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Der Moment, in dem London verstand 

Am Abend des 30. April 1999 war der Admiral Duncan in der Old Compton Street in Soho voll. Menschen standen zusammen, tranken, unterhielten sich. Für Andrea Dykes, ihren Ehemann Julian und ihre Freunde John Light und Nik Moore sollte es ein Abend in London werden, bevor sie weiter ins Theater gingen. Andrea Dykes war 27 Jahre alt und schwanger. 

Dann explodierte eine Bombe. 

Die Druckwelle riss durch das Lokal. Nägel, die in der Bombe als Splitterwirkung dienen sollten, wurden mit großer Wucht in den Raum geschleudert. Andrea Dykes, John Light und Nik Moore starben. Julian Dykes wurde schwer verletzt. Dutzende weitere Menschen erlitten Verbrennungen, Verletzungen durch Nägel und Splitter oder mussten später mit den Folgen des Anschlags leben. Insgesamt wurden bei den drei Bombenanschlägen 139 Menschen verletzt. 

Für London war es der dritte Anschlag innerhalb von nur 13 Tagen. Erst Brixton, dann Brick Lane, schließlich Soho. Die Orte waren nicht zufällig gewählt worden. Die Anschläge richteten sich gegen schwarze, asiatische und homosexuelle Menschen. 

Der Mann, der diese Bomben gelegt hatte, hieß David Copeland. 

Ein unauffälliger junger Mann 

Copeland wurde am 15. Mai 1976 in Isleworth im Westen Londons geboren. Er wuchs in einer Arbeiterfamilie auf. Sein Vater arbeitete als Lokführer, seine Mutter war Hausfrau. Die Familie lebte später in Yateley in Hampshire, wo Copeland die örtliche Gesamtschule besuchte. 

Als Schüler galt er nach späteren Aussagen als eher zurückhaltend. Er war nicht als besonders gewalttätig bekannt. Er bestand sieben GCSE-Prüfungen und verließ die Schule mit 16 Jahren. Danach folgten verschiedene Arbeitsstellen, Alkohol und Drogen spielten in seinem Leben eine Rolle. Schließlich arbeitete er als technischer Helfer im Umfeld der Londoner U-Bahn. 

Nach außen wirkte seine Entwicklung lange weniger spektakulär, als sie sich später darstellen sollte. Doch in den Jahren vor den Anschlägen veränderte sich Copeland zunehmend. 

Psychiater berichteten später von einer zunehmenden Isolation. Copeland entwickelte eine Faszination für Nationalsozialismus, Gewalt und rassistische Ideologien. 1997 trat er der British National Party bei. Im folgenden Jahr schloss er sich dem National Socialist Movement an, einer neonazistischen Organisation. 

Seine politische Radikalisierung fiel mit persönlichen Problemen zusammen. 1998 suchte er einen Arzt auf und sagte, er habe das Gefühl, den Verstand zu verlieren. Er erhielt Antidepressiva. 

Später sollte genau diese Frage den Mittelpunkt eines langen juristischen Streits bilden: War David Copeland ein ideologisch motivierter Mörder, der wusste, was er tat? Oder war er durch eine schwere psychische Erkrankung in seiner Schuldfähigkeit wesentlich eingeschränkt? 

Der Hass bekam ein Ziel 

Copelands Weltbild war von rassistischen und neonazistischen Vorstellungen geprägt. Im Prozess wurden Aussagen über seine Fantasien und seine Besessenheit von Adolf Hitler und der SS bekannt. 

Psychiatrische Gutachter berichteten, Copeland habe bereits als Jugendlicher Gewaltfantasien entwickelt. Er habe davon gesprochen, SS-Kommandeur zu sein und Macht über andere Menschen zu besitzen. Diese Aussagen stammten aus seinen späteren psychiatrischen Untersuchungen und wurden während des Prozesses ausführlich diskutiert. 

Seine politische Radikalisierung blieb nicht auf Worte beschränkt. 

Im April 1999 begann Copeland mit der Umsetzung seiner Pläne. 

Brixton 

Am 17. April 1999 fuhr Copeland nach Brixton im Süden Londons. In einer Gegend, die stark von der schwarzen Bevölkerung geprägt war, stellte er eine selbstgebaute Bombe ab. 

Das Gerät befand sich in einer Sporttasche. Die Bombe war mit Nägeln versehen, um die Zahl und Schwere der Verletzungen zu erhöhen. 

Menschen bemerkten die Tasche und alarmierten die Polizei. Als die Beamten eintrafen, explodierte der Sprengsatz. 

Rund 50 Menschen wurden verletzt. Es gab keinen Toten. 

Für die Ermittler war zunächst unklar, wer hinter dem Anschlag stand. Die Wahl des Zielortes deutete jedoch auf ein rassistisches Motiv hin. Kurz darauf bekannten sich rechtsextreme Gruppen telefonisch zu dem Anschlag. Die Polizei untersuchte deshalb zunächst auch mögliche Verbindungen zu organisierten extremistischen Netzwerken. 

Doch der Täter war kein Mitglied eines solchen Netzwerks, das die Anschläge gemeinsam geplant hatte. 

Er arbeitete allein. 

Die Spur auf den Bildern 

Nach dem Anschlag begannen die Ermittler, Videoaufnahmen aus Brixton auszuwerten. Die Polizei suchte nach einer Person, die mit dem später gefundenen Ablauf des Anschlags in Verbindung gebracht werden konnte. 

Die Auswertung der Überwachungskameras führte schließlich zu einem Mann. 

David Copeland. 

Am 29. April 1999 wurden Bilder des Verdächtigen veröffentlicht. Damit änderte sich die Lage dramatisch. 

Copeland wusste nun, dass die Polizei ihm auf der Spur war. 

Und trotzdem machte er weiter. 

Brick Lane 

Am 24. April hatte Copeland bereits den zweiten Anschlag vorbereitet. 

Diesmal wählte er Brick Lane im Londoner East End, ein Gebiet mit einer großen bangladeschischstämmigen Bevölkerung. Die Bombe wurde in Hanbury Street zurückgelassen. 

Auch dieses Mal bemerkte ein Passant die Tasche und alarmierte die Polizei. Der Sprengsatz explodierte dennoch. 

Dreizehn Menschen wurden verletzt. 

Wieder hatte Copeland ein Gebiet gewählt, das für eine ethnische Gemeinschaft Londons stand. Die Anschläge ergaben nun ein Muster: schwarze Menschen in Brixton, die südasiatische Gemeinschaft im East End und schließlich homosexuelle Menschen in Soho. 

Die Polizei begann, von einem gezielten rassistischen und homophoben Bombenfeldzug auszugehen. 

Der dritte Anschlag 

Die Veröffentlichung der Bilder setzte Copeland unter Druck. 

Später wurde bekannt, dass er den dritten Anschlag deshalb vorgezogen hatte. Statt noch länger zu warten, entschied er sich für Freitag, den 30. April. 

Sein Ziel war der Admiral Duncan in Soho. 

Der Pub lag im Herzen der Londoner Schwulenszene. Für Copeland war das Lokal damit nicht einfach ein beliebiger Ort. Es passte in das Feindbild, das sich aus seiner Ideologie entwickelt hatte. 

Am Abend betrat er das Lokal und stellte die Bombe ab. 

Andrea Dykes, ihr Ehemann Julian sowie John Light und Nik Moore waren zu diesem Zeitpunkt dort. Sie waren gemeinsam unterwegs und wollten später ins Theater. 

Die Bombe explodierte. 

Dykes, Light und Moore starben. Dykes war im vierten Monat schwanger. Ihr ungeborenes Kind starb ebenfalls. 

Die Zahl der Verletzten war enorm. Viele Menschen wurden durch die Nägel getroffen, andere erlitten schwere Verbrennungen. Einige Verletzte verloren Gliedmaßen. 

Der Anschlag auf den Admiral Duncan war der schwerste der drei Angriffe. 

Und zugleich wurde er zum Wendepunkt der Ermittlungen. 

Der entscheidende Hinweis 

Etwa 80 Minuten vor der Explosion hatte sich ein Mann bei der Polizei gemeldet: Paul Mifsud, ein Arbeitskollege Copelands. 

Mifsud hatte die veröffentlichten Bilder gesehen und glaubte, den Mann zu erkennen. 

Er informierte die Polizei. 

Die Ermittler hatten nun nicht mehr nur Überwachungsbilder, sondern einen konkreten Namen und eine Verbindung zu einer Person aus dem Umfeld des Verdächtigen. 

In der Nacht wurde Copelands Wohnort in Cove in Hampshire zum Ziel der Polizei. 

In den frühen Morgenstunden des 1. Mai 1999 wurde er festgenommen. 

Die Ermittler gingen davon aus, dass er allein gehandelt hatte. Bei der Durchsuchung fanden sie unter anderem Materialien, die mit seiner rechtsextremen Gesinnung und den Anschlägen in Verbindung standen. Copeland legte schließlich ein Geständnis ab und gab zu, die drei Bombenanschläge verübt zu haben. 

Damit endete die dreizehntägige Serie. 

Doch die Frage nach dem Warum begann erst jetzt. 

Der Mann hinter den Bomben 

Die Ermittlungen zeichneten ein Bild von einem jungen Mann, dessen Leben sich in den Jahren vor den Anschlägen zunehmend verengt hatte. 

Copeland hatte sich politisch radikalisiert. Er war Mitglied rechtsextremer Organisationen geworden und hatte sich mit nationalsozialistischer Ideologie beschäftigt. Gleichzeitig hatten sich psychische Probleme entwickelt. 

Mehrere Psychiater untersuchten ihn nach seiner Festnahme. 

Fünf Gutachter kamen zu dem Schluss, dass Copeland an paranoider Schizophrenie litt. Ein weiterer Psychiater diagnostizierte dagegen eine Persönlichkeitsstörung, die seiner Einschätzung nach nicht schwer genug war, um eine verminderte Schuldfähigkeit zu begründen. 

Damit war der Fall juristisch kompliziert. 

Denn dass Copeland psychisch krank war, wurde nicht grundsätzlich bestritten. Entscheidend war vielmehr die Frage, wie schwer seine Erkrankung zum Zeitpunkt der Anschläge gewesen war und ob sie seine Fähigkeit, zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden beziehungsweise die Folgen seines Handelns zu verstehen, erheblich beeinträchtigt hatte. 

Der Prozess am Old Bailey 

Der Prozess gegen Copeland begann vor dem Old Bailey in London. 

Copeland räumte ein, die drei Explosionen verursacht zu haben. Er bestritt jedoch, für Mord verantwortlich zu sein. Seine Verteidigung argumentierte mit verminderter Schuldfähigkeit und wollte erreichen, dass er wegen Totschlags statt wegen Mordes verurteilt wurde. 

Die Staatsanwaltschaft widersprach. 

Sie stellte Copelands politische Überzeugungen und seine Planung der Anschläge in den Mittelpunkt. Die Bomben waren nicht spontan entstanden. Er hatte Ziele ausgesucht, Geräte hergestellt, sie transportiert und an öffentlichen Orten platziert. 

Die Staatsanwaltschaft argumentierte, dass seine psychische Erkrankung nicht ausreichte, um ihn von der Verantwortung für die Morde zu entbinden. 

Auch Copelands eigene Äußerungen spielten eine Rolle. 

Während seiner Untersuchungshaft hatte er Kontakt zu dem Kriminalautor Bernard O’Mahoney aufgenommen, der sich gegenüber Copeland unter einer erfundenen Identität als Frau ausgab. In Briefen äußerte sich Copeland über die Anschläge und seine psychische Verfassung. Die Schreiben wurden später für die Anklage wichtig, weil sie Hinweise auf seinen damaligen Geisteszustand und seine Haltung zu den Taten lieferten. 

Die Verteidigung stand damit vor einem erheblichen Problem. 

Drei Menschenleben 

Im Prozess wurde auch das Leid der Überlebenden sichtbar. 

Julian Dykes überlebte die Explosion schwer verletzt. Seine Frau Andrea war tot. Ebenso seine Freunde John Light und Nik Moore. 

Für die Angehörigen war der Anschlag nicht nur ein abstrakter Terrorakt. Er hatte Familien auseinandergerissen und Zukunftspläne ausgelöscht. 

Andrea Dykes war schwanger gewesen. Ihr Mann verlor damit nicht nur seine Ehefrau, sondern auch sein ungeborenes Kind. 

