Wie sich Elefanten kilometerweit verständigen | Inside Science
Lange galt tierische Verständigung als bloßer Instinkt. Bei
Elefanten zeigt sich, wie komplex sie organisiert sein kann
31 Minuten
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Beschreibung
vor 1 Woche
Der Mensch hielt sich lange für das Maß aller Dinge – auch in der
Kommunikation. Verständigung, die nicht so funktioniert wie bei
uns, galt nicht als komplex, sondern als bloßer Ausdruck von
Instinkt oder Reflex. Dabei hatte schon Charles Darwin an dieser
Selbstgewissheit gekratzt: In seinem 1872 erschienenen Buch Der
Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren
argumentierte er, dass der Ausdruck von Gefühlen keine menschliche
Sonderleistung sei, sondern evolutionäre Wurzeln habe. Unterschiede
zwischen menschlichem und tierischem Geist seien nicht
grundsätzlich, sondern graduell. In der Verhaltensforschung setzte
sich diese Perspektive nur langsam durch. Lange dominierte eine
methodische Zurückhaltung gegenüber mentalen Zuschreibungen:
Tierische Kommunikation wurde vor allem als instinktgetriebenes
Verhalten beschrieben, Begriffe wie Bedeutung oder Emotion galten
als wissenschaftlich problematisch. Erst mit neuen technischen
Möglichkeiten und einer kognitiven Wende in der Biologie rückte die
Komplexität tierischer Verständigung stärker in den Fokus. "Hören"
mit den Füßen Kaum eine Art führt diese Verschiebung deutlicher vor
Augen als der Elefant. "Was ganz großartig ist, ist ihre
Andersartigkeit – während sie uns in vielem gleichzeitig so ähnlich
sind", sagt Angela Stöger-Horwath. Die Zoologin ist Professorin an
der Universität Wien und forscht seit vielen Jahren zur
Kommunikation von Elefanten. Besonders faszinierend findet sie, wie
Elefanten die Welt wahrnehmen. Dabei gibt es nämlich einige
Aspekte, die Menschen nicht oder nur aufwendig mit technischen
Hilfsmitteln bemerken. Der menschliche Hörbereich liegt zwischen
etwa 20 bis 20.000 Hertz. Elefanten nutzen auch Frequenzen weit
darunter. Ihre tiefen, vibrierenden Rufe – sogenannte Rumbles –
liegen im Infraschallbereich und haben so lange Wellen, dass sie
sich über mehrere Kilometer ausbreiten können. Sie wandern nicht
nur durch die Luft, sondern auch als Vibrationen durch den Boden.
Artgenossen registrieren diese Signale nicht allein mit dem Gehör,
sondern auch über spezielle empfindliche Rezeptoren in ihren Füßen.
Das ist aber nur ein Baustein in einem deutlich komplexeren Gefüge.
Elefanten kommunizieren multimodal – sie verbinden Laute mit
Gerüchen, Berührungen und fein abgestimmter Körpersprache. Für
Stöger-Horwath ist das kein exotisches Detail, sondern ein
grundlegendes Prinzip: "Kommunikation ist sicherlich immer
multimodal. Auch wir Menschen sprechen nicht nur – wir
gestikulieren, unsere Mimik spielt mit." Bei Elefanten sei dieses
Zusammenspiel jedoch besonders eng verzahnt – und damit
wissenschaftlich anspruchsvoll. "Wir Forschenden sind meist auf
eine Modalität spezialisiert", sagt die Forscherin. "Ich arbeite
viel mit Akustik, andere mit chemischen Signalen." Um das
Gesamtsystem zu verstehen, brauche es daher interdisziplinäre
Zusammenarbeit. Soziales Elefantennetzwerk Akustisch lassen sich
bei den Dickhäutern verschiedene Lauttypen klar unterscheiden.
Höherfrequente Trompetenlaute werden vor allem in Momenten starker
Erregung eingesetzt – bei Bedrohung, Konkurrenz oder intensiver
Freude. Die tieferen Rumbles hingegen strukturieren den sozialen
Alltag der Herde. Sie dienen als Kontaktrufe, koordinieren
Bewegungen und transportieren emotionale Zustände. Analysen zeigen,
dass sich Parameter wie Grundfrequenz oder Modulationsmuster je
nach Situation verändern. Emotion spiegelt sich also messbar im
Laut wider. Zugleich entsteht die Bedeutung aber nie allein durch
das Geräusch: Erst im Zusammenspiel mit Körperhaltung, Abstand zu
anderen Tieren, Geruchssignalen und der jeweiligen sozialen
Situation wird aus einem Laut eine verständliche Botschaft. Ein
zentrales Element dieser Verständigung ist das Gedächtnis.
