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„Serienmord & Wahnsinn“ für neue Fälle und
Hintergründe:
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Ein sonniger Tag im Wald
Am 1. März 1981 gingen Ellen Hansen und Steven Haertle im Henry
Cowell Redwoods State Park bei Santa Cruz wandern. Dort trafen
sie auf einen bewaffneten Mann. Er zwang die beiden, ihm zu
folgen. Nach Haertles späterer Aussage kündigte der Mann einen
sexuellen Übergriff auf Hansen an. Als sich die beiden
widersetzten, schoss er auf sie. Hansen starb, Haertle überlebte
schwer verletzt. Haertles Beschreibung des Angreifers wurde
später zu einem wichtigen Bestandteil der Ermittlungen gegen
David Carpenter.
Dass Carpenter der Täter dieses Angriffs war, war keine bloße
Vermutung: Haertle identifizierte ihn, und Carpenter wurde später
wegen Hansens Mordes und des Angriffs auf Haertle
verurteilt.
Von diesem Punkt an musste jedoch zwischen gerichtlichen
Feststellungen und späteren Erzählungen unterschieden werden.
Denn um Carpenter entstand im Laufe der Jahre ein Bild, das
teilweise aus Beweisen, teilweise aus Ermittlerhypothesen und
teilweise aus medialen Deutungen bestand.
Was über Carpenter bekannt war
David Joseph Carpenter wurde am 6. Mai 1930 in San Francisco
geboren. Fest steht, dass er bereits lange vor der Mordserie mit
dem Strafrecht in Konflikt geraten war.
1960 wurde er wegen eines schweren Angriffs auf eine Frau
verurteilt. Später folgten weitere Verurteilungen, darunter wegen
Sexualdelikten. Carpenter verbrachte deshalb erhebliche Teile
seines Erwachsenenlebens im Gefängnis.
Auch sein starkes Stottern war öffentlich bekannt. Über seine
Kindheit und sein familiäres Umfeld existieren Berichte über
Gewalt und schwierige Lebensumstände.
Hier beginnt jedoch die Grenze zwischen belegbarer Biografie und
psychologischer Interpretation.
Es lässt sich nicht seriös behaupten, seine Kindheit habe ihn zum
Mörder gemacht. Ebenso wenig lässt sich aus seiner Sprachstörung
eine spätere Gewaltbereitschaft ableiten. Solche Zusammenhänge
wurden in Darstellungen des Falls teilweise nahegelegt, sind aber
keine gerichtliche Erklärung für seine späteren
Taten.
Belegt war vielmehr seine lange Vorgeschichte von Gewalt- und
Sexualdelikten.
Die Morde von Marin County
Im Herbst 1980 wurden in Marin County mehrere Menschen getötet.
Die Opfer waren Cynthia Moreland, Richard Stowers, Anne Alderson,
Diane O’Connell und Shauna May.
Die späteren Ermittlungen führten diese fünf Morde auf Carpenter
zurück.
Entscheidend ist die Formulierung: Carpenter wurde für diese fünf
Morde verurteilt. Damit handelt es sich nicht lediglich um eine
polizeiliche Theorie.
Gleichzeitig bedeutet die Tatsache, dass mehrere Taten einem
Täter zugeschrieben wurden, nicht, dass jedes Detail der
jeweiligen Tat rekonstruiert werden konnte. Bei späteren
Darstellungen der Mordserie wurden Motive, innere Beweggründe und
genaue Abläufe teilweise mit größerer Sicherheit beschrieben, als
die öffentlich bekannten Gerichtsunterlagen tatsächlich
erlaubten.
Der Begriff „Trailside Killer“ selbst war eine mediale
Bezeichnung. Er beschrieb Carpenter als Täter, der seine Opfer an
Wanderwegen und in Naturgebieten angegriffen hatte. Er war kein
offizieller psychologischer oder juristischer Titel.
Was die Ermittler zusammenführte
Die Ermittler sahen Gemeinsamkeiten zwischen den Fällen. Die
Tatorte lagen in abgelegenen Gebieten. Mehrere Opfer waren
Frauen. Die Ermittlungen konzentrierten sich zunehmend auf die
Möglichkeit, dass hinter den einzelnen Taten derselbe Täter
stand.
