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Am Morgen des 24. November 1989 lag über dem Miramichi River in
New Brunswick eine Kälte, die sich durch Kleidung und Handschuhe
fraß. Seit fast sieben Monaten suchte die Polizei nach einem
Mann, dessen Gesicht in Zeitungen und auf Fahndungsfotos immer
wieder abgedruckt worden war. Allan Joseph Legere war nicht
irgendein Flüchtiger. Er war ein verurteilter Mörder, der aus
einem Hochsicherheitsgefängnis entkommen war und während seiner
Flucht vier Menschen getötet hatte. 

Nun näherte sich die Suche ihrem Ende. 

Legere saß in einem Lastwagen, den er auf seiner Flucht
übernommen hatte. Er wollte weiter. Weg aus der Region, weg aus
New Brunswick, irgendwohin, wo die Fahndung nach ihm schwieriger
werden würde. Doch ein anderer Lastwagenfahrer war aufmerksam
geworden. Die ungewöhnliche Route machte ihn misstrauisch. Er
verständigte die Polizei. 

Wenig später errichteten Beamte eine Straßensperre. 

Als die Polizisten den Lastwagen stoppten, war Legere bewaffnet.
Eine abgesägte Schusswaffe befand sich bei ihm. Die Beamten
wussten, mit wem sie es zu tun hatten. Sie hatten monatelang nach
diesem Mann gesucht. 

Dann stieg Legere aus. 

Seine Flucht war vorbei. 

Was danach blieb, war eine Region, die sich von den Ereignissen
jener sechs Monate nur langsam erholen sollte. Und ein
Strafverfahren, das weit über den Mordfall hinaus Bedeutung
erlangte. Denn im Gerichtssaal von Burton sollte eine damals noch
junge kriminaltechnische Methode eine entscheidende Rolle
spielen: die DNA-Analyse. 

Ein Mann aus Chatham 

Allan Joseph Legere wurde am 13. Februar 1948 in Chatham, New
Brunswick, geboren. Er stammte aus jener Region am Miramichi
River, in der er später zum Synonym für Angst werden
sollte. 

Über seine frühen Jahre ist deutlich weniger bekannt als über die
späteren Verbrechen. Sein Leben vor der ersten Verurteilung war
nicht die Biografie eines Menschen, dessen späteres Verhalten
sich einfach aus einzelnen Ereignissen erklären ließe. Was sich
jedoch aus den Gerichtsakten und den späteren Verfahren ergibt,
ist eine lange Geschichte von Kriminalität, Gewalt und
Fluchtversuchen. 

Im Juni 1986 überschritt Legere eine Grenze, die für seine
weitere Geschichte entscheidend werden sollte. 

John und Mary Glendenning betrieben in Black River Bridge einen
kleinen Laden. In der Nacht des 21. Juni 1986 drangen Legere und
zwei Komplizen in das Gebäude ein. Aus einem Raubüberfall wurde
ein brutaler Angriff. 

John Glendenning wurde tödlich verletzt. Seine Frau Mary
überlebte schwer verletzt und sexuell missbraucht. Nachdem sie
wieder zu Bewusstsein gekommen war, schleppte sie sich zu einem
Telefon und alarmierte die Rettungskräfte. 

Die Polizei nahm die Beteiligten fest. 

Legere wurde wegen des Mordes verurteilt und zu lebenslanger Haft
verurteilt. Am 22. Januar 1987 begann seine lebenslange
Freiheitsstrafe. 

Für die Außenwelt hätte damit die Geschichte enden
können. 

Doch im Gefängnis war sie nicht zu Ende. 

Die Flucht aus dem Krankenhaus 

Am 3. Mai 1989 wurde Legere aus dem Atlantic Institution, einem
Hochsicherheitsgefängnis in Renous, zu einer medizinischen
Behandlung nach Moncton gebracht. Er hatte eine
Ohrinfektion. 

Die Sicherheitsvorkehrungen waren streng. Legere trug
Handschellen und Fußfesseln. Gefängnisbeamte begleiteten
ihn. 

Dann bat er um einen Toilettengang. 