Elefantenweibchen können die Rufe von bis zu 100 individuellen
Artgenossen unterscheiden. In weitläufigen Lebensräumen ist das von
großer Bedeutung, erklärt die Biologin. "Gerade weil die
Kommunikation über große Distanzen geht, muss man sich merken: Wer
ist wer? Gehört der zu mir?" So entsteht ein soziales Netzwerk, das
nicht auf Sichtkontakt angewiesen ist. Ohne dieses Gedächtnis wäre
die Organisation der Herden kaum denkbar. Emotionale Dickhäuter
Elefanten verfügen auch über ein ausgeprägtes emotionales
Gedächtnis. In ihrem Buch Elefanten. Ihre Weisheit, ihre Sprache
und ihr soziales Miteinander, das zum Wissenschaftsbuch des Jahres
2024 gewählt wurde, beschreibt Stöger-Horwath, wie Elefanten auf
bestimmte Geräusche, Gerüche oder Orte noch Jahre nach belastenden
Ereignissen mit deutlichen Stressreaktionen reagieren können. Die
Erinnerungen sind dabei eng an sensorische Reize gekoppelt – ein
Phänomen, das an posttraumatische Belastungsreaktionen beim
Menschen erinnert. Erinnerung ist damit auch bei Elefanten ein
integraler Bestandteil ihres sozialen und kommunikativen Systems.
Die Relevanz dieser Forschung reicht über die Grundlagenbiologie
hinaus. Elefanten gelten als Schlüsselart, weil sie ihre
Lebensräume aktiv formen: Sie öffnen Landschaften, verbreiten Samen
und schaffen Wasserstellen, von denen zahlreiche andere Spezies
profitieren. Ihre Kommunikation steuert Wanderbewegungen und
Gruppendynamik – und damit indirekt ökologische Prozesse. Ein
besseres Verständnis kann auch dazu beitragen, Konflikte zwischen
Elefanten und Menschen besser zu managen, sagt Stöger-Horwath.
Notwendiges Durchhaltevermögen Hinter all diesen Erkenntnissen
steckt viel Arbeit. Elefantenkommunikation zu erforschen bedeutet,
Daten über Jahre hinweg zu sammeln, Tiere unter teils strapaziösen
Bedingungen zu beobachten und Rückschläge zu akzeptieren. Auch
institutionelle Rahmenbedingungen beeinflussen Forschungskarrieren,
so Stöger-Horwath: Befristete Stellen, Drittmittelabhängigkeit und
Flexibilität im Arbeitsort prägen, wer weiterkommt – und wer nicht.
Gerade diese Karrierebedingungen wirken sich nach wie vor nicht für
alle gleich aus. Zwar beginnen deutlich mehr Frauen als Männer ein
Biologiestudium, doch je höher die akademische Position, desto
stärker kehrt sich dieses Verhältnis um. Bemühungen der
Universitäten, gegenzusteuern, zeigen inzwischen Wirkung. "Es wird
besser, das sieht man an den Zahlen der Professorinnen", sagt die
Forscherin. Ansetzen müsse man aber schon viel früher – beim
Selbstvertrauen von Mädchen in technischen Dingen. Datenanalyse und
maschinelles Lernen sind heute selbstverständlicher Bestandteil der
Biologie. Gerade in diesen Bereichen nimmt Stöger-Horwath
Unterschiede wahr: "Studentinnen trauen sich oft weniger zu als
Studenten, vor allem wenn es um Technik geht." Was rät sie jungen
Frauen, die eine Karriere in der Biologie anstreben? "Durchhalten.
Nicht aufgeben. Aufgeben tut man einen Brief." Wissenschaftliche
Karrieren seien von Ablehnungen geprägt, auch wenn das von außen
oft unsichtbar bleibe. "Wenn ich einen Antrag bewilligt bekomme,
wurden vielleicht vorher drei andere abgelehnt. Scheitern ist
normal, man muss daraus lernen und durchhalten." Diese Ausdauer
braucht es auch, um tierische Kommunikation zu verstehen. Die
Forschung an Elefanten zeigt, wie vielschichtig Verständigung
organisiert sein kann – wenn man bereit ist, sie systematisch zu
untersuchen. Was einst als bloßer Instinkt galt, erweist sich als
komplexes Zusammenspiel aus Lauten, Gerüchen, Berührungen und
Erinnerung.