Die Opfer standen dabei für etwas, das Copeland treffen wollte: Menschen, die er aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer von ihm verachteten Gruppe als Feinde betrachtete. 

Das Urteil 

Am 30. Juni 2000 verkündete die Jury am Old Bailey ihr Urteil. 

David Copeland wurde wegen dreifachen Mordes schuldig gesprochen. 

Die Jury akzeptierte seine Argumentation der verminderten Schuldfähigkeit nicht. 

Copeland erhielt sechs lebenslange Freiheitsstrafen: drei wegen der Morde und drei wegen der Bombenanschläge. 

Im Gerichtssaal blieb er weitgehend regungslos. 

Der Richter bezeichnete die Taten als von fanatischem Hass und Verachtung gegenüber anderen Menschen geprägt. Die Entscheidung bedeutete, dass Copeland für seine Anschläge und die drei Todesopfer strafrechtlich als voll verantwortlich behandelt wurde. 

Er wurde anschließend in das Hochsicherheitskrankenhaus Broadmoor eingewiesen. 

Die Frage nach der Haftdauer 

Mit dem Urteil war der Fall juristisch jedoch noch nicht vollständig abgeschlossen. 

Copeland war zunächst zu einer Mindesthaftzeit von 30 Jahren verurteilt worden. 2007 überprüfte der High Court den Fall erneut und erhöhte die Mindesthaftzeit auf 50 Jahre. 

Damit war eine Entlassung frühestens 2049 möglich, wenn Copeland 73 Jahre alt wäre. Der Richter bezeichnete den Fall als außergewöhnlich schwerwiegend und die Anschläge als eine Reihe gezielter Morde. 

Copeland legte gegen diese Entscheidung Berufung ein. 

2011 bestätigte das Court of Appeal die Mindesthaftzeit von 50 Jahren. 

Ein Anschlag, der London veränderte 

Die Bomben von 1999 trafen nicht nur einzelne Menschen. Sie richteten sich gegen das Prinzip einer vielfältigen Stadt. 

Brixton, Brick Lane und Soho standen für unterschiedliche Gemeinschaften Londons. Copelands Ziel war es, Angst zu erzeugen und gesellschaftliche Gruppen gegeneinander aufzubringen. Seine Taten wurden deshalb als Versuch eingeordnet, rassistische und homophobe Spannungen zu verschärfen. 

Doch die Reaktion Londons entwickelte sich anders. 

Nach dem Anschlag auf den Admiral Duncan wurden Blumen und Nachrichten vor dem Pub niedergelegt. Wenige Tage später wurden sie in einer Prozession nach Soho Square gebracht, wo ein provisorischer Erinnerungsort entstand. Eine Gedenkveranstaltung in Soho wurde von Hunderten Menschen besucht. 

Der Anschlag führte außerdem zu einer intensiveren Zusammenarbeit zwischen Polizei und der schwulen Community. Gerade der Umgang der Polizei mit den Opfern und Zeugen nach der Explosion wurde später als wichtiger Moment in den Beziehungen zwischen Polizei und Londons LGBTQ-Community beschrieben. 

Ausgerechnet dort, wo Copeland eine Gesellschaft spalten wollte, entstand ein sichtbares Zeichen des Zusammenhalts. 

Die Erinnerung 

Der Name David Copeland wurde zum Synonym für die Londoner Nail-Bomb-Anschläge von 1999. Doch hinter diesem Namen standen drei Menschen, deren Leben nicht auf einen Täter reduziert werden konnte. 

Andrea Dykes war 27 Jahre alt. Sie war mit ihrem Mann und Freunden unterwegs und erwartete ihr erstes Kind. 

John Light war ihr Freund und sollte Pate des ungeborenen Kindes werden. 

Nik Moore gehörte ebenfalls zu der Gruppe, die an diesem Abend gemeinsam unterwegs war. 

Sie waren keine abstrakten Opfer eines politischen Konflikts. Sie waren Menschen, die an einem Freitagabend einen Pub besuchten. 

Der Anschlag machte sie zu Opfern eines Mannes, der glaubte, mit Gewalt eine Gesellschaft nach seinen rassistischen und homophoben Vorstellungen verändern zu können. 

Was von den Bomben blieb 

Die Geschichte von David Copeland ist deshalb nicht nur die Geschichte eines einzelnen Rechtsextremisten. Sie zeigt auch, wie sich persönliche Isolation, psychische Probleme, politische Radikalisierung und eine zunehmend menschenfeindliche Ideologie miteinander verbinden konnten. 

Doch nichts davon erklärt oder entschuldigt die Morde. 

Copeland hatte seine Ziele ausgewählt. Er hatte seine Bomben vorbereitet. Er hatte sie an Orten platziert, an denen Menschen zusammenkamen. Und über einen Zeitraum von 13 Tagen setzte er seinen Plan fort, obwohl der erste Anschlag bereits zahlreiche Menschen verletzt hatte und die Polizei nach ihm suchte. 

Am Ende starben drei Menschen. 

139 weitere wurden verletzt. 

Und eine Stadt, die der Täter durch Angst und Hass auseinanderreißen wollte, reagierte mit Trauer, Solidarität und Erinnerung. 

Der Admiral Duncan blieb geöffnet. Die Gemeinschaft, die Copeland treffen wollte, blieb bestehen. 

Die Bomben waren verstummt. 

Der Versuch, London durch Hass zu spalten, war gescheitert. 

David Copeland blieb im Gefängnis. 

Und die Namen Andrea Dykes, John Light und Nik Moore blieben mit dem Ort verbunden, an dem ihr Leben endete. 
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Ein sonniger Tag im Wald 

Am 1. März 1981 gingen Ellen Hansen und Steven Haertle im Henry Cowell Redwoods State Park bei Santa Cruz wandern. Dort trafen sie auf einen bewaffneten Mann. Er zwang die beiden, ihm zu folgen. Nach Haertles späterer Aussage kündigte der Mann einen sexuellen Übergriff auf Hansen an. Als sich die beiden widersetzten, schoss er auf sie. Hansen starb, Haertle überlebte schwer verletzt. Haertles Beschreibung des Angreifers wurde später zu einem wichtigen Bestandteil der Ermittlungen gegen David Carpenter. 

Dass Carpenter der Täter dieses Angriffs war, war keine bloße Vermutung: Haertle identifizierte ihn, und Carpenter wurde später wegen Hansens Mordes und des Angriffs auf Haertle verurteilt. 

Von diesem Punkt an musste jedoch zwischen gerichtlichen Feststellungen und späteren Erzählungen unterschieden werden. Denn um Carpenter entstand im Laufe der Jahre ein Bild, das teilweise aus Beweisen, teilweise aus Ermittlerhypothesen und teilweise aus medialen Deutungen bestand. 

Was über Carpenter bekannt war 

David Joseph Carpenter wurde am 6. Mai 1930 in San Francisco geboren. Fest steht, dass er bereits lange vor der Mordserie mit dem Strafrecht in Konflikt geraten war. 

1960 wurde er wegen eines schweren Angriffs auf eine Frau verurteilt. Später folgten weitere Verurteilungen, darunter wegen Sexualdelikten. Carpenter verbrachte deshalb erhebliche Teile seines Erwachsenenlebens im Gefängnis. 

Auch sein starkes Stottern war öffentlich bekannt. Über seine Kindheit und sein familiäres Umfeld existieren Berichte über Gewalt und schwierige Lebensumstände. 

Hier beginnt jedoch die Grenze zwischen belegbarer Biografie und psychologischer Interpretation. 

Es lässt sich nicht seriös behaupten, seine Kindheit habe ihn zum Mörder gemacht. Ebenso wenig lässt sich aus seiner Sprachstörung eine spätere Gewaltbereitschaft ableiten. Solche Zusammenhänge wurden in Darstellungen des Falls teilweise nahegelegt, sind aber keine gerichtliche Erklärung für seine späteren Taten. 

Belegt war vielmehr seine lange Vorgeschichte von Gewalt- und Sexualdelikten. 

Die Morde von Marin County 

Im Herbst 1980 wurden in Marin County mehrere Menschen getötet. Die Opfer waren Cynthia Moreland, Richard Stowers, Anne Alderson, Diane O’Connell und Shauna May. 

Die späteren Ermittlungen führten diese fünf Morde auf Carpenter zurück. 

Entscheidend ist die Formulierung: Carpenter wurde für diese fünf Morde verurteilt. Damit handelt es sich nicht lediglich um eine polizeiliche Theorie. 

Gleichzeitig bedeutet die Tatsache, dass mehrere Taten einem Täter zugeschrieben wurden, nicht, dass jedes Detail der jeweiligen Tat rekonstruiert werden konnte. Bei späteren Darstellungen der Mordserie wurden Motive, innere Beweggründe und genaue Abläufe teilweise mit größerer Sicherheit beschrieben, als die öffentlich bekannten Gerichtsunterlagen tatsächlich erlaubten. 

Der Begriff „Trailside Killer“ selbst war eine mediale Bezeichnung. Er beschrieb Carpenter als Täter, der seine Opfer an Wanderwegen und in Naturgebieten angegriffen hatte. Er war kein offizieller psychologischer oder juristischer Titel. 

Was die Ermittler zusammenführte 

Die Ermittler sahen Gemeinsamkeiten zwischen den Fällen. Die Tatorte lagen in abgelegenen Gebieten. Mehrere Opfer waren Frauen. Die Ermittlungen konzentrierten sich zunehmend auf die Möglichkeit, dass hinter den einzelnen Taten derselbe Täter stand. 

Der entscheidende Durchbruch kam nach dem Mord an Ellen Hansen. 

Steven Haertle hatte den Angriff überlebt und konnte den Täter beschreiben. Seine Aussagen ermöglichten es den Ermittlern, die Suche nach einem konkreten Verdächtigen zu richten. 

Später führten weitere Hinweise zu Carpenter. Er wurde am 15. Mai 1981 in San Francisco festgenommen. 

Dass die Ermittler Carpenter für die gesamte Mordserie verantwortlich machten, war zu diesem Zeitpunkt zunächst eine Hypothese. Erst die folgenden Strafverfahren mussten klären, welche einzelnen Taten ihm tatsächlich nachgewiesen werden konnten. 

Heather Scaggs 

Zu den beiden Fällen aus Santa Cruz County gehörte der Mord an Heather Scaggs. 

Scaggs war 20 Jahre alt. Sie verschwand im Mai 1981 und wurde später tot aufgefunden. 

Die Staatsanwaltschaft brachte Carpenter mit ihrem Tod in Verbindung. Auch dieser Fall endete schließlich mit einer Verurteilung. 

Damit ist der juristische Status wichtig: Der Mord an Scaggs gehörte nicht lediglich zu den Fällen, die Ermittler Carpenter zuschrieben. Carpenter wurde dafür vor Gericht schuldig gesprochen. 

Die Zahl sieben 

Carpenter wurde letztlich wegen sieben Morden verurteilt. 

Zwei davon betrafen Ellen Hansen und Heather Scaggs in Santa Cruz County. Die übrigen fünf waren die Morde an Cynthia Moreland, Richard Stowers, Anne Alderson, Diane O’Connell und Shauna May in Marin County. 

Diese sieben Fälle bilden den Kern dessen, was als Trailside-Mordserie bekannt wurde. 

Andere ungeklärte Morde oder Vermisstenfälle mit Carpenter in Verbindung zu bringen, wäre dagegen nicht ohne Weiteres zulässig. Im Laufe der Jahrzehnte entstanden Spekulationen darüber, ob er für weitere Taten verantwortlich gewesen sein könnte. Eine solche Möglichkeit ist nicht dasselbe wie eine bewiesene Täterschaft. 

Der erste Prozess 

1984 wurde Carpenter wegen der Morde an Ellen Hansen und Heather Scaggs verurteilt. 

Das Gericht verhängte die Todesstrafe. 

Die Verurteilung bedeutete nicht, dass alle später diskutierten Theorien über Carpenter damit bestätigt worden wären. Sie bezog sich auf die konkreten Anklagepunkte, die vor Gericht verhandelt worden waren. 

Besonders wichtig war die Aussage des Überlebenden Steven Haertle im Fall Hansen. Seine Wahrnehmung des Täters war unmittelbarer als spätere Rekonstruktionen, die auf Akten, Medienberichten oder Ermittlerannahmen beruhten. 