Es war ein scheinbar nebensächlicher Moment. Doch Legere hatte
offenbar eine Möglichkeit gefunden, die Fesseln zu überwinden. Im
Badezimmer gelang es ihm, die Sicherungen zu öffnen. Als die
Wärter reagierten, war er bereits entschlossen zu
fliehen. 

Um 10.40 Uhr war Allan Legere verschwunden. 

Er verließ das Krankenhausgelände und begann eine Flucht, die
sich über Monate erstrecken sollte. Fahrzeuge wurden gestohlen,
Menschen bedroht, Wohnungen durchsucht. Die Polizei suchte in
einer Region, deren Straßen, Wälder und abgelegene Grundstücke
einem Flüchtigen zahlreiche Möglichkeiten boten, sich zu
verstecken. 

Doch niemand wusste damals, wie lange diese Suche dauern
würde. 

Und niemand wusste, wie viele Menschen sterben
würden. 

Annie Flam 

Am 28. Mai 1989, nur wenige Wochen nach der Flucht, wurde in
Chatham ein Feuer gemeldet. 

Es war Nacht. Ein kleines Geschäft stand in Flammen.
Einsatzkräfte näherten sich dem Gebäude und fanden eine schwer
verletzte Frau. Nina Flam lebte noch. 

Ihre Schwester Annie Flam war tot. 

Nina berichtete später von einem Angriff. Die Ermittler
rekonstruierten einen Ablauf, der zu dem Mann passte, nach dem
sie seit Wochen suchten. DNA-Spuren und andere Beweismittel
sollten später eine Verbindung zu Legere herstellen. 

Annie Flam war eine ältere Frau und betrieb gemeinsam mit ihrer
Schwester das Geschäft. Sie wurde brutal angegriffen und getötet.
Anschließend wurde das Gebäude in Brand gesetzt. 

Nina überlebte. 

Ihre Aussage sollte für die Ermittler von großer Bedeutung
werden. Sie war eine der wenigen Personen, die den Mann, den die
Polizei suchte, unmittelbar erlebt und überlebt
hatten. 

Während Feuerwehrleute und Polizisten am Tatort arbeiteten, wurde
der Name Allan Legere erneut zum Zentrum der
Ermittlungen. 

Für die Menschen am Miramichi bedeutete das etwas
anderes. 

Der Mann, der bereits wegen Mordes zu lebenslanger Haft
verurteilt worden war, lief wieder frei herum. 

Und er war offenbar bereit, erneut Gewalt anzuwenden. 

Die Angst wird zum Alltag 

Die Fahndung nach Legere entwickelte sich zu einer der größten
Suchaktionen in der Geschichte der Royal Canadian Mounted
Police. 

Polizisten patrouillierten durch die Gemeinden. Hinweise gingen
ein. Menschen glaubten, den Flüchtigen gesehen zu haben. Andere
meldeten verdächtige Fahrzeuge oder Geräusche. 

Die Bevölkerung begann, ihr Verhalten zu verändern. 

Türen wurden verriegelt. Menschen gingen nachts nicht mehr allein
hinaus. Waffen und Gewehre wurden in Häusern bereitgehalten. Das
Gefühl, dass der gesuchte Mörder irgendwo in der Nähe sein
könnte, wurde Teil des täglichen Lebens. 

Die Ermittler standen gleichzeitig vor einem schwierigen Problem.
Sie mussten einen Mann finden, der seine Erscheinung verändern
konnte, Fahrzeuge wechselte und sich offenbar in der Region
auskannte. 

Die Fahndung war nicht nur eine Suche nach einer
Person. 

Sie war eine Suche nach jemandem, der nicht gefunden werden
wollte. 

Zwei Schwestern 

Am 13. Oktober 1989 geschah in Newcastle das nächste
Verbrechen. 

Donna und Linda Daughney lebten gemeinsam. Beide Frauen wurden in
ihrem Haus getötet. 

Auch dieses Haus wurde angezündet. 

Die Ermittler fanden Hinweise auf massive Gewalt. Bei den
Untersuchungen wurden Verletzungen festgestellt, die zu dem
Muster passten, das sie bereits vom Flam-Verbrechen
kannten. 

Jetzt waren es drei Tatorte. 

Drei Verbrechen. 

