Podcaster
Episoden
12.02.2026
1 Stunde 53 Minuten
In dieser Episode tauchen wir tief in die Symbolik und Bedeutung
von Arminius, dem Cheruskerfürsten, ein. Wir diskutieren, wie er
als „Hermann“ zum Inbegriff des deutschen Nationalgefühls wurde
und welche Rolle er in der Identitätsstiftung spielt. Dabei
beleuchten wir die komplexen historischen und kulturellen
Kontexte, die seine Figur umgeben, und wie diese über die
Jahrhunderte hinweg – vom antiken Schlachtfeld bis in die
bürgerlichen Wohnzimmer des 19. Jahrhunderts – interpretiert
wurden.
Hermann und die deutsche Identität
Wir beginnen mit einer Einführung in die Figur des Hermann und
seiner historischen Bedeutung, insbesondere im Kontext der
Varusschlacht. Wir fragen uns: Welche Rolle spielt er in der
Konstruktion des deutschen Nationalbewusstseins? Dabei beleuchten
wir die verschiedenen Narrative, die sich um Hermann ranken, und
wie diese durch die Wiederentdeckung des Tacitus eine neue
Dynamik erhielten. Besonders im 19. Jahrhundert wurde Hermann zur
„Urzelle“ des Deutschseins hochstilisiert, wobei wir zeigen, dass
diese Identität oft über eine künstliche Abgrenzung zu allem
„Undeutschen“ definiert wurde.
Zwischen Befreiungskrieg und
Denkmalbau
Im weiteren Verlauf widmen wir uns der Rezeption Hermanns während
der Nationalbewegung. Wir diskutieren, wie Literaten wie
Friedrich Gottlieb Klopstock oder Heinrich von Kleist (in „Die
Hermannsschlacht“) Hermann als Symbol für Einheit und Widerstand
gegen äußere Bedrohungen – insbesondere gegen Napoleon Bonaparte
– verwendeten. Ein zentraler Ort dieser Verehrung ist Detmold am
Teutoburger Wald. Hier realisierte Ernst von Bandel mit dem
Hermannsdenkmal ein Lebensprojekt, das schließlich unter Kaiser
Wilhelm I. zur Vollendung kam und den Sieg über Frankreich
zementieren sollte.
Nationalismus und Antisemitismus
Ein zentrales Thema unseres Gesprächs ist der Zusammenhang
zwischen der deutschen Identitätssuche und dem Antisemitismus.
Solveig analysiert, wie die Konstruktion eines „reinen deutschen
Volkes“ mit dem Ausschluss der jüdischen Bevölkerung einherging.
Dies wird schon beim Wartburgfests 1817 deutlich, wo die
„Germanomanie“ in der Verbrennung von Saul
Aschers Werken gipfelte. Ideologen wie Jakob Friedrich Fries
forderten die „Ausrottung der Judenschaft“, da sie diese als
Fremdkörper im „deutschen Geist“ betrachteten. Der Nationalismus
jener Zeit war somit von Beginn an ein Projekt der
Ausgrenzung.
Die Karlsbader Beschlüsse und die Angst vor dem
Geist
Wir ordnen die Karlsbader Beschlüsse von 1819 neu ein: Diese
waren nicht nur staatliche Repression des Systems Metternich,
sondern eine direkte Reaktion auf die Radikalisierung der
Nationalbewegung. Der Mord von Karl Ludwig Sand an August von
Kotzebue wird hierbei als Wendepunkt sichtbar, an dem die Suche
nach Freiheit endgültig in einen fanatischen und gewaltbereiten
Patriotismus umschlug, der alles „Weichliche“ und „Fremde“ tilgen
wollte.
Hermann "Ari" bei Netflix
Abschließend werfen wir einen Blick darauf, wie Hermann heute
gesehen wird. Wir reflektieren über die problematische Nutzung
der Figur während des Nationalsozialismus und fragen uns, welche
Bedeutung Hermann und sein Denkmal in der heutigen Zeit noch
haben.
