Der Schachbrettmörder

Der Schachbrettmörder

vor 1 Tag
Wie Alexander Pichushkin den Moskauer Bitza-Park zu seinem Jagdrevier machte – und warum seine Mordserie erst nach Jahren gestoppt werden konnte
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Wahre Fälle. Wahre Täter. Wahnsinn pur.

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 Der Morgen war kalt, als Ermittler den dichten Wald des
Bitza-Parks im Süden Moskaus betraten. Zwischen hohen Birken und
verschlungenen Wegen lag eine Landschaft, die auf den ersten
Blick friedlich wirkte. Spaziergänger führten Hunde aus, ältere
Menschen sammelten Pilze, Jugendliche nahmen Abkürzungen durch
das weitläufige Gelände. Doch für die Kriminalbeamten war der
Park längst zu einem Ort geworden, an dem sich immer dieselbe
Frage stellte: Wer war für das Verschwinden so vieler Menschen
verantwortlich? 



Über Jahre hinweg waren Männer und Frauen scheinbar spurlos
verschwunden. Manche galten als obdachlos, andere als einsame
Rentner oder Menschen mit Alkoholproblemen. Nicht jeder Fall
löste große öffentliche Aufmerksamkeit aus. Oft schien es, als
verschwänden die Betroffenen einfach aus ihrem bisherigen Leben.
Doch mit jeder weiteren Leiche, die im Park oder in den dortigen
Entwässerungsschächten gefunden wurde, verdichtete sich ein
Verdacht. Irgendjemand jagte Menschen. 



Als die Ermittler schließlich den Mann festnahmen, den sie für
den Täter hielten, offenbarte sich das Ausmaß einer Mordserie,
die Russland erschütterte. Alexander Pichushkin erklärte später,
er habe noch weit mehr Menschen töten wollen. Sein Ziel, sagte er
selbst, sei es gewesen, jede der 64 Felder eines Schachbretts
symbolisch mit einem Opfer zu füllen. 



Eine Kindheit zwischen Isolation und
Gewaltfantasien 



Alexander Jurjewitsch Pichushkin wurde am 9. April 1974 in Moskau
geboren. Seine Kindheit verlief keineswegs unauffällig. Als
kleiner Junge erlitt er eine Kopfverletzung, nachdem er von einer
Schaukel gestürzt war. Ob diese Verletzung langfristige
Auswirkungen auf seine Persönlichkeit hatte, blieb später
Gegenstand von Spekulationen, wissenschaftlich eindeutig belegt
wurde ein Zusammenhang jedoch nie. 



Er wuchs überwiegend bei seiner Mutter und seinem Großvater auf.
Der Großvater galt als wichtigste Bezugsperson. Als dieser starb,
verlor Pichushkin einen Menschen, zu dem er offenbar eine enge
Bindung gehabt hatte. Später beschrieben Bekannte den jungen Mann
als verschlossen, sozial unbeholfen und häufig
isoliert. 



Er besuchte eine Schule für Kinder mit besonderen Förderbedarfen
und arbeitete später in einem Lebensmittelgeschäft. Nach außen
führte er lange Zeit ein vergleichsweise unauffälliges Leben.
Kollegen beschrieben ihn als ruhig. Nur wenige ahnten, welche
Gewaltfantasien sich hinter dieser Fassade
entwickelten. 



Schon früh beschäftigte ihn die Vorstellung, Menschen zu töten.
In späteren Aussagen schilderte er, dass ihn die Idee fasziniert
habe, Macht über Leben und Tod auszuüben. Er verglich das Töten
mit einer Sucht, die sich mit jeder Tat verstärkt
habe. 



Der erste Mord 



Nach den Erkenntnissen der Ermittler begann seine Mordserie
Anfang der 1990er-Jahre. Der erste bekannte Mord geschah
1992. 



Das Opfer war ein Bekannter, mit dem Pichushkin gemeinsam einen
Serienmord geplant haben soll. Als der Mann jedoch Zweifel bekam
und sich zurückziehen wollte, tötete Pichushkin ihn. Die Leiche
wurde entsorgt, der Fall blieb zunächst ungeklärt. 



Danach vergingen mehrere Jahre, bevor sich die Serie
fortsetzte. 



