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Im Gespräch mit ... Thomas Kestler
12.07.2026
1 Stunde 29 Minuten
Wie kommt ein Weltbild in die Welt? Wenn man die wunderbare Bemerkung des Karl Krauss (»Je näher man ein Wort ansieht, desto ferner sieht es zurück«) auf die Weltbildproduktion überträgt, mag man sich vielleicht nicht mehr über die Erkenntnis verwundern, dass gerade die einfachsten Sachverhalte sich als die abgründigsten Fragen erweisen. Aber weil sich Thomas Kestler schon als Schüler den Kopf über die Frage der Massenpsychologie zerbrochen hat, hat er sich für seine Habilitationsarbeit auf ein Terrain gewagt, vor dem seine akademischen Betreuer die Hände über dem Kopf zusammenschlugen. Zu riskant, zu grundsätzlich, zu wenig zu gewinnen. Seine Antwort: »Diesen Spaß gönne ich mir.« Dass aus diesem trotzigen Vergnügen ein voluminöses Werk über die motivationale Macht von Ideen wurde, erzählt einiges über die blinden Flecke der Politikwissenschaft – und war auf jeden Fall ein Anlass, mit ihm in ein Gespräch einzutreten.


Dabei interessiert sich Thomas Kestler, Politikwissenschaftler mit einem Faible für die unbequemen Fragen, nicht für institutionelle Abläufe oder Wahlprogramme, sondern für das „ideologische Magma” – jenes Substrat aus Bildern, Erzählungen und Weltmodellen, das isolierte Individuen zu kollektiven Akteuren verschmilzt. Was treibt Menschen in Massenbewegungen? Warum hält sich die apokalyptische Vision der »Limits to Growth« hartnäckig im grünen Milieu, ungeachtet der Tat, dass die Prognosen längst von der Wirklichkeit widerlegt worden sind? Und weshalb, so eine seiner provokantesten Thesen, entsteht Massenmobilisierung nicht durch Manipulation von oben, sondern aus einem tiefen Bedürfnis der Einzelnen, die eigenen Grenzen zu überwinden?


Thomas Kestler lehrt am Institut für Politikwissenschaft und Soziologie in Würzburg. Neben seiner publizistichen Arbeit (ua. für Cicero, die NZZ und die Zeit) trat Kestler, der ehedem bei den Grünen engagiert war, als Bundestagskandidat für die Freien Demokraten an.


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Im Gespräch mit Raphael M. Bonelli
02.06.2026
48 Minuten
Lässt man sich auf die Gegenwart ein, kommt man nicht umhin, eine Form der allgemeinen Kopflosigkeit zu diagnostizieren (die der Psychoanalytiker Sam Vaknin mit der wunderbaren Bemerkung quittiert hat, er sei ein Zeitgenosse Shakespeares). Und weil die Verwirrung Programm ist (fair is foul and foul is fair), war dies ein Grund, mit dem Wiener Psychiater Raphael M. Bonelli ins Gespräch zu treten, der für die Gegenwart eine Art Thanatos-Trieb diagnostiziert und seiner Diagnose den Buchtitel „Kopflos“ gegeben hat. Nun ist Bonelli alles andere als ein zeitvergessener Kulturkritiker, sondern, als Bewohner der Aufmerksamkeitsökonomie, ein Zeitgenosse, der einen höchst erfolgreichen YouTube-Kanal initiiert hat. Mag sein, dass ihn dies für bestimmte Phänomene der Gegenwart – vom digitalen Geschwindigkeitsrausch bis zum moralischen Großspurigkeitstumor – sensibilisiert hat, so wie er auch in Gestalt seiner Patienten eine Zeitenwende feststellt. Letztlich aber überrascht Bonelli, als tiefer Optimist, mit einem DDR-Vergleich: Wie dort nach 70 Jahren die Wahrheit durchbrach, werde auch unsere Vernunft wieder siegen.


Raphael M. Bonelli, der seine Karriere als Neurowissenschaftler begonnen hat (und zur Arzneimitteltherapie von Chorea Huntington publiziert hat), ist seit geraumer Zeit als Psychiater und systemischer Therapeut in Wien tätig. Neben der Arbeit mit seinen Patienten hat er die Zeit gefunden, seine Gedanken in höchst erfolgreichen Büchern niederzulegen.


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Im Gespräch mit ... Thilo Bode
03.05.2026
1 Stunde 40 Minuten
Es gibt eine eigentümliche Ironie in der Geschichte der Umweltbewegung: Ausgerechnet jene, die einst mit spektakulären Aktionen die Industrie zum Zittern brachten, haben sich in den vergangenen Jahrzehnten zu braven Verwaltern des Status quo gewandelt. Thilo Bode, der als Greenpeace-Chef FCKW-freie Kühlschränke gegen den erbitterten Widerstand der Konzerne durchsetzte, zieht eine schonungslose Bilanz – und spart dabei nicht an Selbstkritik. Wenn einer, der sein halbes Leben dem Aktivismus gewidmet hat, zum Widerstand aufruft, stellt sich unweigerlich die Frage: Widerstand gegen wen eigentlich – gegen die Industrie, gegen die Politik, oder gegen die eigene Bewegung?


