Das Kainszeichen - Geschichte einer Vergewaltigung Archiv
33 Episoden
89 Sekunden
Die Episode in der Ich-Form spielt in der Lungenheilanstalt. Zur Strafe, weil er nicht artig war, wird der Junge von einer Schwester in einen Schrank gesperrt. In der absoluten Dunkelheit und Enge des Schranks erlebt er Todesangst: Hände und Unwesen scheinen nach ihm zu greifen und schwindelnde schwarze Kreise saugen ihn hinaus aus der Welt oder aus sich. Bereits in diesem frühen Lebensabschnitt findet also eine Dissoziation vom eigenen Körper statt.
6 Minuten
Diese Episode hat drei Teile. In Teil 1 wird in Ich-Form aus der Sicht des Kleinkindes beschrieben, wie es in den Sterbekeller der Lungenheilanstalt gebracht wurde, wo die Betten mit den verstorbenen Patienten weiß zugedeckt auf die Bestattung warten. Die Szene beschreibt die frühe Begegnung mit der Todesangst: das Kind fürchtet, entdeckt und durch die weiße Sterbedecke getötet, „totgedeckt“ zu werden.
Teil 2 ist durch den Wechsel in die Pierre-Form markiert. Der ältere Pierre – ob als älteres Kind bzw. Jugendlicher oder Erwachsener ist nicht ganz klar – hat seine Mutter mit dem in Teil 1 beschriebenen Erlebnis konfrontiert. Die Mutter reproduziert jedoch das Muster, dass man Kindern ihre (Missbrauchs-) Erfahrungen nicht glaubt: Sie streitet ab, dass es einen solchen Sterbekeller überhaupt gegeben habe.
Teil 3 wechselt wieder in die Ich-Form. Der Ich-Erzähler befindet sich in derselben psychiatrischen Klinik, die in Episode 1 bereits Schauplatz war. Grund ist, dass seine suizidale Tendenz ihn dazu gebracht hat, eine Überdosis Drogen zu nehmen. Die vielen weißen Betten in der Klinik rufen die Erinnerung an die frühkindliche Erfahrung mit dem Sterbekeller herauf. Die Betten erinnern ihn an ein weißes Schneefeld und wecken den Wunsch, viele Jahre unter dem Schnee zu schlafen. Im Gespräch mit dem Arzt äußert er, dass er bereits ein rundes Dutzend Selbstmordversuche unternommen habe. Sein Wunsch sei allerdings weniger der Tod, sondern eben ein viele Jahre langer Schlaf, um danach aufzuwachen, verbunden mit dem Wunsch, keinen Menschen mehr zu kennen, das Stigma des Kainszeichens nicht mehr zu tragen und neu gehen zu lernen. „Und was wollen Sie tun, wenn ich Sie hier entlasse?“, fragt der Arzt. „Schlafen“, antwortet der Erzähler. „Einfach nur schlafen.“
Teil 2 ist durch den Wechsel in die Pierre-Form markiert. Der ältere Pierre – ob als älteres Kind bzw. Jugendlicher oder Erwachsener ist nicht ganz klar – hat seine Mutter mit dem in Teil 1 beschriebenen Erlebnis konfrontiert. Die Mutter reproduziert jedoch das Muster, dass man Kindern ihre (Missbrauchs-) Erfahrungen nicht glaubt: Sie streitet ab, dass es einen solchen Sterbekeller überhaupt gegeben habe.
