Rätsel der Wissenschaft
Der STANDARD-Podcast über die ungeklärten Fragen der Menschheit
Podcaster
Episoden
25.02.2026
31 Minuten
Der Mensch hielt sich lange für das Maß aller Dinge – auch in der
Kommunikation. Verständigung, die nicht so funktioniert wie bei
uns, galt nicht als komplex, sondern als bloßer Ausdruck von
Instinkt oder Reflex. Dabei hatte schon Charles Darwin an dieser
Selbstgewissheit gekratzt: In seinem 1872 erschienenen Buch Der
Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren
argumentierte er, dass der Ausdruck von Gefühlen keine menschliche
Sonderleistung sei, sondern evolutionäre Wurzeln habe. Unterschiede
zwischen menschlichem und tierischem Geist seien nicht
grundsätzlich, sondern graduell. In der Verhaltensforschung setzte
sich diese Perspektive nur langsam durch. Lange dominierte eine
methodische Zurückhaltung gegenüber mentalen Zuschreibungen:
Tierische Kommunikation wurde vor allem als instinktgetriebenes
Verhalten beschrieben, Begriffe wie Bedeutung oder Emotion galten
als wissenschaftlich problematisch. Erst mit neuen technischen
Möglichkeiten und einer kognitiven Wende in der Biologie rückte die
Komplexität tierischer Verständigung stärker in den Fokus. "Hören"
mit den Füßen Kaum eine Art führt diese Verschiebung deutlicher vor
Augen als der Elefant. "Was ganz großartig ist, ist ihre
Andersartigkeit – während sie uns in vielem gleichzeitig so ähnlich
sind", sagt Angela Stöger-Horwath. Die Zoologin ist Professorin an
der Universität Wien und forscht seit vielen Jahren zur
Kommunikation von Elefanten. Besonders faszinierend findet sie, wie
Elefanten die Welt wahrnehmen. Dabei gibt es nämlich einige
Aspekte, die Menschen nicht oder nur aufwendig mit technischen
Hilfsmitteln bemerken. Der menschliche Hörbereich liegt zwischen
etwa 20 bis 20.000 Hertz. Elefanten nutzen auch Frequenzen weit
darunter. Ihre tiefen, vibrierenden Rufe – sogenannte Rumbles –
liegen im Infraschallbereich und haben so lange Wellen, dass sie
sich über mehrere Kilometer ausbreiten können. Sie wandern nicht
nur durch die Luft, sondern auch als Vibrationen durch den Boden.
Artgenossen registrieren diese Signale nicht allein mit dem Gehör,
sondern auch über spezielle empfindliche Rezeptoren in ihren Füßen.
Das ist aber nur ein Baustein in einem deutlich komplexeren Gefüge.
Elefanten kommunizieren multimodal – sie verbinden Laute mit
Gerüchen, Berührungen und fein abgestimmter Körpersprache. Für
Stöger-Horwath ist das kein exotisches Detail, sondern ein
grundlegendes Prinzip: "Kommunikation ist sicherlich immer
multimodal. Auch wir Menschen sprechen nicht nur – wir
gestikulieren, unsere Mimik spielt mit." Bei Elefanten sei dieses
Zusammenspiel jedoch besonders eng verzahnt – und damit
wissenschaftlich anspruchsvoll. "Wir Forschenden sind meist auf
eine Modalität spezialisiert", sagt die Forscherin. "Ich arbeite
viel mit Akustik, andere mit chemischen Signalen." Um das
Gesamtsystem zu verstehen, brauche es daher interdisziplinäre
Zusammenarbeit. Soziales Elefantennetzwerk Akustisch lassen sich
bei den Dickhäutern verschiedene Lauttypen klar unterscheiden.
Höherfrequente Trompetenlaute werden vor allem in Momenten starker
Erregung eingesetzt – bei Bedrohung, Konkurrenz oder intensiver
Freude. Die tieferen Rumbles hingegen strukturieren den sozialen
Alltag der Herde. Sie dienen als Kontaktrufe, koordinieren
Bewegungen und transportieren emotionale Zustände. Analysen zeigen,
dass sich Parameter wie Grundfrequenz oder Modulationsmuster je
nach Situation verändern. Emotion spiegelt sich also messbar im
Laut wider. Zugleich entsteht die Bedeutung aber nie allein durch
das Geräusch: Erst im Zusammenspiel mit Körperhaltung, Abstand zu
anderen Tieren, Geruchssignalen und der jeweiligen sozialen
Situation wird aus einem Laut eine verständliche Botschaft. Ein
zentrales Element dieser Verständigung ist das Gedächtnis.