Der zweite Prozess 

Die fünf Morde in Marin County wurden in einem eigenen Verfahren behandelt. 

1988 wurde Carpenter wegen aller fünf Morde schuldig gesprochen. Zusätzlich wurde er wegen zweier Vergewaltigungen und eines versuchten sexuellen Übergriffs verurteilt. 

Auch in diesem Verfahren wurde die Todesstrafe verhängt. 

Damit lag eine außergewöhnliche Situation vor: Carpenter war nun aufgrund zweier getrennter Verfahren zweimal zum Tod verurteilt worden. 

Der Streit um die Jury 

Der zweite Prozess wurde später selbst zum Gegenstand eines juristischen Konflikts. 

Es ging um die Frage, ob eine Geschworene während des Verfahrens von Carpenters früherer Verurteilung wegen der beiden Santa-Cruz-Morde erfahren hatte. 

Das war rechtlich bedeutsam. Ein Geschworenengericht sollte über die ihm vorgelegten Anklagen entscheiden und nicht durch unzulässige Informationen über eine frühere Verurteilung beeinflusst werden. 

Der zuständige Richter hob die Verurteilung zunächst auf und ordnete einen neuen Prozess an. 

Das bedeutete nicht, dass der Richter Carpenter für unschuldig hielt. Im Gegenteil: Er erklärte, von dessen Schuld überzeugt zu sein. Die Aufhebung beruhte auf der Frage, ob das Verfahren den Anforderungen an ein faires Geschworenengericht genügt hatte. 

Später korrigierte der California Supreme Court diese Entscheidung. Die Verurteilung wegen der fünf Morde blieb bestehen. 

Was bleibt – und was nicht bewiesen ist 

Die gerichtliche Akte erlaubt eine klare Trennung. 

Bewiesen beziehungsweise rechtskräftig festgestellt ist, dass David Carpenter wegen sieben Morden verurteilt wurde. Bewiesen ist außerdem seine frühere kriminelle Vorgeschichte und die Tatsache, dass ein Überlebender des Hansen-Angriffs ihn als Täter identifizierte. 

Nicht auf dieselbe Weise bewiesen sind Aussagen darüber, was Carpenter „wirklich dachte“, welches psychologische Motiv hinter jedem einzelnen Mord stand oder ob seine schwierige Kindheit ursächlich für seine spätere Gewalt war. 

Auch die Vorstellung, Carpenter habe seine Opfer systematisch über Jahre hinweg „gejagt“, ist eher eine erzählerische Verdichtung als eine präzise juristische Feststellung. Der Begriff passt zum öffentlichen Bild des Falls, sollte aber nicht mit einem nachgewiesenen inneren Tatplan verwechselt werden. 

Dasselbe gilt für mögliche weitere Opfer. 

Bei einem Serienmörder entsteht schnell die Versuchung, ungeklärte Fälle mit einem bereits verurteilten Täter zu verbinden. Doch ein ungeklärter Mord bleibt ein ungeklärter Mord, solange die Beweislage keine belastbare Verbindung herstellt. 

Die Angst vor dem Wanderweg 

Der öffentliche Schrecken des Falles hatte dennoch einen realen Kern. 

Die Morde ereigneten sich in Landschaften, die für Spaziergänge, Wanderungen und Erholung standen. Die Tatorte lagen nicht in einer anonymen Großstadtstraße, sondern in Parks und Naturgebieten rund um die San Francisco Bay Area. 

Dadurch wurde der Fall zu einer Geschichte über einen Ort ebenso wie über einen Täter. 

Die Medien machten aus Carpenter den „Trailside Killer“. Der Name reduzierte eine komplexe Reihe von Strafverfahren auf ein eingängiges Bild: einen Mann, der an Wanderwegen auf seine Opfer lauerte. 

Dieses Bild war wirkungsmächtig. 

Aber es war nicht die vollständige Beweislage. 

Hinter dem Mediennamen standen sieben rechtskräftig festgestellte Morde, konkrete Zeugenaussagen, Ermittlungen, Gerichtsverfahren und jahrelange Rechtsmittel. 

Und dahinter standen sieben Menschen, deren Namen nicht zu bloßen Bestandteilen einer Tätergeschichte werden sollten. 

Der letzte Unterschied 

True Crime lebt von der Rekonstruktion. 

Doch Rekonstruktion kann leicht in Erfindung übergehen. 

Bei David Carpenter ist die Grenze besonders wichtig. Die Akten ergeben das Bild eines Mannes mit einer langen Vorgeschichte von Gewalt und schließlich sieben Mordverurteilungen. Sie ergeben eine Reihe von Ermittlungen, Zeugenaussagen und Gerichtsentscheidungen. Sie ergeben einen Täter, dessen Schuld an diesen sieben Morden von Gerichten festgestellt wurde. 

Sie liefern dagegen nicht automatisch Antworten auf jede Frage, die sich heute stellen lässt. 

Warum genau er jedes Opfer auswählte, was er unmittelbar vor jeder Tat dachte, welche Fantasien ihn antrieben oder ob hinter nicht aufgeklärten Fällen ebenfalls Carpenter stand, lässt sich nicht in derselben Gewissheit beantworten. 

Die belastbare Geschichte ist deshalb weniger spektakulär als manche Legende – aber gerade dadurch eindringlicher. 

David Carpenter wurde wegen sieben Morden verurteilt. 

Die übrigen Lücken der Geschichte sollten Lücken bleiben, solange Beweise sie nicht schließen. 
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Ein Koffer vor der Tür 

Kischinjow, 1980. Die Sowjetunion bereitete sich auf die Olympischen Spiele in Moskau vor, im Fernsehen liefen Bilder von einer scheinbar unbeschwerten Zeit. Doch in der moldauischen Hauptstadt begann sich unter dieser Oberfläche eine Geschichte zu entwickeln, die selbst erfahrene Ermittler vor ein Rätsel stellte. 

Vor der Wohnung des Bekannten von Alexander Skrynnik stand eines Tages ein Koffer. Was darin lag, war zunächst kaum zu begreifen. Im Inneren befand sich der Kopf einer Frau. 

Der Fund war nicht nur ein Mordfall. Er war eine Botschaft. 

Der Täter hatte den Kopf nicht einfach versteckt. Er hatte ihn gezielt zu einem Mann gebracht, den er kannte, und eine Nachricht hinterlassen. Es ging um Geld und um Drohungen gegen die Familie des Empfängers. Für die Ermittler bedeutete das zunächst, dass sie es möglicherweise nicht mit einem gewöhnlichen Raub- oder Beziehungsdelikt zu tun hatten. Jemand wollte Angst erzeugen. Und jemand wollte, dass eine ganz bestimmte Person Angst bekam. 

Noch schwieriger war eine andere Frage: Wer war die Frau? 

Die Identifizierung der Toten wurde zum ersten großen Problem der Ermittler. Der Täter hatte die Leiche so schwer verstümmelt, dass die üblichen Möglichkeiten zur Identifizierung nicht ausreichten. Schließlich wurde eine außergewöhnliche Entscheidung getroffen. Der Kopf der unbekannten Frau wurde im Fernsehen gezeigt. 

Es war ein Schritt, der heute kaum vorstellbar wäre. Doch er führte zum Ziel. 

Ein siebenjähriger Junge erkannte die Frau als seine Mutter, Irina Trasyn. Er hatte sie seit Tagen nicht gesehen. Mit der Identifizierung bekam das Opfer einen Namen zurück – und die Ermittler erhielten einen ersten festen Punkt in einem Fall, der sich gerade erst entwickelte. Der Junge wurde anschließend in einem Kinderheim untergebracht. 

Ein unauffälliger Mann 

Alexander Iwanowitsch Skrynnik war kein Mann, bei dem seine Umgebung einen Serienmörder vermutet hätte. 

Sein genaues Geburtsdatum und manche Einzelheiten seiner frühen Biografie sind bis heute nicht eindeutig überliefert. In den verfügbaren Darstellungen wird er Anfang der 1950er-Jahre geboren. Er stammte aus der Moldauischen SSR und lebte später in Kischinjow. 

Er war verheiratet und Vater. Beruflich arbeitete er unter anderem als Tischler beziehungsweise als Arbeiter in der Kischinjower Süßwarenfabrik Bucuria. Dort galt er offenbar als fleißiger und erfolgreicher Mitarbeiter. Er war Produktionsauszeichner und Kandidat für die Kommunistische Partei. Nach außen entsprach sein Leben damit weitgehend dem Bild eines gewöhnlichen sowjetischen Arbeiters und Familienvaters. 

Doch hinter dieser Fassade entwickelte sich ein ausgeprägter Hass auf Frauen. 

Berichten über seine Aussagen zufolge empfand Skrynnik sein Privatleben als gescheitert. Nach der Geburt eines Kindes habe er erkannt, dass er seine Frau nicht liebe. Gleichzeitig beneidete er einen Bekannten, Feodosiy Glukharyov, um dessen Erfolg bei Frauen. 

Glukharyov soll zahlreiche Beziehungen gehabt haben. Für Skrynnik wurde dieser Bekannte offenbar zu einer Projektionsfläche für das eigene Gefühl des Versagens. 

Dann gab Skrynnik eine Zeitungsanzeige auf, in der er nach einer Partnerin suchte. 

Eine Begegnung endete für ihn mit einer Geschlechtskrankheit. Später erklärte er, dieses Erlebnis habe seine Einstellung gegenüber Frauen verändert. Aus persönlicher Enttäuschung wurde in seiner eigenen Vorstellung eine Art Weltanschauung. Frauen seien für sein Unglück verantwortlich, so die spätere Darstellung seiner Motive. 

Nichts davon erklärt einen Mord. 

Es erklärt höchstens, wie ein Mensch seine eigene Wut in eine Rechtfertigung verwandeln konnte. 

Der erste Mord 

Die Spur der Gewalt führte zunächst weit weg von Kischinjow. 

Mitte der 1970er-Jahre arbeitete Skrynnik in der Jakutischen ASSR. Dort wurde die Stewardess Nina Puganova ermordet. Ihr Körper wurde schwer verstümmelt aufgefunden. Die Ermittlungen brachten zunächst keinen Täter hervor. 

Der Mord blieb ungelöst. 

Jahre später sollte sich herausstellen, dass die Ermittler damals bereits nach einem Mann suchten, dessen Name ihnen erst sehr viel später begegnen würde. 

Skrynnik kehrte irgendwann nach Moldau zurück und führte dort sein scheinbar normales Leben weiter. Er arbeitete, war verheiratet und bewegte sich unauffällig in seinem sozialen Umfeld. 

Der Abstand zwischen seinem Alltag und seinen Verbrechen war enorm. 

Gerade diese Diskrepanz machte den späteren Fall so verstörend. Der Mann, der tagsüber einer geregelten Arbeit nachging, war zugleich mit einem ungelösten Mord aus einer anderen Region verbunden. 

Die Frau im Koffer 

1980 begann die Mordserie in Kischinjow eine neue Dimension anzunehmen. 

Skrynnik traf Irina Trasyn. Sie war Mutter eines siebenjährigen Sohnes. 

Was zunächst wie ein gewöhnliches Treffen ausgesehen haben soll, endete mit ihrer Ermordung. Anschließend verstümmelte der Täter die Leiche und trennte den Kopf vom Körper. 

Dann kam der Koffer. 

Er brachte den Kopf zu seinem Bekannten Glukharyov. Die beigefügte Nachricht enthielt Forderungen und Drohungen. Glukharyov sollte Geld zu einem bestimmten Ort bringen. Zugleich wurde seiner Familie Gefahr angedroht. 

Damit hatte Skrynnik eine zweite Ebene in seine Tat eingebaut. 

Er wollte nicht nur töten. Er wollte einen anderen Menschen terrorisieren. 

Für die Polizei bedeutete das zunächst eine völlig andere Ermittlungsrichtung. Warum wurde ausgerechnet Glukharyov bedroht? Warum wurde eine Leiche in seine Nähe gebracht? Und wer konnte einen persönlichen Konflikt mit ihm haben? 

Der Verdacht fiel zunächst auf Menschen aus dessen Umfeld. 

Ein Täter, der seine Ermittler in die Irre führte 

Die Ermittler betrachteten Glukharyovs Bekanntenkreis. Eine mögliche Erklärung war, dass sich jemand an ihm rächen wollte. Beziehungen, Eifersucht und persönliche Konflikte rückten in den Mittelpunkt. 