Mehrere Monate Flucht. 

Und jedes Mal tauchte derselbe Name im Hintergrund
auf. 

Doch die Polizei musste beweisen, dass es tatsächlich Legere
war. 

Genau hier lag das Problem. 

Es gab keine einfache fotografische Aufnahme des Täters am
Tatort. Die Ermittler mussten eine Beweiskette aufbauen, die vor
Gericht Bestand haben würde. 

Zeugenaussagen waren wichtig. Gefundene Gegenstände waren
wichtig. Die Bewegungen des Flüchtigen waren wichtig. 

Doch ein Beweis sollte alles verändern. 

Die Spur im Blut 

Während der Ermittlungen wurden biologische Spuren
gesichert. 

Die Forensik stand 1989 an einem Wendepunkt. DNA-Analysen waren
noch weit davon entfernt, jene Selbstverständlichkeit zu
besitzen, die sie Jahrzehnte später in Kriminalfällen haben
würden. 

Im Fall Legere wurden DNA-Proben aus mehreren Tatorten
untersucht. 

Bei Nina Flam ergaben die Analysen Übereinstimmungen mit Legeres
DNA. Bei den Daughney-Schwestern wurden ebenfalls DNA-Spuren
untersucht. In einem Fall ergab der Vergleich eine
Übereinstimmung an mehreren hochvariablen Bereichen des
genetischen Materials. 

Die statistische Bedeutung dieser Ergebnisse war
enorm. 

Bei einer der Proben aus dem Flam-Fall wurde die Häufigkeit eines
entsprechenden Vier-Sonden-Musters in der damaligen
Vergleichspopulation mit weniger als eins zu 5,2 Millionen
angegeben. Bei einer Probe aus dem Fall Linda Daughney lag die
errechnete Häufigkeit eines Fünf-Sonden-Musters bei weniger als
eins zu 310 Millionen. 

Die Verteidigung würde genau diese statistische Interpretation
angreifen. 

Doch die DNA war nur ein Teil des Puzzles. 

Die Ermittler hatten noch weitere Spuren. 

Haare. Kleidung. Fußabdrücke. Fahrzeuge. Zeugenaussagen.
Gegenstände, die während der Flucht auftauchten. 

Und immer wieder führte die Spur zurück zu Legere. 

Der Priester 

Am 15. November 1989 wurde James Smith in Chatham Head
getötet. 

Smith war katholischer Priester. Er lebte im Pfarrhaus nahe der
Kirche Nativity of the Blessed Virgin Mary. 

Als er am nächsten Tag nicht zum Gottesdienst erschien, wurde man
misstrauisch. 

Ein Bekannter, der einen Schlüssel besaß, ging zum
Pfarrhaus. 

Im Inneren fand er Smith tot. 

Die Polizei wurde gerufen. 

Wieder begann die Spurensicherung. 

Blut befand sich in mehreren Bereichen des Hauses. Auf dem Boden
wurden Fußabdrücke entdeckt. Später konnten Ermittler die
Abdrücke mit Schuhen in Verbindung bringen, die in der Nähe des
verlassenen Fahrzeugs von Smith gefunden worden
waren. 

Die Stiefel waren gereinigt worden. Dennoch fanden die Ermittler
Blutspuren. 

Ein Sachverständiger kam zu dem Ergebnis, dass die Abdrücke von
Legere oder von einer Person mit identischen charakteristischen
Fußmerkmalen stammen mussten. Weitere Beweise verstärkten die
Verbindung. 

Der Mord an Smith war der vierte Mord während Legeres
Flucht. 

Jetzt war die Fahndung nicht mehr nur eine Suche nach einem
entflohenen Gefangenen. 

Sie war eine Jagd nach einem Mann, dem vier Morde zur Last gelegt
wurden. 

Ein Zug nach Montreal 

Legere versuchte inzwischen, die Region zu verlassen. 

Am 17. November 1989 kaufte ein Mann unter seinem Namen
beziehungsweise unter einem Namen, den er mit Legere in
Verbindung brachte, ein Zugticket nach Montreal. Ein
Polizeibeamter erkannte ihn später auf dem Zug. 

Doch die Identifizierung scheiterte an einem Detail. 

