Wenig später wurde ihre Leiche gefunden. Sie war Opfer eines Gewaltverbrechens geworden. 

Nur wenige Monate danach wurde auch die 18-jährige Vanessa Seidl getötet. Beide jungen Frauen kannten ihren späteren Täter. 

Die Ermittlungen führten schließlich zu Anthony Kirkland. Er gestand die Taten und wurde Anfang der 1990er-Jahre verurteilt. Da er zum Zeitpunkt der Morde noch minderjährig gewesen war, fiel das Strafmaß anders aus, als es bei einem erwachsenen Täter möglich gewesen wäre. 

Kirkland erhielt eine langjährige Freiheitsstrafe, jedoch keine lebenslange Haft ohne Aussicht auf Entlassung. Nach damaliger Rechtslage bestand die Möglichkeit einer späteren Freilassung. 

Für viele Angehörige der Opfer blieb dieses Urteil schwer nachvollziehbar. Die Schwere der Verbrechen stand aus ihrer Sicht in keinem Verhältnis zu der realistischen Aussicht, dass der Täter eines Tages wieder in Freiheit leben könnte. 

Die Entlassung 

Nach rund anderthalb Jahrzehnten im Gefängnis wurde Anthony Kirkland 2003 entlassen. 

Offiziell galt er als jemand, der seine Strafe verbüßt hatte. Doch seine Vergangenheit ließ sich nicht auslöschen. Strafverfolger beobachteten seine Entwicklung mit Aufmerksamkeit, konkrete rechtliche Möglichkeiten, ihn dauerhaft festzuhalten, bestanden jedoch nicht. 

In den folgenden Jahren lebte Kirkland erneut in Ohio. Nach außen führte er ein vergleichsweise unauffälliges Leben. Nichts deutete öffentlich darauf hin, dass sich wenige Jahre später eine neue Mordserie entwickeln würde. 

Das Verschwinden von Esme Kenney 

Im Frühjahr 2006 verschwand die 13-jährige Esme Kenney. 

Die Suche nach dem Mädchen entwickelte sich rasch zu einem Großeinsatz. Familie, Nachbarn und Polizei hofften zunächst auf ein glückliches Ende. 

Stattdessen fanden Ermittler ihre Leiche. Die Spurenlage zeigte, dass sie Opfer eines Tötungsdelikts geworden war. 

Schon bald geriet Anthony Kirkland ins Visier der Ermittlungen. Zeugenhinweise und forensische Beweise führten die Ermittler zu ihm. 

Die Polizei nahm ihn fest. 

Während der Vernehmungen begann Kirkland zu sprechen. 

Ein erschütterndes Geständnis 

Die Ermittler gingen zunächst davon aus, lediglich den Mord an Esme Kenney aufzuklären. 

Doch Kirkland machte Angaben, die weit über diesen Fall hinausgingen. 

Er führte die Ermittler zu weiteren Tatorten und gestand mehrere bislang ungeklärte Morde an jungen Frauen und Mädchen. 

Zu seinen später nachgewiesenen Opfern gehörten Andrea Rozum, Christina Woods und Dawn Price. Einige Opfer galten über längere Zeit als vermisst. Erst durch Kirklands Aussagen und die anschließenden Suchmaßnahmen konnten sterbliche Überreste gefunden und die Fälle endgültig aufgeklärt werden. 

Die Geständnisse erschütterten selbst erfahrene Ermittler. Mehrere Familien erhielten erst Jahre nach dem Verschwinden ihrer Angehörigen Gewissheit über deren Schicksal. 

Die Ermittlungsarbeit 

Die Polizei stand nun vor einer komplexen Aufgabe. 

Jede einzelne Tat musste unabhängig von den Geständnissen bewiesen werden. Ermittler werteten alte Vermisstenakten aus, überprüften frühere Zeugenaussagen erneut und kombinierten moderne kriminaltechnische Methoden mit klassischen Ermittlungsansätzen. 

Forensische Untersuchungen spielten dabei eine entscheidende Rolle. DNA-Spuren, Fundorte menschlicher Überreste und weitere Sachbeweise stützten zahlreiche Aussagen Kirklands. 

Nicht jedes Detail seiner Geständnisse erwies sich als vollständig oder präzise. Deshalb mussten die Strafverfolger jede Behauptung sorgfältig überprüfen. 

Die Ermittlungen zogen sich über Jahre hin und führten zu mehreren getrennten Strafverfahren. 

Der Prozess 

Vor Gericht stand Anthony Kirkland wegen mehrerer Morde sowie weiterer schwerer Straftaten. 

Die Staatsanwaltschaft zeichnete das Bild eines gefährlichen Serientäters, der trotz früher Verurteilungen erneut schwere Gewaltverbrechen begangen hatte. 

Die Verteidigung verwies unter anderem auf seine schwierige Kindheit sowie psychologische Belastungen. Dennoch standen die umfangreichen Beweise und seine eigenen Geständnisse im Mittelpunkt des Verfahrens. 

Angehörige der Opfer schilderten vor Gericht eindringlich die jahrelange Ungewissheit und den Schmerz, der mit den Taten verbunden gewesen war. Viele hatten über Jahre auf Antworten gewartet. 

Schließlich sprach das Gericht Anthony Kirkland in mehreren Anklagepunkten schuldig. 

Er wurde zum Tode verurteilt. 

Ein Urteil im Wandel 

Die juristische Geschichte des Falls endete jedoch nicht mit dem Todesurteil. 

Nach mehreren Entscheidungen des Obersten Gerichtshofs der Vereinigten Staaten, die den Umgang mit Straftätern betrafen, welche zur Tatzeit minderjährig gewesen waren, mussten zahlreiche Verfahren bundesweit neu bewertet werden. 

Da Kirklands erste Doppelmorde aus seiner Jugend stammten, wirkten sich diese Entscheidungen auch auf Teile seines Falls aus. 

Die späteren Verurteilungen wegen der Morde nach seiner Entlassung blieben davon jedoch unberührt. In den folgenden Jahren wurde seine Todesstrafe schließlich aufgehoben und in lebenslange Freiheitsstrafen ohne Möglichkeit einer vorzeitigen Entlassung umgewandelt. 

Damit wird Anthony Kirkland den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen. 

Eine Debatte über Resozialisierung und Risiko 

Der Fall Anthony Kirkland löste in Ohio eine intensive Diskussion über den Umgang mit jugendlichen Gewaltstraftätern aus. 

Besonders die Tatsache, dass er bereits wegen zweifachen Mordes verurteilt worden war und nach seiner Haftentlassung erneut mehrere Menschen tötete, wurde zu einem Symbol für die Risiken fehlerhafter Gefahrenprognosen. 

Kriminologen verwiesen darauf, dass die meisten jugendlichen Straftäter nicht erneut derart schwere Gewaltverbrechen begehen. Gleichzeitig zeigte dieser Fall, wie schwierig es sein kann, das zukünftige Risiko einzelner Täter realistisch einzuschätzen. 

Auch Angehörige der Opfer äußerten immer wieder die Überzeugung, dass mehrere Leben hätten gerettet werden können, wenn Kirkland nach seinen ersten Verurteilungen nie wieder freigekommen wäre. 

Das Vermächtnis eines erschütternden Falls 

Heute zählt Anthony C. Kirkland zu den bekanntesten Serienmördern aus Ohio. 

Sein Fall steht nicht nur für eine Reihe grausamer Gewaltverbrechen, sondern auch für die Grenzen des Strafrechts und die schwierige Balance zwischen Resozialisierung und öffentlicher Sicherheit. 

Für die Familien der Opfer blieb unabhängig von allen juristischen Entscheidungen vor allem eines bestehen: der unwiederbringliche Verlust geliebter Menschen. 

Während Gerichte über Paragraphen, Strafmaße und verfassungsrechtliche Fragen entschieden, endete für mehrere Familien ein normales Leben an den Tagen, an denen ihre Töchter verschwanden. Diese Schicksale prägen die Erinnerung an den Fall bis heute stärker als der Name des Täters selbst. 
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 Ein Winterabend, der alles veränderte 

Als die Ermittler am 28. Dezember 1977 die Wohnung des 22-jährigen Andrei Evseev betraten, fanden sie zunächst kaum etwas, das auf einen der meistgesuchten Gewaltverbrecher der Sowjetunion hindeutete. Die Räume wirkten unscheinbar. Doch zwischen alltäglichen Gegenständen stießen sie auf ein Hundehalsband – später identifiziert als Eigentum eines Mordopfers. Von Schmuck fehlte jede Spur. 

Erst Tage später brachte eine beiläufige Bemerkung des Festgenommenen die Ermittlungen entscheidend voran. Gegenüber einem Zellengenossen sagte Evseev, seine Mutter werde wohl inzwischen „Kuchen mit Schmuck backen“. Der Mitgefangene arbeitete als Informant. Die Ermittler kehrten zurück. Tatsächlich entdeckten sie die gestohlenen Wertgegenstände in einem Mehlsack versteckt. 

Damit endete eine mehrjährige Mordserie, die Moskau und das Umland in den 1970er-Jahren erschüttert hatte. Ein Täter, den Überlebende als höflich wirkenden jungen Mann mit Koteletten und freundlichen Augen beschrieben hatten, gestand schließlich neun Morde, zahlreiche weitere Gewalttaten und Dutzende Raubüberfälle. 

Ein unstetes Leben 

Andrei Nikolajewitsch Evseev wurde 1955 im Moskauer Gebiet geboren. Seine Schulzeit endete früh. Nach der siebten Klasse wechselte er zwischen verschiedenen Gelegenheitsarbeiten, unter anderem als Modell, Laborassistent und Matrose. Bereits als junger Mann wurde er zeitweise psychiatrisch behandelt. Später schilderte er diese Zeit als traumatisch und belastend. 

Nach außen führte Evseev kein Leben, das ihn automatisch in den Fokus der Behörden gerückt hätte. Er bewegte sich unauffällig durch den sowjetischen Alltag. Hinter dieser Fassade entwickelte sich jedoch eine Serie extremer Gewalttaten, deren Muster zunächst niemand erkannte. 