Auch ein Verwandter geriet ins Visier. Er hatte in der Vergangenheit einen Streit mit Glukharyov gehabt und ihm sogar gedroht. Als die Polizei ihn im Zusammenhang mit dem Fall antraf, versuchte er zu fliehen. 

Doch die Spur führte nicht zum Mörder. 

Der Mann war offenbar aus einem anderen Grund nervös geworden. Gegen ihn bestanden Verdachtsmomente wegen wirtschaftlicher Delikte. Für den Mord gab es jedoch ein Alibi. 

Die Ermittler standen wieder am Anfang. 

Dann kam die nächste Nachricht. 

Eine Hand im Schatten 

Kurz darauf wurde eine weitere Frau getötet. Ihr Name wird in den verfügbaren Darstellungen als Anastasia Mikhailova angegeben. 

Diesmal brachte der Täter keine vollständige Leiche zu seinem Bekannten. Er hinterließ eine abgetrennte Hand – erneut verbunden mit einer Nachricht und Drohungen. 

Die Situation wurde immer unheimlicher. 

In Kischinjow entstanden Gerüchte. Manche Menschen glaubten, ein besonders grausamer Täter sei aus einer anderen Region in die Stadt gekommen. Andere erzählten sich Geschichten über Grabschänder oder sogar über einen Kannibalen, der angeblich in der moldauischen Hauptstadt sein Unwesen treibe. 

Der Name Nikolai Dzhumagaliev tauchte in den Gerüchten auf. Dzhumagaliev war tatsächlich ein anderer sowjetischer Serienmörder, dessen Verbrechen zu jener Zeit bekannt geworden waren. Eine Verbindung zu Skrynnik bestand jedoch nicht. 

Die Angst wuchs schneller als die Erkenntnisse der Polizei. 

Der Fehler des Täters 

Doch der Täter hatte einen Fehler gemacht. 

Eine junge Frau namens Olga Lebedeva überlebte einen Angriff. 

Skrynnik hatte sie im zentralen Park von Kischinjow angegriffen. Nach den späteren Darstellungen versuchte er, sie zu überwältigen und zu töten. Lebedeva konnte sich jedoch wehren und entkommen. 

Damit besaßen die Ermittler etwas, das sie bei den toten Frauen nicht mehr bekommen konnten: eine lebende Zeugin. 

Sie konnte den Angreifer beschreiben. 

Und sie kannte ihn bereits. 

Skrynnik hatte zuvor Kontakt zu ihr aufgenommen. Er hatte ihr geschrieben. Die Briefe, die er ihr geschickt hatte, wurden dadurch zu einem entscheidenden Beweisstück. 

Für die Ermittler entstand nun eine Verbindung zwischen dem unbekannten Angreifer, den Drohbriefen und den Morden. 

Doch noch fehlte der eindeutige Beweis. 

Die Handschrift 

Der Täter hatte die Nachrichten in Druckbuchstaben geschrieben. 

Das erschwerte zunächst den Vergleich mit vorhandenen Schriftproben. Die Ermittler konnten nicht einfach einen Brief nehmen und ihn mit einer normalen Handschrift vergleichen. 

Dann kam ihnen eine ungewöhnliche Idee. 

Skrynnik wurde zum Militärkommissariat bestellt. Dort sollte er Formulare ausfüllen. Entscheidend war die Anweisung, die Angaben in Druckbuchstaben einzutragen. 

Damit erzeugte die Polizei eine Vergleichsprobe. 

Die Schrift wurde anschließend untersucht. Nach den veröffentlichten Darstellungen stimmte sie mit der Schrift auf den Nachrichten des Täters überein. 

Aus einem anonymen Verfasser wurde ein konkreter Verdächtiger. 

Alexander Skrynnik. 

Die Überwachung 

Nun mussten die Ermittler vorsichtig vorgehen. 

Skrynnik wusste noch nicht, dass sich die Schlinge um ihn zusammenzog. Eine Festnahme durfte nicht scheitern. Zu diesem Zeitpunkt war klar, dass die Polizei es mit einem Täter zu tun hatte, der extrem brutal vorging und bereits mehrfach getötet hatte. 

Die Ermittler beobachteten sein Umfeld. 

Schließlich entschieden sie sich für einen ungewöhnlichen Zugriff. 

Skrynnik ging in das Kino Patria. Er war nicht allein. Er hatte eine Frau dabei und wollte einen Film sehen. 

Die Polizei wusste, dass er dort sein würde. 

Ein Beamter trat unter einer Tarnung an ihn heran. Die Situation sollte nicht wie eine Festnahme aussehen. Skrynnik wurde aus dem öffentlichen Bereich gelockt – und dort schließlich überwältigt. 

Der Mann, der sich jahrelang zwischen Arbeit, Familie und Bekannten bewegt hatte, war gefasst. 

„Sanitäter der Natur“ 

Nach seiner Festnahme begann Skrynnik auszusagen. 

Zunächst soll er sich gegen die Vorwürfe gewehrt haben. Er habe auf seine beruflichen Leistungen verwiesen und seine Stellung als Arbeiter betont. Doch angesichts der Beweise geriet diese Verteidigung ins Wanken. 

Später sprach er über seine Taten. 

Dabei bezeichnete er sich selbst als eine Art „Sanitäter der Natur“. 

Der Ausdruck war mehr als eine bizarre Selbstbezeichnung. Er zeigte, wie der Täter seine Gewalt in eine eigene moralische Ordnung eingebaut hatte. Er sah sich nicht als Verbrecher, sondern als jemand, der angeblich eine Aufgabe erfülle. 

Gerade diese Selbstrechtfertigung machte den Fall für die Ermittler und die Öffentlichkeit so verstörend. 

Denn sie zeigte keinen Mann, der seine Taten als unbegreiflichen Ausbruch schilderte. Skrynnik versuchte vielmehr, ihnen einen Sinn zu geben. 

Drei Tote – und eine Überlebende 

Mit den Ermittlungen wurden drei Morde mit Skrynnik in Verbindung gebracht. 

Nina Puganova, die in Jakutien getötet worden war. 

Irina Trasyn, deren siebenjähriger Sohn seine Mutter auf einem Fernsehbild erkennen musste. 

Und Anastasia Mikhailova, deren Schicksal mit den Drohungen gegen Glukharyov verbunden wurde. 

Hinzu kam Olga Lebedeva, die einen Angriff überlebte und damit zu einer entscheidenden Zeugin wurde. 

Die öffentlich zugänglichen Darstellungen unterscheiden sich bei einzelnen biografischen Details und Namensformen. Auch die Schreibweise des Täternamens variiert. In der russischsprachigen Überlieferung erscheint der Mann unter anderem als Alexander Iwanowitsch Skrynnik beziehungsweise unter dem Namen Profir Skripnik. 

Die Bezeichnung „Moldawischer Chikatilo“ setzte sich später als Spitzname durch. Sie bezog sich auf die Brutalität seiner Taten, nicht darauf, dass er mit Andrei Chikatilo zusammengearbeitet hätte oder zu dessen Verbrechensserie gehörte. 

Der Prozess 

Der Prozess fand vor dem Obersten Gericht der Moldauischen SSR statt. 

Skrynnik wurde wegen Mordes unter erschwerenden Umständen angeklagt. Die Ermittlungen hatten ein Bild ergeben, das aus mehreren Puzzleteilen bestand: die Zeugenaussage der Überlebenden, die Briefe, die Handschriftenanalyse und die Verbindung zu den Opfern. 

Auch der Mord in Jakutien wurde in die Geschichte des Täters eingeordnet. 

Das Gericht verurteilte Skrynnik zum Tod. 

In der Sowjetunion war die Todesstrafe durch Erschießen vollstreckbar. Auch Skrynnik wurde schließlich durch ein Erschießungskommando hingerichtet. Als Todesdatum wird in mehreren Darstellungen der 15. August 1981 genannt. Andere Quellen geben lediglich das Jahr 1981 an. 

Damit endete die Geschichte des Mannes, der sich selbst als „Sanitäter der Natur“ bezeichnet hatte. 

Doch der Fall verschwand nicht vollständig. 

Eine Stadt voller Gerüchte 

In einer Gesellschaft, in der Informationen über schwere Verbrechen nicht in der heutigen Geschwindigkeit verbreitet wurden, entstanden Leerstellen. Und Leerstellen werden schnell mit Gerüchten gefüllt. 

Die Sowjetunion war geprägt von einer stark kontrollierten Medienlandschaft. Gewaltverbrechen wurden zwar berichtet, doch die Darstellung schwerer Serienverbrechen war nicht mit der heutigen True-Crime-Kultur vergleichbar. 

Gerade deshalb wirkte der Fall in Kischinjow so verstörend. 

Eine Frau verschwand. 

Dann wurde ein menschlicher Kopf in einem Koffer gefunden. 

Dann eine Hand. 

Dann tauchten Drohbriefe auf. 

Und schließlich erzählte eine junge Frau, dass sie dem Täter selbst gegenübergestanden hatte. 

Während die Polizei versuchte, die tatsächlichen Zusammenhänge zu rekonstruieren, kursierten Geschichten über andere Serienmörder und angebliche Monster, die längst in der Stadt angekommen sein sollten. Die Realität war am Ende weniger mythisch – und gerade deshalb erschreckender. 

Der Täter war kein Fremder aus einer anderen Welt. 

Er war ein Mann aus dem sozialen Umfeld seiner Opfer. 

Was von dem Fall blieb 

Heute ist Alexander Skrynnik außerhalb des postsowjetischen Raums weitgehend unbekannt. Sein Name taucht in Übersichten über sowjetische Serienmörder auf, gelegentlich wird er als „Moldawischer Chikatilo“ bezeichnet. 

Doch hinter diesem Etikett verschwinden leicht die Menschen, die tatsächlich im Mittelpunkt der Geschichte standen. 

Nina Puganova war nicht einfach ein Eintrag in einer Statistik. Irina Trasyn war nicht „die Frau mit dem Koffer“. Sie war eine Mutter, deren siebenjähriger Sohn sie nach ihrem Tod im Fernsehen identifizieren musste. 

Und Olga Lebedeva war nicht nur eine Zeugin. Sie war eine Frau, die einen Angriff überlebte und deren Aussage dazu beitrug, einen Täter zu identifizieren. 

Das Entscheidende an dem Fall war deshalb nicht nur die Grausamkeit der Morde. 

Es war die Kombination aus Alltag und Abgrund. 

Skrynnik hatte gearbeitet. Er war verheiratet. Er hatte Kinder. Er war in seinem Betrieb als leistungsfähiger Mitarbeiter bekannt. Er bewegte sich in einer Gesellschaft, in der Menschen ihn kannten und ihm begegneten. 

Und dennoch führte er ein zweites Leben. 

Der Koffer als Symbol 

Vielleicht blieb deshalb ausgerechnet der Koffer als Bild dieses Falles so stark. 

Ein gewöhnlicher Gegenstand, gemacht für Reisen und persönliche Dinge, wurde zum Behältnis eines Verbrechens. Er stand vor einer Wohnungstür und verwandelte einen privaten Ort in einen Tatort. 

Für die Ermittler war der Koffer zunächst ein Rätsel. 

Für die Öffentlichkeit wurde er zum Symbol. 

Und für den siebenjährigen Sohn von Irina Trasyn bedeutete die Geschichte etwas anderes als für alle anderen: Er verlor seine Mutter und musste sie anschließend auf einem Fernsehbild erkennen. 

Jahrzehnte später ist genau das der Punkt, an dem jede Darstellung dieses Falles vorsichtig werden muss. 

Denn Serienmörder werden in der Erinnerung oft zu Figuren. Zu Spitznamen. Zu Schlagzeilen. Zu dunklen Legenden. 

Die Opfer bleiben dagegen leicht unsichtbar. 

Bei Alexander Skrynnik sollte man deshalb nicht nur an den Mann denken, der sich selbst einen „Sanitäter der Natur“ nannte. 

Man sollte an die Frauen denken, die ihm begegneten. 

An die Mutter, die nicht nach Hause zurückkehrte. 

An den Jungen, der sie wiedererkannte. 

Und an die Überlebende, deren Aussage schließlich half, den Mann hinter den Drohungen sichtbar zu machen. 

Am Ende war es nicht das Gerücht über einen unbekannten Dämon, das den Fall löste. 

