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Folge 34 - Schlechte Zeit für Lyrik, Neue Naturdichtung (Bertolt Brecht, Erich Fried)

Folge 34 - Schlechte Zeit für Lyrik, Neue Naturdichtung (Bertolt Brecht, Erich Fried)

Lyrikschule vor 4 Jahren
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24:47
Darf ein Autor über die Natur schreiben, wenn die Welt
dringendere Themen bereithält? Kann ein Autor oder eine Autorin
ruhigen Gewissens ein Naturidyll beschreiben oder gibt es nicht
geradezu eine Pflicht, sich politischen und
gesellschaftskritischen Themen zuzuwenden? Das sind die Fragen,
die Brecht und Fried in diesen beiden Texten umtreiben.
Nichtsdestotrotz enthalten sie auch naturlyrische Beobachtungen,
die den Autoren als Kontrastfolie dienen, um ihre jeweiligen
Anliegen zu begründen.

Bertolt Brecht

Schlechte Zeit für Lyrik (1939)

Ich weiß doch: nur der Glückliche

Ist beliebt. Seine Stimme

Hört man gern. Sein Gesicht ist schön.

Der verkrüppelte Baum im Hof

Zeigt auf den schlechten Boden, aber

Die Vorübergehenden schimpfen ihn einen Krüppel

Doch mit Recht.

Die grünen Boote und die lustigen Segel des Sundes

Sehe ich nicht. Von allem

Sehe ich nur der Fischer rissiges Garnnetz.

Warum rede ich nur davon

Daß die vierzigjährige Häuslerin gekrümmt geht?

Die Brüste der Mädchen

Sind warm wie ehedem.

In meinem Lied ein Reim

Käme mir fast vor wie Übermut.

In mir streiten sich

Die Begeisterung über den blühenden Apfelbaum

Und das Entsetzen über die Reden des Anstreichers.

Aber nur das zweite

Drängt mich zum Schreibtisch.

Erich Fried

Neue Naturdichtung (1972)

Er weiß daß es eintönig wäre

nur immer Gedichte zu machen

über die Widersprüche dieser Gesellschaft

und daß er lieber über die Tannen am Morgen

schreiben sollte

Daher fällt ihm bald ein Gedicht ein

über den nötigen Themenwechsel und über

seinen Vorsatz

von den Tannen am Morgen zu schreiben

Aber sogar wenn er wirklich früh genug aufsteht

und sich hinausfahren läßt zu den Tannen am Morgen

fällt ihm dann etwas ein zu ihrem Anblick und Duft?

Oder ertappt er sich auf der Fahrt bei dem Einfall:

Wenn wir hinauskommen

sind sie vielleicht schon gefällt

und liegen astlos auf dem zerklüfteten Sandgrund

zwischen Sägemehl Spänen und abgefallenen Nadeln

weil irgendein Spekulant den Boden gekauft hat

Das wäre zwar traurig

doch der Harzgeruch wäre dann stärker

und das Morgenlicht auf den gelben gesägten Stümpfen

wäre dann heller weil keine Baumkrone mehr

der Sonne im Weg stünde. Das

wäre ein neuer Eindruck

selbsterlebt und sicher mehr als genug

für ein Gedicht

das diese Gesellschaft anklagt

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