Die ersten Morde 

Im August 1974 wurde im damaligen Zagorsk eine 16-jährige Schülerin erstochen. Nur einen Tag später fiel ein älterer Koch einem weiteren Messerangriff zum Opfer. Der Täter entwendete neben Geld sogar Lebensmittel – darunter ein Hähnchen und in der damaligen Sowjetunion seltene importierte Pfirsiche. 

Die Ermittlungen verliefen zunächst in die falsche Richtung. Ein junger Soldat geriet unter Verdacht und legte sogar ein Geständnis ab, das sich später als unhaltbar erwies. Währenddessen blieb der eigentliche Täter unbehelligt und setzte seine Taten fort. 

Ein Täter ohne klares Muster 

In den folgenden Wochen häuften sich Messerangriffe in Moskau. Einige Opfer überlebten schwer verletzt und beschrieben unabhängig voneinander denselben Mann. 

Mehrere Frauen trugen rote Kleidung. In der Bevölkerung entstand deshalb der Eindruck, ein Serienmörder habe es gezielt auf Frauen in Rot abgesehen. Dieser Beiname verbreitete sich schnell. Tatsächlich griff Evseev später jedoch auch Menschen an, die dieses Merkmal nicht aufwiesen. Das vermeintliche Muster erwies sich als unzuverlässig. 

Seine Opfer wurden überwiegend ausgeraubt. Manche starben sofort, andere erlagen später ihren Verletzungen. Ein Student überlebte ebenso wie mehrere weitere Angegriffene und lieferte wichtige Täterbeschreibungen. 

Der Versuch, die Ermittler zu täuschen 

Besonders ungewöhnlich war ein Mord im September 1974. Das Opfer ähnelte Evseev äußerlich stark und hatte viele Jahre im Gefängnis verbracht. 

Nach den Ermittlungen zog der Täter dem Getöteten seine eigene Kleidung an, offenbar um den Eindruck zu erwecken, der Gesuchte sei selbst tot. Tatsächlich beschäftigten sich die Ermittler zeitweise mit genau dieser Möglichkeit. Der Plan verzögerte die Aufklärung erheblich und zeigte, dass Evseev seine Taten nicht impulsiv, sondern teilweise mit erheblicher Berechnung ausführte. 

Angst in der Hauptstadt 

Im Oktober 1974 eskalierte die Situation. Innerhalb kurzer Zeit kam es zu mehreren Überfällen im Tagansky-Bezirk sowie an verschiedenen Metrostationen. Die Angriffe folgten dicht aufeinander. Mehrere Menschen starben. 

Die Unsicherheit in Moskau wuchs. Der Fall erhielt enorme Aufmerksamkeit innerhalb der sowjetischen Sicherheitsbehörden. Die Sorge war so groß, dass sich Innenminister Nikolai Schtschelokow öffentlich an die Bevölkerung wandte und zu besonderer Vorsicht aufrief – ein außergewöhnlicher Schritt für einen Staat, der Serienkriminalität nur ungern öffentlich thematisierte. 

Nach dieser ungewöhnlichen Warnung verschwanden die Angriffe zunächst fast vollständig. Rund zwei Jahre lang blieb es vergleichsweise ruhig. Ermittler gingen später davon aus, dass die verstärkte Fahndung und die öffentliche Aufmerksamkeit den Täter verunsichert hatten. 

Die Rückkehr 

1976 tauchte Evseev erneut auf. Wieder kam es zu Raubüberfällen, von denen einige tödlich endeten. 

1977 erreichte die Gewalt einen neuen Höhepunkt. Unter den Opfern befand sich Lydia Kuprijanowa, die Ehefrau des bekannten sowjetischen Künstlers Michail Kuprijanow. Nach den Ermittlungen missbrauchte Evseev ihr Opfer nach dessen Tod – das einzige öffentlich dokumentierte Sexualdelikt seiner Mordserie. 

Nur wenige Wochen später tötete er eine weitere Frau in Sofrino. Diesmal beobachteten Zeugen einen verdächtigen Mann. Die Aussagen führten zunächst zu einem anderen Verdächtigen, der jedoch glaubhaft erklären konnte, wie er an die belastende Kleidung gelangt war. Erst weitere Hinweise brachten die Ermittler schließlich auf Evseev. 

Die entscheidenden Spuren 

Ein Zeuge erinnerte sich an einen Mann in Eisenbahneruniform. Die Ermittler verglichen vorhandene Personalunterlagen und stießen dabei auf Evseev, der bereits kriminalpolizeilich bekannt war. 

Seine Festnahme erfolgte kurz vor dem Jahreswechsel 1977. 

Während der Verhöre verweigerte Evseev zunächst jede Aussage. Berichten zufolge erklärte er sich erst zur Kooperation bereit, nachdem ihm gesalzener Hering gebracht worden war, den er vollständig – einschließlich der Gräten – verzehrte. 

Schließlich legte er umfassende Geständnisse ab. Nach den Ermittlungen war er für neun Morde, zahlreiche Mordversuche, einen Fall sexueller Gewalt an einer bereits getöteten Person sowie mehr als dreißig Raubüberfälle verantwortlich. 

Psychiatrische Begutachtung und Prozess 

Sachverständige untersuchten den Angeklagten psychiatrisch. Sie diagnostizierten eine dissoziale Persönlichkeitsstörung, kamen jedoch zu dem Schluss, dass Evseev schuldfähig war. 

Reue zeigte er nach den überlieferten Aussagen nicht. Stattdessen äußerte er Verachtung gegenüber Menschen, die ein gewöhnliches Arbeitsleben führten. Selbst während der Untersuchungshaft soll er großen Wert auf körperliche Fitness gelegt und täglich trainiert haben. 

1979 verurteilte ein sowjetisches Gericht Andrei Evseev zum Tode. Das Urteil wurde noch im selben Jahr durch Erschießung vollstreckt. 

Ein Fall mit bleibender Wirkung 

Der Fall Evseev gehört zu den bekanntesten Serienmordfällen der sowjetischen Kriminalgeschichte. Er machte deutlich, wie schwierig die Fahndung nach einem mobilen Einzeltäter in einer Zeit ohne moderne DNA-Analysen, digitale Datenbanken oder flächendeckende Videoüberwachung war. 

Zugleich zeigte der Fall die Grenzen des sowjetischen Informationssystems. Serienmorde passten nicht in das offizielle Selbstbild eines Staates, der Kriminalität häufig als Randerscheinung darstellte. Umso außergewöhnlicher war die öffentliche Warnung des Innenministers – ein Eingeständnis, dass die Behörden den Täter über Jahre nicht stoppen konnten. 

Bis heute bleibt Andrei Evseev als „Tagansky-Maniac“ Teil zahlreicher kriminalhistorischer Analysen und Dokumentationen. Weniger wegen der Zahl seiner Taten als wegen der Kombination aus scheinbarer Unauffälligkeit, jahrelanger Fahndung und einer Mordserie, die eine Millionenstadt in Angst versetzte. 
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 Ein Viertel, das längst aufgehört hatte zu zählen 

Der Winter lag über Chicagos South Side, als Ermittler Ende Januar 2000 einen Mann in Gewahrsam nahmen, der auf den ersten Blick kaum auffiel. Er war einer von vielen Bewohnern des heruntergekommenen Englewood-Viertels, geprägt von Armut, Drogenhandel und verfallenen Häusern. Was die Beamten in den folgenden Stunden hörten, ließ selbst erfahrene Ermittler verstummen. 

Andre Crawford gestand nicht nur mehrere Morde. Er beschrieb sie nüchtern, beinahe routiniert. Er erklärte, dass das Töten für ihn zu einer Sucht geworden sei. Reue zeigte er nicht. Besonders verstörend war ein Detail seiner Aussagen: Nach den Tötungen kehrte er häufig zu den Tatorten zurück, um sexuelle Handlungen an den Leichen seiner Opfer vorzunehmen. DNA-Spuren bestätigten schließlich seine Beteiligung an einer Mordserie, die Chicago über Jahre beschäftigt hatte. 

Noch erschütternder war eine andere Erkenntnis. Crawford war den Ermittlern keineswegs unbekannt. Während Polizei und Anwohner nach dem sogenannten Southside Strangler suchten, hatte er sich zeitweise selbst an Suchaktionen beteiligt und beim Verteilen von Informationsblättern geholfen, die vor genau dem Täter warnten, der er selbst war. 

Eine Kindheit voller Brüche 

Andre Crawford wurde 1962 in Chicago geboren. Sein Vater verließ die Familie früh. Wegen Vernachlässigung kamen Crawford und seine Schwester in eine Pflegefamilie. Während seines späteren Prozesses schilderte Crawford eine Kindheit voller Misshandlungen und sexueller Gewalt. Teile dieser Darstellungen wurden von Angehörigen bestritten oder konnten nie unabhängig bestätigt werden. 

Fest stand jedoch, dass sein Leben früh aus den Fugen geriet. Bereits als Jugendlicher entwickelte er eine Drogenabhängigkeit und brach die Schule ab. Er verpflichtete sich später sowohl bei der Army als auch bei der Navy, konnte seinen Dienst wegen anhaltenden Drogenkonsums jedoch nicht erfolgreich absolvieren und wurde entlassen. 

Nach seiner Rückkehr nach Chicago führte Crawford ein unstetes Leben. Er hielt sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser, lebte zeitweise in Obdachlosenunterkünften oder leerstehenden Häusern und bewegte sich regelmäßig im Rotlichtmilieu. Drogensucht, Alkoholmissbrauch und kleinere Straftaten führten immer wieder zu Polizeikontakten. Dennoch ahnte damals niemand, dass sich hinter dem unscheinbaren Mann einer der gefährlichsten Serienmörder der Stadt verbarg. 

