FG068 - Von Gottes Gnaden: Friedrich Wilhelm IV.

FG068 - Von Gottes Gnaden: Friedrich Wilhelm IV.

vor 1 Tag
2 Stunden 13 Minuten
4
0 0 0

Beschreibung

vor 1 Tag

Friedrich Wilhelm IV. lehnte 1849 die
Kaiserkrone ab – und gab damit einer ganzen
Generation den Korb. Aber warum? Daniels Lieblingspreußenkönig
bekommt endlich seine eigene Folge – zur Freude des einen, zum
leisen Leid der anderen: Solveig findet die Hohenzollern bräsig,
jedenfalls deutlich weniger unterhaltsam als die Habsburger.
Zusammen schauen wir diesmal tief in Briefe, Reden und private
Notizen – von der Kindheit im Exil bis zur Revolution 1848 – und
fragen: Was hat diesen Mann geformt? Und was war ihm am Ende
wichtiger als die Kaiserkrone?



Die Folge ist eine Doppelfolge mit Flurfunk Paulskirche,
Folge 11: Erwählter Kaiser der Deutschen. Dort geht es
um die Ereignisse von 1848 aus der Perspektive der
Nationalversammlung.



Kindheit im Exil und stete Ermahnungen



Friedrich Wilhelm IV. wird 1795 geboren. Seinen zwölften
Geburtstag erlebt er im Exil in Memel – Napoleon hat Preußen
besiegt, die Familie ist geflohen. Der Kronprinz überrascht seine
Mutter mit einem kleinen Geschenk. Königin Luise antwortet mit
einem Brief, der Druck aufbaut: Preußens Größe
sei dahin, der Vater unglücklich – und von ihm, dem Kronprinzen,
erwarte sie Fleiß, Gehorsam und Opferbereitschaft. Auch sein
Erzieher und sein Vater mahnen in dieselbe Richtung: Gehorsam,
Ordnung, Opfer. Den Hang zum Zeichnen und zur Kunst soll er bitte
zurückstellen.



König des Friedens



Mit dem Tod Friedrich Wilhelms III. 1840 besteigt Friedrich
Wilhelm IV. den Thron. Er amnestiert die Demagogen – die Brüder
Grimm dürfen nach Berlin, Arndt zurück nach Bonn. Liberale
Geister schöpfen Hoffnung. In seinen
Huldigungsreden – zuerst in Königsberg, dann in
Berlin – betont er die Verbindung von Volk und König und seine
Verantwortung vor Gott. Dabei tut er etwas Neues: Er tritt als
erster König in der preußischen Geschichte vor die Menschen und
hält eine Volksansprache – fragt sein Volk nach
einem „ehrenfesten Ja" und bekommt es von tausenden Stimmen
zurück. Der schönste Satz dieser Rede, so findet zumindest
Daniel, ist der verklausulierte Friedensappell: Wem der Sinn
nicht nach einer sogenannten glorreichen Regierung steht, der
fasse Vertrauen zu mir. Er will kein zweiter Friedrich der Große
werden, sondern ein friedvoller Patriarch.



Der göttliche Draht



Novalis hat es formuliert, Friedrich Wilhelm hat es gelebt: Die
Monarchie beruht auf dem Glauben an einen höher geborenen
Menschen. Die Konstitution besteht aus der Verantwortung
des Monarchen vor Gott – nicht aus einem Stück Papier.
Dazu kommt eine mystisch-sakrale Überzeugung, die Friedrich
Wilhelm selbst gegenüber seinem Freund Bunsen formuliert: Es gebe
Dinge, die man nur als König wisse – nicht weil man den Schlüssel
zu Papas Aktenschrank bekommt, sondern weil der Heilige Geist auf
mystische Weise eingibt, was das Volk braucht. Das klingt für
heutige Ohren befremdlich. Für Friedrich Wilhelm war es der Kern
seiner Identität.



