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  4. Folge 71 - Politische Lyrik (Bürger, Gellert, Fontane, Grass)
Wie funktionieren politische Texte? Was sind ihre Strategien? Das
wird in dieser Folge an 4 Beispielen gezeigt.

Die ersten beiden Texte sind von Gottfried August Bürger (der
Bauer an seinen durchlauchtigen Tyann) und Christian Fürchtegott
Gellert (das Kutschpferd). Ich kann sie hier leider nicht
vollumfänglich zitieren, da die Shownotes auf 4000 Zeichen
begrenzt sind.

Dafür aber im Folgenden die anderen beiden Texte in ganzer Länge:

Theodor Fontane

Berliner Republikaner (um 1841)

     Berliner Jungen scharten sich

Vor einiger Zeit allabendlich

Nicht weit vom Kupfergraben

Und sangen gottserbärmlich:

„Wir brauchen keenen Kenig nich,

Wir wollen keenen haben!“

     Da endlich packt ein
Fußgendarm

Nicht eben allzuzart am Arm

Den allergrößten Jungen,

Und spricht: „He, Bursch, juckt dir das Fell,

Du Tausendsapperments-Rebell?

Was hast du da gesungen?“

     Doch der Berliner comme il
faut

Erwidert: „Hab Er sich nicht so,

Und laß Er sich begraben;

Wozu denn gleich so ängstiglich,

Wir brauchen keenen Kenig nich,

Weil wir schon eenen haben!“

Günter Grass

Was gesagt werden muss (2012)

Warum schweige ich, verschweige zu lange,

was offensichtlich ist und in Planspielen

geübt wurde, an deren Ende als Überlebende

wir allenfalls Fußnoten sind.

Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,

der das von einem Maulhelden unterjochte

und zum organisierten Jubel gelenkte

iranische Volk auslöschen könnte,

weil in dessen Machtbereich der Bau

einer Atombombe vermutet wird.

Doch warum untersage ich mir,

jenes andere Land beim Namen zu nennen,

in dem seit Jahren - wenn auch geheimgehalten -

ein wachsend nukleares Potential verfügbar

aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung

zugänglich ist?

Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,

dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,

empfinde ich als belastende Lüge

und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,

sobald er mißachtet wird;

das Verdikt "Antisemitismus" ist geläufig.

Jetzt aber, weil aus meinem Land,

das von ureigenen Verbrechen,

die ohne Vergleich sind,

Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird,

wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch

mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert,

ein weiteres U-Boot nach Israel

geliefert werden soll, dessen Spezialität

darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe

dorthin lenken zu können, wo die Existenz

einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,

doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will,

sage ich, was gesagt werden muß.

Warum aber schwieg ich bislang?

Weil ich meinte, meine Herkunft,

die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,

verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit

dem Land Israel, dem ich verbunden bin

und bleiben will, zuzumuten.

Warum sage ich jetzt erst,

gealtert und mit letzter Tinte:

Die Atommacht Israel gefährdet

den ohnehin brüchigen Weltfrieden?

Weil gesagt werden muß,

was schon morgen zu spät sein könnte;

auch weil wir - als Deutsche belastet genug -

Zulieferer eines Verbrechens werden könnten,

das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld

durch keine der üblichen Ausreden

zu tilgen wäre.

Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,

weil ich der Heuchelei des Westens

überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen,

es mögen sich viele vom Schweigen befreien,

den Verursacher der erkennbaren Gefahr

zum Verzicht auf Gewalt auffordern und

gleichfalls darauf bestehen,

daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle

des israelischen atomaren Potentials

und der iranischen Atomanlagen

durch eine internationale Instanz

von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.

Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern,

mehr noch, allen Menschen, die in dieser

vom Wahn okkupierten Region

dicht bei dicht verfeindet leben

und letztlich auch uns zu helfen.
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„Folge 71 - Politische Lyrik (Bürger, Gellert, Fontane, Grass)“

Worum geht es? Danach fragen wir noch nach dem Grund.

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