Elefantenweibchen können die Rufe von bis zu 100 individuellen
Artgenossen unterscheiden. In weitläufigen Lebensräumen ist das von
großer Bedeutung, erklärt die Biologin. "Gerade weil die
Kommunikation über große Distanzen geht, muss man sich merken: Wer
ist wer? Gehört der zu mir?" So entsteht ein soziales Netzwerk, das
nicht auf Sichtkontakt angewiesen ist. Ohne dieses Gedächtnis wäre
die Organisation der Herden kaum denkbar. Emotionale Dickhäuter
Elefanten verfügen auch über ein ausgeprägtes emotionales
Gedächtnis. In ihrem Buch Elefanten. Ihre Weisheit, ihre Sprache
und ihr soziales Miteinander, das zum Wissenschaftsbuch des Jahres
2024 gewählt wurde, beschreibt Stöger-Horwath, wie Elefanten auf
bestimmte Geräusche, Gerüche oder Orte noch Jahre nach belastenden
Ereignissen mit deutlichen Stressreaktionen reagieren können. Die
Erinnerungen sind dabei eng an sensorische Reize gekoppelt – ein
Phänomen, das an posttraumatische Belastungsreaktionen beim
Menschen erinnert. Erinnerung ist damit auch bei Elefanten ein
integraler Bestandteil ihres sozialen und kommunikativen Systems.
Die Relevanz dieser Forschung reicht über die Grundlagenbiologie
hinaus. Elefanten gelten als Schlüsselart, weil sie ihre
Lebensräume aktiv formen: Sie öffnen Landschaften, verbreiten Samen
und schaffen Wasserstellen, von denen zahlreiche andere Spezies
profitieren. Ihre Kommunikation steuert Wanderbewegungen und
Gruppendynamik – und damit indirekt ökologische Prozesse. Ein
besseres Verständnis kann auch dazu beitragen, Konflikte zwischen
Elefanten und Menschen besser zu managen, sagt Stöger-Horwath.
Notwendiges Durchhaltevermögen Hinter all diesen Erkenntnissen
steckt viel Arbeit. Elefantenkommunikation zu erforschen bedeutet,
Daten über Jahre hinweg zu sammeln, Tiere unter teils strapaziösen
Bedingungen zu beobachten und Rückschläge zu akzeptieren. Auch
institutionelle Rahmenbedingungen beeinflussen Forschungskarrieren,
so Stöger-Horwath: Befristete Stellen, Drittmittelabhängigkeit und
Flexibilität im Arbeitsort prägen, wer weiterkommt – und wer nicht.
Gerade diese Karrierebedingungen wirken sich nach wie vor nicht für
alle gleich aus. Zwar beginnen deutlich mehr Frauen als Männer ein
Biologiestudium, doch je höher die akademische Position, desto
stärker kehrt sich dieses Verhältnis um. Bemühungen der
Universitäten, gegenzusteuern, zeigen inzwischen Wirkung. "Es wird
besser, das sieht man an den Zahlen der Professorinnen", sagt die
Forscherin. Ansetzen müsse man aber schon viel früher – beim
Selbstvertrauen von Mädchen in technischen Dingen. Datenanalyse und
maschinelles Lernen sind heute selbstverständlicher Bestandteil der
Biologie. Gerade in diesen Bereichen nimmt Stöger-Horwath
Unterschiede wahr: "Studentinnen trauen sich oft weniger zu als
Studenten, vor allem wenn es um Technik geht." Was rät sie jungen
Frauen, die eine Karriere in der Biologie anstreben? "Durchhalten.
Nicht aufgeben. Aufgeben tut man einen Brief." Wissenschaftliche
Karrieren seien von Ablehnungen geprägt, auch wenn das von außen
oft unsichtbar bleibe. "Wenn ich einen Antrag bewilligt bekomme,
wurden vielleicht vorher drei andere abgelehnt. Scheitern ist
normal, man muss daraus lernen und durchhalten." Diese Ausdauer
braucht es auch, um tierische Kommunikation zu verstehen. Die
Forschung an Elefanten zeigt, wie vielschichtig Verständigung
organisiert sein kann – wenn man bereit ist, sie systematisch zu
untersuchen. Was einst als bloßer Instinkt galt, erweist sich als
komplexes Zusammenspiel aus Lauten, Gerüchen, Berührungen und
Erinnerung.
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11.02.2026
23 Minuten
Grippe, Covid, Norovirus: Nicht nur im Winter versuchen wir,
Virusinfektionen zu vermeiden – zu Recht, denn die Folgen können
unangenehm bis tödlich sein. Doch nicht immer, wenn von Viren die
Rede ist, geht es um Krankheitserreger: Manche können uns sogar
nützlich sein. Diese Perspektive rückt die Virologin Marilyn
Roossinck von der US-amerikanischen Pennsylvania State University
in ihrem Buch Viren. Die faszinierende Welt unserer heimlichen
Bewohner in den Vordergrund. In der aktuellen Folge des
STANDARD-Podcasts Rätsel der Wissenschaft erklärt die Expertin
im Gespräch mit Tanja Traxler, David Rennert und Julia Sica:
Welches menschliche Organ würde uns ohne Viren womöglich fehlen?