Der entscheidende Durchbruch kam nach dem Mord an Ellen
Hansen.
Steven Haertle hatte den Angriff überlebt und konnte den Täter
beschreiben. Seine Aussagen ermöglichten es den Ermittlern, die
Suche nach einem konkreten Verdächtigen zu richten.
Später führten weitere Hinweise zu Carpenter. Er wurde am 15. Mai
1981 in San Francisco festgenommen.
Dass die Ermittler Carpenter für die gesamte Mordserie
verantwortlich machten, war zu diesem Zeitpunkt zunächst eine
Hypothese. Erst die folgenden Strafverfahren mussten klären,
welche einzelnen Taten ihm tatsächlich nachgewiesen werden
konnten.
Heather Scaggs
Zu den beiden Fällen aus Santa Cruz County gehörte der Mord an
Heather Scaggs.
Scaggs war 20 Jahre alt. Sie verschwand im Mai 1981 und wurde
später tot aufgefunden.
Die Staatsanwaltschaft brachte Carpenter mit ihrem Tod in
Verbindung. Auch dieser Fall endete schließlich mit einer
Verurteilung.
Damit ist der juristische Status wichtig: Der Mord an Scaggs
gehörte nicht lediglich zu den Fällen, die Ermittler Carpenter
zuschrieben. Carpenter wurde dafür vor Gericht schuldig
gesprochen.
Die Zahl sieben
Carpenter wurde letztlich wegen sieben Morden
verurteilt.
Zwei davon betrafen Ellen Hansen und Heather Scaggs in Santa Cruz
County. Die übrigen fünf waren die Morde an Cynthia Moreland,
Richard Stowers, Anne Alderson, Diane O’Connell und Shauna May in
Marin County.
Diese sieben Fälle bilden den Kern dessen, was als
Trailside-Mordserie bekannt wurde.
Andere ungeklärte Morde oder Vermisstenfälle mit Carpenter in
Verbindung zu bringen, wäre dagegen nicht ohne Weiteres zulässig.
Im Laufe der Jahrzehnte entstanden Spekulationen darüber, ob er
für weitere Taten verantwortlich gewesen sein könnte. Eine solche
Möglichkeit ist nicht dasselbe wie eine bewiesene
Täterschaft.
Der erste Prozess
1984 wurde Carpenter wegen der Morde an Ellen Hansen und Heather
Scaggs verurteilt.
Das Gericht verhängte die Todesstrafe.
Die Verurteilung bedeutete nicht, dass alle später diskutierten
Theorien über Carpenter damit bestätigt worden wären. Sie bezog
sich auf die konkreten Anklagepunkte, die vor Gericht verhandelt
worden waren.
Besonders wichtig war die Aussage des Überlebenden Steven Haertle
im Fall Hansen. Seine Wahrnehmung des Täters war unmittelbarer
als spätere Rekonstruktionen, die auf Akten, Medienberichten oder
Ermittlerannahmen beruhten.
Der zweite Prozess
Die fünf Morde in Marin County wurden in einem eigenen Verfahren
behandelt.
1988 wurde Carpenter wegen aller fünf Morde schuldig gesprochen.
Zusätzlich wurde er wegen zweier Vergewaltigungen und eines
versuchten sexuellen Übergriffs verurteilt.
Auch in diesem Verfahren wurde die Todesstrafe
verhängt.
Damit lag eine außergewöhnliche Situation vor: Carpenter war nun
aufgrund zweier getrennter Verfahren zweimal zum Tod verurteilt
worden.
Der Streit um die Jury
Der zweite Prozess wurde später selbst zum Gegenstand eines
juristischen Konflikts.
Es ging um die Frage, ob eine Geschworene während des Verfahrens
von Carpenters früherer Verurteilung wegen der beiden
Santa-Cruz-Morde erfahren hatte.
Das war rechtlich bedeutsam. Ein Geschworenengericht sollte über
die ihm vorgelegten Anklagen entscheiden und nicht durch
unzulässige Informationen über eine frühere Verurteilung
beeinflusst werden.
Der zuständige Richter hob die Verurteilung zunächst auf und
ordnete einen neuen Prozess an.
