Anatoly Onoprienko – Der Mann, der ganze Familien auslöschte

Anatoly Onoprienko – Der Mann, der ganze Familien auslöschte

vor 2 Wochen
Wie ein ehemaliger Seemann zum schlimmsten Serienmörder der Ukraine wurde und mit äußerster Brutalität über fünfzig Menschen tötete
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Wahre Fälle. Wahre Täter. Wahnsinn pur.

Beschreibung

vor 2 Wochen

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Der Wald wirkte still. Nur das Knacken nasser Äste unter schweren
Stiefeln durchschnitt die morgendliche Ruhe. Ermittler bewegten
sich langsam auf ein abgelegenes Haus zu, dessen Fenster dunkel
geblieben waren. Niemand öffnete die Tür. Als sie schließlich das
Gebäude betraten, fanden sie eine Szenerie vor, die selbst
erfahrene Kriminalbeamte verstummen ließ. Mehrere Mitglieder
einer Familie lagen erschossen in ihren Räumen. Schränke standen
offen, Schubladen waren durchwühlt, doch der Wert der gestohlenen
Gegenstände stand in keinem Verhältnis zu der Gewalt, mit der die
Täter vorgegangen waren. Was zunächst wie ein besonders grausamer
Raubmord erschien, entwickelte sich innerhalb weniger Monate zu
einer der erschütterndsten Mordserien Europas.



In den Jahren nach dem Zerfall der Sowjetunion befand sich die
Ukraine in einer Phase tiefgreifender gesellschaftlicher
Veränderungen. Wirtschaftliche Unsicherheit, eine überforderte
Polizei und mangelnde technische Möglichkeiten erschwerten die
Aufklärung schwerer Straftaten erheblich. Genau in diesem Umfeld
begann ein Mann zu töten, dessen Name später zum Synonym für
beispiellosen Massenmord werden sollte: Anatoly Onoprienko.



Eine Kindheit voller Verluste


Anatoly Onoprienko wurde am 25. Juli 1959 im Gebiet Schytomyr
geboren. Seine frühen Lebensjahre waren von familiären Brüchen
geprägt. Seine Mutter starb, als er noch ein Kind war. Der Vater
war kaum in der Lage, die Familie zusammenzuhalten. Während sein
Bruder bei Verwandten unterkam, wurde Anatoly in ein Internat
gebracht.



Später beschrieb er diese Zeit als von Einsamkeit und Ablehnung
geprägt. Ob diese Erfahrungen seine spätere Entwicklung
entscheidend beeinflussten, blieb unter Fachleuten umstritten.
Sicher war lediglich, dass sich schon früh ein tiefes Gefühl der
Entwurzelung entwickelte.



Nach der Schulzeit absolvierte Onoprienko eine Ausbildung und
diente anschließend in der sowjetischen Armee. Später arbeitete
er zeitweise als Seemann auf Handelsschiffen. Die Tätigkeit
ermöglichte ihm Reisen ins Ausland – für viele Sowjetbürger
damals eine Ausnahme. Doch Stabilität fand er auch dort nicht.
Beziehungen scheiterten, Arbeitsverhältnisse endeten, und immer
wieder zog er rastlos durchs Land.



Bekannte beschrieben ihn später als intelligent, höflich und oft
ruhig. Andere berichteten von einem Menschen, der sich schnell
gekränkt fühlte und Schuld grundsätzlich bei anderen suchte. Nach
außen konnte er angepasst wirken, innerlich entwickelte sich
offenbar ein Weltbild, das von Misstrauen, Größenfantasien und
wachsendem Hass geprägt war.



Die ersten Morde


Ende der 1980er Jahre begann Onoprienko gemeinsam mit einem
Komplizen, abgelegene Häuser auszuspähen. Ziel war zunächst der
Raub. Um mögliche Zeugen auszuschalten, entschlossen sie sich,
sämtliche Bewohner zu töten.



Bereits diese ersten Taten zeichneten sich durch eine
erschreckende Konsequenz aus. Erwachsene wurden erschossen,
Kinder ebenfalls. Niemand sollte überleben und später Aussagen
machen können.



Nach mehreren Morden trennten sich die Wege der beiden Männer.
Der Komplize behauptete später, er habe sich wegen der
zunehmenden Brutalität zurückgezogen. Onoprienko hingegen
verschwand zeitweise ins Ausland und hielt sich unter anderem in
Deutschland und anderen europäischen Staaten auf. Dort geriet er
zwar mehrfach mit Behörden in Kontakt, jedoch nicht wegen
Kapitalverbrechen.



