FG069 - Ödipus und der Wille der Götter

FG069 - Ödipus und der Wille der Götter

vor 1 Woche
1 Stunde 29 Minuten
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Beschreibung

vor 1 Woche

Er tötete seinen Vater, heiratete seine Mutter und gab einem der
bekanntesten psychoanalytischen Konzepte seinen Namen. In unserer
Folge wird Ödipus vor allem als das vorgestellt, was er in den
antiken Quellen wirklich ist: ein Mann, der dem Willen der Götter
trotzt. Und dafür einen hohen Preis zahlt. 


Außerdem spricht Solveig über die Labdakiden, die Familie des
Ödipus, die weitere Tragödien erlebt. Diesen sind daher auch
eigene Stücke gewidmet, wie Antigone und die Sieben gegen
Theben.



Die griechische Tragödie


Bevor wir in die Geschichte einsteigen, schauen wir uns an, wie
griechische Tragödien überhaupt funktionieren und warum das
Theater im antiken Athen mehr war als Unterhaltung. Entstanden im
5. Jahrhundert v. Chr., geprägt von drei Autoren — Aischylos,
Sophokles und Euripides — war das Theater eine Form kultischen
Handelns, fast ein Gottesdienst. Der Chor dabei ist mehr als
Dekoration: Er spiegelt, wie die Gesellschaft auf das Handeln der
Figuren reagiert und ist damit eine Art kollektives Gewissen auf
der Bühne.



König Ödipus


Die Geschichte beginnt nicht mit einer Liebesgeschichte, sondern
mit einer Seuche. Theben leidet, und der Seher Teiresias (unter
dem Schutz Athenas stehend, nicht wie üblich Apollons) soll
Aufklärung bringen. Was er dann sagt, will Ödipus zunächst nicht
hören. Wie Ödipus nach Theben kam, wer ihm dabei begegnete und
warum sein Name „Schwellfuß" bedeutet, das entfaltet sich
schrittweise, ganz so wie es Sophokles angelegt hat: nicht als
vorwärts erzählte Handlung, sondern als schrittweise Enthüllung
einer längst vergangenen Geschichte. 


Zur Sphinx, die den Weg nach Theben bewacht, gibt es zudem einen
kleinen Exkurs: Wie dieses Wesen aus dem alten Ägypten zu einem
Monster in der griechischen Mythologie wurde, ist ein schönes
Beispiel für den Kulturtransfer im antiken Mittelmeerraum.



Die Sieben gegen Theben


Der Titel klingt nach Hollywood, aber Sieben gegen Theben von
Aischylos ist deutlich weniger spannend umgesetzt, als der Stoff
es verdient hätte. Die Kriegsdarstellungen verstellen den Blick
auf das Drama, dass sich zwischen den Kindern des Ödipus
entfaltet: Hat Polyneikes ein Recht auf die Herrschaft, die ihm
versprochen wurde? Hat Eteokles eine Pflicht, die Stadt zu
verteidigen, auch wenn er den Deal des Tausches gebrochen hat?
Und verliert man sein Anrecht, wenn man die eigene Heimatstadt
angreift?



Antigone


Das stärkste Stück dieser Folge ist Antigone. Kreon, der neue
Herrscher Thebens, verbietet die Bestattung des gefallenen
Polyneikes. Antigone widersetzt sich — nicht aus Trotz, sondern
weil sie das göttliche Gesetz über das menschliche stellt.
Solveig macht deutlich, dass Kreons Frauenfeindlichkeit dabei
keine Nebensache ist, sondern ein entscheidender Fehler. Erst als
Teiresias ihn ein zweites Mal warnt, lenkt Kreon ein. Zu
spät.



Der menschliche Hochmut


Der Kern der Erzählungen ist nicht Begehren, nicht Schicksal als
blinde Kraft, sondern Hybris: der Hochmut des Menschen, es besser
zu wissen als die Götter. Solveig zeigt, dass diese Idee nicht
auf die Antike beschränkt ist. Die christliche Superbia, die
schlimmste der Todsünden, beschreibt dasselbe unter anderem
Namen. Und auch die mittelalterliche Ketzerverfolgung folgt einer
ähnlichen Logik: nicht falscher Glaube wird bestraft, sondern der
Ungehorsam.



Antiker Feminismus



Am Ende weitet sich der Blick: Die Labdakiden-Tragödien spiegeln
eine Gesellschaft im Wandel. Wo in der archaischen Zeit Herakles
mit Körperkraft als Ideal stand, siegt Ödipus durch Verstand und
ist körperlich behindert. Damit steht er für einen Wandel in den
Vorstellungen von Männlichkeit und Heldentum.


Und dann ist da noch Euripides, der in dieser Folge eine
besondere Würdigung bekommt: Er hat die mythologischen
Frauenfiguren — Medea, Hekabe, Andromache — mit Zorn,
Handlungsmacht und Leid ausgestattet, lange bevor das als
Errungenschaft verbucht wurde. 



Verwandte Folgen


In dieser Folge verweist Solveig auf unsere frühere Episode zu
Achilles und Patroklos, in der das Thema der
griechischen Bestattungsrituale und die Bedeutung des
unbegrabenen Todes bereits eine Rolle spielte. Wer den
Ödipus-Komplex aus psychoanalytischer Sicht kennenlernen möchte,
findet das Thema im Nachklapp zu dieser Folge —
exklusiv für Steady-Unterstützer*innen.





Hintergrundmusik der Zitate ist: Seikilos Epitaph with the Lyre
of Apollo by Lina Palera (Lyre 2.0 Project player) is licensed
under a Attribution-NonCommercial-ShareAlike 3.0 International
License.

00:00:00 Ödipus ohne Komplex
00:05:15 Die griechischen Tragödien
00:10:19 Ödipus nach Sophokles
00:13:23 Ein ungeklärter Mord
00:22:29 Von Korinth nach Theben
00:30:39 Familiäre Verwicklungen
00:38:55 Qual der Wahrheit
00:42:26 Sieben gegen Theben
00:49:07 Atigone wehrt sich
00:54:34 Der WIlle der Götter
01:03:02 Hochmut wider die Götter
01:16:24 Wandel der antiken Gesellschaft
01:21:21 Ruhm dem Euripides!


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