Dazu wirft Solveig ab 14. Februar noch einen gesonderten Blick
auf die Netflix-Serie "Barbaren" und erzählt
euch in diesem Video auf YouTube, was sie von
deren Darstellung hält. Jetzt schon folgen und
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29.01.2026
1 Stunde 12 Minuten
In der Fortsetzung unserer Bismarck-Reihe konzentrieren wir uns
auf das Entscheidungsjahr 1866. Wir fragen nach der Herkunft des
Mythos vom „Reichsschmied“ und wie planvoll der Weg zum deutschen
Nationalstaat war. Wir blicken auf verschiedene Akteure.
analysieren die technischen Innovationen auf dem Schlachtfeld und
diskutieren mögliche alternative Geschichtsverläufe.
Attentat und Kriegsbeginn
Kurz bevor der Konflikt mit Österreich im Mai 1866 eskalierte,
hätte es auch schon wieder vorbei sein können: Ein junger Mann
namens Ferdinand Cohen-Blind feuerte in Berlin fünf Schüsse auf
Bismarck ab. Bismarck überwältigte seinen Attentäter
höchstpersönlich, doch die öffentliche Reaktion war überraschend
unterkühlt. Liberale Blätter sahen in Cohen-Blind fast schon
einen Patrioten, der das Land von einem „Unhold“ befreien wollte.
Wir besprechen, wie Bismarck diesen Moment für seinen
Heldenmythos nutzte und wie schließlich ein Streit um
Zuständigkeiten in Schleswig-Holstein den offiziellen Kriegsgrund
gegen Österreich lieferte.
Mit der Bahn nach Böhmen
Bei Ausbruch des Deutschen Krieges standen die meisten Wetten
wahrscheinlich gegen Preußen. Nicht nur Friedrich Engels sah die
Preußen noch als unerfahrene „Friedensarmee“ und gegen Dänemark
hatten die Österreich deutlich mehr Beachtung bekommen. Der
preußische Generalstabschef Helmuth von Moltke setzte auf
Schnelligkeit und Risiko. Für einen schnellen Aufmarsch nutzte er
das wachsende Eisenbahnnetz und brachte die österreichische
Nordarmee unter General von Benedek schnell in
Bedrängnis.
Preußen und sein neuer Bund
Nach dem Sieg wurden die Karten in Deutschland neu gemischt. Wir
beleuchten die Gründung des Norddeutschen Bundes und das
Schicksal vieler kleinerer deutscher Staaten. Während Staaten wie
Hannover von der Landkarte verschwanden, musste die freie Stadt
Frankfurt die preußische Härte schmerzhaft spüren. Wir erzählen
die tragische Geschichte des Frankfurter Bürgermeisters Karl
Fellner, der sich angesichts der preußischen Geldforderungen und
Kanonendrohungen das Leben nahm. Gleichzeitig entsteht mit der
neuen Bundesverfassung der erste deutsche Bundesstaat. Erweitert
um die süddeutschen Staaten entsteht daraus noch im Krieg gegen
Frankreich 1871 das deutsche Kaiserreich.
Die „Englische Alternative“ und liberale
Träume
Zum Ende werfen wir einen Blick auf einen hypothetischen
Wendepunkt der Geschichte. Was hätte es bedeutet, wenn der
Kronprinz (später Friedrich III.) früher an die Macht gekommen
wäre? Wir diskutieren die sogenannte „Englische
Alternative“: Friedrich war mit Victoria, der Tochter
von Queen Victoria, verheiratet und galt als Hoffnungsträger für
einen britisch geprägten Liberalismus in Preußen. Hätte ein
starkes Parlament den "preußischen Militarismus" frühzeitig
einhegen können? Wir klären, warum diese Idee falschen
Vorstellungen folgt und welche fortschrittlichen Ideen letztlich
durch die konservative Führung umgesetzt wurden.
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15.01.2026
1 Stunde 11 Minuten
Wir starten das neue Jahr mit einem echten Titanen der deutschen
Geschichte. In dieser Folge widmen wir uns einer Figur, die bis
heute polarisiert wie kaum eine andere: Otto von Bismarck. Ob als
„Schmied des Reiches“ verehrt oder als „Brecher des Friedens“
verdammt – wir schauen uns an, wie preußische Machtpolitik
schließlich einen kleindeutschen Nationalstaat schuf.
Projektionsfläche und Politikum
Wir steigen ein mit der Frage, warum Bismarck eigentlich heute
noch so präsent ist. Während er für manche noch immer (oder
wieder) eine Ikone ist, die jedes Denkmal verdient, sehen andere
in ihm die „Ursünde“ der deutschen Nationalstaatsgründung durch
Blut und Eisen und den Beginn eines Weges über Kolonialismus zu
Hitler und Völkermord.