Der Beamte verfügte nicht über ein Foto Legeres. Stattdessen
hatte er eine Beschreibung erhalten, zu der auch ein Tattoo
gehörte. 

Er sah das Tattoo nicht. 

Legere wurde nicht festgenommen. 

Der Zug fuhr weiter. 

Es war einer jener Momente, in denen die Fahndung beinahe
erfolgreich gewesen wäre und dennoch scheiterte. 

Noch sechs Tage sollten vergehen. 

Die letzte Etappe 

Am Abend des 23. November 1989 nahm Legere in Saint John ein
Taxi. 

Der Fahrer war Ron Gomke. 

Legere bedrohte ihn mit einer abgesägten Schusswaffe und
verlangte, nach Moncton gefahren zu werden. 

Später trafen Legere und Gomke auf die Polizeibeamtin Michelle
Mercer. Auch ihr Fahrzeug wurde übernommen. Doch in Sussex ergab
sich eine Gelegenheit zur Flucht. 

Gomke und Mercer konnten entkommen. 

Legere floh weiter. 

Am folgenden Morgen befand er sich erneut in einem Fahrzeug.
Schließlich gelangte er zu einem Lastwagenfahrer namens Brian
Golding. 

Golding nahm den Mann mit, der sich als Allan Legere
vorstellte. 

Er wusste offenbar nicht sofort, wen er vor sich
hatte. 

Die Fahrt ging in Richtung Miramichi. 

Dann bemerkte ein anderer Lastwagenfahrer etwas Ungewöhnliches.
Das Fahrzeug bewegte sich auf einer Straße, die normalerweise
nicht von Lastwagen benutzt wurde. 

Er verständigte die Polizei. 

Die Beamten errichteten eine Straßensperre. 

Die Festnahme 

Am 24. November 1989 näherte sich die Flucht ihrem
Ende. 

Legere war bewaffnet. Die Polizei wusste, dass der Gesuchte
extrem gefährlich war. 

Als die Beamten ihn schließlich festnahmen, war eine
sechsmonatige Fahndung beendet. 

Der Mann, der aus dem Krankenhaus entkommen war, hatte während
seiner Zeit in Freiheit vier Menschen getötet und eine weitere
Frau schwer verletzt. 

Nun saß er wieder in Haft. 

Doch die Ermittler mussten noch beweisen, dass er für die Morde
verantwortlich war. 

Die Festnahme war nicht das Ende des Falles. 

Sie war der Beginn des schwierigeren Teils. 

Der Gerichtssaal 

Der Prozess begann am 26. August 1991 im Gericht von Burton, New
Brunswick. 

Schon die Sicherheitsmaßnahmen machten deutlich, welche Bedeutung
der Fall inzwischen hatte. Besucher wurden kontrolliert. Vor dem
Gericht wurden Menschen durchsucht und Metalldetektoren
eingesetzt. 

Im Saal saß Allan Legere unter Bewachung. 

Die Anklage musste vier Mordfälle beweisen. 

Die Verteidigung griff die Beweismittel an. Besonders die
DNA-Analyse wurde zum zentralen Streitpunkt. 

Damals war die Methode für viele Juristen und Laien noch schwer
verständlich. Begriffe wie genetischer Fingerabdruck, Sonden,
polymorphe DNA-Bereiche und Populationsstatistik waren kein
Bestandteil des alltäglichen Strafprozesses. 

Nun mussten Wissenschaftler einer Jury erklären, warum winzige
biologische Spuren einen Menschen mit einem Tatort verbinden
konnten. 

Die Verteidigung stellte die statistischen Methoden infrage und
ließ einen eigenen Experten aussagen. 

Der Prozess wurde damit zu einem Test für eine Technologie, die
später aus der Kriminalistik nicht mehr wegzudenken sein
würde. 

Der genetische Fingerabdruck 

Die DNA-Beweise waren besonders deshalb bedeutsam, weil die
Ermittler nicht lediglich eine einzelne Übereinstimmung
vorlegten. 

Bei den untersuchten Proben aus den Flam- und Daughney-Fällen
ergaben sich Übereinstimmungen an mehreren
DNA-Bereichen. 