Es waren Spuren. 

Ein Brief. 

Eine Handschrift. 

Eine Zeugenaussage. 

Und ein Täter, der glaubte, seine Gewalt vor der Welt verbergen zu können. 

Das konnte er nicht. 
23 Minuten
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Am Morgen des 24. November 1989 lag über dem Miramichi River in New Brunswick eine Kälte, die sich durch Kleidung und Handschuhe fraß. Seit fast sieben Monaten suchte die Polizei nach einem Mann, dessen Gesicht in Zeitungen und auf Fahndungsfotos immer wieder abgedruckt worden war. Allan Joseph Legere war nicht irgendein Flüchtiger. Er war ein verurteilter Mörder, der aus einem Hochsicherheitsgefängnis entkommen war und während seiner Flucht vier Menschen getötet hatte. 

Nun näherte sich die Suche ihrem Ende. 

Legere saß in einem Lastwagen, den er auf seiner Flucht übernommen hatte. Er wollte weiter. Weg aus der Region, weg aus New Brunswick, irgendwohin, wo die Fahndung nach ihm schwieriger werden würde. Doch ein anderer Lastwagenfahrer war aufmerksam geworden. Die ungewöhnliche Route machte ihn misstrauisch. Er verständigte die Polizei. 

Wenig später errichteten Beamte eine Straßensperre. 

Als die Polizisten den Lastwagen stoppten, war Legere bewaffnet. Eine abgesägte Schusswaffe befand sich bei ihm. Die Beamten wussten, mit wem sie es zu tun hatten. Sie hatten monatelang nach diesem Mann gesucht. 

Dann stieg Legere aus. 

Seine Flucht war vorbei. 

Was danach blieb, war eine Region, die sich von den Ereignissen jener sechs Monate nur langsam erholen sollte. Und ein Strafverfahren, das weit über den Mordfall hinaus Bedeutung erlangte. Denn im Gerichtssaal von Burton sollte eine damals noch junge kriminaltechnische Methode eine entscheidende Rolle spielen: die DNA-Analyse. 

Ein Mann aus Chatham 

Allan Joseph Legere wurde am 13. Februar 1948 in Chatham, New Brunswick, geboren. Er stammte aus jener Region am Miramichi River, in der er später zum Synonym für Angst werden sollte. 

Über seine frühen Jahre ist deutlich weniger bekannt als über die späteren Verbrechen. Sein Leben vor der ersten Verurteilung war nicht die Biografie eines Menschen, dessen späteres Verhalten sich einfach aus einzelnen Ereignissen erklären ließe. Was sich jedoch aus den Gerichtsakten und den späteren Verfahren ergibt, ist eine lange Geschichte von Kriminalität, Gewalt und Fluchtversuchen. 

Im Juni 1986 überschritt Legere eine Grenze, die für seine weitere Geschichte entscheidend werden sollte. 

John und Mary Glendenning betrieben in Black River Bridge einen kleinen Laden. In der Nacht des 21. Juni 1986 drangen Legere und zwei Komplizen in das Gebäude ein. Aus einem Raubüberfall wurde ein brutaler Angriff. 

John Glendenning wurde tödlich verletzt. Seine Frau Mary überlebte schwer verletzt und sexuell missbraucht. Nachdem sie wieder zu Bewusstsein gekommen war, schleppte sie sich zu einem Telefon und alarmierte die Rettungskräfte. 

Die Polizei nahm die Beteiligten fest. 

Legere wurde wegen des Mordes verurteilt und zu lebenslanger Haft verurteilt. Am 22. Januar 1987 begann seine lebenslange Freiheitsstrafe. 

Für die Außenwelt hätte damit die Geschichte enden können. 

Doch im Gefängnis war sie nicht zu Ende. 

Die Flucht aus dem Krankenhaus 

Am 3. Mai 1989 wurde Legere aus dem Atlantic Institution, einem Hochsicherheitsgefängnis in Renous, zu einer medizinischen Behandlung nach Moncton gebracht. Er hatte eine Ohrinfektion. 

Die Sicherheitsvorkehrungen waren streng. Legere trug Handschellen und Fußfesseln. Gefängnisbeamte begleiteten ihn. 

Dann bat er um einen Toilettengang. 

Es war ein scheinbar nebensächlicher Moment. Doch Legere hatte offenbar eine Möglichkeit gefunden, die Fesseln zu überwinden. Im Badezimmer gelang es ihm, die Sicherungen zu öffnen. Als die Wärter reagierten, war er bereits entschlossen zu fliehen. 

Um 10.40 Uhr war Allan Legere verschwunden. 

Er verließ das Krankenhausgelände und begann eine Flucht, die sich über Monate erstrecken sollte. Fahrzeuge wurden gestohlen, Menschen bedroht, Wohnungen durchsucht. Die Polizei suchte in einer Region, deren Straßen, Wälder und abgelegene Grundstücke einem Flüchtigen zahlreiche Möglichkeiten boten, sich zu verstecken. 

Doch niemand wusste damals, wie lange diese Suche dauern würde. 

Und niemand wusste, wie viele Menschen sterben würden. 

Annie Flam 

Am 28. Mai 1989, nur wenige Wochen nach der Flucht, wurde in Chatham ein Feuer gemeldet. 

Es war Nacht. Ein kleines Geschäft stand in Flammen. Einsatzkräfte näherten sich dem Gebäude und fanden eine schwer verletzte Frau. Nina Flam lebte noch. 

Ihre Schwester Annie Flam war tot. 

Nina berichtete später von einem Angriff. Die Ermittler rekonstruierten einen Ablauf, der zu dem Mann passte, nach dem sie seit Wochen suchten. DNA-Spuren und andere Beweismittel sollten später eine Verbindung zu Legere herstellen. 

Annie Flam war eine ältere Frau und betrieb gemeinsam mit ihrer Schwester das Geschäft. Sie wurde brutal angegriffen und getötet. Anschließend wurde das Gebäude in Brand gesetzt. 

Nina überlebte. 

Ihre Aussage sollte für die Ermittler von großer Bedeutung werden. Sie war eine der wenigen Personen, die den Mann, den die Polizei suchte, unmittelbar erlebt und überlebt hatten. 

Während Feuerwehrleute und Polizisten am Tatort arbeiteten, wurde der Name Allan Legere erneut zum Zentrum der Ermittlungen. 

Für die Menschen am Miramichi bedeutete das etwas anderes. 

Der Mann, der bereits wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt worden war, lief wieder frei herum. 

Und er war offenbar bereit, erneut Gewalt anzuwenden. 

Die Angst wird zum Alltag 

Die Fahndung nach Legere entwickelte sich zu einer der größten Suchaktionen in der Geschichte der Royal Canadian Mounted Police. 

Polizisten patrouillierten durch die Gemeinden. Hinweise gingen ein. Menschen glaubten, den Flüchtigen gesehen zu haben. Andere meldeten verdächtige Fahrzeuge oder Geräusche. 

Die Bevölkerung begann, ihr Verhalten zu verändern. 

Türen wurden verriegelt. Menschen gingen nachts nicht mehr allein hinaus. Waffen und Gewehre wurden in Häusern bereitgehalten. Das Gefühl, dass der gesuchte Mörder irgendwo in der Nähe sein könnte, wurde Teil des täglichen Lebens. 

Die Ermittler standen gleichzeitig vor einem schwierigen Problem. Sie mussten einen Mann finden, der seine Erscheinung verändern konnte, Fahrzeuge wechselte und sich offenbar in der Region auskannte. 

Die Fahndung war nicht nur eine Suche nach einer Person. 

Sie war eine Suche nach jemandem, der nicht gefunden werden wollte. 

Zwei Schwestern 

Am 13. Oktober 1989 geschah in Newcastle das nächste Verbrechen. 

Donna und Linda Daughney lebten gemeinsam. Beide Frauen wurden in ihrem Haus getötet. 

Auch dieses Haus wurde angezündet. 

Die Ermittler fanden Hinweise auf massive Gewalt. Bei den Untersuchungen wurden Verletzungen festgestellt, die zu dem Muster passten, das sie bereits vom Flam-Verbrechen kannten. 

Jetzt waren es drei Tatorte. 

Drei Verbrechen. 

Mehrere Monate Flucht. 

Und jedes Mal tauchte derselbe Name im Hintergrund auf. 

Doch die Polizei musste beweisen, dass es tatsächlich Legere war. 

Genau hier lag das Problem. 

Es gab keine einfache fotografische Aufnahme des Täters am Tatort. Die Ermittler mussten eine Beweiskette aufbauen, die vor Gericht Bestand haben würde. 

Zeugenaussagen waren wichtig. Gefundene Gegenstände waren wichtig. Die Bewegungen des Flüchtigen waren wichtig. 

Doch ein Beweis sollte alles verändern. 

Die Spur im Blut 

Während der Ermittlungen wurden biologische Spuren gesichert. 

Die Forensik stand 1989 an einem Wendepunkt. DNA-Analysen waren noch weit davon entfernt, jene Selbstverständlichkeit zu besitzen, die sie Jahrzehnte später in Kriminalfällen haben würden. 

Im Fall Legere wurden DNA-Proben aus mehreren Tatorten untersucht. 

Bei Nina Flam ergaben die Analysen Übereinstimmungen mit Legeres DNA. Bei den Daughney-Schwestern wurden ebenfalls DNA-Spuren untersucht. In einem Fall ergab der Vergleich eine Übereinstimmung an mehreren hochvariablen Bereichen des genetischen Materials. 

Die statistische Bedeutung dieser Ergebnisse war enorm. 

Bei einer der Proben aus dem Flam-Fall wurde die Häufigkeit eines entsprechenden Vier-Sonden-Musters in der damaligen Vergleichspopulation mit weniger als eins zu 5,2 Millionen angegeben. Bei einer Probe aus dem Fall Linda Daughney lag die errechnete Häufigkeit eines Fünf-Sonden-Musters bei weniger als eins zu 310 Millionen. 

Die Verteidigung würde genau diese statistische Interpretation angreifen. 

Doch die DNA war nur ein Teil des Puzzles. 

Die Ermittler hatten noch weitere Spuren. 

Haare. Kleidung. Fußabdrücke. Fahrzeuge. Zeugenaussagen. Gegenstände, die während der Flucht auftauchten. 

Und immer wieder führte die Spur zurück zu Legere. 

Der Priester 

Am 15. November 1989 wurde James Smith in Chatham Head getötet. 

Smith war katholischer Priester. Er lebte im Pfarrhaus nahe der Kirche Nativity of the Blessed Virgin Mary. 

Als er am nächsten Tag nicht zum Gottesdienst erschien, wurde man misstrauisch. 

Ein Bekannter, der einen Schlüssel besaß, ging zum Pfarrhaus. 

Im Inneren fand er Smith tot. 

Die Polizei wurde gerufen. 

Wieder begann die Spurensicherung. 

Blut befand sich in mehreren Bereichen des Hauses. Auf dem Boden wurden Fußabdrücke entdeckt. Später konnten Ermittler die Abdrücke mit Schuhen in Verbindung bringen, die in der Nähe des verlassenen Fahrzeugs von Smith gefunden worden waren. 

Die Stiefel waren gereinigt worden. Dennoch fanden die Ermittler Blutspuren. 

Ein Sachverständiger kam zu dem Ergebnis, dass die Abdrücke von Legere oder von einer Person mit identischen charakteristischen Fußmerkmalen stammen mussten. Weitere Beweise verstärkten die Verbindung. 

Der Mord an Smith war der vierte Mord während Legeres Flucht. 

Jetzt war die Fahndung nicht mehr nur eine Suche nach einem entflohenen Gefangenen. 

Sie war eine Jagd nach einem Mann, dem vier Morde zur Last gelegt wurden. 

Ein Zug nach Montreal 

Legere versuchte inzwischen, die Region zu verlassen. 

Am 17. November 1989 kaufte ein Mann unter seinem Namen beziehungsweise unter einem Namen, den er mit Legere in Verbindung brachte, ein Zugticket nach Montreal. Ein Polizeibeamter erkannte ihn später auf dem Zug. 

Doch die Identifizierung scheiterte an einem Detail. 

Der Beamte verfügte nicht über ein Foto Legeres. Stattdessen hatte er eine Beschreibung erhalten, zu der auch ein Tattoo gehörte. 

Er sah das Tattoo nicht. 

