D-RR307 Rheinsberg & das Bilderbuch für Verliebte

D-RR307 Rheinsberg & das Bilderbuch für Verliebte

31 Minuten

Beschreibung

vor 1 Woche

Nach der Sommerfrische, dem Prinzen Heinrich und der Rheinsberger
Kultur, geht es heute literarisch zu, auf den Spuren von Kurt
Tucholsky im Bilderbuch für Verliebte.
“Das ganze Glück ihrer großen Liebe”

(Kurt Tucholsky)
Der subjektive Einstieg

Manchmal wird man von Büchern eingeholt und wirft einen voll aus
der Realität des Lebens. Ein kleines Büchlein von Kurt Tucholsky
hatte das vor etwa zwei Jahren geschafft, als ich die Geschichte
mal wieder in die Hand nahm. Ein wenig glücksschwebend angesichts
des Wiederlesens mit Claire und Wölfchen beschloss ich. Da wo die
glücklich waren, da will auch ich mal hin.
Philosophie auch in der Musikkunst Rheinsberg – Foto: Rüdiger
Edelmann / ttb-media TON-TEXT-BILD

Gefühl, Freiheit, Liebe – das alles soll Rheinsberg sein? Besuche
ich etwa einen Glücksort und schwelge in Leichtigkeit?


Gedacht und getan: Im letzten Herbst. Dass daraus im November ein
Spätsommer werden würde, war noch nicht klar. Das Wetter
jedenfalls tat sein Bestes, um Städtchen und Literatur ins beste
Licht zu setzen.
Der Literat

Kurt Tucholsky betrat 1912 mit Rheinsberg nicht nur die
literarische Bühne, er veröffentlichte damit auch seinen ersten
Bestseller.
Die reale Geschichte? – Else Weil, auf einer Infotafel am
Ratskeller in Rheinsberg – Foto: Rüdiger Edelmann / ttb-media
TON-TEXT-BILD

Ein Jahr davor (oder war es schon 1910?) verbrachte er mit seiner
damaligen Verlobten Else Weil ein ähnliches Wochenende – in
Rheinsberg. Oder war es genau dieses Wochenende von Wölfchen
alias Kurt und Else alias Claire? Else Weil jedenfalls wurde Kurt
Tucholskys erste Frau.
Die Story Romantik a la Rheinsberg: Obelisk,
Postsäule am Triangelplatz – Foto: Rüdiger Edelmann / ttb-media
TON-TEXT-BILD

Die Figuren verschwimmen mit der Realität. Kurt Tucholsky und
Else Weil waren um 1910 da. Ihre Alter-Egos Wolfgang und Claire
traten erst mit der Veröffentlichung des Buchs im Jahr 1912 auf
den Plan. Diese Vermischung hört man des Öfteren auch in den
Originaltönen aus Rheinsberg. Die Charaktere geraten immer öfter
durcheinander. Aber ohne Kurt kein Wölfchen und Clairchen und
ohne Else auch keine Reise mit Kurt.


Die beiden Geschichten könnten identisch sein und spiegeln großes
Glück. Glück des Moments. Glück des Lebens?
Der touristische Influencer?

Das wollte ich auch herausfinden. Einige Facts deuten darauf hin.
Die Sommerfrische hatte um die Wende zum 20. Jahrhundert dazu
geführt, dass immer mehr Berliner begannen das Umland zu
entdecken.
Tucholsky Porträt im Museum – Foto: Rüdiger Edelmann /
ttb-media TON-TEXT-BILD

Er hatte es zwar nicht beabsichtigt, aber das Büchlein sorgte im
Jahr nach dem Erscheinen für einen regelrechten Rheinsberg-Boom.
Es soll Sonderzüge gegeben haben, die bis zu 6.000 Menschen an
einem Wochenende nach Rheinsberg und an die brandenburgischen
Seen brachten.


Das schafft heute allenfalls „Lonely Planet“. War Rheinsberg der
„Overtourism-Sündenfall“? Wenn ja, hat es das damals 2.000
Einwohner zählende Städtchen wohl verkraftet.


