FP11 - Erwählter Kaiser der Deutschen

FP11 - Erwählter Kaiser der Deutschen

vor 2 Wochen
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Podcast
Podcaster
Der Podcast zur Nationalversammlung 1848/49

Beschreibung

vor 2 Wochen

Nach über einem Jahr Pause kehrt „Flurfunk Paulskirche" zurück in
die Sitzungen der Frankfurter Nationalversammlung in der
Paulskirche – und landet mitten in einem der dramatischsten
Momente der deutschen Geschichte: der Entscheidung über das
Reichsoberhaupt, die Frage des Wahlrechts und am Ende die
Kaiserwahl selbst.

Die drei großen Streitfragen des Frühjahrs 1849

1. Republik oder Monarchie?
Die Folge beginnt mit einer Rede des Abgeordneten
Alexander Falk aus Schlesien, der die
Debattenlage prägnant zusammenfasst: Republikanisches Prinzip,
Partikularismus und konstitutionelle Monarchie stehen
gegeneinander. Falk votiert klar für die Monarchie und macht
deutlich, dass die Republik im Parlament keine Mehrheit finden
wird.
Als Kontrapunkt steht die berühmte Rede Ludwig Uhlands vom 23.
Januar 1849: kein Kaiserhaupt werde über Deutschland leuchten,
das nicht „mit einem vollen Tropfen demokratischen Öls gesalbt"
sei. Abgeordnete wie Friedrich Jakob Schütz aus
Mainz (Teilnehmer am Frankfurter Wachensturm) appellieren an
Volkssouveränität statt Fürstenherrschaft – und warnen, ein
Kaiser nach dem Vorbild der französischen Julirevolution von 1830
bedeute, auf halbem Weg stehenzubleiben.
Für die Monarchie plädieren dagegen Friedrich Ludwig Jahn,
Begründer des deutschen Turnens, mit einem vergnüglichen, wenn
auch konfusen Auftritt – sowie Gustav Rümelin
aus Nürtingen, der als einer der wenigen Süddeutschen offen für
den preußischen Erbkaiser eintritt und es mit einem „Sturzbad
kalten Wassers" vergleicht, an das man sich gewöhnen müsse.

2. Wer darf wählen?
Parallel zur Kaiserfrage debattiert die Versammlung das
Reichswahlrecht. Konservative Juristen warnen vor der
„Pöbelherrschaft" (Ochlokratie) und dem Vorbild Frankreichs, wo
das allgemeine Wahlrecht den Aufstieg Napoleons III. begünstigt
habe. Die Linke – etwa Karl Fucht – hält
dagegen: Das vorliegende Wahlgesetz enthülle die „offizielle
Lüge" des Konstitutionalismus; man wolle gar nicht mit der
Mehrheit des Volkes regieren.
In erster Lesung beschließt die Versammlung mit knapper Mehrheit
einen Negativkatalog: Vom Wahlrecht ausgeschlossen werden sollen
u. a. Personen unter Vormundschaft, im Konkurs – und alle, die
öffentliche Armenunterstützung beziehen.

3. Die erste Lesung: Knappe Abstimmungen
Am 19. Januar 1849 scheitert das Direktoriums-Modell deutlich.
Der Grundsatzantrag, die Würde des Reichsoberhauptes einem
regierenden deutschen Fürsten zu übertragen, passiert knapp mit
258 gegen 211 Stimmen – die Erblichkeit dieser
Würde scheitert in erster Lesung noch mit 263 gegen 211
Stimmen. Eine sichere Mehrheit für das Erbkaisertum
fehlt.
Der Deal, die zweite Lesung und die Kaiserwahl
Zwischen den Lesungen verhandeln Heinrich Simon
(Westenthal) und Heinrich von Gagern (Casino,
Reichsminister) einen Kompromiss: allgemeines Männerwahlrecht
gegen Zustimmung zum Erbkaisertum mit suspensivem Veto.
Zusätzlichen Druck erzeugt die Nachricht vom 4. März 1849: Fürst
Schwarzenberg oktroyiert Österreich eine eigene Verfassung und
besiegelt damit den Ausschluss der Habsburger aus dem künftigen
deutschen Nationalstaat.
Am 27. März 1849 nimmt die Versammlung in
zweiter Lesung §69 mit 279 gegen 255 und die
Erblichkeit (§70) mit 267 gegen 263 Stimmen an –
vier Stimmen Unterschied. Am 28. März wählen 290
abgegebene Stimmen einstimmig König Friedrich Wilhelm IV. von
Preußen zum deutschen Kaiser. 405 Abgeordnete unterzeichnen
anschließend die Verfassungsurkunde auf Pergament – ein Original,
das sich heute im Historischen Museum Frankfurt befindet.

Die Kaiserdeputation in Berlin – und das Nein

Eine Deputation von 32 Abgeordneten unter Eduard Simson,
Präsident der Nationalversammlung, bricht am 30. März über den
Rhein nach Berlin auf – bewusst auf dem langen Weg über Köln,
Hannover und Braunschweig, um unterwegs Stimmung zu machen. Am
3. April 1849 überreicht Simson dem König die
Wahl im Rittersaal des Berliner Schlosses.
Friedrich Wilhelms öffentliche Antwort ist geschliffen und
ausweichend: Er könne keine Entscheidung ohne das Einverständnis
aller deutschen Fürsten treffen. Faktisch: ein Nein. In einem
privaten Brief an seinen Cousin Ernst August von Hannover ist er
deutlicher – die Krone der Paulskirche sei „keine Krone, wohl
aber ein Hundehalsband, mit dem man mich an die Revolution von 48
ketten wolle."
Beim abendlichen Empfang beim Kronprinzen Wilhelm – dem späteren
Kaiser Wilhelm I. – zeigt sich dennoch: Die Idee einer deutschen
Einheit unter preußischer Führung ist in Berlin nicht ganz
begraben. Wie es weitergeht,
erfahrt ihr in der nächsten Folge.

Personen dieser Folge

| Ludwig Uhland  | Abgeordneter, linkes Zentrum;
Dichter
| Friedrich Ludwig Jahn  | Abgeordneter; Begründer der
Turnbewegung
| Heinrich von Gagern  | Reichsminister; Casino
| Eduard Simson  | Präsident der Nationalversammlung
| Friedrich Wilhelm IV.  | König von Preußen; Gewählter
Kaiser
| Felix zu Schwarzenberg  | Österreichischer
Ministerpräsident
| Wilhelm I.  | Kronprinz Preußens; späterer Kaiser

Ergänzung: Im Podcast offen geblieben – wo Karl
Marx sich im Januar 1849 aufhielt: Er lebte und arbeitete zu
diesem Zeitpunkt in Köln, wo er von Juni 1848 bis Mai 1849 die
Neue Rheinische Zeitung herausgab.

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