Ab etwa 2001 begann Pichushkin regelmäßig Menschen in den
Bitza-Park zu locken. Viele seiner Opfer begegnete er zufällig.
Häufig handelte es sich um ältere Männer oder sozial
benachteiligte Personen, denen er Alkohol anbot. Gemeinsam gingen
sie in den Wald, tranken und unterhielten sich. Irgendwann griff
Pichushkin an. 



Seine Vorgehensweise variierte. Manche Opfer erschlug er mit
stumpfer Gewalt. Andere stieß er in tiefe Kanalschächte innerhalb
des Parks. Teilweise legte er schwere Gegenstände auf die
Verletzten oder steckte Flaschen in die Schächte, um ein
Entkommen unmöglich zu machen. Einige starben sofort, andere
vermutlich erst nach längerer Zeit an ihren
Verletzungen. 



Ein Täter mit einem perfiden System 



Pichushkin entwickelte mit der Zeit ein festes Muster. Er
bevorzugte Opfer, deren Verschwinden zunächst wenig
Aufmerksamkeit erregte. Menschen ohne enge soziale Bindungen
wurden oft erst spät vermisst. 



Dadurch blieb die Mordserie über Jahre hinweg weitgehend
unentdeckt. 



Die Ermittlungen gestalteten sich schwierig. Viele Leichen wurden
erst lange nach dem Tod gefunden. Manche konnten zunächst nicht
identifiziert werden. Andere Opfer blieben dauerhaft
verschwunden. 



Dennoch bemerkten die Behörden allmählich eine auffällige Häufung
ungeklärter Vermisstenfälle rund um den Bitza-Park. Ermittler
verschiedener Dienststellen begannen, Informationen
zusammenzuführen. Karten mit Fundorten, Vermisstenmeldungen und
Tatzeiten zeigten schließlich ein deutliches Muster. 



Pichushkin bewegte sich dabei mit erstaunlicher Sicherheit in dem
weitläufigen Waldgebiet. Er kannte Wege, Gräben und Schächte
genau. Für ihn wurde der Park zu einer Art persönlichem
Revier. 



Später erklärte er, er habe sich nach jeder Tat euphorisch
gefühlt. Diese Euphorie habe jedoch nie lange angehalten. Bald
sei der Wunsch entstanden, erneut zu töten. 



Das Schachbrett als Symbol 



Besondere Aufmerksamkeit erregten Pichushkins Aussagen über seine
Motivation. 



Er sprach davon, ein Schachbrett vollständig „füllen“ zu wollen.
Jede ermordete Person sollte symbolisch einem der 64 Felder
entsprechen. 



Nach seiner Festnahme fanden Ermittler tatsächlich Hinweise auf
diese Vorstellung. Medien berichteten über ein Schachbrett mit
Markierungen, das als Symbol seiner geplanten Opferzahl
interpretiert wurde. Die Ermittlungen ergaben jedoch keine
Hinweise darauf, dass jede Markierung eindeutig einem konkreten
Mord zugeordnet werden konnte. 



Pichushkin selbst behauptete später mehrfach, deutlich mehr
Menschen getötet zu haben, als ihm letztlich nachgewiesen wurden.
Einige seiner Angaben ließen sich nicht überprüfen. Andere
widersprachen bekannten Ermittlungsergebnissen. 



Der entscheidende Fehler 



Lange schien Pichushkin unantastbar. 



Sein Ende begann mit einer einzigen Notiz. 



Im Juni 2006 traf er eine Kollegin aus seinem Arbeitsumfeld. Die
Frau teilte Angehörigen mit, dass sie sich mit Alexander
Pichushkin treffen werde. Diese Information erwies sich später
als entscheidender Ermittlungsansatz. 



Als die Frau nicht zurückkehrte, konzentrierten sich die
Ermittlungen erstmals gezielt auf Pichushkin. 



Überwachungskameras der Moskauer U-Bahn dokumentierten, dass
beide gemeinsam unterwegs gewesen waren. Weitere Spuren führten
direkt zu ihm. 



Die Polizei observierte den Verdächtigen und nahm ihn wenig
später fest. 



