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2014 steht in einem der größten Verlagshäuser der Welt eine Frage im Raum, die kaum ein Unternehmen freiwillig stellt: Wollen wir bei Open Access überhaupt mitmachen? Damit kannibalisieren wir unser eigenes Geschäft. Bis dahin zahlten die Leser. Heute zahlen die, die veröffentlichen wollen.
Harald Greiner hat diese Transformation aus nächster Nähe erlebt: über zehn Jahre bei Holtzbrinck, einem globalen Medienkonzern mit über 14.000 Beschäftigten, als VP IT und de facto CIO mit mehr als 160 Mitarbeitenden und zweistelligem Millionenbudget. Davor hat er mit UP2GATE ein eigenes Startup mitgegründet. Heute ist er Fractional CIO bei F.ECTIVES und sitzt im Advisory Board von CIONET.
In der aktuellen Episode von Masters of Data, BI & AI erzählt er, warum digitale Transformation seit Jahren an denselben Dingen scheitert, was Unternehmen aus einem Geschäftsmodell-Flip lernen können und wie sich Vertrauen im Business wirklich aufbaut.
Ein paar Dinge, die hängengeblieben sind:
Zum Startup, das zu früh war:
UP2GATE startete zu viert und hatte am Ende rund 25 Leute. Die Plattform verband ERP-Systeme von Industrie und Großhändlern, zu einer Zeit, als SAP das selbst noch nicht konnte. Sein Fazit: Man war vom Hype her zu spät und technologisch zu früh. Es war die arbeitsreichste Zeit seines Lebens, und die Erfahrung, nach dem großen Siemens ein kleines Startup mitzubauen, möchte er nicht missen.
Zum Google-Rollout und den drei Erfolgsfaktoren:
2014 ging Holtzbrinck global auf Google, damals war Google Cloud in Deutschland noch klein und die Cloud galt als unsicher. Zwei deutsche Verlage verzögerten sich um fast ein Jahr, weil die Gespräche mit dem Betriebsrat so lange dauerten, obwohl man früh auf Einbindung geachtet hatte. Dann hörten die Mitarbeitenden von den anderen Verlagen, wie gut gemeinsames Arbeiten in der Cloud funktioniert, und wollten es auch. Seine Faktoren: klar kommunizieren, wohin es geht, und das immer wieder wiederholen. Die Führung früh mitnehmen, die Geschäftsführer gingen als Erste live. Und die Kritiker einbinden, denn auch von dort kommen wertvolle Impulse.
Zur Kannibalisierung des eigenen Geschäftsmodells:
Sein größter Lerneffekt aus Open Access: Wer sein Geschäftsmodell nicht selbst kannibalisiert, dem macht es ein Branchenfremder, wie Tesla, Airbnb oder Uber. Bei Macmillan Learning ging es weg von der nächsten Buchauflage hin zu E-Learning-Plattformen, entwickelt mit Mockups, die man gemeinsam mit Professoren und Studenten gebaut hat. Sein Rat: Vom Kunden her denken und keine Scheuklappen aufsetzen, auch wenn man ein Geschäft seit 10, 15 oder 20 Jahren so betreibt.
Zu KI und Europa:
Use Cases zu finden ist leicht, sie zu skalieren und Mehrwert zu heben ist deutlich schwerer. Trotzdem hält er KI für die größte Veränderung, die wir je gesehen haben, größer als Internet und Smartphone, und das Hauptproblem liege nicht bei der Technologie, sondern bei Menschen und Organisationen. Für Europa sieht er keine Erkenntnis-, sondern eine Umsetzungslücke. Chancen sieht er bei kleineren Modellen auf eigenen Daten, bei World Models und bei Industrial AI, wo Deutschland mit seinen Maschinendaten einen Vorsprung hat. Dazu mehr Zusammenarbeit mit europäischen KI-Startups und weniger Hürden in Einkaufsprozessen.
Zum Fractional-CIO-Modell:
Als F.ECTIVES vor zwei Jahren mit zwei Freunden aus der Community startete, gab es den Begriff in Deutschland kaum. Die Idee: ein Mandat, aber auch zwei oder drei parallel, weil sich gerade kleinere Unternehmen keinen Vollzeit-CIO leisten können. Der Vorteil sind Leute mit 30 Jahren Erfahrung, die Umsetzungen geführt haben und nicht nur Foliensätze liefern. Inzwischen nennt sich fast jeder, der vorher Interim im Profil stehen hatte, auf LinkedIn Fractional.
Zu Vertrauen im Vertrieb:
Die ersten fünf Minuten entscheiden: Entsteht Vertrauen oder Misstrauen? Skeptisch wird er, wenn im Meeting während der Vorstellungsrunde schon das Notebook aufgeklappt wird. Kaltakquise funktioniert kaum noch, er bekam zeitweise mindestens 50 Anfragen pro Woche. Besser: Events, eigene Beiträge auf LinkedIn mit klarer Haltung und Empfehlungen aus dem Netzwerk. In der CIONET-WhatsApp-Gruppe kommen auf konkrete Fragen oft innerhalb von 60 Minuten die ersten Antworten. Und: Zuhören ist eine Superpower.
Wie seht ihr das: Sollte man sein eigenes Geschäftsmodell lieber selbst kannibalisieren, bevor ein Branchenfremder es tut, oder wartet man besser, bis der Markt es erzwingt?
LinkedIn Profile
LinkedIn Profile von Harald Greiner: https://www.linkedin.com/in/haraldgreiner/
LinkedIn Profile von Rocky Khan: https://www.linkedin.com/in/khanrocky/
Business Buch
Im Grunde gut von Rutger Bregman: Harald nennt es kein klassisches Businessbuch, sondern eines für Privates und Berufliches. Die These: Menschen, gerade in Extremsituationen, reagieren positiver, als man denkt. Beispiele sind Kinder, die auf einer einsamen Insel strandeten und sich entgegen der Fiktion Strukturen gaben und zusammenarbeiteten, und der Zusammenhalt in England im Zweiten Weltkrieg. Ihn begeistern Bücher über den menschlichen Faktor, weil es in seiner Arbeit immer darum ging, Menschen auf der Reise mitzunehmen. Schon Dawinder Singh hat das Buch in Folge 43 empfohlen.
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