Merkpunkt: Die Bahn konnte und könnte sehr viel bewirken in
Sachen Tourismus. Damals wurden auch kleine Orte an die Schiene
angeschlossen, Mobilität ermöglicht. Das ist heute weitgehend
Historie. Glücklicherweise gibt es den Bahnhof Rheinsberg und
Verbindungen nach Berlin bis heute.


Nur: Wie gehen Touristen heute mit Rheinsberg, Tucholsky und der
kleinen wie großen Geschichte um? Den Kernsatz dazu hört Ihr im
Podcast von Stadtführerin Jeanette Lehmann.
Das Museum Kurt Tucholsky Museum:
Dauerausstellung – Foto: Rüdiger Edelmann / ttb-media TON-TEXT-BILD

Kurt Tucholsky: Den Journalisten, Satiriker, Autoren und Menschen
besser kennenlernen. Wer das möchte ist hier an der richtigen
Stelle. Es ist ein kleines, aber sehr feines Museum, das sich
zudem (auch im Tucholsky Sinne) um schreibende und bildende
Künstler:innen mit diversen Veranstaltungen kümmert.


Ich bin mit Peter Graf, dem
literaturwissenschaftlich-künstlerischen Projektmanager des
Museums, durch die Dauerausstellung gegangen, habe das kleine
Büchlein, die Erstausgabe von „Rheinsberg“ gesehen, Tucholskys
Schaffen kennengelernt und bin dem Menschen Kurt T. und seinem
Schicksal begegnet. Das rührt an.
Die Erstausgabe: Rheinsberg – Foto: Rüdiger Edelmann /
ttb-media TON-TEXT-BILD

Es ist sicher kein „Claire und Wölfchen Museum“; so wie Tucholsky
auch nicht auf den Autoren des Bilderbuchs für Verliebte zu
reduzieren ist. Wer nach Rheinsberg kommt, sollte das Kurt
Tucholsky Museum im Schloss aber zur Pflichtstation machen. Es
lohnt sich.


Es gibt ein Kombiticket. Damit kann man die Schlossführung
mitmachen und danach auch das Museum besuchen. Machen!
Das Schild   

Die öffentliche Liebeserklärung an das „Bilderbuch für Verliebte“
findet man in der Straße und Anlage „Am Markt“, gleich gegenüber
von Ratskeller und Triangelplatz.
Liebeserklärung an eine Stadt – Foto: Rüdiger Edelmann /
ttb-media TON-TEXT-BILD

Tucholsky hat den Text nicht verfasst. Niemand weiß so genau, wie
das erste Schild dort hingekommen ist, sagen die Rheinsberger.
Fest steht aber, dass das restaurierte Schild vor einigen Jahren
vom Verein Stadtgeschichte angebracht wurde. Inzwischen war klar,
dass es sich hervorragend als „Insta-Location“ eignet. Ich
schließe mich da gerne an: Ist toll für ein verliebtes Selfie.
Ach ja, ich war ja alleine dort.
Das Café Claire Café Claire – Foto: Rüdiger
Edelmann / ttb-media TON-TEXT-BILD

Da darf man auch alleine hin. Es gibt wundervolle Kuchen, leckere
Kaffee- und Teespezialitäten und mittags auch kleine Snacks. Über
den Birnen-Schmand-Kuchen hab ich im letzten Podcast schon
geschwärmt. In der ersten Novemberwoche 2025 bei 15 Grad draußen
in der Sonne zu sitzen, machte mein Glück perfekt.
Die Kurt Tucholsky Buchhandlung Kurt Tucholsky
Buchhandlung in Rheinsberg – Foto: Rüdiger Edelmann / ttb-media
TON-TEXT-BILD

Er befindet sich in unmittelbarer Nähe des Café Claire in der
Schlossstraße. Hier kann man alte Buchkultur schnuppern, moderne
Kinderliteratur erleben und natürlich den einen oder anderen
Tucholsky-Band mitnehmen. Geht auch als Geschenk. Ich finde der
Laden gehört einfach zum Rheinsberg-Erlebnis dazu und das schon
seit Jahrzehnten.
Die Filme

Es gibt zwei „Rheinsberg“ – Verfilmungen.
Rheinsberg 1

Der erste stammt aus dem Jahr 1967. Kurt Hoffmann hat ihn
in der BRD gedreht. Da ist von der guten alten
Zeit die Rede. Eine werbende und wertende Aussage, die Kurt
Tucholsky sicher verneint hätte.