Legere wurde nicht festgenommen. 

Der Zug fuhr weiter. 

Es war einer jener Momente, in denen die Fahndung beinahe erfolgreich gewesen wäre und dennoch scheiterte. 

Noch sechs Tage sollten vergehen. 

Die letzte Etappe 

Am Abend des 23. November 1989 nahm Legere in Saint John ein Taxi. 

Der Fahrer war Ron Gomke. 

Legere bedrohte ihn mit einer abgesägten Schusswaffe und verlangte, nach Moncton gefahren zu werden. 

Später trafen Legere und Gomke auf die Polizeibeamtin Michelle Mercer. Auch ihr Fahrzeug wurde übernommen. Doch in Sussex ergab sich eine Gelegenheit zur Flucht. 

Gomke und Mercer konnten entkommen. 

Legere floh weiter. 

Am folgenden Morgen befand er sich erneut in einem Fahrzeug. Schließlich gelangte er zu einem Lastwagenfahrer namens Brian Golding. 

Golding nahm den Mann mit, der sich als Allan Legere vorstellte. 

Er wusste offenbar nicht sofort, wen er vor sich hatte. 

Die Fahrt ging in Richtung Miramichi. 

Dann bemerkte ein anderer Lastwagenfahrer etwas Ungewöhnliches. Das Fahrzeug bewegte sich auf einer Straße, die normalerweise nicht von Lastwagen benutzt wurde. 

Er verständigte die Polizei. 

Die Beamten errichteten eine Straßensperre. 

Die Festnahme 

Am 24. November 1989 näherte sich die Flucht ihrem Ende. 

Legere war bewaffnet. Die Polizei wusste, dass der Gesuchte extrem gefährlich war. 

Als die Beamten ihn schließlich festnahmen, war eine sechsmonatige Fahndung beendet. 

Der Mann, der aus dem Krankenhaus entkommen war, hatte während seiner Zeit in Freiheit vier Menschen getötet und eine weitere Frau schwer verletzt. 

Nun saß er wieder in Haft. 

Doch die Ermittler mussten noch beweisen, dass er für die Morde verantwortlich war. 

Die Festnahme war nicht das Ende des Falles. 

Sie war der Beginn des schwierigeren Teils. 

Der Gerichtssaal 

Der Prozess begann am 26. August 1991 im Gericht von Burton, New Brunswick. 

Schon die Sicherheitsmaßnahmen machten deutlich, welche Bedeutung der Fall inzwischen hatte. Besucher wurden kontrolliert. Vor dem Gericht wurden Menschen durchsucht und Metalldetektoren eingesetzt. 

Im Saal saß Allan Legere unter Bewachung. 

Die Anklage musste vier Mordfälle beweisen. 

Die Verteidigung griff die Beweismittel an. Besonders die DNA-Analyse wurde zum zentralen Streitpunkt. 

Damals war die Methode für viele Juristen und Laien noch schwer verständlich. Begriffe wie genetischer Fingerabdruck, Sonden, polymorphe DNA-Bereiche und Populationsstatistik waren kein Bestandteil des alltäglichen Strafprozesses. 

Nun mussten Wissenschaftler einer Jury erklären, warum winzige biologische Spuren einen Menschen mit einem Tatort verbinden konnten. 

Die Verteidigung stellte die statistischen Methoden infrage und ließ einen eigenen Experten aussagen. 

Der Prozess wurde damit zu einem Test für eine Technologie, die später aus der Kriminalistik nicht mehr wegzudenken sein würde. 

Der genetische Fingerabdruck 

Die DNA-Beweise waren besonders deshalb bedeutsam, weil die Ermittler nicht lediglich eine einzelne Übereinstimmung vorlegten. 

Bei den untersuchten Proben aus den Flam- und Daughney-Fällen ergaben sich Übereinstimmungen an mehreren DNA-Bereichen. 

Auch Haarproben wurden analysiert. Material aus früheren Ermittlungen und später gesicherte Proben konnten miteinander verglichen werden. 

Die Bedeutung lag in der Kombination. 

Ein einzelner biologischer Fund konnte theoretisch zufällig auftreten. Mehrere unabhängige Übereinstimmungen mit sehr seltenen genetischen Mustern waren etwas anderes. 

Die Staatsanwaltschaft argumentierte, die DNA-Spuren würden sich zusammen mit den übrigen Beweisen zu einem Gesamtbild verbinden. 

Die Verteidigung versuchte, genau diese Schlussfolgerung zu erschüttern. 

Für die Jury musste die Frage am Ende jedoch nicht lauten, ob DNA eine unfehlbare Maschine war. 

Sie musste entscheiden, ob die Gesamtheit der Beweise die Schuld des Angeklagten zweifelsfrei belegte. 

Das Urteil 

Am 3. November 1991 wurde das Urteil verkündet. 

Allan Joseph Legere wurde in allen vier Mordfällen schuldig gesprochen. 

Damit endete ein Prozess, der in Kanada juristische und kriminaltechnische Bedeutung erlangt hatte. 

Die Verurteilung beruhte auf einem umfangreichen Beweisgefüge. DNA spielte dabei eine herausragende Rolle. 

Der Fall wurde zu einem frühen Beispiel dafür, wie genetische Beweise in einem kanadischen Mordprozess eingesetzt werden konnten. 

Legere erhielt lebenslange Haft. 

Die Verurteilung wegen seiner Flucht, Entführung und Körperverletzung war bereits zuvor erfolgt. Nun war auch die Frage beantwortet, wer für die vier Morde während seiner Flucht verantwortlich gemacht werden konnte. 

Spätere Rechtsmittel änderten daran nichts. Das Berufungsgericht von New Brunswick bestätigte die Verurteilungen. 

Der Schatten über Miramichi 

Für die Menschen am Miramichi war der Fall niemals nur eine Geschichte über DNA oder Strafrecht. 

Er hatte ihr Sicherheitsgefühl verändert. 

Die Angst hatte sechs Monate lang zum Alltag gehört. Menschen hatten ihre Häuser verriegelt, Nachbarn beobachtet und auf Geräusche in der Nacht reagiert. Die Polizei hatte eine enorme Fahndung organisiert. Beamte patrouillierten in Gemeinden und durchsuchten Waldgebiete. 

Der Fall zeigte zugleich die Verwundbarkeit einer ländlichen Region. 

Der Täter kannte die Gegend. Er konnte sich zwischen Straßen, Häusern und abgelegenen Bereichen bewegen. Fahrzeuge boten ihm Mobilität. Die Nähe kleiner Gemeinden bedeutete, dass Gerüchte und tatsächliche Hinweise sich schnell vermischten. 

Für die Ermittler bedeutete das eine enorme Herausforderung. 

Für die Bevölkerung bedeutete es, dass der Name Allan Legere über Monate in fast jedem Gespräch präsent war. 

Ein Fall verändert die Forensik 

Heute wirkt die Verwendung von DNA in einem Mordfall selbstverständlich. 

Damals war sie es nicht. 

Der Legere-Prozess zeigte, wie groß die Möglichkeiten dieser Technologie waren – und zugleich, wie sorgfältig ihre Grenzen diskutiert werden mussten. 

Die Verteidigung stellte insbesondere die statistische Interpretation der DNA-Ergebnisse infrage. Wissenschaftler erklärten vor Gericht, wie selten bestimmte genetische Muster in der Bevölkerung vorkamen und welche Aussagekraft mehrere übereinstimmende Bereiche hatten. 

Damit wurde der Gerichtssaal für einige Wochen zu einem Ort, an dem Strafrecht und moderne Genetik unmittelbar aufeinandertrafen. 

Der Fall wurde später häufig als ein Meilenstein der kanadischen Forensik beschrieben. 

Nicht weil DNA allein einen Täter überführt hätte. 

Sondern weil die Ermittler erstmals in dieser Größenordnung zeigen konnten, wie genetische Spuren mit Zeugenaussagen, Gegenständen, Bewegungsprofilen und klassischen kriminalistischen Methoden zusammengeführt werden konnten. 

Die letzten Jahrzehnte 

Allan Legere blieb nach seiner Verurteilung im Gefängnis. 

Auch Jahrzehnte später blieb sein Name mit der Frage verbunden, ob von ihm weiterhin eine Gefahr ausgehen könnte. Seine Haftbedingungen und spätere Entscheidungen über seine Unterbringung sorgten immer wieder für Diskussionen. 

2015 wurde er aus der Special Handling Unit in Sainte-Anne-des-Plaines in das Edmonton Institution verlegt. 

Für Menschen aus der Miramichi-Region war die Nachricht schwer einzuordnen. Der Mann, der ihre Gemeinden 1989 in Angst versetzt hatte, war inzwischen ein alter Gefangener. 

Doch das Alter löschte die Vergangenheit nicht aus. 

Die Namen der Opfer blieben. 

Annie Flam. 

Donna Daughney. 

Linda Daughney. 

James Smith. 

Und auch die Überlebenden der früheren Angriffe mussten mit dem zurückbleiben, was geschehen war. 

Das Ende eines langen Lebens 

Am 9. März 2026 starb Allan Joseph Legere im Edmonton Institution. 

Er war 78 Jahre alt. 

Der kanadische Strafvollzugsdienst bestätigte seinen Tod während der Haft. Legere hatte seit dem Beginn seiner lebenslangen Freiheitsstrafe im Jahr 1987 insgesamt fast vier Jahrzehnte im Gefängnis verbracht. 

Sein Tod beendete damit nicht die Geschichte des Falles. 

Er schloss lediglich das letzte Kapitel im Leben des Mannes, dessen Flucht 1989 eine ganze Region erschüttert hatte. 

Was vom „Monster of the Miramichi“ bleibt 

Der Spitzname, den die Medien Legere gaben, war eingängig und grausam zugleich: „Monster of the Miramichi“. 

Doch hinter diesem Etikett standen reale Menschen. 

John Glendenning, dessen Leben 1986 bei einem Raubüberfall endete. 

Mary Glendenning, die schwer verletzt überlebte. 

Annie Flam, die in ihrem Geschäft getötet wurde. 

Nina Flam, die den Angriff überlebte. 

Donna und Linda Daughney, die gemeinsam in ihrem Zuhause starben. 

James Smith, der Priester, der nicht zu seinem Gottesdienst erschien und tot im Pfarrhaus gefunden wurde. 

Die Geschichte von Allan Legere ist deshalb nicht nur die Geschichte eines Mörders, einer Flucht oder einer spektakulären Fahndung. 

Sie ist auch die Geschichte einer Gemeinschaft, die für Monate in Angst lebte. 

Und sie ist die Geschichte eines kriminalistischen Umbruchs. 

Als Legere 1989 aus einem Krankenhaus floh, war DNA-Analyse noch eine junge Wissenschaft, deren Beweiskraft vor Gericht intensiv diskutiert wurde. Als er Jahrzehnte später starb, war genetische Forensik aus modernen Ermittlungen kaum mehr wegzudenken. 

Dazwischen lagen fast vierzig Jahre Gefängnis. 

Aber die entscheidenden Monate spielten sich im Jahr 1989 ab. 

Sechs Monate, in denen ein verurteilter Mörder frei war. 

Vier Menschen, die getötet wurden. 

Eine Frau, die überlebte. 

Eine Provinz, die sich fürchtete. 

Eine Polizei, die ihn suchte. 

Und ein Gericht, das schließlich mithilfe einer damals revolutionären Technologie die Frage beantwortete, die seit seiner Flucht über dem Miramichi gelegen hatte: 

Wer hatte diese Menschen getötet? 

Die Antwort lautete Allan Joseph Legere. 

Und mit seiner Verurteilung endete zwar die Suche nach dem Täter – nicht aber die Erinnerung an die Opfer. 
12 Minuten
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Am Morgen des 18. Oktober 1977 lag an einer Straße in Los Angeles der Körper einer jungen Frau im Gebüsch. Die Stadt war riesig, laut und rastlos, doch an diesem Ort war es still. Die Frau war tot, ihr Körper war zurückgelassen worden, als sollte er gefunden werden. Sie war die 19-jährige Yolanda Washington. 

Noch wusste niemand, dass ihr Tod der Beginn einer Mordserie war, die Los Angeles innerhalb weniger Monate verändern würde. 