Thilo Bode, der mit seinem vielbeachteten Buch Resist! Aufruf zum Widerstand soetwas wie eine politische Autobiographie vorgelegt hat, schaut darin auf ein Leben zurück, das ihm, von exponierter Stelle aus, einen tiefen Blick in die Verhältnisse erlaubt hat. Als junger Mann in der Entwicklungshilfe tätig, wurde er nach einem Intermezzo bei einem Mittelständler der Stahlindustrie zum Geschäftsführer von Greenpeace Deutschland, von 1995 bis 2001 zum CEO von Greenpeace International. 2001 gründete er die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch und war bis zu seinem Ausscheiden Ende 2021 deren Internationaler Direktor.


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Im Gespräch mit ... Eva Ladipo
25.04.2026
53 Minuten
Wenn junge Männer in Scharen zu Protestparteien strömen, liegt der Reflex nahe, von Verführung zu sprechen, von bösen Einflüsterern und Filterblasen. Doch was, wenn der Befund schlichter ist – und unbequemer? Eva Ladipo hat in ihrem Buch-Essay »Not am Mann« eine Bestandsaufnahme gewagt, die im kulturellen Klima der Gegenwart fast schon als Provokation gilt: Sie schaut hin, wo andere lieber wegschauen. Anstatt in der Entrüstung der moralischen Ökonomie zu baden, nimmt sie die Verschiebungen der politischen Ökonomie in den Blick – und hält dabei fest, dass vor allem der Wandel der Industriegesellschaft das Bild des Mannes – als Ernäher der Familie – ins Wanken gebracht hat. Insofern ist ihr Essay weniger ein Manifest als eine Diagnose – über verschwundene Helden, umgedeutete Begriffe und die sonderbare Tatsache, dass der Begriff der „toxischen Männlichkeit”, der einst ein therapeutisches Konzept für traumatisierte Männer darstellte, im Gefolge von MeToo zum Kampfbegriff geworden ist. Oder wie Eva Ladipo schreibt: »Es ist ein lässiger, geradezu schicker Männerhass entstanden.« Und weil sich das juste milieu in der modischen Misandrie ergeht, nimmt es nicht wunder, dass der moderne Mann, wie der Vorsitzende der Grünen, nur mit einem Akt der Selbstgeißelung moralische Pluspunkte einheimsen kann.


Eva Ladipo ist Journalistin und Autorin. Sie hat zwei Romane und ein Sachbuch veröffentlicht und publiziert regelmäßig in deutschen Zeitungen. Als Journalistin arbeitete sie als Redakteurin, Korrespondentin und Ressortleiterin bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Financial Times Deutschland, Vanity Fair, Financial Times und Die Welt.


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Im Gespräch mit ... Jörg Baberowski
06.04.2026
1 Stunde 25 Minuten
Dass der Populismus ein Gespenst sei, das die Demokratie heimgesucht habe, gehört zu den Glaubenssätzen unserer Zeit – als handle es sich um eine Krankheit, die man mit den richtigen Therapien kurieren könne. Doch was, wenn dieses Gespenst gar kein Eindringling ist, sondern ein Familienmitglied? Der Historiker Jörg Baberowski hat sich in die Abgründe des Begriffs begeben und dabei eine unbequeme Entdeckung gemacht: nämlich dass der Gegensatz von »denen da oben« und »uns hier unten« keine Verfallserscheinung, sondern geradezu ein Leitmotiv moderner Gesellschaften ist. Schon Heinrich Heine hat in seinem Wintermärchen die wunderbare Bemerkung gemacht, dass diejenigen, die das ideologische Eiapopeia vom Himmel singen, damit vor allem bestrebt sind, das Volk, den großen Lümmel ruhig zu stellen. Oder wie Baberowski schreibt: Der Populismus [ist] der immerwährende Schatten der Volkssouveränität. Und weil dies so ist, sind die Fronten keineswegs klar, sondern ist man, um so vertraut anmutende Begriffe wie Demokratie oder Repräsentation wirklich zu begreifen, zu einem Gang in die Geistesgeschichte genötigt. Genau dies ist der Gegenstand unseres Gesprächs: eine geistige Anatomie des Repräsentationsbegriffs und der Versuch, sich über seine zunehmende Dysfunktionalität Klarheit zu verschaffen.


Jörg Baberowski ist ein deutscher Historiker und Gewaltforscher. Er ist seit 2002 Professor für Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin. Baberowski hat sich auf die Geschichte der Sowjetunion und des stalinistischen Terrors spezialisiert.


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Über diesen Podcast

Dieser Podcast präsentiert Buchkapitel, die sich zu Audiostücke gewandelt haben, aber wird auch Gespräche mit anderen Autoren enthalten. martinburckhardt.substack.com
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