Die Frauen, die kaum jemand vermisste 

Zwischen 1993 und 1999 verschwanden im Englewood-Viertel immer wieder Frauen. Viele kämpften mit schweren Drogenabhängigkeiten. Einige gingen der Prostitution nach, andere lebten am Rand der Gesellschaft. Sie kannten Crawford häufig flüchtig oder begegneten ihm in derselben Drogenszene. 

Er lockte sie unter Vorwänden an abgelegene Orte oder in verlassene Gebäude. Dort wurden sie erdrosselt oder mit einem Messer getötet. Anschließend ließ Crawford die Leichen zunächst zurück, kehrte jedoch später zurück, um sexuelle Handlungen an den Toten vorzunehmen. Insgesamt wurden elf Frauen als seine Mordopfer identifiziert. Zudem überlebte eine weitere Frau einen Angriff im Jahr 1997 schwer verletzt und konnte später gegen ihn aussagen. 

Die Opfer hießen Evandrey Harris, Patricia Dunn, Rhonda King, Angel Shatteen, Shaquanta Langley, Sonja Brandon, Nicole Townsend, Cheryl Cross, Tommie Dennis, Sheryl Johnson und Constance Bailey. Sie standen selten im Mittelpunkt öffentlicher Aufmerksamkeit. Viele Fälle erhielten zunächst nur begrenzte mediale Resonanz – ein Umstand, der später immer wieder kritisch diskutiert wurde. 

Ein Viertel mit mehreren Serienmördern 

Die Ermittlungen gestalteten sich außerordentlich schwierig. Englewood war in den 1990er-Jahren von extremer Gewalt geprägt. Mehrere ungeklärte Tötungsdelikte erschwerten die Zuordnung einzelner Fälle. 

Hinzu kam ein weiterer Serienmörder: Hubert Geralds war ebenfalls in derselben Gegend aktiv. Die parallelen Mordserien führten zu erheblicher Verwirrung. Geralds legte sogar ein Geständnis zu einem Mord ab, der tatsächlich von Crawford begangen worden war. 

Erst nach Crawfords Festnahme wurde deutlich, dass Rhonda Kings Tod fälschlicherweise Geralds zugeschrieben worden war. Die Staatsanwaltschaft hob dessen Verurteilung in diesem Punkt später auf, nachdem DNA-Beweise eindeutig Crawford belasteten. Geralds blieb allerdings wegen anderer Morde weiterhin in Haft. 

Die entscheidende DNA-Spur 

Der Durchbruch gelang nicht durch einen Augenzeugen, sondern durch moderne Forensik. 

Crawford war wegen anderer Delikte bereits mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Im Rahmen eines früheren Verfahrens war eine Blutprobe entnommen worden. Diese DNA konnte Jahre später mehreren Tatorten zugeordnet werden. 

Am 28. Januar 2000 erfolgte die Festnahme. Während der Verhöre gestand Crawford zunächst sieben Morde, räumte anschließend weitere Tötungen sowie zusätzliche Angriffe auf Frauen ein. Die Aussagen überlebender Opfer stützten seine Geständnisse. 

Die Ermittler standen plötzlich vor einem Täter, der seine Verbrechen offen schilderte und erklärte, dass er nicht aufgehört hätte zu töten, wenn er nicht festgenommen worden wäre. 

Fast zehn Jahre bis zum Urteil 

Obwohl Crawford bereits Anfang 2000 festgenommen worden war, begann sein eigentlicher Mordprozess erst im Jahr 2009. 

Verschiedene rechtliche Streitigkeiten, Beweisanträge, Verfahrensfragen und Veränderungen im Umgang mit der Todesstrafe in Illinois verzögerten das Verfahren über Jahre. Crawford verbrachte fast zehn Jahre in Untersuchungshaft – länger als jeder andere Häftling in der Geschichte des Bundesstaates Illinois. 

Während des Prozesses präsentierte die Staatsanwaltschaft DNA-Beweise, Zeugenaussagen und Crawfords eigene Geständnisse. Die Verteidigung verwies unter anderem auf seine schwierige Kindheit und mögliche psychische Folgen früher Traumata. Diese Aspekte konnten jedoch weder seine Schuldfähigkeit infrage stellen noch die erdrückende Beweislage entkräften. 

Im Dezember 2009 sprach die Jury Andre Crawford in sämtlichen Anklagepunkten schuldig. Er wurde wegen elf Morden sowie weiterer schwerer Sexual- und Gewaltverbrechen zu lebenslanger Freiheitsstrafe ohne Möglichkeit einer vorzeitigen Entlassung verurteilt. 

Der Tod hinter Gefängnismauern 

Crawford verbrachte den Rest seines Lebens im Menard Correctional Center in Illinois. 

Am 18. März 2017 starb er dort im Alter von 54 Jahren an Leberkrebs – zwei Tage vor seinem 55. Geburtstag. Seine Haft endete nicht durch Begnadigung oder Revision, sondern durch seinen Tod. 

Ein Fall, der Fragen hinterließ 

Der Fall Andre Crawford zählt bis heute zu den erschütterndsten Serienmordfällen Chicagos. 

Er zeigte, wie besonders verletzliche Opfergruppen häufig weniger öffentliche Aufmerksamkeit erhalten und wie dadurch Mordserien über Jahre unentdeckt bleiben können. Viele der getöteten Frauen kämpften mit Sucht, Armut oder Obdachlosigkeit. Ihre Lebensumstände beeinflussten nicht nur die Wahrnehmung ihrer Fälle, sondern erschwerten auch die Ermittlungen erheblich. 

Ebenso machte der Fall deutlich, welche Bedeutung der kriminaltechnische Fortschritt erlangt hatte. Ohne DNA-Analysen wäre Crawford möglicherweise nie eindeutig mit mehreren Tatorten in Verbindung gebracht worden. 

Besonders verstörend blieb jedoch die Tatsache, dass sich der Täter über Jahre nahezu unauffällig in seinem Umfeld bewegte. Er sprach mit Nachbarn, begegnete Polizisten und beteiligte sich sogar an Maßnahmen zur Suche nach dem Serienmörder. Während die Angst in Englewood wuchs, half der Mann, vor dem gewarnt wurde, selbst dabei, die Warnungen zu verteilen. 

Die Mordserie hinterließ elf bestätigte Todesopfer und ein Viertel, das noch lange mit den Folgen dieser Jahre lebte. Der Name Andre Crawford wurde zu einem Synonym für einen Täter, der sich hinter einem gewöhnlichen Erscheinungsbild verbarg – und dessen Verbrechen erst ans Licht kamen, als wissenschaftliche Beweise stärker waren als jedes Alibi. 
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 Der Morgen war kalt, als Ermittler den dichten Wald des Bitza-Parks im Süden Moskaus betraten. Zwischen hohen Birken und verschlungenen Wegen lag eine Landschaft, die auf den ersten Blick friedlich wirkte. Spaziergänger führten Hunde aus, ältere Menschen sammelten Pilze, Jugendliche nahmen Abkürzungen durch das weitläufige Gelände. Doch für die Kriminalbeamten war der Park längst zu einem Ort geworden, an dem sich immer dieselbe Frage stellte: Wer war für das Verschwinden so vieler Menschen verantwortlich? 

Über Jahre hinweg waren Männer und Frauen scheinbar spurlos verschwunden. Manche galten als obdachlos, andere als einsame Rentner oder Menschen mit Alkoholproblemen. Nicht jeder Fall löste große öffentliche Aufmerksamkeit aus. Oft schien es, als verschwänden die Betroffenen einfach aus ihrem bisherigen Leben. Doch mit jeder weiteren Leiche, die im Park oder in den dortigen Entwässerungsschächten gefunden wurde, verdichtete sich ein Verdacht. Irgendjemand jagte Menschen. 

Als die Ermittler schließlich den Mann festnahmen, den sie für den Täter hielten, offenbarte sich das Ausmaß einer Mordserie, die Russland erschütterte. Alexander Pichushkin erklärte später, er habe noch weit mehr Menschen töten wollen. Sein Ziel, sagte er selbst, sei es gewesen, jede der 64 Felder eines Schachbretts symbolisch mit einem Opfer zu füllen. 

Eine Kindheit zwischen Isolation und Gewaltfantasien 

Alexander Jurjewitsch Pichushkin wurde am 9. April 1974 in Moskau geboren. Seine Kindheit verlief keineswegs unauffällig. Als kleiner Junge erlitt er eine Kopfverletzung, nachdem er von einer Schaukel gestürzt war. Ob diese Verletzung langfristige Auswirkungen auf seine Persönlichkeit hatte, blieb später Gegenstand von Spekulationen, wissenschaftlich eindeutig belegt wurde ein Zusammenhang jedoch nie. 

Er wuchs überwiegend bei seiner Mutter und seinem Großvater auf. Der Großvater galt als wichtigste Bezugsperson. Als dieser starb, verlor Pichushkin einen Menschen, zu dem er offenbar eine enge Bindung gehabt hatte. Später beschrieben Bekannte den jungen Mann als verschlossen, sozial unbeholfen und häufig isoliert. 

Er besuchte eine Schule für Kinder mit besonderen Förderbedarfen und arbeitete später in einem Lebensmittelgeschäft. Nach außen führte er lange Zeit ein vergleichsweise unauffälliges Leben. Kollegen beschrieben ihn als ruhig. Nur wenige ahnten, welche Gewaltfantasien sich hinter dieser Fassade entwickelten. 

Schon früh beschäftigte ihn die Vorstellung, Menschen zu töten. In späteren Aussagen schilderte er, dass ihn die Idee fasziniert habe, Macht über Leben und Tod auszuüben. Er verglich das Töten mit einer Sucht, die sich mit jeder Tat verstärkt habe. 

Der erste Mord 

Nach den Erkenntnissen der Ermittler begann seine Mordserie Anfang der 1990er-Jahre. Der erste bekannte Mord geschah 1992. 

Das Opfer war ein Bekannter, mit dem Pichushkin gemeinsam einen Serienmord geplant haben soll. Als der Mann jedoch Zweifel bekam und sich zurückziehen wollte, tötete Pichushkin ihn. Die Leiche wurde entsorgt, der Fall blieb zunächst ungeklärt. 