Auch Haarproben wurden analysiert. Material aus früheren
Ermittlungen und später gesicherte Proben konnten miteinander
verglichen werden. 

Die Bedeutung lag in der Kombination. 

Ein einzelner biologischer Fund konnte theoretisch zufällig
auftreten. Mehrere unabhängige Übereinstimmungen mit sehr
seltenen genetischen Mustern waren etwas anderes. 

Die Staatsanwaltschaft argumentierte, die DNA-Spuren würden sich
zusammen mit den übrigen Beweisen zu einem Gesamtbild
verbinden. 

Die Verteidigung versuchte, genau diese Schlussfolgerung zu
erschüttern. 

Für die Jury musste die Frage am Ende jedoch nicht lauten, ob DNA
eine unfehlbare Maschine war. 

Sie musste entscheiden, ob die Gesamtheit der Beweise die Schuld
des Angeklagten zweifelsfrei belegte. 

Das Urteil 

Am 3. November 1991 wurde das Urteil verkündet. 

Allan Joseph Legere wurde in allen vier Mordfällen schuldig
gesprochen. 

Damit endete ein Prozess, der in Kanada juristische und
kriminaltechnische Bedeutung erlangt hatte. 

Die Verurteilung beruhte auf einem umfangreichen Beweisgefüge.
DNA spielte dabei eine herausragende Rolle. 

Der Fall wurde zu einem frühen Beispiel dafür, wie genetische
Beweise in einem kanadischen Mordprozess eingesetzt werden
konnten. 

Legere erhielt lebenslange Haft. 

Die Verurteilung wegen seiner Flucht, Entführung und
Körperverletzung war bereits zuvor erfolgt. Nun war auch die
Frage beantwortet, wer für die vier Morde während seiner Flucht
verantwortlich gemacht werden konnte. 

Spätere Rechtsmittel änderten daran nichts. Das Berufungsgericht
von New Brunswick bestätigte die Verurteilungen. 

Der Schatten über Miramichi 

Für die Menschen am Miramichi war der Fall niemals nur eine
Geschichte über DNA oder Strafrecht. 

Er hatte ihr Sicherheitsgefühl verändert. 

Die Angst hatte sechs Monate lang zum Alltag gehört. Menschen
hatten ihre Häuser verriegelt, Nachbarn beobachtet und auf
Geräusche in der Nacht reagiert. Die Polizei hatte eine enorme
Fahndung organisiert. Beamte patrouillierten in Gemeinden und
durchsuchten Waldgebiete. 

Der Fall zeigte zugleich die Verwundbarkeit einer ländlichen
Region. 

Der Täter kannte die Gegend. Er konnte sich zwischen Straßen,
Häusern und abgelegenen Bereichen bewegen. Fahrzeuge boten ihm
Mobilität. Die Nähe kleiner Gemeinden bedeutete, dass Gerüchte
und tatsächliche Hinweise sich schnell vermischten. 

Für die Ermittler bedeutete das eine enorme
Herausforderung. 

Für die Bevölkerung bedeutete es, dass der Name Allan Legere über
Monate in fast jedem Gespräch präsent war. 

Ein Fall verändert die Forensik 

Heute wirkt die Verwendung von DNA in einem Mordfall
selbstverständlich. 

Damals war sie es nicht. 

Der Legere-Prozess zeigte, wie groß die Möglichkeiten dieser
Technologie waren – und zugleich, wie sorgfältig ihre Grenzen
diskutiert werden mussten. 

Die Verteidigung stellte insbesondere die statistische
Interpretation der DNA-Ergebnisse infrage. Wissenschaftler
erklärten vor Gericht, wie selten bestimmte genetische Muster in
der Bevölkerung vorkamen und welche Aussagekraft mehrere
übereinstimmende Bereiche hatten. 

Damit wurde der Gerichtssaal für einige Wochen zu einem Ort, an
dem Strafrecht und moderne Genetik unmittelbar
aufeinandertrafen. 

Der Fall wurde später häufig als ein Meilenstein der kanadischen
Forensik beschrieben. 

Nicht weil DNA allein einen Täter überführt hätte. 