Kommunikation. Verständigung, die nicht so funktioniert wie bei
uns, galt nicht als komplex, sondern als bloßer Ausdruck von
Instinkt oder Reflex. Dabei hatte schon Charles Darwin an dieser
Selbstgewissheit gekratzt: In seinem 1872 erschienenen Buch Der
Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren
argumentierte er, dass der Ausdruck von Gefühlen keine menschliche
Sonderleistung sei, sondern evolutionäre Wurzeln habe. Unterschiede
zwischen menschlichem und tierischem Geist seien nicht
grundsätzlich, sondern graduell. In der Verhaltensforschung setzte
sich diese Perspektive nur langsam durch. Lange dominierte eine
methodische Zurückhaltung gegenüber mentalen Zuschreibungen:
Tierische Kommunikation wurde vor allem als instinktgetriebenes
Verhalten beschrieben, Begriffe wie Bedeutung oder Emotion galten
als wissenschaftlich problematisch. Erst mit neuen technischen
Möglichkeiten und einer kognitiven Wende in der Biologie rückte die
Komplexität tierischer Verständigung stärker in den Fokus. "Hören"
mit den Füßen Kaum eine Art führt diese Verschiebung deutlicher vor
Augen als der Elefant. "Was ganz großartig ist, ist ihre
Andersartigkeit – während sie uns in vielem gleichzeitig so ähnlich
sind", sagt Angela Stöger-Horwath. Die Zoologin ist Professorin an
der Universität Wien und forscht seit vielen Jahren zur
Kommunikation von Elefanten. Besonders faszinierend findet sie, wie
Elefanten die Welt wahrnehmen. Dabei gibt es nämlich einige
Aspekte, die Menschen nicht oder nur aufwendig mit technischen
Hilfsmitteln bemerken. Der menschliche Hörbereich liegt zwischen
etwa 20 bis 20.000 Hertz. Elefanten nutzen auch Frequenzen weit
darunter. Ihre tiefen, vibrierenden Rufe – sogenannte Rumbles –
liegen im Infraschallbereich und haben so lange Wellen, dass sie
sich über mehrere Kilometer ausbreiten können. Sie wandern nicht
nur durch die Luft, sondern auch als Vibrationen durch den Boden.
Artgenossen registrieren diese Signale nicht allein mit dem Gehör,
sondern auch über spezielle empfindliche Rezeptoren in ihren Füßen.
Das ist aber nur ein Baustein in einem deutlich komplexeren Gefüge.
Elefanten kommunizieren multimodal – sie verbinden Laute mit
Gerüchen, Berührungen und fein abgestimmter Körpersprache. Für
Stöger-Horwath ist das kein exotisches Detail, sondern ein
grundlegendes Prinzip: "Kommunikation ist sicherlich immer
multimodal. Auch wir Menschen sprechen nicht nur – wir
gestikulieren, unsere Mimik spielt mit." Bei Elefanten sei dieses
Zusammenspiel jedoch besonders eng verzahnt – und damit
wissenschaftlich anspruchsvoll. "Wir Forschenden sind meist auf
eine Modalität spezialisiert", sagt die Forscherin. "Ich arbeite
viel mit Akustik, andere mit chemischen Signalen." Um das
Gesamtsystem zu verstehen, brauche es daher interdisziplinäre
Zusammenarbeit. Soziales Elefantennetzwerk Akustisch lassen sich
bei den Dickhäutern verschiedene Lauttypen klar unterscheiden.
Höherfrequente Trompetenlaute werden vor allem in Momenten starker
Erregung eingesetzt – bei Bedrohung, Konkurrenz oder intensiver
Freude. Die tieferen Rumbles hingegen strukturieren den sozialen
Alltag der Herde. Sie dienen als Kontaktrufe, koordinieren
Bewegungen und transportieren emotionale Zustände. Analysen zeigen,
dass sich Parameter wie Grundfrequenz oder Modulationsmuster je
nach Situation verändern. Emotion spiegelt sich also messbar im
Laut wider. Zugleich entsteht die Bedeutung aber nie allein durch
das Geräusch: Erst im Zusammenspiel mit Körperhaltung, Abstand zu
anderen Tieren, Geruchssignalen und der jeweiligen sozialen
Situation wird aus einem Laut eine verständliche Botschaft. Ein
zentrales Element dieser Verständigung ist das Gedächtnis.