Danach vergingen mehrere Jahre, bevor sich die Serie fortsetzte. 

Ab etwa 2001 begann Pichushkin regelmäßig Menschen in den Bitza-Park zu locken. Viele seiner Opfer begegnete er zufällig. Häufig handelte es sich um ältere Männer oder sozial benachteiligte Personen, denen er Alkohol anbot. Gemeinsam gingen sie in den Wald, tranken und unterhielten sich. Irgendwann griff Pichushkin an. 

Seine Vorgehensweise variierte. Manche Opfer erschlug er mit stumpfer Gewalt. Andere stieß er in tiefe Kanalschächte innerhalb des Parks. Teilweise legte er schwere Gegenstände auf die Verletzten oder steckte Flaschen in die Schächte, um ein Entkommen unmöglich zu machen. Einige starben sofort, andere vermutlich erst nach längerer Zeit an ihren Verletzungen. 

Ein Täter mit einem perfiden System 

Pichushkin entwickelte mit der Zeit ein festes Muster. Er bevorzugte Opfer, deren Verschwinden zunächst wenig Aufmerksamkeit erregte. Menschen ohne enge soziale Bindungen wurden oft erst spät vermisst. 

Dadurch blieb die Mordserie über Jahre hinweg weitgehend unentdeckt. 

Die Ermittlungen gestalteten sich schwierig. Viele Leichen wurden erst lange nach dem Tod gefunden. Manche konnten zunächst nicht identifiziert werden. Andere Opfer blieben dauerhaft verschwunden. 

Dennoch bemerkten die Behörden allmählich eine auffällige Häufung ungeklärter Vermisstenfälle rund um den Bitza-Park. Ermittler verschiedener Dienststellen begannen, Informationen zusammenzuführen. Karten mit Fundorten, Vermisstenmeldungen und Tatzeiten zeigten schließlich ein deutliches Muster. 

Pichushkin bewegte sich dabei mit erstaunlicher Sicherheit in dem weitläufigen Waldgebiet. Er kannte Wege, Gräben und Schächte genau. Für ihn wurde der Park zu einer Art persönlichem Revier. 

Später erklärte er, er habe sich nach jeder Tat euphorisch gefühlt. Diese Euphorie habe jedoch nie lange angehalten. Bald sei der Wunsch entstanden, erneut zu töten. 

Das Schachbrett als Symbol 

Besondere Aufmerksamkeit erregten Pichushkins Aussagen über seine Motivation. 

Er sprach davon, ein Schachbrett vollständig „füllen“ zu wollen. Jede ermordete Person sollte symbolisch einem der 64 Felder entsprechen. 

Nach seiner Festnahme fanden Ermittler tatsächlich Hinweise auf diese Vorstellung. Medien berichteten über ein Schachbrett mit Markierungen, das als Symbol seiner geplanten Opferzahl interpretiert wurde. Die Ermittlungen ergaben jedoch keine Hinweise darauf, dass jede Markierung eindeutig einem konkreten Mord zugeordnet werden konnte. 

Pichushkin selbst behauptete später mehrfach, deutlich mehr Menschen getötet zu haben, als ihm letztlich nachgewiesen wurden. Einige seiner Angaben ließen sich nicht überprüfen. Andere widersprachen bekannten Ermittlungsergebnissen. 

Der entscheidende Fehler 

Lange schien Pichushkin unantastbar. 

Sein Ende begann mit einer einzigen Notiz. 

Im Juni 2006 traf er eine Kollegin aus seinem Arbeitsumfeld. Die Frau teilte Angehörigen mit, dass sie sich mit Alexander Pichushkin treffen werde. Diese Information erwies sich später als entscheidender Ermittlungsansatz. 

Als die Frau nicht zurückkehrte, konzentrierten sich die Ermittlungen erstmals gezielt auf Pichushkin. 

Überwachungskameras der Moskauer U-Bahn dokumentierten, dass beide gemeinsam unterwegs gewesen waren. Weitere Spuren führten direkt zu ihm. 

Die Polizei observierte den Verdächtigen und nahm ihn wenig später fest. 

Während der Vernehmungen begann Pichushkin schließlich, über zahlreiche Taten zu sprechen. Seine Aussagen wirkten teilweise emotionslos. Immer wieder schilderte er Details, die nur der Täter kennen konnte. 

Die Ermittlungen 

Die Ermittler standen nun vor einer enormen Aufgabe. 

Jedes einzelne Geständnis musste überprüft werden. Vermisstenfälle wurden erneut ausgewertet. Tatorte wurden nach weiteren Spuren durchsucht. Rechtsmediziner untersuchten alte Funde erneut. 

Am Ende konnten den Ermittlern 48 Morde sowie drei Mordversuche gerichtsfest nachgewiesen werden. Die meisten Taten waren zwischen 2001 und 2006 begangen worden. 

Ob Pichushkin tatsächlich weitere Menschen getötet hatte, blieb ungeklärt. Seine Behauptung, für mehr als 60 Morde verantwortlich zu sein, ließ sich nicht vollständig belegen. 

Der Prozess 

Der Prozess begann 2007 vor dem Moskauer Stadtgericht. 

Pichushkin zeigte sich während der Verhandlung überwiegend ruhig. Reue war kaum erkennbar. Er räumte zahlreiche Taten ein und sprach teilweise offen über seine Motive. 

Psychiatrische Gutachter kamen zu dem Ergebnis, dass er an einer Persönlichkeitsstörung litt. Gleichzeitig erklärten sie ihn für schuldfähig. Er habe das Unrecht seiner Taten erkannt und gezielt gehandelt. 

Die Staatsanwaltschaft zeichnete das Bild eines Täters, der seine Opfer bewusst ausgewählt und systematisch getötet hatte. Die Verteidigung bestritt die nachgewiesenen Taten nicht grundsätzlich, stellte jedoch einzelne Vorwürfe infrage. 

Im Oktober 2007 sprach das Gericht Alexander Pichushkin wegen 48 Morden und drei Mordversuchen schuldig. 

Er wurde zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. 

Haft und Nachwirkung 

Nach dem Urteil wurde Pichushkin in eine russische Strafkolonie für besonders schwere Gewaltverbrecher verlegt. Dort verbrachte er seine Haft unter strengen Sicherheitsbedingungen. 

In späteren Interviews sprach er erneut über seine Taten. Teilweise behauptete er weiterhin, mehr Menschen getötet zu haben, als offiziell festgestellt worden waren. Diese Aussagen konnten jedoch nie vollständig bestätigt werden. 

Der Bitza-Park blieb für viele Moskauer lange ein Ort der Angst. Die Vorstellung, dass über Jahre hinweg Dutzende Menschen in einem öffentlichen Naherholungsgebiet getötet worden waren, erschütterte das Vertrauen in die Sicherheit des Alltags. 

Kriminologen beschäftigten sich intensiv mit dem Fall. Sie verwiesen darauf, dass viele Opfer gesellschaftlich besonders verletzlich gewesen waren und ihr Verschwinden deshalb zunächst kaum Aufmerksamkeit erhalten hatte. Der Fall löste zudem Diskussionen über die Erfassung von Vermisstenfällen und die Vernetzung polizeilicher Ermittlungen aus. 

Auch international wurde Alexander Pichushkin zu einem der bekanntesten Serienmörder der jüngeren Kriminalgeschichte. Vergleiche mit anderen Tätern wurden häufig gezogen, doch der sogenannte Schachbrettmörder blieb vor allem wegen seiner selbst formulierten Symbolik und der außergewöhnlich langen Mordserie im Gedächtnis. 

Bis heute erinnert der Fall daran, wie gefährlich die Kombination aus sozialer Isolation, systematischer Tatplanung und der Unsichtbarkeit vieler Opfer sein kann. Hinter den nüchternen Zahlen standen Menschen mit Familien, Hoffnungen und Biografien. Ihre Schicksale rückten erst ins öffentliche Bewusstsein, als die Ermittlungen die grausame Verbindung zwischen den einzelnen Vermisstenfällen offenlegten – und ein Park, der jahrelang als gewöhnliches Stück Natur erschien, zum Synonym für eine der schwersten Mordserien Russlands wurde. 
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Der Stoffbeutel trieb langsam auf der Oberfläche der Themse. Es war Ende März 1896, als ein Schiffer nahe Reading etwas bemerkte, das zunächst wie gewöhnlicher Treibmüll wirkte. Doch der Sack war schwer. Als er an Land gezogen wurde, offenbarte sich sein grausamer Inhalt. Darin lag der kleine Körper eines Säuglings, sorgfältig zusammengebunden. Um den Hals des Kindes befand sich ein weißes Baumwollband.

Für die Ermittler war dies zunächst einer von vielen rätselhaften Todesfällen jener Zeit. Im viktorianischen England verschwanden Kinder häufig aus den Statistiken, bevor sie überhaupt ein eigenes Leben beginnen konnten. Armut, Krankheiten und eine erschütternd hohe Säuglingssterblichkeit gehörten zum Alltag. Doch dieser Fund sollte eine Mordserie ans Licht bringen, die selbst erfahrene Polizisten erschütterte.

Der Stofffetzen, mit dem der Sack verschnürt worden war, führte schließlich zu einer Frau, deren Name bis heute als Synonym für eines der dunkelsten Kapitel britischer Kriminalgeschichte gilt: Amelia Dyer.

Eine Frau mit bürgerlichem Leben

Amelia Elizabeth Hobley wurde 1837 in Bristol geboren. Ihre Kindheit verlief zunächst unspektakulär. Ihr Vater arbeitete als Schuhmacher, die Familie galt als respektabel. Doch ihre Mutter litt über Jahre an einer schweren psychischen Erkrankung, die sich zunehmend verschlimmerte. Amelia pflegte sie bis zu deren Tod. Historiker vermuten, dass diese Erfahrungen ihre eigene psychische Entwicklung nachhaltig beeinflusst haben könnten, ohne daraus eine unmittelbare Erklärung für ihre späteren Verbrechen ableiten zu können.

