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Beschreibung
vor 11 Monaten
Du stehst am Rand eines alten Industriekomplexes. Zwischen
dichten Nebelschwaden und schroffen Bergflanken breitet sich das
Gelände vor dir aus, als wäre es gerade einem alten Filmstreifen
entstiegen. Die Julischen Alpen im Hintergrund wirken still und
unberührt, während dir der verfallene Bau zu deinen Füßen
Geschichten aus längst vergangenen Jahrzehnten zuflüstert.
Willkommen in Slowenien – einem der am meisten unterschätzten
Paradiese für Urban Exploration in Europa.
Slowenien ist ein Land, das auf kleinem Raum eine ungeheure
Vielfalt bietet – von verlassenen Sanatorien in alpinen Höhen bis
zu vergessenen Hotels aus der Tito-Ära an der Adriaküste. Diese
Lost Places erzählen dir nicht nur von der wechselvollen
Geschichte des ehemaligen Jugoslawiens, sondern auch vom Wandel
einer Gesellschaft, die zwischen sozialistischem Erbe und
kapitalistischer Moderne oszilliert.
Einer der faszinierendsten Orte ist das verlassene Sanatorium in
Bled – versteckt im Wald, schwer zugänglich, aber ein absolutes
Juwel für Fotografie. Die Räume sind noch ausgestattet mit
Betten, medizinischen Geräten und Wandmalereien, die an einen
anderen Umgang mit Krankheit und Heilung erinnern. Durch die
zerbrochenen Fenster fällt das Licht in schrägen Linien, Staub
tanzt in der Luft – ein idealer Ort, um mit natürlichem Licht und
langen Belichtungszeiten zu arbeiten.
Ein anderes Beispiel ist das ehemalige jugoslawische
Militärgelände in der Nähe von Kočevje. Tiefe Bunker, verlassene
Übungshallen und verrostete Wachtürme eröffnen dir eine düstere,
fast postapokalyptische Atmosphäre. Die Isolation und das Echo
deiner Schritte zwischen den nackten Betonwänden lassen dich
förmlich in die Geschichte eintauchen. Hier kannst du filmisch
besonders mit Sounddesign experimentieren – Windgeräusche,
Tropfen, das Quietschen alter Metalltüren – alles lässt sich
direkt vor Ort einfangen.
In einer Zeit, in der Städte immer stärker durchgentrifiziert und
überreguliert sind, wird Urbex zu einem Akt des Widerstands – ein
Versuch, Räume zu betreten, die sich dem Zugriff des Alltags
entziehen. Gerade in Slowenien, wo der Tourismus boomt, aber
viele ländliche Regionen unter Entvölkerung leiden, findest du
Orte, an denen sich der gesellschaftliche Wandel beinahe
körperlich spüren lässt. Urbex-Fotografie wird hier zur
Dokumentation eines Zwischenraums – nicht nur des Verfalls,
sondern auch der Transformation.
Interessant ist auch die Verbindung zur Nachhaltigkeit. Viele
dieser verlassenen Orte erzählen Geschichten über gescheiterte
Industrien, über die Umweltsünden vergangener Zeiten, aber auch
über neue Chancen. Einige urbane Ruinen, etwa alte Fabrikhallen
in Maribor, werden heute von Künstler:innen wiederbelebt. Als
Fotograf:in oder Filmemacher:in kannst du diese Prozesse sichtbar
machen, etwa in Form von Zeitrafferprojekten oder kurzen Dokus
über sogenannte „Creative Reuse“-Projekte.
Wenn du filmisch oder fotografisch arbeitest, liegt die Magie
nicht nur im Ort selbst, sondern auch in der Art, wie du ihn
inszenierst. Nutze Drohnenflüge, um die Dimensionen der Anlagen
zu erfassen, arbeite mit Kontrasten – etwa zwischen Natur und
Technik, zwischen Licht und Schatten, zwischen altem Mauerwerk
und moderner Ausrüstung. Verwende verlassene Orte als Kulisse für
fiktionale Kurzfilme, Musikvideos oder auch künstlerische
Performances.
In Slowenien lohnt es sich auch, thematisch zu arbeiten. Ein
Beispiel: Die Spuren des Kalten Krieges. In vielen Bunkern und
unterirdischen Anlagen kannst du gezielt Szenen nachstellen,
dokumentarisch arbeiten oder künstlerisch mit dem Thema Angst,
Kontrolle und Isolation umgehen – Themen, die auch heute wieder
aktueller erscheinen, als man glauben mag. In einer Welt nach
Corona, in der sich Isolation und Rückzug in neuer Weise in unser
kollektives Bewusstsein eingebrannt haben, werden diese Orte zur
Projektionsfläche für gesellschaftliche Ängste und Sehnsüchte.
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