Trotzdem ist es – so man ein wenig Feingefühl für Romantik hat –
eine tolle Verfilmung, deren Tonausschnitte ich zur Illustration
der Podcast-Akteure benutzt habe.


Ein Manko gibt es trotzdem. Der Film konnte damals nicht direkt
in Rheinsberg gedreht werden. ES gab zwar eine Anfrage. Die
zuständige DEFA lehnte das Ansinnen ab, weil sich die Örtlichkeit
nicht in einem filmenswerten Zustand befände. Damit hatte sie
sicher recht. Man musste ausweichen, zum Beispiel nach Gut und
Schloss Panker in Schleswig-Holstein, das sich in diesem Film als
Rheinsberg präsentieren musste.


Und gerade auch deshalb wollte ich hin – nach Rheinsberg, um zu
sehen, wie es da tatsächlich ausschaut. Ganz unter uns: Schöner
als im Film. – Das war mir ganz schnell klar. Da genügte schon
ein kleiner Rundgang durch den Schlosspark und auch durchs
Städtchen.


Heute wäre die Schlossanlage und das Schlosstheater auch wieder
in „filmenswertem Zustand“. Der Restaurierung ab 1992 sei Dank.
Rheinsberg 2

Hier handelt es sich um eine DEFA DDR-Produktion aus dem
Jahr 1987. Zwanzig Jahre später setzt man Schloss und
Umgebung geschickt in Szene. Dass die Inhalte sehr viel
freizügiger „rüberkommen“ ist sicher auch der Zeit geschuldet.
Man kann ihn kostenfrei bei YouTube streamen.


Meine Einschätzung: Kann man auch so machen. Was fehlt ist, das
auch von Tucholsky angedeutete, Berliner Idiom. Die 1967er Claire
(Cornelia Froboess) bleibt hier unübertroffen. Deshalb musste
ihre Stimme auch zwingend in den Podcast.
Specht oder Schleiereule “Ab ins Schilf”:
Grienericksee / Rheinsberg – Foto: Rüdiger Edelmann / ttb-media
TON-TEXT-BILD

Da gibt es in Buch wie Film 1 einen Disput zwischen Wölfchen und
Claire. Er behauptet am See einen Specht zu hören. Sie besteht
darauf, es sei eine Schleiereule. Aber die Beiden streiten ja
auch darüber, ob der Baum, auf den sie blicken eine Akazie oder
“ne Magnolie is”.


Auf der Suche nach Claires Schleiereule laufe ich zum See. Setze
mich auf eine Bank, schau direkt in den Schilfgürtel und stelle
fest, dass auch ich ein wenig verliebt bin. In Rheinsberg, in
Claire, in Tucholsky, ins Lesen und Träumen, in die Sehnsucht und
in die Natur, in die ich gerade schaue.
Foto: Rüdiger Edelmann / ttb-media TON-TEXT-BILD Mehr
zum Thema im Reiseradio

Rheinsberger Sommerfrische


Rheinsberg – Von Preußen, Prinzen und Paradiesen
Information & Links

Kurt Tucholsky – Museum Rheinsberg


Stadtgeschichte Rheinsberg


Kurt Tucholsky Buchhandlung, Rheinsberg


Tourismus Information Rheinsberg


Brandenburgische Seenplatte


Ruppiner Seenland


Reiseland Brandenburg
Hinweise

Die Recherche für diesen Podcast wurde unterstützt von
Reiseland Brandenburg und seinen Partnern vor Ort. Meine Meinung
wurde nicht beeinflusst!
Foto: Rüdiger Edelmann / ttb-media TON-TEXT-BILD

 
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