Als junge Frau absolvierte sie eine Ausbildung zur Krankenschwester. Sie galt als intelligent, höflich und medizinisch erfahren. Diese Qualifikationen verschafften ihr Vertrauen – ein Vertrauen, das sie Jahre später systematisch missbrauchte.

Nach ihrer Heirat mit George Thomas entwickelte sich ihr Leben zunächst in geregelten Bahnen. Das Paar bekam eigene Kinder. Doch wirtschaftliche Schwierigkeiten, Krankheiten und persönliche Krisen führten dazu, dass Amelia nach Möglichkeiten suchte, Geld zu verdienen.

Dabei stieß sie auf ein Geschäftsfeld, das im England des 19. Jahrhunderts florierte.

Das Geschäft mit den unerwünschten Kindern

Die viktorianische Gesellschaft verurteilte unverheiratete Mütter mit großer Härte. Ein uneheliches Kind bedeutete oft sozialen Ruin. Viele Frauen verloren ihre Arbeitsstelle, ihre Unterkunft oder jede Unterstützung durch ihre Familie.

In dieser Situation entstanden sogenannte "Baby Farms". Gegen eine einmalige Zahlung oder regelmäßige Gebühren nahmen Frauen Säuglinge auf und versprachen deren Versorgung oder Vermittlung an Adoptivfamilien.

Nicht jede dieser Einrichtungen arbeitete kriminell. Doch mangelnde staatliche Kontrolle machte Missbrauch nahezu unvermeidlich.

Amelia Dyer erkannte schnell die wirtschaftliche Logik dieses Systems.

Je kürzer ein Kind lebte, desto geringer waren die Kosten.

Während seriöse Pflegefamilien Geld für Nahrung, Kleidung und medizinische Versorgung ausgeben mussten, konnte Dyer ihre Gewinne maximieren, indem sie genau diese Ausgaben vermied.

Anfangs ließ sie Kinder offenbar gezielt verhungern oder vernachlässigte sie so lange, bis sie starben. Später entwickelte sie eine wesentlich schnellere Methode.

Sie verwendete ein weißes Baumwollband.

Eine Routine des Tötens

Dyer schaltete Zeitungsanzeigen und präsentierte sich als fürsorgliche Pflegeperson. Verzweifelte Mütter meldeten sich bei ihr, oft begleitet von Briefen voller Hoffnung und Schuldgefühle.

Viele übergaben nicht nur ihre Kinder, sondern auch Kleidung, Spielzeug und kleine Geldbeträge.

Manche küssten ihre Säuglinge zum letzten Mal, überzeugt davon, ihnen damit eine bessere Zukunft zu ermöglichen.

Kaum hatten sie das Haus verlassen, begann nach den Erkenntnissen der Ermittler häufig eine tödliche Routine.

Dyer erdrosselte zahlreiche Säuglinge mit einem Stoffband. Anschließend entsorgte sie die Leichen in Koffern, Taschen oder Säcken, die sie in Flüsse oder abgelegene Gebiete warf.

Wie viele Kinder ihr tatsächlich zum Opfer fielen, ließ sich nie eindeutig feststellen.

Nach ihrer Festnahme sprach Amelia Dyer selbst von deutlich mehr Opfern, als jemals nachgewiesen werden konnten. Historiker und Kriminalforscher gehen heute davon aus, dass sie über Jahrzehnte hinweg vermutlich Hunderte Kinder getötet haben könnte. Häufig wird eine Zahl von rund 300 genannt. Gesichert belegen ließ sich diese Größenordnung jedoch nie.

Gerade diese Unsicherheit machte den Fall so erschütternd.

Hinter nahezu jedem ungeklärten Säuglingsfund jener Jahre stellte sich plötzlich dieselbe Frage.

War Amelia Dyer verantwortlich?

Ein Leben zwischen Betrug und psychiatrischen Kliniken

Mehrfach geriet Dyer bereits vor 1896 mit den Behörden in Konflikt.

1869 wurde sie wegen Vernachlässigung eines Kindes zu einer Haftstrafe verurteilt. Nach ihrer Entlassung setzte sie ihre Tätigkeit nahezu unverändert fort.

Zwischendurch ließ sie sich mehrfach in psychiatrische Einrichtungen einweisen. Ob diese Aufenthalte auf tatsächliche Erkrankungen zurückgingen oder teilweise dazu dienten, strafrechtlichen Konsequenzen zu entgehen, wurde schon damals diskutiert.

Sicher ist, dass sie ihre Geschäfte nach jeder Entlassung wieder aufnahm.

Um Entdeckung zu vermeiden, wechselte sie regelmäßig Namen und Wohnorte. Sie verwendete Aliasnamen, zog häufig um und hinterließ kaum dauerhafte Spuren.

Gerade diese Mobilität erschwerte den Behörden jahrelang eine systematische Verfolgung.

Der Fehler, der alles veränderte

Der entscheidende Ermittlungsansatz entstand durch den Fund des Säuglings in der Themse.

Im Sack befand sich nicht nur der Leichnam.

Die Ermittler entdeckten auch Papierfragmente und Hinweise auf eine Anschrift, die schließlich zu Amelia Dyer führten.

Die Polizei observierte ihr Umfeld und durchsuchte ihre Unterkunft.

Was sie dort fand, ließ kaum Zweifel.

Kinderkleidung, Pfandzettel, Briefe verzweifelter Mütter, Adresslisten, Telegramme und zahlreiche Dokumente belegten, dass Dyer kurz zuvor mehrere Säuglinge übernommen hatte, deren Verbleib ungeklärt war.

Noch schwerer wogen die Aussagen jener Frauen, die ihre Kinder in ihre Obhut gegeben hatten.

Sie beschrieben dieselbe höfliche, ruhige Frau.

Keine von ihnen hatte ihr Kind jemals wiedergesehen.

Parallel suchten Ermittler Flüsse und Uferbereiche ab.

In den folgenden Wochen wurden weitere Leichen entdeckt.

Mehrere der Säuglinge trugen das charakteristische weiße Band um den Hals.

Ein Prozess mit überwältigender Beweislage

Im Mai 1896 begann vor dem Schwurgericht in London der Prozess gegen Amelia Dyer.

Angeklagt wurde sie wegen des Mordes an der wenige Monate alten Doris Marmon.

Die Staatsanwaltschaft konzentrierte sich bewusst auf einen einzelnen Fall, obwohl zahlreiche weitere Verdachtsmomente bestanden. Die Beweislage war dort besonders eindeutig.

Briefe, Zeugenaussagen und sichergestellte Gegenstände zeichneten ein geschlossenes Bild.

Die Verteidigung versuchte unter anderem, Dyers psychische Verfassung in den Mittelpunkt zu stellen.

Sie verwies auf frühere Aufenthalte in psychiatrischen Einrichtungen.

Doch medizinische Gutachter kamen zu dem Schluss, dass Amelia Dyer trotz ihrer Auffälligkeiten schuldfähig gewesen sei.

Während des Prozesses zeigte sie nur wenig erkennbare Emotion.

Die Geschworenen benötigten nur kurze Zeit für ihre Entscheidung.

Sie erklärten Amelia Dyer des Mordes für schuldig.

Das Gericht verhängte die Todesstrafe.

Die Hinrichtung

Am 10. Juni 1896 wurde Amelia Dyer im Gefängnis von Newgate gehängt.

Bis zuletzt blieb unklar, wie viele Kinder tatsächlich durch ihre Hand starben.

Zahlreiche ungeklärte Vermisstenfälle konnten nie zweifelsfrei aufgearbeitet werden.

Viele Familien erfuhren niemals, was mit ihren Säuglingen geschehen war.

Ein Fall, der das viktorianische England erschütterte

Die Berichterstattung über Amelia Dyer dominierte wochenlang die britischen Zeitungen.

Nicht nur die Grausamkeit der Taten schockierte die Öffentlichkeit.

Ebenso verstörend war die Erkenntnis, dass Dyer über Jahrzehnte nahezu unbehelligt hatte arbeiten können.

Der Fall lenkte den Blick auf die Lebensrealität unverheirateter Mütter, deren gesellschaftliche Ausgrenzung ein System begünstigt hatte, in dem sogenannte Babyfarmen überhaupt entstehen konnten.

Politik und Behörden gerieten unter Druck. Die Diskussion über strengere Kontrollen von Pflegeeinrichtungen gewann an Bedeutung. Zwar verschwanden solche Geschäftsmodelle nicht sofort, doch der öffentliche Umgang mit ihnen veränderte sich nachhaltig.

Bis heute beschäftigt der Fall Historiker, Kriminologen und Sozialwissenschaftler. Er steht nicht nur für eine außergewöhnliche Serie von Tötungsdelikten, sondern auch für das Versagen gesellschaftlicher Institutionen. Hinter jedem einzelnen Opfer stand eine Familie, die glaubte, ihrem Kind eine Zukunft zu ermöglichen. Stattdessen gerieten viele Säuglinge in die Hände einer Frau, die Mitgefühl vortäuschte und daraus ein tödliches Geschäftsmodell entwickelte.

Mehr als ein Jahrhundert später ist Amelia Dyer deshalb nicht allein wegen der vermuteten Zahl ihrer Opfer in Erinnerung geblieben. Ihr Name steht ebenso für eine Zeit, in der Armut, soziale Ächtung und fehlende staatliche Kontrolle den Nährboden für Verbrechen schufen, die viel zu lange unentdeckt blieben.
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Die Gleise wirkten verlassen. Zwischen Schottersteinen, rostigen Schienen und dichtem Buschwerk war kaum etwas zu hören außer dem metallischen Knacken eines langsam ausrollenden Güterzugs. Für die meisten Menschen waren Eisenbahntrassen Orte des Transits – unscheinbare Korridore zwischen Städten. Für Angel Maturino Reséndiz waren sie jahrelang ein Zufluchtsort. Er reiste ohne Fahrkarte, versteckte sich in Güterwagen, überschritt Grenzen beinahe lautlos und verschwand nach jeder Tat wieder in jenem weit verzweigten Schienennetz, das Nordamerika verband.

