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Ein Viertel, das längst aufgehört hatte zu
zählen
Der Winter lag über Chicagos South Side, als Ermittler Ende
Januar 2000 einen Mann in Gewahrsam nahmen, der auf den ersten
Blick kaum auffiel. Er war einer von vielen Bewohnern des
heruntergekommenen Englewood-Viertels, geprägt von Armut,
Drogenhandel und verfallenen Häusern. Was die Beamten in den
folgenden Stunden hörten, ließ selbst erfahrene Ermittler
verstummen.
Andre Crawford gestand nicht nur mehrere Morde. Er beschrieb sie
nüchtern, beinahe routiniert. Er erklärte, dass das Töten für ihn
zu einer Sucht geworden sei. Reue zeigte er nicht. Besonders
verstörend war ein Detail seiner Aussagen: Nach den Tötungen
kehrte er häufig zu den Tatorten zurück, um sexuelle Handlungen
an den Leichen seiner Opfer vorzunehmen. DNA-Spuren bestätigten
schließlich seine Beteiligung an einer Mordserie, die Chicago
über Jahre beschäftigt hatte.
Noch erschütternder war eine andere Erkenntnis. Crawford war den
Ermittlern keineswegs unbekannt. Während Polizei und Anwohner
nach dem sogenannten Southside Strangler suchten, hatte er sich
zeitweise selbst an Suchaktionen beteiligt und beim Verteilen von
Informationsblättern geholfen, die vor genau dem Täter warnten,
der er selbst war.
Eine Kindheit voller Brüche
Andre Crawford wurde 1962 in Chicago geboren. Sein Vater verließ
die Familie früh. Wegen Vernachlässigung kamen Crawford und seine
Schwester in eine Pflegefamilie. Während seines späteren
Prozesses schilderte Crawford eine Kindheit voller Misshandlungen
und sexueller Gewalt. Teile dieser Darstellungen wurden von
Angehörigen bestritten oder konnten nie unabhängig bestätigt
werden.
Fest stand jedoch, dass sein Leben früh aus den Fugen geriet.
Bereits als Jugendlicher entwickelte er eine Drogenabhängigkeit
und brach die Schule ab. Er verpflichtete sich später sowohl bei
der Army als auch bei der Navy, konnte seinen Dienst wegen
anhaltenden Drogenkonsums jedoch nicht erfolgreich absolvieren
und wurde entlassen.
Nach seiner Rückkehr nach Chicago führte Crawford ein unstetes
Leben. Er hielt sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser, lebte
zeitweise in Obdachlosenunterkünften oder leerstehenden Häusern
und bewegte sich regelmäßig im Rotlichtmilieu. Drogensucht,
Alkoholmissbrauch und kleinere Straftaten führten immer wieder zu
Polizeikontakten. Dennoch ahnte damals niemand, dass sich hinter
dem unscheinbaren Mann einer der gefährlichsten Serienmörder der
Stadt verbarg.
Die Frauen, die kaum jemand
vermisste
Zwischen 1993 und 1999 verschwanden im Englewood-Viertel immer
wieder Frauen. Viele kämpften mit schweren Drogenabhängigkeiten.
Einige gingen der Prostitution nach, andere lebten am Rand der
Gesellschaft. Sie kannten Crawford häufig flüchtig oder
begegneten ihm in derselben Drogenszene.
Er lockte sie unter Vorwänden an abgelegene Orte oder in
verlassene Gebäude. Dort wurden sie erdrosselt oder mit einem
Messer getötet. Anschließend ließ Crawford die Leichen zunächst
zurück, kehrte jedoch später zurück, um sexuelle Handlungen an
den Toten vorzunehmen. Insgesamt wurden elf Frauen als seine
Mordopfer identifiziert. Zudem überlebte eine weitere Frau einen
Angriff im Jahr 1997 schwer verletzt und konnte später gegen ihn
aussagen.
Die Opfer hießen Evandrey Harris, Patricia Dunn, Rhonda King,
Angel Shatteen, Shaquanta Langley, Sonja Brandon, Nicole
Townsend, Cheryl Cross, Tommie Dennis, Sheryl Johnson und
Constance Bailey. Sie standen selten im Mittelpunkt öffentlicher
Aufmerksamkeit. Viele Fälle erhielten zunächst nur begrenzte
mediale Resonanz – ein Umstand, der später immer wieder kritisch
diskutiert wurde.
Ein Viertel mit mehreren
Serienmördern
Die Ermittlungen gestalteten sich außerordentlich schwierig.
Englewood war in den 1990er-Jahren von extremer Gewalt geprägt.
Mehrere ungeklärte Tötungsdelikte erschwerten die Zuordnung
einzelner Fälle.
Hinzu kam ein weiterer Serienmörder: Hubert Geralds war ebenfalls
in derselben Gegend aktiv. Die parallelen Mordserien führten zu
erheblicher Verwirrung. Geralds legte sogar ein Geständnis zu
einem Mord ab, der tatsächlich von Crawford begangen worden
war.