Als er Mitte der 1990er Jahre in die Ukraine zurückkehrte, begann
die tödlichste Phase seiner Mordserie.



Eine Spur des Grauens


Zwischen 1995 und 1996 zog Onoprienko mit einem gestohlenen
Fahrzeug durch verschiedene Regionen der Ukraine. Seine Opfer
wählte er scheinbar zufällig aus.



Oft fuhr er nachts durch kleine Ortschaften und hielt Ausschau
nach Einfamilienhäusern mit geparkten Autos. Für ihn waren sie
ein Hinweis darauf, dass sich mehrere Menschen im Haus
befanden.



Sein Vorgehen wiederholte sich immer wieder. Er verschaffte sich
Zugang zum Grundstück, erschoss zunächst diejenigen, die ihm
begegneten, und drang anschließend in das Gebäude ein. Dort
tötete er systematisch weitere Familienmitglieder. Selbst
Säuglinge und Kleinkinder verschonte er nicht.



Anschließend durchsuchte er die Häuser nach Bargeld, Schmuck oder
anderen Wertgegenständen. Häufig setzte er die Gebäude in Brand,
um Spuren zu vernichten und die Ermittlungen zusätzlich zu
erschweren.



Die Beute war oftmals überraschend gering. Teilweise handelte es
sich lediglich um geringe Geldbeträge, einfache Elektrogeräte
oder persönliche Gegenstände. Der materielle Gewinn konnte die
außergewöhnliche Brutalität der Taten nicht erklären.



Für die Ermittler entstand zunächst kein klares Muster. Die
Tatorte lagen weit auseinander. Unterschiedliche Waffen kamen zum
Einsatz. Viele Brandorte vernichteten wertvolle Spuren.



Dennoch fiel auf, dass ganze Familien ausgelöscht wurden. Immer
wieder fanden Einsatzkräfte Häuser, in denen sämtliche Bewohner
getötet worden waren. Manche Nachbarn berichteten lediglich von
Schüssen oder einem Feuer in der Nacht. Zeugen, die den Täter
eindeutig gesehen hatten, gab es kaum.



Angst im ganzen Land


Mit jeder weiteren Tat wuchs die Unsicherheit. In zahlreichen
Regionen verbreiteten sich Gerüchte über einen unbekannten
Killer, der scheinbar wahllos mordete.



Viele Familien verriegelten nachts ihre Türen zusätzlich oder
organisierten Nachbarschaftswachen. Besonders Menschen in
abgelegenen Häusern fühlten sich schutzlos.



Die ukrainischen Ermittlungsbehörden standen unter enormem Druck.
Hunderte Beamte arbeiteten an der Mordserie. Tatorte wurden
miteinander verglichen, Waffen untersucht und Fahrzeugspuren
ausgewertet. Doch die technischen Möglichkeiten unterschieden
sich erheblich von heutigen Standards. DNA-Datenbanken
existierten praktisch nicht, Videoüberwachung spielte kaum eine
Rolle, und digitale Ermittlungswerkzeuge standen nur
eingeschränkt zur Verfügung.



Hinzu kam, dass die wirtschaftliche Lage der Ukraine die
Polizeiarbeit erheblich belastete. Fehlende Ausrüstung,
Personalmangel und organisatorische Probleme erschwerten die
Fahndung zusätzlich.



Der entscheidende Fehler


Im Frühjahr 1996 geriet Onoprienko schließlich ins Visier der
Ermittler.



Bei einer Kontrolle beziehungsweise durch Hinweise aus seinem
Umfeld ergaben sich Verbindungen zu Waffen und Gegenständen, die
mit den Tatorten in Zusammenhang standen. Eine anschließende
Durchsuchung brachte weitere belastende Beweise hervor.



Unter anderem fanden Ermittler Schusswaffen, Munition sowie
Gegenstände, die einzelnen Opfern zugeordnet werden konnten. Mit
jeder neuen Spur verdichtete sich das Bild.



Am 16. April 1996 wurde Anatoly Onoprienko festgenommen.



Während der Verhöre legte er schließlich umfangreiche
Geständnisse ab. Er beschrieb zahlreiche Tatorte und
Einzelheiten, die nur der Täter kennen konnte. Insgesamt gestand
er den Mord an 52 Menschen.



Unter den Opfern befanden sich Männer, Frauen und zahlreiche
Kinder. Mehrere Familien wurden vollständig ausgelöscht.



Seine Aussagen erschütterten selbst erfahrene Ermittler. Immer
wieder schilderte er die Morde mit auffallender Nüchternheit.
Reue zeigte er kaum.