Teil 3 wechselt wieder in die Ich-Form. Der Ich-Erzähler befindet sich in derselben psychiatrischen Klinik, die in Episode 1 bereits Schauplatz war. Grund ist, dass seine suizidale Tendenz ihn dazu gebracht hat, eine Überdosis Drogen zu nehmen. Die vielen weißen Betten in der Klinik rufen die Erinnerung an die frühkindliche Erfahrung mit dem Sterbekeller herauf. Die Betten erinnern ihn an ein weißes Schneefeld und wecken den Wunsch, viele Jahre unter dem Schnee zu schlafen. Im Gespräch mit dem Arzt äußert er, dass er bereits ein rundes Dutzend Selbstmordversuche unternommen habe. Sein Wunsch sei allerdings weniger der Tod, sondern eben ein viele Jahre langer Schlaf, um danach aufzuwachen, verbunden mit dem Wunsch, keinen Menschen mehr zu kennen, das Stigma des Kainszeichens nicht mehr zu tragen und neu gehen zu lernen. „Und was wollen Sie tun, wenn ich Sie hier entlasse?“, fragt der Arzt. „Schlafen“, antwortet der Erzähler. „Einfach nur schlafen.“
3 Minuten
Diese Episode in Ich-Form schließt direkt an die vorhergehende an. Sie beschreibt, wie das Kind in der Pflegeeinrichtung wiederholt mit Lederriemen an sein Bett gefesselt wurde, weil es nicht artig gewesen sei. Der Ich-Erzähler beschreibt eine Halluzination, in der kleine, zungenartige Männchen aus seinen Ohren und seiner Nase kommen und ihm zurufen: „Du warst nicht artig!“ Vergeblich, denn er ist ja festgebunden, versucht er sie mit seinem Kopf zu zerdrücken und zum Schweigen zu bringen. Erst in die Nase gesteckte Steinchen bringen die Männchen zum Schweigen, aber der Erzähler hat das Gefühl, diese seien für immer in ihm geblieben und verwachsen. Dieses weitere Bild dafür, wie verinnerlicht das Schuldgefühl ist, betont die Dimension der Entfremdung (der Stein als buchstäblicher Fremd-Körper im Inneren) und der Ver-Steinerung, also der Dissoziation vom eigenen Körper.
3 Minuten
Diese Episode ist eine Erinnerung des Ich-Erzählers an seine frühe Kindheit im Alter von zwei oder drei Jahren. Er befindet sich in einer Pflegeeinrichtung. (Dass es eine Lungenheilanstalt ist, wird hier nicht angesprochen, ist jedoch aus Episode 1 bekannt.) Dort wird er von „Frauen mit Macht“ beaufsichtigt, den Schwestern, bekommt aber anders als die anderen Kinder keinen Besuch. „Trauriges Gefühl von Gift in mir.“ Er sehnt sich nach Nähe, möchte wie die anderen Kinder umarmt und lieb gehabt werden. Deshalb klammert er sich an eine Schwester und bittet um einen Gutenachtkuss, doch die Schwester stößt ihn schroff zurück. Dieses Verstoßensein beschreibt er als „die Vertreibung aus dem Paradies in die Hölle der Schuld“. Der Erzähler mutmaßt, dass er hier erstmals in seinem Leben die Scham empfand, wie minderwertig, wie böse er sei, und fragt: „Kam so das Gift des Verschweigens in mein Leben? Beginnt eine Vergewaltigung nicht lange, bevor sie stattfindet?“ Tatsächlich liegt hier offenbar emotionale Gewalt durch Vernachlässigung vor, weil die Mutter das Kind nie besucht. Unter dem „Gift des Verschweigens“ kann man das Fehlen von (Ur-) Vertrauen und emotionaler Zuwendung sehen, das später das Kind 1. anfällig machen wird für die Zuwendung des Vergewaltigers und es 2. dem Kind unmöglich machen wird, im familiären Rahmen über den sexuellen Missbrauch zu sprechen. Diese Deutung des Erzähler-Ichs legt nahe, wie stark verinnerlicht das Schuldgefühl ist. Ob es wirklich aus dieser frühkindlichen Erfahrung oder aus der späteren Vergewaltigung herrührt: in jedem Fall prägt das Schuldgefühl seine Selbstwahrnehmung so stark, dass er sogar eine Lebensphase, die weit vor der Vergewaltigung lag, beim späteren Erinnern im Lichte dieses Schuldgefühls deutet.