Der Wendepunkt: 1866 statt 1871
In dieser Folge lenken wir den Blick weg vom Gründungsjahr des
Kaiserreiches 1871 und fokussieren uns stattdessen auf das
eigentliche Schicksalsjahr: 1866. Spätestens im zweiten Teil
werden wir diskutieren, warum dieses Jahr als der wahre
Wendepunkt gelten muss, an dem die Weichen für ein kleindeutsches
Reich unter preußischer Führung gestellt wurden. Es ist die
Geschichte einer angeblichen Vision Bismarcks, der über drei
Etappen – die sogenannten Einigungskriege – führte.
Verfassungskonflikt und die Rolle des
Königs
Ein zentrales Thema ist der Preußische Verfassungskonflikt. König
Wilhelm I. wollte sein Heer reformieren, das liberale Parlament
verweigerte das Geld. In dieser verfahrenen Situation holte
Wilhelm den „letzten Bolzen der Reaktion“ – Bismarck – als
Ministerpräsidenten, der bereit war, den Willen des Königs auch
ohne genehmigten Haushalt durchzusetzen. In diesem Zusammenhang
hält Bismarck die berühmte "Eisen-und-Blut"-Rede vor dem
Budgetausschuss des Parlaments.
Strategische Allianzen und diplomatisches
Kalkül
Wir beleuchten auch das geschickte (und skrupellose) Spiel auf
dem diplomatischen Parkett. Ob es die „gütliche Einigung“ mit
Österreich über die Verwaltung der Elbherzogtümer war oder das
geheime Militärbündnis mit dem jungen Königreich Italien, um
Österreich in einen Zweifrontenkrieg zu zwingen – Bismarck nutzte
jede Gelegenheit, um Preußens Macht auszubauen.
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11.12.2025
1 Stunde 45 Minuten
Wir beschließen unser halbwegs heiliges Jahr mit einer Wallfahrt
zum Heiligen Rock nach Trier. Wir erzählen, wie sich Trier als
besonders „heilige Stadt“ inszenierte und warum gerade diese
Reliquie zum identitätsstiftenden Symbol wurde. Dabei ordnen wir
den Heiligen Rock in die Tradition der Reliquienverehrung ein:
von Kreuzsplittern über Nägel bis zu Kleidungsstücken, die Jesus
zugeschrieben werden. Wir sprechen darüber, wie Städte mit ihren
Heiligtümern Pilger, Prestige und Geld anziehen und sich damit
ein regelrechter religiöser Wettbewerb entwickelt. Gleichzeitig
wird der Rock zum Politikum: Wie wurde die Wallfahrt im Jahre
1844 zum Auslöser für Streit, Spott und Kulturkampf?
Kreuzfund der heiligen Helena und die Frage der
Echtheit
Zunächst schauen wir auf die Legende von der heiligen Helena, der
Mutter von Konstantin dem Großen. Wir erzählen, wie sie der
Tradition nach nach Jerusalem reist, das Kreuz Jesu und weitere
Passionsreliquien findet und nach Rom bringen lässt – in
Varianten von der knappen Notiz bis zur farbig ausgeschmückten
Legenda Aurea. Wir greifen die Figur des Judas/Kyriakus auf, der
der Legende nach bei der Suche hilft, und zeigen, wie solche
Geschichten den Glauben stärken sollen, dass auch Kleidungsstücke
Jesu überliefert sein könnten. Zugleich diskutieren wir nüchtern
die Frage der historischen Plausibilität: Was berichten antike
Autoren wie Flavius Josephus, was bedeuten Zerstörung Jerusalems,
römische Politik unter Titus und Hadrian oder der
Bar-Kochba-Aufstand für die Überlieferungschancen eines Kreuzes?
Danach hält es Solveig durchaus für denkbar, das Helena
tatsächlich ein Kreuz fand, das frühe christliche Pilger als das
Kreuz Christi verehrten.