Als Ermittler Ende der 1990er-Jahre erkannten, dass mehrere scheinbar voneinander unabhängige Tötungsdelikte entlang von Eisenbahnstrecken miteinander verbunden sein könnten, entstand das Bild eines Täters, der keine feste Heimat hatte und kaum Spuren hinterließ. Die Presse gab ihm bald einen Namen, der seine Methode auf bedrückende Weise zusammenfasste: Railroad Killer.

Eine Kindheit zwischen Armut und Gewalt

Angel Maturino Reséndiz wurde am 1. August 1959 im mexikanischen Bundesstaat Puebla geboren. Er wuchs unter schwierigen sozialen Bedingungen auf. Später berichteten Angehörige und Bekannte von einer Kindheit, die von Armut geprägt gewesen sei. Reséndiz selbst behauptete später, schon früh schwere Kopfverletzungen erlitten zu haben und Opfer körperlicher Gewalt geworden zu sein. Einige dieser Angaben ließen sich nie unabhängig überprüfen.

Schon als junger Mann begann er, immer wieder illegal die Grenze zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten zu überqueren. Über Jahre entwickelte er eine Routine, die ihn für die Behörden schwer greifbar machte. Er nutzte Güterzüge, bewegte sich entlang von Bahnlinien und hielt sich oft nur kurz an einem Ort auf. Mehrfach wurde er wegen Verstößen gegen Einwanderungsbestimmungen festgenommen und wieder abgeschoben. Dennoch gelangte er immer wieder zurück in die USA.

Sein unstetes Leben erschwerte später auch die Rekonstruktion seiner Wege. Er besaß keine dauerhafte Unterkunft, arbeitete gelegentlich als Tagelöhner und verschwand anschließend erneut in den Güterzügen, die quer durch den Kontinent fuhren.

Eine Serie scheinbar zusammenhangloser Verbrechen

In den 1990er-Jahren häuften sich in mehreren Bundesstaaten brutale Gewalttaten in der Nähe von Bahnstrecken. Die Opfer unterschieden sich hinsichtlich Alter, Herkunft und Lebensumständen. Gemeinsam war den Tatorten vor allem ihre Lage entlang der Eisenbahnlinien.

Mehrere Menschen wurden in ihren Häusern überrascht. Andere wurden in unmittelbarer Nähe von Gleisanlagen angegriffen. Die Ermittlungen verliefen zunächst getrennt, weil sich die Taten über zahlreiche Bundesstaaten verteilten und kein offensichtlicher Zusammenhang bestand.

Erst nach und nach entstand das Bild eines mobilen Täters, der keinerlei regionales Muster erkennen ließ. Während klassische Serienmörder häufig in einem begrenzten geografischen Gebiet agierten, nutzte Reséndiz die Infrastruktur des Güterverkehrs, um innerhalb weniger Tage Hunderte Kilometer zurückzulegen. Dadurch verlor sich seine Spur immer wieder.

Besonders erschütternd war die Tötung der Ärztin Claudia Benton im Dezember 1998 in Houston. Die Tat sorgte landesweit für Aufmerksamkeit und verstärkte den Druck auf die Ermittlungsbehörden erheblich. Kurz darauf wurden weitere Verbindungen zu ungeklärten Fällen hergestellt.

Im Mai 1999 erschütterte der Mord an der 81-jährigen Fannie Mae Lewis in Texas die Öffentlichkeit. Kurz darauf wurden in Illinois Stanley Nance und seine Tochter Claudia ermordet aufgefunden. Die räumliche Distanz zwischen den Tatorten machte deutlich, dass der Täter außergewöhnlich mobil war.

Die Spur entlang der Eisenbahnen

Mit jeder neuen Tat begannen Ermittler verschiedener Polizeibehörden Informationen auszutauschen. Das FBI übernahm eine koordinierende Rolle. Tatortanalysen, Zeugenaussagen und kriminaltechnische Untersuchungen deuteten zunehmend auf denselben Täter hin.

Besondere Bedeutung erhielt die Auswertung von Fingerabdrücken und weiteren forensischen Spuren. Da Reséndiz bereits mehrfach wegen Einwanderungsverstößen registriert worden war, existierten Datensätze, die schließlich mit Beweismaterial mehrerer Tatorte abgeglichen werden konnten.

Die Ermittler stellten fest, dass der Verdächtige häufig unverschlossene Häuser in Gleisnähe auswählte. Er bewegte sich meist zu Fuß, entwendete Fahrzeuge oder persönliche Gegenstände und verschwand anschließend erneut über das Schienennetz.

Die enorme geografische Ausdehnung der Ermittlungen stellte Polizei und Justiz vor außergewöhnliche Herausforderungen. Zahlreiche Behörden in Texas, Kentucky, Illinois, Florida und weiteren Bundesstaaten arbeiteten zusammen. Gleichzeitig mussten auch mexikanische Behörden einbezogen werden, da Reséndiz regelmäßig zwischen beiden Ländern pendelte.

Ein Mann auf der Liste der Meistgesuchten

Im Sommer 1999 stand Angel Maturino Reséndiz auf der Liste der zehn meistgesuchten Flüchtigen des FBI. Sein Gesicht erschien in Nachrichtensendungen, Zeitungen und auf Fahndungsplakaten im ganzen Land.

Den entscheidenden Wendepunkt brachte schließlich nicht eine spektakuläre Festnahme, sondern eine Vermittlung.

Der texanische Ranger Drew Carter nahm Kontakt zu Reséndiz' Schwester auf. Über sie wurden Gespräche geführt, die schließlich dazu führten, dass der Gesuchte bereit war, sich freiwillig den Behörden zu stellen. Im Juli 1999 überquerte Reséndiz die Grenze und ergab sich friedlich den Ermittlern.

Nach Jahren der Fahndung endete seine Flucht ohne Schusswechsel.

Geständnisse und ein komplexes Verfahren

Während der Vernehmungen legte Reséndiz zahlreiche Geständnisse ab. Er brachte sich mit mehreren Tötungsdelikten in Verbindung und schilderte einzelne Tatabläufe. Ermittler überprüften seine Aussagen sorgfältig, da einzelne Details zunächst nur der Täter kennen konnte.

Insgesamt wurde Reséndiz mit zahlreichen Morden in Verbindung gebracht. Für mehrere Taten erfolgten Anklagen und Verurteilungen. Die genaue Zahl der Opfer blieb Gegenstand kriminalistischer Untersuchungen. Allgemein wird davon ausgegangen, dass er mindestens 15 Menschen tötete; selbst behauptete er zeitweise, deutlich mehr Menschen ermordet zu haben. Nicht jede seiner Aussagen ließ sich jedoch belegen.

Während des Verfahrens spielte auch seine psychische Verfassung eine zentrale Rolle. Sachverständige untersuchten, ob Reséndiz schuldfähig war. Es wurden Hinweise auf psychische Erkrankungen diskutiert, darunter wahnhafte Vorstellungen und religiöse Überzeugungen, die sein Denken beeinflusst haben könnten.

Das Gericht kam letztlich zu dem Schluss, dass er trotz möglicher psychischer Störungen prozessfähig und strafrechtlich verantwortlich war.

Das Urteil

Im Jahr 2000 wurde Angel Maturino Reséndiz in Texas wegen des Mordes an Claudia Benton zum Tode verurteilt.

In den folgenden Jahren scheiterten mehrere Rechtsmittel. Seine Verteidigung versuchte unter anderem, Fragen seiner psychischen Gesundheit erneut aufzugreifen. Die Gerichte bestätigten jedoch das Urteil.

Am 27. Juni 2006 wurde Reséndiz im Huntsville Unit der texanischen Strafvollzugsbehörde durch die Giftspritze hingerichtet.

Mit seiner Hinrichtung endete zwar das Strafverfahren, nicht jedoch die kriminalistische Aufarbeitung seiner Taten. Einige Ermittlungen zu möglichen weiteren Verbrechen blieben darüber hinaus von historischem Interesse.

Warum er so lange unentdeckt blieb

Der Fall machte deutlich, wie schwierig Ermittlungen gegen hochmobile Serientäter sein konnten. Reséndiz nutzte internationale Grenzen, ein weit verzweigtes Eisenbahnnetz und die mangelnde Vernetzung einzelner Behörden zu seinem Vorteil.

Er bewegte sich in einem Raum, der damals nur unzureichend kriminalistisch überwacht wurde. Güterzüge boten ihm eine Möglichkeit, nahezu unsichtbar zu reisen. Tatorte lagen oft Hunderte Kilometer auseinander, wodurch örtliche Polizeidienststellen zunächst keinen Zusammenhang erkannten.

Erst die konsequente Zusammenarbeit verschiedener Ermittlungsbehörden sowie moderne kriminaltechnische Methoden ermöglichten es, die einzelnen Puzzleteile zu einem Gesamtbild zusammenzufügen.

Ein Fall mit nachhaltigen Folgen

Der Fall des Railroad Killers veränderte die Zusammenarbeit amerikanischer Strafverfolgungsbehörden nachhaltig. Informationen über reisende Serientäter wurden künftig schneller ausgetauscht, Datenbanken besser vernetzt und bundesstaatenübergreifende Ermittlungen intensiviert.

Auch die Medien berichteten ausführlich über die Schwächen damaliger Fahndungssysteme. Gleichzeitig rückte die Berichterstattung die Perspektive der Opfer stärker in den Mittelpunkt. Hinter jeder Schlagzeile standen Familien, deren Angehörige durch sinnlose Gewalt aus dem Leben gerissen worden waren.