Sondern weil die Ermittler erstmals in dieser Größenordnung
zeigen konnten, wie genetische Spuren mit Zeugenaussagen,
Gegenständen, Bewegungsprofilen und klassischen kriminalistischen
Methoden zusammengeführt werden konnten. 

Die letzten Jahrzehnte 

Allan Legere blieb nach seiner Verurteilung im
Gefängnis. 

Auch Jahrzehnte später blieb sein Name mit der Frage verbunden,
ob von ihm weiterhin eine Gefahr ausgehen könnte. Seine
Haftbedingungen und spätere Entscheidungen über seine
Unterbringung sorgten immer wieder für Diskussionen. 

2015 wurde er aus der Special Handling Unit in
Sainte-Anne-des-Plaines in das Edmonton Institution
verlegt. 

Für Menschen aus der Miramichi-Region war die Nachricht schwer
einzuordnen. Der Mann, der ihre Gemeinden 1989 in Angst versetzt
hatte, war inzwischen ein alter Gefangener. 

Doch das Alter löschte die Vergangenheit nicht aus. 

Die Namen der Opfer blieben. 

Annie Flam. 

Donna Daughney. 

Linda Daughney. 

James Smith. 

Und auch die Überlebenden der früheren Angriffe mussten mit dem
zurückbleiben, was geschehen war. 

Das Ende eines langen Lebens 

Am 9. März 2026 starb Allan Joseph Legere im Edmonton
Institution. 

Er war 78 Jahre alt. 

Der kanadische Strafvollzugsdienst bestätigte seinen Tod während
der Haft. Legere hatte seit dem Beginn seiner lebenslangen
Freiheitsstrafe im Jahr 1987 insgesamt fast vier Jahrzehnte im
Gefängnis verbracht. 

Sein Tod beendete damit nicht die Geschichte des
Falles. 

Er schloss lediglich das letzte Kapitel im Leben des Mannes,
dessen Flucht 1989 eine ganze Region erschüttert
hatte. 

Was vom „Monster of the Miramichi“
bleibt 

Der Spitzname, den die Medien Legere gaben, war eingängig und
grausam zugleich: „Monster of the Miramichi“. 

Doch hinter diesem Etikett standen reale Menschen. 

John Glendenning, dessen Leben 1986 bei einem Raubüberfall
endete. 

Mary Glendenning, die schwer verletzt überlebte. 

Annie Flam, die in ihrem Geschäft getötet wurde. 

Nina Flam, die den Angriff überlebte. 

Donna und Linda Daughney, die gemeinsam in ihrem Zuhause
starben. 

James Smith, der Priester, der nicht zu seinem Gottesdienst
erschien und tot im Pfarrhaus gefunden wurde. 

Die Geschichte von Allan Legere ist deshalb nicht nur die
Geschichte eines Mörders, einer Flucht oder einer spektakulären
Fahndung. 

Sie ist auch die Geschichte einer Gemeinschaft, die für Monate in
Angst lebte. 

Und sie ist die Geschichte eines kriminalistischen
Umbruchs. 

Als Legere 1989 aus einem Krankenhaus floh, war DNA-Analyse noch
eine junge Wissenschaft, deren Beweiskraft vor Gericht intensiv
diskutiert wurde. Als er Jahrzehnte später starb, war genetische
Forensik aus modernen Ermittlungen kaum mehr
wegzudenken. 

Dazwischen lagen fast vierzig Jahre Gefängnis. 

Aber die entscheidenden Monate spielten sich im Jahr 1989
ab. 

Sechs Monate, in denen ein verurteilter Mörder frei
war. 

Vier Menschen, die getötet wurden. 

Eine Frau, die überlebte. 

Eine Provinz, die sich fürchtete. 

Eine Polizei, die ihn suchte. 

Und ein Gericht, das schließlich mithilfe einer damals
revolutionären Technologie die Frage beantwortete, die seit
seiner Flucht über dem Miramichi gelegen hatte: 

Wer hatte diese Menschen getötet? 

Die Antwort lautete Allan Joseph Legere. 

Und mit seiner Verurteilung endete zwar die Suche nach dem Täter
– nicht aber die Erinnerung an die Opfer. 
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„Allan Legere – Der Schrecken vom Miramichi“

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