Vom mittelalterlichen Pilgermagnet zum Politikum im
Rheinland
Dann wenden wir uns der konkreten Geschichte des Heiligen Rocks
in Trier zu. Wir erklären, wie die Stadt im Mittelalter eine
ungeteilte Tunika Jesu, das „Gewand ohne Naht“, beansprucht und
damit ihren Rang als Pilgerzentrum aufwertet – nicht zuletzt im
Wettbewerb mit anderen Heiligtümern wie der Aachener
Heiligtumsfahrt oder Kreuzreliquien in Prüm. Wir erzählen, wie
der Rock bei großen Anlässen „erhoben“ und öffentlich gezeigt
wird, mit aufwendiger Inszenierung, Gerüsten, Baldachinen und
liturgischen Texten. Später kommen regelmäßige Wallfahrten hinzu,
Ablässe – etwa durch Papst Leo X. – und gewaltige Pilgerströme,
die der Region ökonomisch nutzen, aber auch heftige Kritik
provozieren. Begriffe wie „Bescheißerei von Trier“ stehen für den
Verdacht, dass hier mit Glauben Geschäfte gemacht werden. Nach
Kriegen und Revolutionen wird der Rock mehrfach ausgelagert,
unter anderem nach Ehrenbreitstein, Böhmen und Augsburg, bevor er
wieder nach Trier zurückkehrt – in eine Region, die nach dem
Wiener Kongress nun zum überwiegend protestantischen Preußen
gehört. Genau hier beginnt die Geschichte des Heiligen Rocks als
politisches Symbol im katholisch geprägten Rheinland.
Kölner und Trierer Wirren: Mischehenstreit und die
Wallfahrt 1844
In einem großen Block schlagen wir die Brücke von der
Reliquienverehrung zu den Kirchenkonflikten des 19. Jahrhunderts.
Zunächst erklären wir die Kölner Wirren: den Streit um Mischehen
zwischen Katholiken und Protestanten im Königreich Preußen, die
Rolle des Theologen Georg Hermes und des Erzbischofs Clemens
August Droste zu Vischering, der verhaftet wird. Wir zeigen, wie
sich hier das Ringen zwischen Rom und dem preußischen Staat
zuspitzt – ein Vorspiel zum späteren Kulturkampf. Danach wechseln
wir nach Trier zu den „Trierer Wirren“ um Bischof Wilhelm
Arnoldi, der 1844 die große Heilig-Rock-Wallfahrt organisiert.
Wir erzählen, wie Hunderttausende nach Trier pilgern, wie
Predigten von Heilungen und Wundern berichten und wie die
Wallfahrt zu einem Medienereignis wird. Gleichzeitig formiert
sich Widerstand: Liberale Katholiken und Protestanten sehen
Täuschung, Aberglauben oder politisch motivierte Frömmigkeit,
während konservative Kreise das Ganze als geistliches
Großereignis feiern. So wird Trier zum Schauplatz eines
Kulturkampfs im Kleinen – mitten im Vormärz.
Johannes Ronge und der
Deutschkatholizismus
An diesem Punkt tritt Johannes Ronge auf den Plan. Wir schildern,
wie der schlesische Priester in einem offenen Brief an Bischof
Arnoldi die Heilig-Rock-Wallfahrt als „Götzendienst“ und bewusste
Irreführung armer Gläubiger angreift. Wir verfolgen, wie dieser
Brief erst regional, dann reichsweit verbreitet wird, wie er in
Leipzig gedruckt und von Akteuren wie Robert Blum unterstützt
wird und zu einem publizistischen Paukenschlag wird. Ronge wird
exkommuniziert, doch um ihn herum bilden sich Gemeinden, die sich
von Rom lösen – der Beginn des Deutschkatholizismus. Wir
erklären, wie diese Bewegung Heiligenkult, Papsttum und Beichte
kritisiert und eine nationale, „vernünftige“ Form des
Christentums propagiert, eng verbunden mit liberalen und
demokratischen Kreisen im Vormärz. Wir greifen auch Figuren wie
Hans Blum auf und zeigen, wie die Debatten um den Heiligen Rock
direkt in die politische Dynamik der Revolution von 1848
hineinreichen – bis hin zu späteren Auseinandersetzungen, in
denen dann Otto von Bismarck eine zentrale Rolle spielt.
Spätere Wallfahrten mit und ohne Ablass
Zum Schluss schauen wir in einem Bogen über das 19. und 20.