Die Suche nach einem Motiv


Warum Onoprienko tötete, beschäftigte Psychologen, Kriminologen
und Ermittler über Jahre.



Der finanzielle Gewinn allein konnte die Serie kaum erklären.
Zwar raubte er regelmäßig Geld oder Wertgegenstände, doch deren
geringer Wert stand in keinem Verhältnis zur Zahl der
Opfer.



Während verschiedener Vernehmungen behauptete Onoprienko unter
anderem, er habe sich als Werkzeug höherer Mächte verstanden oder
Stimmen wahrgenommen, die ihn zum Töten aufgefordert hätten. In
anderen Aussagen sprach er von einem tiefen Hass auf
wohlhabendere Menschen oder davon, dass niemand als Zeuge
zurückbleiben dürfe.



Psychiatrische Gutachten untersuchten seine Schuldfähigkeit
intensiv. Trotz auffälliger Persönlichkeitsmerkmale kamen die
Sachverständigen letztlich zu dem Schluss, dass er grundsätzlich
wusste, was er tat, und seine Handlungen steuern konnte. Damit
galt er als schuldfähig.



Der Prozess


Der Prozess gegen Anatoly Onoprienko gehörte zu den
aufsehenerregendsten Strafverfahren in der Geschichte der
unabhängigen Ukraine.



Die Anklage rekonstruierte detailliert die einzelnen Tatorte,
präsentierte ballistische Gutachten, Zeugenaussagen und
sichergestellte Beweismittel. Angehörige der Opfer verfolgten die
Verhandlungen mit großer emotionaler Belastung.



Onoprienko wechselte während des Prozesses mehrfach seine
Darstellung einzelner Details. Das Gesamtbild der Beweislage
blieb jedoch eindeutig.



Das Gericht sprach ihn des vielfachen Mordes sowie weiterer
schwerer Straftaten schuldig.



Im Jahr 1999 wurde er zunächst zum Tode verurteilt.



Kurz darauf änderte sich jedoch die Rechtslage. Die Ukraine
schaffte die Todesstrafe im Zuge europäischer Verpflichtungen ab.
Das Urteil wurde deshalb in lebenslange Freiheitsstrafe
umgewandelt.



Die letzten Jahre


Onoprienko verbrachte den Rest seines Lebens in Haft.



Immer wieder erschienen Interviews oder Berichte über ihn, in
denen er teilweise widersprüchliche Aussagen machte. Mal stellte
er sich als Opfer seiner Kindheit dar, dann wieder behauptete er,
seine Geständnisse seien teilweise falsch interpretiert worden.
An der Verantwortung für die Mordserie änderte dies nichts.



Am 27. August 2013 starb Anatoly Onoprienko im Gefängnis an
Herzversagen.



Mit seinem Tod endete das Leben eines Mannes, dessen Verbrechen
bis heute als eine der schlimmsten Mordserien Europas
gelten.



Ein Fall, der die Ukraine veränderte


Die Mordserie führte den ukrainischen Ermittlungsbehörden
schmerzhaft vor Augen, welche Defizite nach dem Zusammenbruch der
Sowjetunion bestanden. Die Zusammenarbeit zwischen regionalen
Polizeidienststellen wurde intensiviert, kriminaltechnische
Methoden ausgebaut und Serienmord-Ermittlungen stärker zentral
koordiniert.



Bis heute wird der Fall in kriminalistischen Fachkreisen
analysiert. Er zeigt, wie schwierig es sein kann, einen mobilen
Täter zu identifizieren, der scheinbar wahllos zuschlägt, Tatorte
über große Entfernungen verteilt und nur wenige verwertbare
Spuren hinterlässt.



Für die Angehörigen der Opfer blieb all dies jedoch zweitrangig.
Ganze Familien verschwanden innerhalb weniger Minuten. Häuser, in
denen zuvor Kinder gespielt und Menschen ihren Alltag gelebt
hatten, wurden zu Tatorten unfassbarer Gewalt. Die Namen vieler
Opfer sind außerhalb der betroffenen Gemeinden kaum bekannt
geblieben. Ihre Schicksale bilden dennoch den eigentlichen Kern
dieses Falls.



Die Geschichte Anatoly Onoprienkos ist deshalb nicht nur die
Geschichte eines Serienmörders. Sie ist auch die Geschichte eines
Landes im Umbruch, einer Polizei am Rand ihrer Möglichkeiten und
dutzender Familien, deren Leben in einer einzigen Nacht
unwiederbringlich zerstört wurde.




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