Erst nach Crawfords Festnahme wurde deutlich, dass Rhonda Kings
Tod fälschlicherweise Geralds zugeschrieben worden war. Die
Staatsanwaltschaft hob dessen Verurteilung in diesem Punkt später
auf, nachdem DNA-Beweise eindeutig Crawford belasteten. Geralds
blieb allerdings wegen anderer Morde weiterhin in
Haft.
Die entscheidende DNA-Spur
Der Durchbruch gelang nicht durch einen Augenzeugen, sondern
durch moderne Forensik.
Crawford war wegen anderer Delikte bereits mit dem Gesetz in
Konflikt geraten. Im Rahmen eines früheren Verfahrens war eine
Blutprobe entnommen worden. Diese DNA konnte Jahre später
mehreren Tatorten zugeordnet werden.
Am 28. Januar 2000 erfolgte die Festnahme. Während der Verhöre
gestand Crawford zunächst sieben Morde, räumte anschließend
weitere Tötungen sowie zusätzliche Angriffe auf Frauen ein. Die
Aussagen überlebender Opfer stützten seine
Geständnisse.
Die Ermittler standen plötzlich vor einem Täter, der seine
Verbrechen offen schilderte und erklärte, dass er nicht aufgehört
hätte zu töten, wenn er nicht festgenommen worden
wäre.
Fast zehn Jahre bis zum Urteil
Obwohl Crawford bereits Anfang 2000 festgenommen worden war,
begann sein eigentlicher Mordprozess erst im Jahr
2009.
Verschiedene rechtliche Streitigkeiten, Beweisanträge,
Verfahrensfragen und Veränderungen im Umgang mit der Todesstrafe
in Illinois verzögerten das Verfahren über Jahre. Crawford
verbrachte fast zehn Jahre in Untersuchungshaft – länger als
jeder andere Häftling in der Geschichte des Bundesstaates
Illinois.
Während des Prozesses präsentierte die Staatsanwaltschaft
DNA-Beweise, Zeugenaussagen und Crawfords eigene Geständnisse.
Die Verteidigung verwies unter anderem auf seine schwierige
Kindheit und mögliche psychische Folgen früher Traumata. Diese
Aspekte konnten jedoch weder seine Schuldfähigkeit infrage
stellen noch die erdrückende Beweislage entkräften.
Im Dezember 2009 sprach die Jury Andre Crawford in sämtlichen
Anklagepunkten schuldig. Er wurde wegen elf Morden sowie weiterer
schwerer Sexual- und Gewaltverbrechen zu lebenslanger
Freiheitsstrafe ohne Möglichkeit einer vorzeitigen Entlassung
verurteilt.
Der Tod hinter Gefängnismauern
Crawford verbrachte den Rest seines Lebens im Menard Correctional
Center in Illinois.
Am 18. März 2017 starb er dort im Alter von 54 Jahren an
Leberkrebs – zwei Tage vor seinem 55. Geburtstag. Seine Haft
endete nicht durch Begnadigung oder Revision, sondern durch
seinen Tod.
Ein Fall, der Fragen hinterließ
Der Fall Andre Crawford zählt bis heute zu den erschütterndsten
Serienmordfällen Chicagos.
Er zeigte, wie besonders verletzliche Opfergruppen häufig weniger
öffentliche Aufmerksamkeit erhalten und wie dadurch Mordserien
über Jahre unentdeckt bleiben können. Viele der getöteten Frauen
kämpften mit Sucht, Armut oder Obdachlosigkeit. Ihre
Lebensumstände beeinflussten nicht nur die Wahrnehmung ihrer
Fälle, sondern erschwerten auch die Ermittlungen
erheblich.
Ebenso machte der Fall deutlich, welche Bedeutung der
kriminaltechnische Fortschritt erlangt hatte. Ohne DNA-Analysen
wäre Crawford möglicherweise nie eindeutig mit mehreren Tatorten
in Verbindung gebracht worden.
Besonders verstörend blieb jedoch die Tatsache, dass sich der
Täter über Jahre nahezu unauffällig in seinem Umfeld bewegte. Er
sprach mit Nachbarn, begegnete Polizisten und beteiligte sich
sogar an Maßnahmen zur Suche nach dem Serienmörder. Während die
Angst in Englewood wuchs, half der Mann, vor dem gewarnt wurde,
selbst dabei, die Warnungen zu verteilen.
Die Mordserie hinterließ elf bestätigte Todesopfer und ein
Viertel, das noch lange mit den Folgen dieser Jahre lebte. Der
Name Andre Crawford wurde zu einem Synonym für einen Täter, der
sich hinter einem gewöhnlichen Erscheinungsbild verbarg – und
dessen Verbrechen erst ans Licht kamen, als wissenschaftliche
Beweise stärker waren als jedes Alibi.
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