Jahrhundert bis in die Gegenwart. Wir erzählen von späteren
Heilig-Rock-Wallfahrten 1891, 1933, 1959, 1996 und 2012, von
wechselnden politischen Kontexten – Kaiserreich,
Nationalsozialismus, Bundesrepublik – und von der Frage, wie
viele Menschen jeweils nach Trier kommen. Zuletzt sogar
evangelische Christen, denen der Verzicht auf den sonst üblichen
Ablass die Hemmungen nehmen sollte.
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27.11.2025
1 Stunde 45 Minuten
In dieser Folge setzen wir unser Gespräch über das Böse fort und
wenden uns Vorstellungen von Besessenheit und Exorzismus in
Bibel, Kirchengeschichte und Gegenwart zu. Ausgangspunkt ist ein
Gebet zum heiligen Erzengel Michael, mit dem wir uns symbolisch
„rüsten“, bevor wir an unsere vorige Folge über Hölle und Teufel
mit Dante Alighieri anschließen.
Biblische Dämonenerzählungen und frühe
Taufexorzismen
Anhand verschiedener neutestamentlicher Erzählungen über Jesus
und „Dämonen“ sprechen wir darüber, wie eng damals Krankheit,
gesellschaftliche Ausgrenzung und Besessenheitsvorstellungen
miteinander verknüpft sind. Wir erinnern an Geschichten, in denen
Dämonen Jesus ansprechen, beim Namen genannt werden und in eine
Schweineherde fahren, und überlegen gemeinsam, wie diese Texte
funktionieren, ohne sie vorschnell medizinisch oder nur
symbolisch „aufzulösen“.
Von dort aus schlagen wir eine Linie in die frühe Kirche: Wir
greifen auf Tertullian zurück, der heidnische Götter als Dämonen
versteht, und auf Origenes, der die Anrufung des Namens Jesu
betont. In den Erzählungen über Antonius den Großen bei
Athanasius von Alexandrien werden Kämpfe mit Dämonen Teil eines
asketischen Ideals; wir kontrastieren das kurz mit anderen
Heiligenbildern.
Ein Schwerpunkt liegt auf dem Taufexorzismus: Wir lesen Stellen
bei Augustinus von Hippo und anderen Quellen, in denen
beschrieben wird, wie Taufbewerber:innen durch Gebet, Anhauchen
und Ausblasen „gereinigt“ werden, bevor sie getauft werden. Wir
zeigen, wie sich diese Praktiken in fränkischen Riten fortsetzen,
in denen Wasser, Salz und Öl exorziert werden und ganze Gemeinden
in der Fastenzeit in kollektive Exorzismen einbezogen sind.
Der große Exorzismus und das Rituale
Romanum
Im nächsten Schritt klären wir, was die Kirche überhaupt unter
Exorzismus versteht. Ausgehend vom Codex Iuris Canonici
unterscheiden wir zwischen „kleinen" Taufexorzismen und dem
„großen Exorzismus“ über Einzelpersonen, der nur mit
bischöflicher Erlaubnis von eigens beauftragten Priestern
durchgeführt werden darf. Wir sprechen darüber, dass Exorzismus
als sakramentale Handlung verstanden wird, in der die Kirche im
Namen Jesu um Befreiung von der Macht des Bösen bittet.
Daran anschließend nehmen wir das Rituale Romanum in den Blick,
in dem seit 1614 die maßgeblichen Exorzismusformeln gesammelt
sind. Wir lesen längere Ausschnitte aus dem großen Exorzismus und
klären den Unterschied zwischen depräkativer Bitte um Gottes
Beistand und der imprekativen diekten Ansprache des Dämons. Dabei
wird für uns spürbar, wie belastend der Text ist – und
gleichzeitig, wie sehr er davon ausgeht, dass die Kirche dem
Teufel im Kampf gegenübersteht.
Glaube, Wunder und Aufklärung: Johann Joseph
Gaßner
Ausgerechnet im Zeitalter der Aufklärung zieht der Pfarrer Johann
Joseph Gaßner als Exorzist und Wunderheiler viel Aufmerksamkeit
bekam. Er sah in den meisten Krankheiten Dämonen am Werk und
heilte Gläubige durch seinen Segen.. Seine Praxis wird zum
Streitfall zwischen Aufklärung, medizinischer Deutung,
kirchlicher Kontrolle und volkstümlicher Frömmigkeit – inklusive
Konflikten mit Bischöfen und weltlichen Herrschern.