Die Polizei suchte zunächst nach einem Täter. Die Öffentlichkeit bekam einen Namen, der bald in Zeitungen und Fernsehnachrichten auftauchte: der „Hillside Strangler“. Die Vorstellung war zunächst die eines einzelnen Mannes, der nachts durch die Stadt fuhr, junge Frauen auswählte, sie überwältigte und ihre Leichen an Hängen zurückließ. 

Doch hinter diesem Namen verbargen sich zwei Männer. 

Einer von ihnen war Angelo Buono Jr., ein 44-jähriger Autopolsterer aus Glendale. Der andere war sein jüngerer Cousin Kenneth Bianchi. Zwischen Oktober 1977 und Februar 1978 würden zehn junge Frauen und Mädchen Opfer ihrer Gewalt werden. Ihre Altersspanne reichte von zwölf bis 28 Jahren. 

Und lange Zeit ahnte niemand, dass die beiden Männer, die für die Morde verantwortlich waren, nicht irgendwo im Verborgenen lebten. Sie bewegten sich mitten in der Gesellschaft. 

Ein unauffälliger Mann 

Angelo Buono war kein Mann, der auf den ersten Blick wie ein Serienmörder wirkte. Er arbeitete als Autopolsterer und betrieb sein Geschäft in Glendale. Er hatte sich auf aufwendige Innenausstattungen spezialisiert und arbeitete auch an Fahrzeugen, die mit Persönlichkeiten aus dem Showgeschäft in Verbindung standen. 

Buono war ein Schulabbrecher, verheiratet gewesen und Vater mehrerer Kinder. Nach außen führte er ein Leben, das in das alltägliche Bild einer amerikanischen Großstadt passte. Er arbeitete, fuhr Auto, kannte Menschen in seiner Umgebung und besaß ein Haus. 

Doch hinter dieser Fassade lagen Eigenschaften, die später im Zusammenhang mit den Morden eine andere Bedeutung bekommen sollten. Zeitgenossen beschrieben ihn als dominant, vulgär und frauenfeindlich. Er hatte Verbindungen zum Prostitutionsmilieu und stellte sich gern als Frauenheld dar. 

1976 kam sein Cousin Kenneth Bianchi nach Los Angeles. Bianchi war deutlich jünger, wirkte gepflegter und hatte Ambitionen, im Sicherheits- oder Polizeiumfeld zu arbeiten. Er hatte den Wunsch, Polizist zu werden, und verstand es, nach außen einen seriösen Eindruck zu vermitteln. 

Zwischen den beiden entstand eine enge Beziehung. 

Später würden Ermittler und Staatsanwälte versuchen zu verstehen, wie aus dieser Beziehung eine Partnerschaft in Gewalt werden konnte. Eine eindeutige psychologische Erklärung für ihre Verbrechen gab es nicht. Sicher war jedoch, dass beide Männer gemeinsam handelten und sich gegenseitig in einer Eskalation von Macht, Kontrolle und Gewalt bestärkten. 

Die falschen Polizisten 

Ihr Vorgehen war perfide, weil es auf Vertrauen beruhte. 

Buono und Bianchi gaben sich als Polizisten aus. Mit falschen Abzeichen und dem Auftreten von Beamten konnten sie Frauen glauben machen, sie hätten es mit einer offiziellen Kontrolle zu tun. Für die Opfer bedeutete das, dass Widerstand zunächst nicht zwingend erschien. 

Die beiden konnten sie in ein Fahrzeug bringen und anschließend zu Buonos Anwesen beziehungsweise in seine Autowerkstatt führen. 

Dort begann die Gewalt. 

Die Opfer wurden sexuell missbraucht, gefesselt und misshandelt. Anschließend wurden sie getötet. In den meisten Fällen war Strangulation die Todesursache. Danach transportierten die Täter die Leichen an abgelegene oder öffentlich sichtbare Stellen in den Hügeln rund um Los Angeles. 

Die Körper wurden teilweise so zurückgelassen, dass sie von anderen Menschen entdeckt werden mussten. 

Damit entstand ein Muster. 

Und mit jedem neuen Fund wuchs die Angst. 

Zehn Tote in vier Monaten 

Nach Yolanda Washington folgte am 31. Oktober 1977 die 15-jährige Judith Lynn Miller. 

Miller war noch ein Teenager. Ihr Tod zeigte, dass die Opfer nicht einem klar erkennbaren Profil entsprachen, das der Öffentlichkeit Sicherheit hätte geben können. 

Dann wurde Lissa Kastin getötet, eine 21-jährige Frau, die als Kellnerin und Tänzerin gearbeitet hatte. 

Am 9. November verschwand die 28-jährige Jane King. Ihre Leiche wurde erst später entdeckt. 

Wenige Tage danach traf es zwei Mädchen. 

Dolores Cepeda war zwölf Jahre alt, Sonja Johnson 14. Beide wurden im November 1977 getötet. Ihre Leichen wurden gemeinsam in der Nähe des Dodger Stadium gefunden. 

Für die Ermittler war dieser Fund ein Wendepunkt. Zwei junge Schülerinnen waren tot. Die Opfer waren nicht länger nur einzelne Fälle, die möglicherweise keinen Zusammenhang hatten. Die Polizei sah sich mit einer Serie konfrontiert. 

Los Angeles begann, sich zu fürchten. 

Junge Frauen gingen nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr allein nach Hause. Eltern wurden nervös, wenn ihre Töchter unterwegs waren. Jede weitere Nachricht über eine gefundene Leiche verstärkte den Eindruck, dass ein unbekannter Täter die Stadt kontrollierte. 

Die Jagd nach einem Phantom 

Die Polizei stand vor einem Problem, das Serienmörderfälle besonders gefährlich machte: Die Täter hatten zunächst kaum etwas hinterlassen, das direkt zu ihnen führte. 

Die Leichen waren an verschiedenen Orten gefunden worden. Die Opfer unterschieden sich in Alter und Lebenssituation. Die Täter hatten versucht, Spuren zu beseitigen. 

Die Ermittler mussten deshalb aus einzelnen Tatorten ein gemeinsames Muster zusammensetzen. 

Eine große Sonderermittlung wurde eingerichtet. Schließlich waren mehr als 160 Beamte an der Suche beteiligt. Hunderte Hinweise gingen ein. 

Doch der Name des Täters blieb ein Phantom. 

Die Medien verstärkten die Angst. Die wöchentlichen Pressekonferenzen der Polizei wurden zu einem festen Bestandteil des öffentlichen Lebens. Jede neue Leiche erzeugte neue Schlagzeilen. 

Der Begriff „Hillside Strangler“ setzte sich durch. 

Dabei beruhte er auf einer falschen Annahme. 

Es war kein einzelner Täter. 

Kristina Weckler 

Eine der ungewöhnlichsten Taten war der Mord an der 20-jährigen Kunststudentin Kristina Weckler im November 1977. 

Die Täter hatten unterschiedliche Methoden ausprobiert. Bei Weckler wurde Gas eingesetzt. Kenneth Bianchi beschrieb später, wie die Tat durchgeführt worden sei. 

Doch Bianchis Aussagen waren ein Problem. 

Er war der einzige Mensch, der Buono unmittelbar mit den Morden in Verbindung brachte. 

Und Bianchi war alles andere als ein zuverlässiger Zeuge. 

Das sollte Jahre später zu einer der größten juristischen Herausforderungen des gesamten Falls werden. 

Die letzten Opfer 

Ende November wurde die 18-jährige Lauren Wagner getötet. Sie war Schülerin an einem Business College und wurde weniger als einen Häuserblock von ihrem Elternhaus entfernt entführt, als sie von ihrem Freund zurückkam. 

Für die Öffentlichkeit war das besonders erschreckend. 

Wenn eine junge Frau praktisch vor der Haustür ihrer Familie verschwinden konnte, schien kein Ort mehr sicher. 

Am 13. Dezember 1977 wurde die 17-jährige Kimberly Martin getötet. 

Dann verstummte die Mordserie plötzlich. 

Für Wochen gab es keinen weiteren bekannten Fall. 

Doch im Februar 1978 kehrte die Gewalt zurück. 

Cindy Lee Hudspeth war 20 Jahre alt. Sie wurde am 16. Februar getötet. Ihr Tod war das Ende der Serie, die Los Angeles über Monate terrorisiert hatte. 

Danach hörten die Morde auf. 

Nicht, weil die Polizei Buono und Bianchi gefasst hatte. 

Sondern weil sich die beiden Männer voneinander entfernten. 

Der Bruch 

Kenneth Bianchi verließ Kalifornien und zog nach Washington State. 

Dort schien zunächst ein neues Leben möglich. Er suchte Arbeit und bewarb sich unter anderem im Polizeiumfeld. Schließlich arbeitete er als Sicherheitsmann. 

Doch seine Vergangenheit holte ihn ein. 

Im Januar 1979 wurden in Bellingham zwei junge Frauen ermordet. Die Ermittler erkannten Parallelen zu den Verbrechen in Kalifornien. 

Bianchi geriet ins Visier der Polizei. 

Er wurde festgenommen. 

Nun begann sich der Fall zu drehen. 

Die Geschichte von „Steve“ 

Bianchi wusste, dass ihm eine Verurteilung drohte. Zunächst versuchte er, eine psychische Erkrankung vorzutäuschen. 

Er behauptete, an einer multiplen Persönlichkeit zu leiden. Für die Morde, so seine Geschichte, sei eine andere Persönlichkeit verantwortlich gewesen: ein Mann namens „Steve“. 

Die Ermittler ließen sich nicht dauerhaft überzeugen. 

Psychiatrische Untersuchungen führten zu dem Ergebnis, dass Bianchi seine Symptome vortäuschte. 

Damit brach seine Verteidigung zusammen. 

Nun blieb ihm eine andere Möglichkeit. 

Er konnte sprechen. 

Bianchi gestand schließlich seine Beteiligung an den Morden in Los Angeles und nannte Angelo Buono als seinen Partner. 

Für die Ermittler war es der Durchbruch, auf den sie fast zwei Jahre gewartet hatten. 

Für Buono begann damit der Weg vom unauffälligen Autopolsterer zum Angeklagten in einem der spektakulärsten Mordprozesse der amerikanischen Rechtsgeschichte. 

Der Mann, der alles bestritt 

Am 22. Oktober 1979 wurde Angelo Buono in seinem Autopolsterbetrieb in Glendale festgenommen. 

Er bestritt die Vorwürfe. 

Buono behauptete, nicht der Mann zu sein, den Bianchi aus ihm machte. Seine Verteidiger griffen genau dort an, wo die Ermittler am verwundbarsten waren: bei Bianchis Glaubwürdigkeit. 

Denn Bianchi hatte seine Aussagen mehrfach verändert. 

Mal behauptete er, sich an bestimmte Taten zu erinnern. Dann erklärte er, er wisse nicht, ob er überhaupt dabei gewesen sei. Seine Erinnerungen erschienen widersprüchlich und teilweise lückenhaft. 

Das Problem war offensichtlich. 

Ein Mann, der selbst sieben Morde gestanden hatte und nur deshalb der Todesstrafe entging, weil er gegen seinen Cousin aussagte, war kein neutraler Zeuge. 

Die Staatsanwaltschaft brauchte mehr. 

Die Spurensuche 

Die Ermittler fanden schließlich unabhängige Hinweise. 

Fasern aus Teppichen und Polstermaterialien, die an zwei Leichen entdeckt worden waren, konnten mit Material aus Buonos Haus beziehungsweise seiner Werkstatt in Verbindung gebracht werden. 

Es gab Zeugen, die Buono und Bianchi in Situationen gesehen hatten, die zu den Aussagen Bianchis passten. 

Eine Frau berichtete, die beiden Männer hätten sich in Hollywood als Polizisten ausgegeben. Eine weitere Zeugin schilderte, wie sie beobachtet habe, dass zwei Männer versuchten, eine Frau in ein Fahrzeug zu zwingen. 

Das bedeutete nicht, dass jeder einzelne Beweis Buono unmittelbar mit einem bestimmten Mord verband. 

Aber Stück für Stück entstand ein Bild. 

Die Staatsanwaltschaft wollte zeigen, dass Bianchis Aussagen nicht isoliert betrachtet werden durften, sondern durch unabhängige Beweise gestützt wurden. 

Genau das sollte später entscheidend werden. 

Ein Prozess droht zu scheitern 

Der juristische Weg war ungewöhnlich. 