Der Dom der Einheit



Als Kronprinz hatte Friedrich Wilhelm 1815 seine Hände in den
Rhein getaucht und sich drei Kreuze auf die Stirn gezeichnet. Der
Kölner Dom – seit Jahrhunderten Bauruine,
Baukran inklusive – wird für ihn zum Symbol deutscher Einheit und
konfessionellen Friedens. Als König fördert er 1840 den
Dombauverein, gibt 50.000 Taler und legt 1842 den Grundstein –
mit Metternich und Erzherzog Johann gegenüber, die mindestens
genauso viel geben wollen, damit bloß kein falscher Eindruck
preußischer Vorherrschaft entsteht. Seine Rede zur
Grundsteinlegung bewegt alle – der preußische König geht dem
Erzbischof auf der Estrade entgegen, dessen Vorgänger sein Vater
noch in die Festung Minden gesperrt hatte. Doch der neue König
scheint einen Hang zum Katholizismus zu haben
und bietet dem Papst – ganz ernst gemeint – Schloss Brühl als
Exilresidenz an, als die Revolution von 1848 den Kirchenstaat
bedroht.



Friedrich Wilhelm IV. von Preußen zur Eröffnung des " Vereinigten
Landtags" am 11. April 1847



Bankrotterklärung



Im Laufe des Revolutionsjahres 1848 scheint sich der König mit
einer neuen - konstitutionellen - Identität anzufreunden. Doch am
12. Oktober 1848 streicht die preußische
Nationalversammlung mit 217 zu 134 Stimmen die Worte „Von
Gottes Gnaden" aus dem Verfassungsentwurf. Der
Abgeordnete Schulze-Delitzsch vergleicht die Formel mit einer
bankrotten Firma, die man nicht ins neue Geschäft hinübernehme.
Was die Mehrheit für eine leere Floskel hält, ist für Friedrich
Wilhelm der Kern seines Selbstverständnisses – und das Ende
seiner Kompromissbereitschaft. Das Ministerium wird entlassen,
General Wrangel rückt in Berlin ein, die Nationalversammlung wird
aufgelöst. Aus eigener Machtvollkommenheit oktroyiert Friedrich
Wilhelm seinem Land dann doch eine Verfassung –
im Wesentlichen das, was die Versammlung erarbeitet hatte, aber
eben von ihm gegeben, nicht erkämpft. Mit „Von Gottes Gnaden" im
Titel und später redigiert. An Kaiser Franz Joseph schreibt er
1854: Er habe eine „miserable, französisch-moderne Konstitution"
beschworen, aber sein Wort sei heilig.



Weltbild als Architektur



Nach 1848 ist Friedrich Wilhelm nach Aussage von Zeitgenossen
nicht mehr der Alte. In architektonischen Entwürfen versucht er
weiterhin sein Weltbild festzuhalten. Sein bleibendes Vermächtnis
ist die Potsdamer Parklandschaft mit Friedenskirche und Schloss
Charlottenhof. 1857 erleidet er Schlaganfälle, sein Bruder
Wilhelm übernimmt. Am 2. Januar 1861 stirbt er in Sanssouci und
wird in der von ihm selbst geplanten Friedenskirche in Potsdam
beigesetzt. Sein Herz liegt gesondert bei seiner Mutter im
Mausoleum Charlottenburg.







Gruft in der Friedenskirche mit den Sarkophagen Friedrich
Wilhelms IV. (vorne) und Königin Elisabeths (dahinter)



Kontakt und Unterstützung


Dir gefällt Flurfunk Geschichte? Wir freuen uns über eine nette
Bewertung oder eine Nachricht von dir.
Du kannst uns über ko-fi unterstützen:
https://ko-fi.com/flurfunkgeschichte
Oder auch regelmäßig durch eine Mitgliedschaft auf
Steady:
https://steady.page/de/flurfunk-geschichte
Für deine regelmäßige Unterstützung bedanken wir uns mit einer
Bonus-Folge "Nachklapp" zum Thema der aktuellen
Folge.


Wir freuen uns über Kommentare und Fragen an
kontakt@flurfunk-geschichte.de


Flurfunk Geschichte liefert Euch weitere Hintergrundinfos bei
Facebook, Instagram, twitter und threads.

Weiterer Podcast
Willst du noch mehr von uns hören? Dann folge den Ereignissen und
Debatten in der ersten deutschen Nationalversammlung bei
Flurfunk Paulskirche:
https://flurfunk-paulskirche.letscast.fm
15
15
Close