Während der Vernehmungen begann Pichushkin schließlich, über
zahlreiche Taten zu sprechen. Seine Aussagen wirkten teilweise
emotionslos. Immer wieder schilderte er Details, die nur der
Täter kennen konnte. 



Die Ermittlungen 



Die Ermittler standen nun vor einer enormen Aufgabe. 



Jedes einzelne Geständnis musste überprüft werden.
Vermisstenfälle wurden erneut ausgewertet. Tatorte wurden nach
weiteren Spuren durchsucht. Rechtsmediziner untersuchten alte
Funde erneut. 



Am Ende konnten den Ermittlern 48 Morde sowie drei Mordversuche
gerichtsfest nachgewiesen werden. Die meisten Taten waren
zwischen 2001 und 2006 begangen worden. 



Ob Pichushkin tatsächlich weitere Menschen getötet hatte, blieb
ungeklärt. Seine Behauptung, für mehr als 60 Morde verantwortlich
zu sein, ließ sich nicht vollständig belegen. 



Der Prozess 



Der Prozess begann 2007 vor dem Moskauer
Stadtgericht. 



Pichushkin zeigte sich während der Verhandlung überwiegend ruhig.
Reue war kaum erkennbar. Er räumte zahlreiche Taten ein und
sprach teilweise offen über seine Motive. 



Psychiatrische Gutachter kamen zu dem Ergebnis, dass er an einer
Persönlichkeitsstörung litt. Gleichzeitig erklärten sie ihn für
schuldfähig. Er habe das Unrecht seiner Taten erkannt und gezielt
gehandelt. 



Die Staatsanwaltschaft zeichnete das Bild eines Täters, der seine
Opfer bewusst ausgewählt und systematisch getötet hatte. Die
Verteidigung bestritt die nachgewiesenen Taten nicht
grundsätzlich, stellte jedoch einzelne Vorwürfe
infrage. 



Im Oktober 2007 sprach das Gericht Alexander Pichushkin wegen 48
Morden und drei Mordversuchen schuldig. 



Er wurde zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. 



Haft und Nachwirkung 



Nach dem Urteil wurde Pichushkin in eine russische Strafkolonie
für besonders schwere Gewaltverbrecher verlegt. Dort verbrachte
er seine Haft unter strengen Sicherheitsbedingungen. 



In späteren Interviews sprach er erneut über seine Taten.
Teilweise behauptete er weiterhin, mehr Menschen getötet zu
haben, als offiziell festgestellt worden waren. Diese Aussagen
konnten jedoch nie vollständig bestätigt werden. 



Der Bitza-Park blieb für viele Moskauer lange ein Ort der Angst.
Die Vorstellung, dass über Jahre hinweg Dutzende Menschen in
einem öffentlichen Naherholungsgebiet getötet worden waren,
erschütterte das Vertrauen in die Sicherheit des
Alltags. 



Kriminologen beschäftigten sich intensiv mit dem Fall. Sie
verwiesen darauf, dass viele Opfer gesellschaftlich besonders
verletzlich gewesen waren und ihr Verschwinden deshalb zunächst
kaum Aufmerksamkeit erhalten hatte. Der Fall löste zudem
Diskussionen über die Erfassung von Vermisstenfällen und die
Vernetzung polizeilicher Ermittlungen aus. 



Auch international wurde Alexander Pichushkin zu einem der
bekanntesten Serienmörder der jüngeren Kriminalgeschichte.
Vergleiche mit anderen Tätern wurden häufig gezogen, doch der
sogenannte Schachbrettmörder blieb vor allem wegen seiner selbst
formulierten Symbolik und der außergewöhnlich langen Mordserie im
Gedächtnis. 



Bis heute erinnert der Fall daran, wie gefährlich die Kombination
aus sozialer Isolation, systematischer Tatplanung und der
Unsichtbarkeit vieler Opfer sein kann. Hinter den nüchternen
Zahlen standen Menschen mit Familien, Hoffnungen und Biografien.
Ihre Schicksale rückten erst ins öffentliche Bewusstsein, als die
Ermittlungen die grausame Verbindung zwischen den einzelnen
Vermisstenfällen offenlegten – und ein Park, der jahrelang als
gewöhnliches Stück Natur erschien, zum Synonym für eine der
schwersten Mordserien Russlands wurde. 

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