Leoninische Gebete, Konzilsreformen und der Fall
Anneliese Michel
Dann wenden wir uns den sogenannten „Leoninischen Gebeten“ nach
der Messe zu und der Legende, Papst Leo XIII. habe nach einer
Vision das Gebet zum Erzengel Michael formuliert. Wir erzählen,
wie diese Gebete im 19. und 20. Jahrhundert im Kontext des
politischen Ringens um den Kirchenstaat unter Pius IX. und später
neu gedeutet unter Pius XI. stehen – bis hin zu Bezügen zu
Russland und Marienerscheinungen.
Im Anschluss sprechen wir über die Liturgiereform des Zweiten
Vatikanischen Konzils: neue Messordnung, Landessprache,
veränderte Kommunionpraxis und die Spannungen zwischen denen, die
darin eine Erneuerung sehen, und jenen, die einen Bruch mit der
Tradition wahrnehmen.
Diese Auseinandersetzungen bilden den Hintergrund im Fall
Anneliese Michel. Wir erzählen ihre Biografie in groben Linien,
sprechen über ihre gesundheitlichen Probleme und ihre intensive
Frömmigkeit, über Wallfahrten und vermeintliche Erscheinungen.
Wir greifen die Rolle des Jesuiten Adolf Rodewick und des
Exorzisten Arnold Renz auf, der den großen Exorzismus nach dem
Rituale Romanum durchführte, und schildern die langen Reihen von
Exorzismussitzungen. Anneliese Michel starb schließlich infolge
extremer Unterernährung, die Exhumierung, die Gerichtsprozesse
und die Fragen nach Verantwortung, Seelsorge und Krankheit, die
uns dabei nicht loslassen.
Reformen des Exorzismus und mediale Bilder des
Bösen
Im Anschluss schauen wir auf kirchliche und theologische
Reaktionen: auf Kommissionen, in denen Bischöfe, Theologen,
Ärzt:innen und Psycholog:innen über Kriterien für Exorzismen
beraten, und auf die Überarbeitung des Exorzismusritus, die 1999
in einem neuen Buch mündete. Wir erklären, dass darin deprekative
Gebete stärker betont werden und die direkte Anrede des Dämons
vorsichtiger gehandhabt wird, ohne dass der alte Ritus
vollständig verschwindet – ein Spannungsfeld, das innerkirchliche
Konflikte auslöst.
Ein großer Befürworter des alten Rituale war Gabriele Amorth. Als
Exorzist des Bistums Rom war er Mitbegründer und langjähriger
Vorsitzender der Internationalen Vereinigung der Exorzisten. Zum
Schluss dieses Blocks geht es um die mediale Verarbeitung: um den
Horrorfilm „Der Exorzist“ und den Film „Exorzist des Papstes“ mit
Russell Crowe, die auf Amorth Bezug nehmen – und um die Frage,
wie sehr solche Bilder unsere Vorstellungen von Teufel und
Besessenheit prägen.
Gegenwart, Freikirchen und Luthers Rat
Zum Schluss schlagen wir einen Bogen in die Gegenwart. Wir
sprechen darüber, dass Exorzismen nicht nur ein katholisches
Thema sind, sondern auch in evangelikalen und pfingstlichen
Milieus vorkommen, und erzählen von Freikirchen, die auf TikTok
und YouTube Live-Exorzismen zeigen. Luther dagegen befand, dass
man den Teufel am besten verspottet und auslacht, weil er
Verachtung nicht ertragen kann.
Die Goldene Schindel
Wir sind beim Podcaster-Quiz „Die Goldene
Schindel“ dabei! Das ist ein Wettbewerb von unabhängigen
Geschichtspodcasts im DACH-Raum. Die ersten vier Folgen sind
bereits online.Die fünfte Runde ist am 27.
November mit Solveig.
Übertragen wird das Ganze live auf Twitch, auf
dem Kanal von Historia
Universalis
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Über diesen Podcast
Wir sind Daniel und Solveig und begeistern uns für Geschichte. Wir
haben lange zusammen im Museum gearbeitet und Führungen gemacht. Im
Mittelpunkt unserer Folgen stehen Menschen, ihre Lebenswelt und die
Frage, warum sich unsere Sicht auf frühere Epochen immer wieder
verändert. Jeden Monat erzählen wir Euch eine unserer
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