Was haben die Winzlinge mit der niederländischen Tulpenmanie
zu tun? Außerdem erörtert Roossinck, warum sie ungern darüber
spricht, ob Viren eigentlich leben oder nicht.
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28.01.2026
22 Minuten
Der Axolotl hat es weit gebracht. Lange war dieser mexikanische
Schwanzlurch ein weitgehend unbekanntes Tier, das ausschließlich in
den Kanälen und Seen rund um Mexiko-Stadt lebte und kaum jemandem
ein Begriff war. Heute ist er ein Superstar der
Regenerationsforschung und eine Ikone der Popkultur: Der niedliche
Salamander, der stets zu lächeln scheint, taucht in Videospielen,
Memes und Kinderzimmern auf. Noch mehr steht der Axolotl im
Rampenlicht der Forschung. Er kann verlorene Körperteile
vollständig nachbilden – eine Fähigkeit, die ihn zu einem der
wichtigsten Modellorganismen der modernen Biologie gemacht hat.
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14.01.2026
30 Minuten
US-Präsident Donald Trump will Grönland übernehmen – und steht
damit in einer historischen Tradition. Schon im 19. und 20.
Jahrhundert gab es Überlegungen der USA, die eisige Insel zu
kaufen. 1946 bot der US-Präsident Harry Truman sogar die stolze
Summe von 100 Millionen Dollar in Gold. Dänemark, das Grönland seit
dem 18. Jahrhundert als Kolonie verwaltete, winkte ab. Die
Bevölkerung Grönlands, deren Vorfahren größtenteils vor
Jahrtausenden aus Nordamerika eingewandert waren, hatte lange
keinerlei Mitspracherecht. Wer sind die Grönländerinnen und
Grönländer historisch betrachtet? Wie kam die Insel zu Dänemark?
Und was machte die eisige und unwirtliche Insel durch die
Jahrhunderte geopolitisch überhaupt interessant? Darüber sprechen
David Rennert und Tanja Traxler in der aktuellen Folge des
STANDARD-Podcasts Rätsel der Wissenschaft mit dem Historiker Marcus
Gräser von der Universität Linz.
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31.12.2025
26 Minuten
Können Tiere träumen? Wer mit Haustieren lebt, wird diese Frage
wahrscheinlich mit Ja beantworten. Hunde, die im Schlaf wild japsen
und die Pfoten bewegen oder Katzen, die schlafend auf der Couch
scheinbar Mäuse fangen, erwecken jedenfalls den Anschein, intensiv
zu träumen. Wissenschaftliche Nachweise für Träume bei Tieren zu
erbringen, ist jedoch alles andere als einfach. Lange Zeit galt die
Forschung dazu sogar als unwissenschaftlich oder irrelevant. In den
vergangenen Jahren hat die tierische Traumforschung aber große
Fortschritte gemacht. So zeigt sich etwa, dass die Schlafphasen
zahlreicher Spezies denen von Menschen erstaunlich ähnlich sind. Am
meisten und intensivsten träumen Menschen im sogenannten
REM-Schlaf, in dem auch die Gehirnaktivität zunimmt. Inzwischen
wurden REM-ähnliche Schlafphasen nicht nur bei vielen anderen
Säugetieren entdeckt, sondern auch bei Vögeln, Fischen, Kraken und
sogar bei Spinnen. Die Schlafphase allein beweist noch nicht, dass
ein Tier auch tatsächlich träumt. Die Hirnforschung liefert aber
immer mehr Hinweise darauf, was sich im tierischen Schlaf abspielt:
Bei manchen Vögeln etwa gleicht die neuronale Aktivität im
REM-Schlaf jener beim Fliegen oder Singen, bei Ratten sind wiederum
dieselben Muster wie beim Lösen von Aufgaben im Wachzustand
erkennbar. Träumen Vögel also vom Fliegen und Ratten von
Labyrinthen? Durchleben Tiere auch Albträume? Und was hat es mit
einem revolutionären Katzenexperiment aus den 1960er-Jahren auf
sich, dass die Samtpfoten zu Schlafwandlern machte? Diesen Fragen
gehen David Rennert und Tanja Traxler in der neuen Folge von
"Rätsel der Wissenschaft" nach.
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Über diesen Podcast
"Rätsel der Wissenschaft" ist der STANDARD-Podcast über die großen
Fragen der Menschheit. Wir erkunden den Ursprung des Lebens, die
Chancen der Gentechnik, die Möglichkeit von Zeitreisen und die
Erschließung des Weltraums. Und zwar so, dass es jeder und jede
versteht. Dazu recherchieren die Jounalist:innen der
STANDARD-Redaktion die jüngsten Erkenntnisse aus der Forschung,
sprechen mit den Expert:innen aus der Wissenschaftsszene und sehen
sich aktuelle Experimente an. Neue Folgen erscheinen immer
mittwochs auf derStandard.at, Spotify, Apple Podcasts und überall,
wo es Podcasts gibt.
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