Bis heute zählt Angel Maturino Reséndiz zu den bekanntesten reisenden Serienmördern Nordamerikas. Sein Fall gilt als Beispiel dafür, wie Mobilität, fehlende Vernetzung und geografische Distanz Ermittlungen über Jahre erschweren konnten. Zugleich zeigt er, welche Bedeutung beharrliche kriminalistische Arbeit, internationale Zusammenarbeit und moderne Forensik bei der Aufklärung komplexer Serienverbrechen besitzen.
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Es war der 13. September 1985, als Ermittler in der südrussischen Stadt Newinnomyssk einen Mann festnahmen, der für viele als Vorbild galt. Anatoly Yemelyanovich Slivko, Leiter eines Jugendclubs und Träger staatlicher Auszeichnungen, wirkte ruhig, kontrolliert und beinahe gelassen. Nichts an seinem Auftreten ließ erahnen, dass die Beamten kurz davorstanden, eine Verbrechensserie aufzudecken, die sich über mehr als zwei Jahrzehnte erstreckte.

Noch ahnte außerhalb der Ermittlungsbehörden kaum jemand, welches Ausmaß die Ermittlungen annehmen würden. Hinter den Mauern des Jugendclubs, hinter offiziellen Ehrungen und dem Ruf eines engagierten Pädagogen hatte sich ein Doppelleben verborgen, das selbst erfahrene Kriminalisten erschütterte.

Ein Mann mit makellosem Ruf

Anatoly Slivko wurde 1938 geboren und wuchs in der Sowjetunion auf. Nach seiner Schulzeit arbeitete er in verschiedenen Berufen, bevor er sich in der Jugendarbeit engagierte. Schließlich leitete er den Jugendclub "Chergid", der sich mit Verkehrserziehung, sportlichen Aktivitäten und gesellschaftlichem Engagement beschäftigte. Zahlreiche Jungen verbrachten dort ihre Freizeit. Eltern vertrauten ihm ihre Kinder an, Behörden lobten seine Arbeit.

Sein öffentliches Bild war das eines disziplinierten Organisators. Er galt als zuverlässig, engagiert und loyal gegenüber dem Staat. In einer Gesellschaft, in der öffentliche Anerkennung eng mit politischer Vertrauenswürdigkeit verbunden war, genoss Slivko einen außergewöhnlich guten Ruf.

Niemand konnte ahnen, dass sich hinter diesem Bild eine jahrzehntelang verborgene kriminelle Entwicklung verbarg.

Ein prägendes Erlebnis

Während späterer Vernehmungen schilderte Slivko ein Ereignis, das nach seinen eigenen Angaben zu einer lebenslangen obsessiven Fantasie geführt habe. Als Jugendlicher soll er Zeuge eines schweren Motorradunfalls geworden sein. Besonders eindrücklich blieb ihm nach eigener Aussage der Anblick eines verletzten Jungen, dessen Stiefel noch an den Füßen gewesen seien.

Psychiater und Ermittler behandelten diese Schilderung mit Vorsicht. Sie konnte erklären, wie bestimmte Fantasien entstanden sein mochten, rechtfertigte jedoch in keiner Weise die späteren Taten. Die Gutachten machten deutlich, dass Slivko seine Verbrechen über viele Jahre geplant und zielgerichtet durchgeführt hatte.

Seine sexuelle Erregung verband sich zunehmend mit Vorstellungen von Bewusstlosigkeit, Kontrolle und Tod. Über Jahre entwickelte er Rituale, die schließlich in tödliche Gewalt mündeten.

Die ersten Opfer

Anfang der 1960er-Jahre begann Slivko, Jungen aus seinem Umfeld gezielt auszuwählen. Meist handelte es sich um Minderjährige, die ihm aus dem Jugendclub vertrauten oder ihn als Autorität betrachteten.

Er lockte sie unter Vorwänden zu Ausflügen oder angeblichen Filmprojekten. Tatsächlich hatte Slivko begonnen, mit einer Kamera Szenen aufzunehmen, die seinen Fantasien entsprachen. Er inszenierte Situationen, in denen Jungen gefesselt oder bewusstlos wirkten. Nach den späteren Ermittlungen steigerte sich die Gewalt mit den Jahren immer weiter.

Mindestens sieben Jungen wurden zwischen 1964 und 1985 von ihm getötet. Die tatsächliche Zahl der Übergriffe lag deutlich höher. Mehrere Jungen überlebten Angriffe oder berichteten später von merkwürdigen Situationen, in denen Slivko sie betäubt oder gefesselt hatte.

Über Jahrzehnte gelang es ihm, seine Taten zu verbergen.

Das Verschwinden der Jungen

Die Vermisstenfälle wurden zunächst nicht miteinander in Verbindung gebracht. Einige Familien hofften jahrelang auf eine Rückkehr ihrer Söhne. In anderen Fällen gingen Behörden zunächst von Ausreißern oder Unglücksfällen aus.

Slivko profitierte von seinem tadellosen Ruf. Kaum jemand vermutete den angesehenen Jugendleiter als möglichen Täter. Er nahm teilweise sogar selbst an Suchaktionen teil oder zeigte sich öffentlich betroffen, wenn erneut ein Junge verschwand.

Die Verbrechen erstreckten sich über mehr als zwanzig Jahre. Diese außergewöhnlich lange Tatserie war auch Ausdruck struktureller Schwächen der damaligen Ermittlungsarbeit. Informationen wurden nicht immer ausreichend zusammengeführt, regionale Vermisstenfälle blieben häufig voneinander getrennt.

Erst als sich Muster verdichteten und neue Hinweise hinzukamen, geriet Slivko in den Fokus.

Der entscheidende Fehler

1985 sprach Slivko erneut einen Jungen an und versuchte, ihn unter einem Vorwand mitzunehmen. Anders als frühere Opfer konnte sich der Jugendliche jedoch befreien und den Vorfall schildern.

Dieser Hinweis veränderte die Ermittlungen grundlegend.

Kriminalbeamte überprüften den angesehenen Jugendleiter genauer. Hausdurchsuchungen brachten belastendes Material ans Licht. Besonders bedeutsam waren Filmaufnahmen und Fotografien, die Slivko selbst angefertigt hatte. Sie dokumentierten Teile seiner Übergriffe und lieferten den Ermittlern entscheidende Beweise.

Darüber hinaus fanden die Beamten persönliche Aufzeichnungen, in denen Slivko seine Fantasien und einzelne Taten festgehalten hatte.

Mit jeder neu ausgewerteten Spur wurde deutlicher, dass die Ermittler nicht einem einzelnen Tötungsdelikt gegenüberstanden, sondern einem der schwersten bekannten Serienmordfälle der Sowjetunion.

Die Geständnisse

Während der Vernehmungen legte Slivko umfangreiche Geständnisse ab. Er beschrieb den Ablauf seiner Verbrechen detailliert und half teilweise dabei, bislang ungeklärte Fälle aufzuklären.

Seine Aussagen ermöglichten es, mehrere verschwundene Jungen eindeutig den einzelnen Taten zuzuordnen. Für zahlreiche Familien bedeutete dies nach Jahren quälender Ungewissheit zumindest Gewissheit über das Schicksal ihrer Kinder.

Die Ermittler arbeiteten die Tatserie akribisch auf. Forensische Erkenntnisse, Zeugenaussagen und die bei Slivko sichergestellten Filme ergänzten sich zu einem Gesamtbild, das kaum Zweifel an seiner Täterschaft ließ.

Psychiatrische Sachverständige kamen zu dem Ergebnis, dass Slivko zwar schwerwiegende sexuelle Devianzen aufwies, zum Zeitpunkt seiner Taten jedoch schuldfähig gewesen war. Seine Handlungen seien geplant, kontrolliert und zielgerichtet erfolgt.

Der Prozess

Der Prozess fand unter großer Aufmerksamkeit statt. Die Einzelheiten der Taten erschütterten selbst erfahrene Juristen und Ermittler. Zahlreiche Beweismittel stammten unmittelbar aus Slivkos eigenem Besitz.

Das Gericht setzte sich ausführlich mit den Gutachten auseinander. Die Verteidigung konnte keine verminderte Schuldfähigkeit durchsetzen.

Schließlich wurde Anatoly Slivko wegen mehrfachen Mordes zum Tode verurteilt.

1989 wurde das Urteil durch Erschießen vollstreckt.

Ein Fall mit weitreichenden Folgen

Der Fall machte deutlich, wie gefährlich das Vertrauen in gesellschaftliches Ansehen sein konnte. Slivko hatte seine Stellung genutzt, um Zugang zu Kindern zu erhalten und Verdacht von sich abzulenken.

Zugleich offenbarte die jahrzehntelange Tatserie Schwächen der damaligen Ermittlungsstrukturen. Vermisstenfälle wurden über lange Zeit nicht systematisch miteinander verknüpft. Erst die Kombination aus Zeugenaussagen, kriminaltechnischer Auswertung und sorgfältiger Analyse führte zur vollständigen Aufklärung.

Auch Jahrzehnte später zählt Anatoly Slivko zu den bekanntesten Serienmördern der sowjetischen Kriminalgeschichte. Kriminologen beschäftigen sich bis heute mit seinem Fall, weil er zeigt, wie Täter über lange Zeit soziale Rollen nutzen können, um Vertrauen zu gewinnen und Kontrolle über ihre Opfer auszuüben.

Für die Angehörigen blieb selbst das rechtskräftige Urteil nur ein unvollständiger Abschluss. Keine gerichtliche Entscheidung konnte den Verlust ihrer Kinder ungeschehen machen. Was blieb, war die Gewissheit, dass hinter einem angesehenen Funktionär über mehr als zwanzig Jahre ein Täter verborgen gewesen war, dessen Verbrechen erst ans Licht kamen, als ein potenzielles Opfer entkommen konnte.
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 Im Herbst 2009 lag ein schwerer, süßlicher Geruch über einer heruntergekommenen Straße im Osten von Cleveland. Die Bewohner kannten ihn längst. Manche glaubten, verrottender Müll sei die Ursache. Andere vermuteten tote Tiere. Wieder andere hatten mehrfach die Behörden informiert, doch eine Erklärung blieb aus. Als Polizeibeamte am 29. Oktober ein unscheinbares Backsteinhaus in der Imperial Avenue betraten, ahnten sie zunächst nicht, dass sie einen der erschütterndsten Serienmordfälle der jüngeren amerikanischen Kriminalgeschichte aufdecken würden. 