3 Minuten
Auf der Meta-Ebene gelangen Rübezahl und Pierre in die Mitte des Dorfes. Dort stehen auf einem großen Kreuz die Namen aller Heiligen der Welt eingraviert. Pierre erkennt sofort, dass drei Namen fehlen: Klabautermann, Neptun und Wotan. Dann führt Rübezahl Pierre in ein Haus, in dem Pierre heute Nacht schlafen werde, und bietet ihm zu essen eine Mischung aus einer zerdrückten Spinne und einem Vogelei an, die er mittels einer übernatürlichen Dehnung seiner Arme zubereitet. Dann verlässt Rübezahl das Haus, und Pierre begibt sich zum Schlafen auf den Dachboden. Weil er Angst vor Eindringlingen hat, sucht er nach einem schweren Gegenstand, den er auf die Bodenluke stellen kann. Dabei fällt sein Blick auf die Seemannskiste, die in Szene 1 als Bild für die verdrängten Erinnerungen eingeführt wurde. Die Meta-Ebene und die Ebene des Erinnerungsberichts berühren sich hier also explizit. Pierre legt sich schlafen und träumt, er sei wieder ein kleines Kind. Das Kind ist in Eisenketten gefesselt und wird von zwei Wächtern einen langen Weg entlang geschleppt – und zwar so lange, dass es in dieser Gefangenschaft zu einem jungen Mann heranwächst. In den beiden Wächtern kann man entweder den Stiefvater und den Vergewaltiger oder aber den Stiefvater und die Mutter sehen. In jedem Fall bringt das Bild zum Ausdruck, dass die Gewalterfahrungen des Kindes dessen Heranwachsen bestimmen.
5 Minuten
„Kann man ein Kind nicht auf viele Arten vergewaltigen?“ In dieser wieder in der Ich-Form erzählten Episode geht es um Demütigung durch körperliche und emotionale Gewalt. Der Junge freut sich auf eine dreiwöchige Radtour mit einer Jugendgruppe. Nicht nur, weil er damit drei Wochen dem Zugriff des prügelnden Stiefvaters entzogen ist. Sondern auch, weil er ein Gefühl der Zugehörigkeit zu den gleichaltrigen Schulkameraden und des Selbstwerts verspürt, das er sonst kaum erlebt. Er hat etwas, das sie auch haben – den Wimpel „Geprüfter Radfahrer“ an seinem frisch geputzten Rad – und das er selbst erworben hat: „Ich kann was.“ Als der Stiefvater am Abfahrttag den Wimpel erblickt, sagt er: „Was soll das? Du kannst doch gar nicht Rad fahren. Der Wimpel kommt weg, sonst fährst du gar nicht erst mit.“ Er schlägt den Jungen und reißt den Wimpel ab. Wieder äußert sich die krasse Dualität der Realitäten: Das Kind kann ja in Wirklichkeit ganz offensichtlich Rad fahren, aber die „Wahrheit“ des Stiefvaters besteht darin, dass das Kind nichts wert ist und nichts kann, und er setzt dieses Dogma auch hier wieder mit Gewalt durch. Die Scham vor den Schulkameraden ist so groß, dass das Kind nur schweigen kann.
Ein weiteres Beispiel für diese Demütigung durch körperliche und emotionale Gewalt, diesmal durch die Mutter, ist die zweite Szene. Das Kind ist beim Friseur, dieser schlägt ihm vor, statt des von der Mutter gewünschten Scheitels sich einen Pony schneiden zu lassen. Die Mutter bestraft das Kind für diese Eigenmächtigkeit durch extreme körperliche Gewalt, indem sie mehrere hölzerne Kochlöffel auf dem Gesäß des Kindes zerschlägt. Auf den Protest des Kindes, dazu habe sie kein Recht, antwortet sie: „Ich bin deine Mutter und habe immer das Recht, dich zu schlagen. Und wenn du zwei Meter groß wirst und ich auf einen Stuhl steigen muss, um dich zu ohrfeigen.“ Dann nimmt die Mutter das Kind mit zum Friseur, der auf Weisung der Mutter den Haarschnitt ändert. Auch in dieser Situation kann das Kind vor dem Friseur nur schweigen und dessen Blick ausweichen, weil seine Scham so groß ist.