Die Staatsanwaltschaft von Los Angeles County wollte den Fall zunächst nicht weiterverfolgen. Bianchis wechselnde Aussagen erschienen den zuständigen Anklägern zu problematisch. 

Der zuständige Richter Ronald George lehnte jedoch den Antrag ab, die Anklage fallen zu lassen. 

Damit stand der Fall vor einer außergewöhnlichen Wendung. 

Die kalifornische Generalstaatsanwaltschaft übernahm die Strafverfolgung. 

Roger Boren und Michael Nash wurden mit der Aufgabe betraut, den Fall gegen Buono aufzubauen. 

Es war ein Verfahren, das enorme Mengen an Material umfasste. 

Die Staatsanwaltschaft präsentierte 1.198 Beweisstücke und ließ 250 Zeugen aussagen. Der Prozess sollte sich über Jahre hinziehen. 

Sechs Monate für einen Zeugen 

Im Mittelpunkt stand Kenneth Bianchi. 

Er war gleichzeitig Täter, Geständiger und Kronzeuge. 

Seine Aussagen waren für die Anklage von enormer Bedeutung. Doch sie waren widersprüchlich genug, um die Verteidigung immer wieder ansetzen zu lassen. 

Während seiner Aussage schilderte Bianchi die Vorgehensweise der beiden Männer. Er sagte aus, dass sie sich als Polizisten ausgegeben und Frauen mit falschen Abzeichen getäuscht hätten. 

Doch bei den konkreten Tötungen zeigte sich seine Erinnerung häufig bruchstückhaft. 

In einem besonders umstrittenen Teil seiner Aussage erklärte Bianchi, wie Kristina Weckler getötet worden sei. Die Verteidigung griff die Darstellung sofort an und stellte die medizinische Plausibilität einzelner Angaben infrage. 

Für die Verteidigung war die Botschaft klar: Wenn Bianchi sich bei wichtigen Details irrte oder log, warum sollte man ihm bei Buonos Beteiligung glauben? 

Die Staatsanwaltschaft musste deshalb beweisen, dass der Fall nicht allein auf Bianchis Wort beruhte. 

Die Verteidigung von Angelo Buono 

Buono blieb bei seiner Unschuld. 

Seine Verteidiger argumentierten, Bianchi könne der alleinige Täter gewesen sein. Buono habe lediglich einen bequemen Sündenbock dargestellt, nachdem Bianchi in Washington festgenommen worden war. 

Die Verteidigung verwies auf das Fehlen eines eindeutigen einzelnen Beweises, der Buono als Mörder identifizierte. 

Auch die Aussage eines wichtigen Zeugen war nicht ohne Probleme. 

Markust Camden behauptete, Buono in der Nacht des Mordes an Judith Miller gesehen zu haben. Doch Camden räumte ein, in der Vergangenheit gegenüber Behörden gelogen zu haben und psychische Probleme gehabt zu haben. 

Damit wurde auch diese Aussage angreifbar. 

Der Prozess war inzwischen zu einem Kampf um Glaubwürdigkeit geworden. 

Ein Gerichtssaal, der kein Ende nahm 

Die Jury hatte nicht nur Zeugenaussagen und Beweisstücke zu bewerten. Die Dimension des Verfahrens machte den Prozess selbst zu einem Ereignis. 

Die Geschworenen wurden zu verschiedenen Orten geführt, die mit den Verbrechen in Verbindung standen. Sie sahen die Stellen, an denen Opfer verschwunden oder Leichen gefunden worden waren. 

Im Gerichtssaal wurden Fotografien der Tatorte und der Opfer gezeigt. 

Mehr als 400 Zeugen sollten im Verlauf des Verfahrens gehört werden. 

Der Prozess begann mit der Auswahl der Geschworenen im November 1981. Die Jury-Auswahl allein dauerte mehrere Monate. 

Dann folgte die eigentliche Beweisaufnahme. 

Monat um Monat wurde die Geschichte der zehn jungen Frauen rekonstruiert. 

Für die Angehörigen bedeutete das, dass ihre Verluste immer wieder öffentlich ausgebreitet wurden. 

Neun Schuldsprüche 

Am 31. Oktober 1983 fiel der erste Schuldspruch. 

Buono wurde wegen des Mordes an Lauren Wagner verurteilt. 

In den folgenden Wochen kamen weitere Urteile hinzu. 

Die Jury befand ihn schließlich in neun Mordfällen für schuldig. 

Nur beim Mord an Yolanda Washington wurde er freigesprochen. 

Damit stand fest: Angelo Buono würde wegen neun Morden verurteilt werden. 

Doch nun musste die Jury noch über sein Schicksal entscheiden. 

Die Staatsanwaltschaft hatte die Todesstrafe als mögliche Strafe im Raum stehen. 

Die Jury entschied sich dagegen. 

Buono wurde zu neun gleichzeitig zu verbüßenden lebenslangen Freiheitsstrafen ohne Möglichkeit einer Bewährung verurteilt. 

Richter Ronald George machte deutlich, wie außergewöhnlich er die Verbrechen bewertete. Nach seiner Auffassung gehörten die Täter für den Rest ihres Lebens hinter Gitter. 

Buono würde das Gefängnis nicht mehr verlassen. 

Ein Urteil, das juristisch umkämpft blieb 

Der Fall war damit nicht endgültig beendet. 

Buonos Verteidigung legte Berufung ein und griff unter anderem die Verwendung von Bianchis Aussagen an. 

Das Berufungsgericht bestätigte 1988 die Verurteilungen. 

Die Richter kamen zu dem Schluss, dass Bianchis Aussagen durch unabhängige Beweise ausreichend gestützt worden seien. Damit war ein zentraler Angriff der Verteidigung zurückgewiesen. 

Das Gericht veränderte lediglich einzelne rechtliche Feststellungen im Zusammenhang mit den besonderen Mordumständen. 

Der Schuldspruch blieb bestehen. 

Ein Name, der die Stadt veränderte 

Die Hillside-Strangler-Morde waren längst mehr als ein Strafverfahren. 

Sie hatten das Verhalten einer ganzen Stadt beeinflusst. 

Frauen hatten Angst, nachts allein unterwegs zu sein. Eltern warteten auf ihre Töchter. Jede Nachricht über eine weitere Leiche schien zu bestätigen, dass die Gefahr weiterhin irgendwo zwischen den Straßen, Hügeln und Vororten von Los Angeles lauerte. 

Die Ermittler standen unter enormem Druck. 

Die Mordserie gehörte zu den meistbeachteten Kriminalfällen Kaliforniens in den späten 1970er-Jahren. Die Medien machten aus dem unbekannten Täter eine Figur, die fast mythische Züge annahm. 

Doch der Begriff „Hillside Strangler“ verdeckte eine wichtige Tatsache. 

Es gab keinen einzelnen geheimnisvollen Mann. 

Es gab zwei Männer. 

Und einer von ihnen hatte jahrelang ein scheinbar gewöhnliches Leben geführt. 

Was von den Opfern blieb 

Hinter dem Namen „Hillside Strangler“ standen zehn Menschen. 

Yolanda Washington war 19 Jahre alt. 

Judith Lynn Miller war 15. 

Lissa Kastin war 21. 

Jane King war 28. 

Dolores Cepeda war zwölf. 

Sonja Johnson war 14. 

Kristina Weckler war 20. 

Lauren Wagner war 18. 

Kimberly Martin war 17. 

Cindy Lee Hudspeth war 20. 

Sie waren keine Aktennummern und keine Figuren in einem Kriminalfall. Sie hatten Familien, Freunde, Pläne und alltägliche Leben. 

Die Berichterstattung über die Mordserie konzentrierte sich zwangsläufig auf die Täter und die Suche nach ihnen. Doch die Geschichte begann nicht mit Angelo Buono und Kenneth Bianchi. 

Sie begann mit zehn Frauen und Mädchen, deren Leben gewaltsam beendet wurde. 

Das Ende von Angelo Buono 

Buono verbrachte den Rest seines Lebens im Gefängnis. 

Er zeigte nach seiner Verurteilung keine Bereitschaft, seine Rolle so anzuerkennen, wie sie das Gericht festgestellt hatte. Bis zuletzt blieb der Fall von seiner Behauptung geprägt, zu Unrecht verurteilt worden zu sein. 

Am 21. September 2002 starb Angelo Buono im Alter von 67 Jahren im Calipatria State Prison. 

Gefängnisbeamte gingen von einem natürlichen Tod aus. Buono hatte in der Vergangenheit Herzprobleme gehabt; Anzeichen für eine Gewalteinwirkung wurden nicht festgestellt. 

Der Mann, der gemeinsam mit Bianchi eine Stadt in Angst versetzt hatte, starb allein in seiner Gefängniszelle. 

Der Schatten des Falls 

Kenneth Bianchi blieb ebenfalls im Gefängnis. Seine Aussagen hatten Buono hinter Gitter gebracht, doch Bianchi selbst war längst als Täter überführt. 

Damit blieb eine verstörende Ironie dieses Falles bestehen. 

Die Ermittler hatten den „Hillside Strangler“ zunächst als einzelnen Täter gesucht. Erst Jahre später wurde deutlich, dass die Mordserie aus der Verbindung zweier Männer entstanden war. 

Die entscheidende Spur kam nicht aus einem spektakulären forensischen Durchbruch. 

Sie kam aus dem Zusammenbruch eines der Täter. 

Bianchi wurde wegen anderer Morde gefasst. Er versuchte, sich mit einer erfundenen psychischen Störung zu retten. Als diese Täuschung scheiterte, begann er zu reden. 

Seine Aussagen waren widersprüchlich, teilweise unglaubwürdig und juristisch gefährlich. 

Aber sie führten die Ermittler zu Angelo Buono. 

Und dort warteten die Spuren, die Bianchis Geschichte stützen konnten. 

Was bleibt 

Der Fall Angelo Buono ist deshalb bis heute bemerkenswert, weil er mehrere Seiten der amerikanischen Strafjustiz sichtbar machte: die Grenzen menschlicher Erinnerung, die Schwierigkeiten bei der Verfolgung von Serienmorden, die Bedeutung von Zeugenaussagen und die Macht unabhängiger Indizien. 

Er zeigte auch, wie gefährlich ein Täter sein konnte, der nicht wie ein Monster aussah. 

Buono war kein Fremder, der aus dem Dunkeln kam und anschließend wieder verschwand. 

Er hatte eine Werkstatt. 

Ein Haus. 

Familienangehörige. 

Kunden. 

Ein alltägliches Leben. 

Und genau darin lag ein Teil des Schreckens. 

Während Los Angeles nach einem unbekannten Mörder suchte, lebte der Mann, der später für neun der zehn angeklagten Morde verurteilt werden sollte, mitten in dieser Stadt. 

Die Hügel von Los Angeles wurden damals zu Symbolen der Angst. Jahrzehnte später sind sie vor allem Orte einer Vergangenheit, in der zehn junge Leben ausgelöscht wurden. 

Der Name „Hillside Strangler“ ist geblieben. 

Doch hinter diesem Namen standen nicht die Legende und das Phantom, die die Schlagzeilen einst erschufen. 

Dahinter standen zwei Männer. 

Und zehn Opfer, deren Namen nicht vergessen werden sollten. 
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🎙️ Serienmord & Wahnsinn  Tauche ein in die dunkelsten Abgründe der Menschheit.  In „Serienmord & Wahnsinn“ geht es um wahre Verbrechen, die fassungslos machen – um Serienmörder, deren Namen Geschichte schrieben, und um spektakuläre Fälle, die bis heute Rätsel aufgeben.  In jeder Folge beleuchten wir einen echten Kriminalfall: Wir rekonstruieren die Tat, analysieren das Täterprofil, werfen einen Blick auf die Ermittlungen und versuchen zu verstehen, was Menschen zu solchen Gräueltaten treibt. Dabei geht es nicht nur um die Verbrechen selbst, sondern auch um die Psychologie dahinter – um Macht, Wahn, Obsession und Dunkelheit.  Ob berüchtigte Serienkiller, ungelöste Mordserien oder außergewöhnliche Einzelfälle – hier hörst du die Geschichten hinter den Schlagzeilen. Authentisch. Schonungslos. Faszinierend.  👉 „Serienmord & Wahnsinn – Wahre Fälle. Wahre Täter. Wahnsinn pur.“ Der True-Crime-Podcast für alle, die das Böse verstehen wollen. 
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