Schon im Eingangsbereich stießen die Ermittler auf menschliche Überreste. Was zunächst wie ein einzelner Fund wirkte, entwickelte sich innerhalb weniger Stunden zu einem Tatort von unvorstellbarem Ausmaß. Während Kriminaltechniker jeden Raum dokumentierten, wurden Keller, Dachboden und Hinterhof durchsucht. Immer weitere Leichen und Skelettteile kamen zum Vorschein. Schließlich fanden die Ermittler die sterblichen Überreste von elf Frauen auf dem Grundstück. Die Nachricht verbreitete sich in Windeseile. Aus einem Haus, das Nachbarn jahrelang als Problemimmobilie beschrieben hatten, war der Mittelpunkt eines der größten Mordermittlungsverfahren im Bundesstaat Ohio geworden. 

Der Mann, nach dem nun gefahndet wurde, hieß Anthony Sowell. Er war 1959 in Cleveland geboren worden und hatte eine Kindheit erlebt, die später häufig Gegenstand psychologischer Betrachtungen wurde. Öffentliche Aussagen aus seinem familiären Umfeld zeichneten das Bild eines schwierigen Elternhauses, in dem Gewalt und Missbrauch eine Rolle gespielt haben sollen. Gesicherte Erkenntnisse darüber blieben jedoch begrenzt. Fest stand, dass Sowell als junger Erwachsener in das Marine Corps eintrat und mehrere Jahre beim Militär diente. 

Nach seiner Rückkehr geriet sein Leben zunehmend aus den Fugen. Arbeitslosigkeit, Alkohol- und Drogenprobleme sowie wiederholte Konflikte mit dem Gesetz bestimmten seinen Alltag. Bereits in den späten 1980er Jahren war er wegen einer schweren Sexualstraftat verurteilt worden. Er hatte eine schwangere Frau entführt, misshandelt und vergewaltigt. Dafür verbrachte er viele Jahre im Gefängnis. Nach seiner Entlassung kehrte er nach Cleveland zurück, registrierte sich entsprechend der gesetzlichen Vorschriften als Sexualstraftäter und zog in das Haus in der Imperial Avenue. 

Das Viertel, in dem Sowell lebte, war von Armut, Leerstand und sozialem Abstieg geprägt. Viele Bewohner kämpften selbst mit Arbeitslosigkeit oder Suchterkrankungen. In dieser Umgebung verschwanden Menschen oft, ohne dass ihr Fehlen sofort bemerkt wurde. Mehrere der später identifizierten Opfer lebten am Rand der Gesellschaft. Einige hatten mit Drogenabhängigkeit zu kämpfen, manche gingen der Prostitution nach, andere waren zeitweise obdachlos. Ihre Lebenssituationen machten sie besonders verletzlich. Zugleich erschwerten sie den Ermittlungsbehörden das Erkennen eines Musters, weil Vermisstenmeldungen häufig verspätet eingingen oder gar nicht erst erstattet wurden. 

Nach den späteren Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft lernte Sowell viele seiner Opfer in der Nachbarschaft kennen. Er lud Frauen in sein Haus ein, häufig unter dem Vorwand, gemeinsam Alkohol zu trinken oder Drogen zu konsumieren. Was sich anschließend im Inneren des Gebäudes abspielte, ließ sich nur teilweise rekonstruieren. Die Anklage kam zu dem Schluss, dass Sowell seine Opfer überwältigte, sexuell angriff und schließlich tötete. Die meisten Frauen starben durch Strangulation. 

Über mehrere Jahre hinweg verschwanden immer wieder Frauen aus demselben Umfeld. Angehörige suchten nach ihnen, Nachbarn erinnerten sich an letzte Begegnungen, doch lange Zeit wurden die einzelnen Fälle nicht miteinander in Verbindung gebracht. Erst nach der Entdeckung im Oktober 2009 ergab sich das gesamte Bild einer Mordserie, die sich vermutlich über mehrere Jahre erstreckt hatte. 

Besonders belastend für die Ermittlungen war die Erkenntnis, dass Warnsignale bereits vor der Entdeckung existiert hatten. Wenige Wochen zuvor war eine Frau aus Sowells Haus geflohen und hatte der Polizei berichtet, sie sei dort vergewaltigt worden. Die Beamten suchten die Wohnung damals zwar auf, fanden Sowell jedoch nicht an. Obwohl die Frau den mutmaßlichen Tatort benannt hatte, wurde das Gebäude nicht vollständig durchsucht. Erst als die Ermittler wegen der erneuten Suche nach Sowell zurückkehrten, stießen sie auf die ersten Leichen. 

Diese Versäumnisse wurden später intensiv aufgearbeitet. Kritiker warfen der Polizei vor, Hinweise nicht mit der notwendigen Konsequenz verfolgt zu haben. Insbesondere die soziale Situation der Opfer rückte in den Mittelpunkt der Debatte. Angehörige und Bürgerrechtsgruppen fragten öffentlich, ob die Ermittlungen entschlossener verlaufen wären, wenn wohlhabendere Frauen aus anderen Stadtteilen verschwunden wären. Die Diskussion über institutionelle Vorurteile gegenüber armen, suchtkranken oder marginalisierten Menschen erhielt durch den Fall neue Aufmerksamkeit. 

Währenddessen begann eine der schwierigsten kriminaltechnischen Untersuchungen der Region. Viele Leichen befanden sich bereits in einem fortgeschrittenen Verwesungszustand oder lagen nur noch als Skelette vor. Gerichtsmediziner arbeiteten über Monate daran, die Opfer zu identifizieren und Todesursachen festzustellen. DNA-Analysen, Zahnunterlagen und anthropologische Untersuchungen spielten dabei eine entscheidende Rolle. Einige Familien mussten lange auf Gewissheit warten, weil einzelne Identifizierungen besonders komplex waren. 

Anthony Sowell selbst war nach der Entdeckung zunächst geflüchtet. Mehrere Tage lang suchte die Polizei nach ihm. Schließlich wurde er unweit seines Wohnhauses festgenommen. Die Bilder seiner Verhaftung gingen durch die amerikanischen Medien. Der Mann, der jahrelang unauffällig in einer gewöhnlichen Wohnstraße gelebt hatte, stand plötzlich im Mittelpunkt internationaler Berichterstattung. 

Der anschließende Strafprozess begann 2011 und zog enorme öffentliche Aufmerksamkeit auf sich. Die Staatsanwaltschaft präsentierte eine Vielzahl forensischer Beweise sowie Aussagen von Zeugen und Überlebenden. Besonders eindrucksvoll waren die Schilderungen mehrerer Frauen, die Sowell überlebt hatten und von massiver Gewalt berichteten. Ihre Aussagen zeichneten das Bild eines Täters, dessen Übergriffe lange vor den nachgewiesenen Morden begonnen hatten. 

Die Verteidigung stellte die Frage nach Sowells psychischem Zustand in den Mittelpunkt und argumentierte, er leide an schweren Persönlichkeitsstörungen. Ziel war es unter anderem, einer Verhängung der Todesstrafe entgegenzuwirken. Das Gericht folgte dieser Argumentation jedoch nicht. Nach einer mehrwöchigen Beweisaufnahme sprach die Jury Anthony Sowell in zahlreichen Anklagepunkten schuldig, darunter elf Morde, Vergewaltigungen, Entführungen und weitere schwere Straftaten. 

In der Strafzumessungsphase schilderten Angehörige der Opfer die Folgen der Taten. Viele berichteten von jahrelanger Ungewissheit, bevor die Leichen entdeckt wurden. Andere beschrieben den Schmerz, der mit der öffentlichen Aufmerksamkeit und den grausamen Details des Verfahrens einherging. Schließlich empfahl die Jury die Todesstrafe für die Mordanklagen. Das Gericht schloss sich dieser Empfehlung an. 

Sowell wurde in den Todestrakt des Bundesstaates Ohio eingewiesen. Dort blieb er bis zu seinem Tod im Jahr 2021. Er starb an den Folgen einer unheilbaren Erkrankung, bevor das gegen ihn verhängte Todesurteil vollstreckt werden konnte. 

Für Cleveland blieb der Fall weit mehr als die Geschichte eines Serienmörders. Er wurde zu einem Symbol für das Versagen staatlicher Institutionen im Umgang mit besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen. Interne Untersuchungen befassten sich mit Fehlern bei der Polizeiarbeit, der Bearbeitung von Vermisstenfällen und dem Umgang mit Hinweisen auf Sexualdelikte. Mehrere Verantwortliche gerieten unter erheblichen öffentlichen Druck. 

Auch die Medien hinterfragten ihre eigene Berichterstattung. Viele Kommentatoren stellten fest, dass das Verschwinden der späteren Opfer zunächst kaum Aufmerksamkeit erhalten hatte. Erst die spektakuläre Entdeckung der Leichen führte zu landesweiten Schlagzeilen. Diese Entwicklung löste eine grundlegende Diskussion darüber aus, wessen Schicksale gesellschaftlich wahrgenommen werden und welche Opfer zu oft unsichtbar bleiben. 

Bis heute gehört der Fall Anthony Sowell zu den bekanntesten Serienmordfällen der Vereinigten Staaten. Nicht allein wegen der Zahl der Opfer oder der Grausamkeit der Verbrechen, sondern weil er deutlich machte, wie gefährlich das Zusammenspiel aus sozialer Ausgrenzung, institutionellen Versäumnissen und fehlender Aufmerksamkeit sein kann. Hinter jeder der elf identifizierten Frauen stand ein eigenes Leben, eine Familie und eine Geschichte. Die Ermittlungen brachten ihre Namen zurück ans Licht – doch für ihre Angehörigen kam diese Gewissheit erst, nachdem das Schweigen aus dem Haus in der Imperial Avenue endgültig gebrochen worden war. 
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