Das bedeutete nicht, dass der Richter Carpenter für unschuldig
hielt. Im Gegenteil: Er erklärte, von dessen Schuld überzeugt zu
sein. Die Aufhebung beruhte auf der Frage, ob das Verfahren den
Anforderungen an ein faires Geschworenengericht genügt
hatte.
Später korrigierte der California Supreme Court diese
Entscheidung. Die Verurteilung wegen der fünf Morde blieb
bestehen.
Was bleibt – und was nicht bewiesen
ist
Die gerichtliche Akte erlaubt eine klare Trennung.
Bewiesen beziehungsweise rechtskräftig festgestellt ist, dass
David Carpenter wegen sieben Morden verurteilt wurde. Bewiesen
ist außerdem seine frühere kriminelle Vorgeschichte und die
Tatsache, dass ein Überlebender des Hansen-Angriffs ihn als Täter
identifizierte.
Nicht auf dieselbe Weise bewiesen sind Aussagen darüber, was
Carpenter „wirklich dachte“, welches psychologische Motiv hinter
jedem einzelnen Mord stand oder ob seine schwierige Kindheit
ursächlich für seine spätere Gewalt war.
Auch die Vorstellung, Carpenter habe seine Opfer systematisch
über Jahre hinweg „gejagt“, ist eher eine erzählerische
Verdichtung als eine präzise juristische Feststellung. Der
Begriff passt zum öffentlichen Bild des Falls, sollte aber nicht
mit einem nachgewiesenen inneren Tatplan verwechselt
werden.
Dasselbe gilt für mögliche weitere Opfer.
Bei einem Serienmörder entsteht schnell die Versuchung,
ungeklärte Fälle mit einem bereits verurteilten Täter zu
verbinden. Doch ein ungeklärter Mord bleibt ein ungeklärter Mord,
solange die Beweislage keine belastbare Verbindung
herstellt.
Die Angst vor dem Wanderweg
Der öffentliche Schrecken des Falles hatte dennoch einen realen
Kern.
Die Morde ereigneten sich in Landschaften, die für Spaziergänge,
Wanderungen und Erholung standen. Die Tatorte lagen nicht in
einer anonymen Großstadtstraße, sondern in Parks und
Naturgebieten rund um die San Francisco Bay Area.
Dadurch wurde der Fall zu einer Geschichte über einen Ort ebenso
wie über einen Täter.
Die Medien machten aus Carpenter den „Trailside Killer“. Der Name
reduzierte eine komplexe Reihe von Strafverfahren auf ein
eingängiges Bild: einen Mann, der an Wanderwegen auf seine Opfer
lauerte.
Dieses Bild war wirkungsmächtig.
Aber es war nicht die vollständige Beweislage.
Hinter dem Mediennamen standen sieben rechtskräftig festgestellte
Morde, konkrete Zeugenaussagen, Ermittlungen, Gerichtsverfahren
und jahrelange Rechtsmittel.
Und dahinter standen sieben Menschen, deren Namen nicht zu bloßen
Bestandteilen einer Tätergeschichte werden sollten.
Der letzte Unterschied
True Crime lebt von der Rekonstruktion.
Doch Rekonstruktion kann leicht in Erfindung
übergehen.
Bei David Carpenter ist die Grenze besonders wichtig. Die Akten
ergeben das Bild eines Mannes mit einer langen Vorgeschichte von
Gewalt und schließlich sieben Mordverurteilungen. Sie ergeben
eine Reihe von Ermittlungen, Zeugenaussagen und
Gerichtsentscheidungen. Sie ergeben einen Täter, dessen Schuld an
diesen sieben Morden von Gerichten festgestellt
wurde.
Sie liefern dagegen nicht automatisch Antworten auf jede Frage,
die sich heute stellen lässt.
Warum genau er jedes Opfer auswählte, was er unmittelbar vor
jeder Tat dachte, welche Fantasien ihn antrieben oder ob hinter
nicht aufgeklärten Fällen ebenfalls Carpenter stand, lässt sich
nicht in derselben Gewissheit beantworten.
Die belastbare Geschichte ist deshalb weniger spektakulär als
manche Legende – aber gerade dadurch eindringlicher.
David Carpenter wurde wegen sieben Morden verurteilt.
Die übrigen Lücken der Geschichte sollten Lücken bleiben, solange
Beweise sie nicht schließen.
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