Elefantenweibchen können die Rufe von bis zu 100 individuellen
Artgenossen unterscheiden. In weitläufigen Lebensräumen ist das von
großer Bedeutung, erklärt die Biologin. "Gerade weil die
Kommunikation über große Distanzen geht, muss man sich merken: Wer
ist wer? Gehört der zu mir?" So entsteht ein soziales Netzwerk, das
nicht auf Sichtkontakt angewiesen ist. Ohne dieses Gedächtnis wäre
die Organisation der Herden kaum denkbar. Emotionale Dickhäuter
Elefanten verfügen auch über ein ausgeprägtes emotionales
Gedächtnis. In ihrem Buch Elefanten. Ihre Weisheit, ihre Sprache
und ihr soziales Miteinander, das zum Wissenschaftsbuch des Jahres
2024 gewählt wurde, beschreibt Stöger-Horwath, wie Elefanten auf
bestimmte Geräusche, Gerüche oder Orte noch Jahre nach belastenden
Ereignissen mit deutlichen Stressreaktionen reagieren können. Die
Erinnerungen sind dabei eng an sensorische Reize gekoppelt – ein
Phänomen, das an posttraumatische Belastungsreaktionen beim
Menschen erinnert. Erinnerung ist damit auch bei Elefanten ein
integraler Bestandteil ihres sozialen und kommunikativen Systems.
Die Relevanz dieser Forschung reicht über die Grundlagenbiologie
hinaus. Elefanten gelten als Schlüsselart, weil sie ihre
Lebensräume aktiv formen: Sie öffnen Landschaften, verbreiten Samen
und schaffen Wasserstellen, von denen zahlreiche andere Spezies
profitieren. Ihre Kommunikation steuert Wanderbewegungen und
Gruppendynamik – und damit indirekt ökologische Prozesse. Ein
besseres Verständnis kann auch dazu beitragen, Konflikte zwischen
Elefanten und Menschen besser zu managen, sagt Stöger-Horwath.
Notwendiges Durchhaltevermögen Hinter all diesen Erkenntnissen
steckt viel Arbeit. Elefantenkommunikation zu erforschen bedeutet,
Daten über Jahre hinweg zu sammeln, Tiere unter teils strapaziösen
Bedingungen zu beobachten und Rückschläge zu akzeptieren. Auch
institutionelle Rahmenbedingungen beeinflussen Forschungskarrieren,
so Stöger-Horwath: Befristete Stellen, Drittmittelabhängigkeit und
Flexibilität im Arbeitsort prägen, wer weiterkommt – und wer nicht.
Gerade diese Karrierebedingungen wirken sich nach wie vor nicht für
alle gleich aus. Zwar beginnen deutlich mehr Frauen als Männer ein
Biologiestudium, doch je höher die akademische Position, desto
stärker kehrt sich dieses Verhältnis um. Bemühungen der
Universitäten, gegenzusteuern, zeigen inzwischen Wirkung. "Es wird
besser, das sieht man an den Zahlen der Professorinnen", sagt die
Forscherin. Ansetzen müsse man aber schon viel früher – beim
Selbstvertrauen von Mädchen in technischen Dingen. Datenanalyse und
maschinelles Lernen sind heute selbstverständlicher Bestandteil der
Biologie. Gerade in diesen Bereichen nimmt Stöger-Horwath
Unterschiede wahr: "Studentinnen trauen sich oft weniger zu als
Studenten, vor allem wenn es um Technik geht." Was rät sie jungen
Frauen, die eine Karriere in der Biologie anstreben? "Durchhalten.
Nicht aufgeben. Aufgeben tut man einen Brief." Wissenschaftliche
Karrieren seien von Ablehnungen geprägt, auch wenn das von außen
oft unsichtbar bleibe. "Wenn ich einen Antrag bewilligt bekomme,
wurden vielleicht vorher drei andere abgelehnt. Scheitern ist
normal, man muss daraus lernen und durchhalten." Diese Ausdauer
braucht es auch, um tierische Kommunikation zu verstehen. Die
Forschung an Elefanten zeigt, wie vielschichtig Verständigung
organisiert sein kann – wenn man bereit ist, sie systematisch zu
untersuchen. Was einst als bloßer Instinkt galt, erweist sich als
komplexes Zusammenspiel aus Lauten, Gerüchen, Berührungen und
Erinnerung.
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