Carine Patricio – Die Wein-Kosmopolitin

Carine Patricio – Die Wein-Kosmopolitin

vor 1 Tag
Eine Sommelière gegen die Logik der Einordnung
2 Stunden 51 Minuten
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Podcast
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Die interessantesten Weinkellner unserer Zeit

Beschreibung

vor 1 Tag
Carine Patricio ist die Kategorie Weinfachfrau, die einen Raum
nicht betritt – sie redefiniert ihn. Doch was macht sie eigentlich
so besonders? Das ist recht einfach erklärt, denn sie braucht keine
Bestätigung vom Raum. In einer Branche, die traditionell Männern
gehörte wie Kolonien ihren Kolonisatoren, hat sie sich nichts
erkämpft – sie hat es schlicht eingenommen, mit der Nonchalance von
jemandem, dem die Alternative nie als Option erschien. Sie kennt
den Unterschied zwischen Anpassung und Unterwerfung, und sie würde
sich niemals unterwerfen. Sie spricht viele Sprachen, aber nicht
alle akzentfrei – sie spricht sie lebendig. Mit Fehlern, die
Charakter haben. Mit genau diesen Akzenten, die ihre Geschichte
erzählen. Sie weiß, dass ein Schweigen auf Chinesisch etwas anderes
bedeutet als ein Schweigen auf Französisch, und sie beherrscht
beide Versionen mit der Selbstverständlichkeit einer Frau, die
gelernt hat, zuzuhören, bevor sie urteilt – was in dieser Welt,
nebenbei bemerkt, eine radikale Tat ist. Portugiesisches Blut, das
nach Granit und Atlantik riecht, durch Pariser Kellergänge gejagt,
von Hamburger Hafenwinden aufgeraut und schließlich von der Mosel
zu etwas Scharfem, Unbestechlichem, gefährlich Präzisem
destilliert. Was dabei herauskam, ist keine Sommelière im
herkömmlichen Sinne. Was dabei herauskam, ist ein Urteil mit
Beinen. Paris hat ihr beigebracht, dass Sprache Macht ist. Hamburg
hat ihr beigebracht, dass Macht nichts mit Lautstärke zu tun hat.
Und die Mosel – diese irre, senkrechte, schiefer-verrückte Mosel –
hat ihr beigebracht, dass das Beste immer dort wächst, wo es
eigentlich unmöglich ist. Sie besitzt keinen wirklichen Heimatort.
Sie besitzt Heimatgefühle – plural, widersprüchlich, gleichzeitig.
Irgendwo zwischen all ihren Wohnorten und Stationen als Sommelière
hat sie aufgehört, sich zu fragen, woher sie kommt, und begonnen,
sich zu fragen, wohin sie denkt. Sie lässt sich nicht
kategorisieren, was bestimmte Menschen rasend macht. Konservative
finden sie zu wild. Progressive finden sie zu unbequem. Was sie
besonders macht? Sie hat gelernt, Widersprüche zu bewohnen. Und im
professionellen Sinne trinkt sie ihre Weine nicht. Sie verhört sie.
Einen Riesling bringt sie zum Reden wie ein Detective einen
Verdächtigen – ruhig, methodisch, mit der stillschweigenden
Gewissheit, dass die Wahrheit herauskommt, ob der Wein will oder
nicht. Und wenn er lügt – zu viel Holz, zu wenig Seele, ein
Etikett, das mehr verspricht als die Traube je halten konnte – dann
ist ihr Schweigen das vernichtendste Urteil, das ein Winzer je
kassieren kann.
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