Ein weiteres Beispiel für diese Demütigung durch körperliche und emotionale Gewalt, diesmal durch die Mutter, ist die zweite Szene. Das Kind ist beim Friseur, dieser schlägt ihm vor, statt des von der Mutter gewünschten Scheitels sich einen Pony schneiden zu lassen. Die Mutter bestraft das Kind für diese Eigenmächtigkeit durch extreme körperliche Gewalt, indem sie mehrere hölzerne Kochlöffel auf dem Gesäß des Kindes zerschlägt. Auf den Protest des Kindes, dazu habe sie kein Recht, antwortet sie: „Ich bin deine Mutter und habe immer das Recht, dich zu schlagen. Und wenn du zwei Meter groß wirst und ich auf einen Stuhl steigen muss, um dich zu ohrfeigen.“ Dann nimmt die Mutter das Kind mit zum Friseur, der auf Weisung der Mutter den Haarschnitt ändert. Auch in dieser Situation kann das Kind vor dem Friseur nur schweigen und dessen Blick ausweichen, weil seine Scham so groß ist.
3 Minuten
Auch in dieser Episode geht es um die Rolle des institutionellen Umfelds. Der 12-jährige Junge hat herausgefunden, dass sein Vater nur sein Stiefvater ist, dass das Kind nicht einmal adoptiert ist und dadurch auch den Namen des Stiefvaters gar nicht zu Recht trägt. Die Mutter hatte ihm dies verschwiegen. Erfahren hat es der Junge von seinem „einzigen Freund“, seinem Vergewaltiger. Damit eröffnet sich für den Jungen die Perspektive, sich vom Stiefvater zu befreien, dessen Gewalt nun als gesetzlich nicht mehr legitimiert erscheint. Der Junge ist daher auf der Suche nach der Dienststelle der Jugendfürsorge, die sich in der Klopstockstraße befinden soll. Er findet den zuständigen Amtsvormund und bittet darum, in einem Heim untergebracht zu werden. In Erinnerung bleibt ihm nur die enttäuschte Hoffnung durch die abschlägige Antwort der Sachbearbeiterin: „Bei euch daheim ist doch alles in Ordnung, dein Stiefvater hat Arbeit und er verdient gut. Ich habe mich um Wichtigeres zu kümmern.“ Wieder tritt – diesmal seitens der eigentlich zuständigen Behörde – der Fall auf, dass man Kindern ihre Missbrauchserfahrungen nicht glaubt bzw. diese nicht ernst nimmt.
24 Sekunden
Auf der Meta-Ebene wird beim Übergang zum nächsten Fenster die Frage gestellt: „Wo und wem aber sollten die Bilder etwas erzählen?“ Damit wird die Suche nach einer Form für die Bilder angesprochen. Das Ergebnis dieser Suche ist der Text „Das Kainszeichen“ selbst.
2 Minuten
Auch in dieser Episode geht es um die Rolle des institutionellen Umfelds. Obwohl der erste Satz in der Er-Form steht, findet dann sofort ein Wechsel in die Ich-Form statt. Dieses „Schwanken“ der Erzählperspektive kann man als Symbol lesen für die Dissoziation vom eigenen Körper und die Abspaltung der Erinnerungen von sich. Die Szene selbst beschreibt den Fall, wenn man Kindern ihre Missbrauchserfahrungen nicht glaubt seitens des Umfeldes, und zwar anhand der Rolle von Kinderzeichnungen. Im Zeichenunterricht wird das Thema „Jonas im Walfisch“ gestellt. Nach der Stunde wird der Junge im Rektorat befragt, was er da gezeichnet habe. Es antwortet: „Der große Mann schlägt den Jungen auf seinen nackten Hintern … mit einem langen, langen Lederriemen.“ Warum kommt der Lederriemen aus der Hose des Mannes heraus, wird weiter gefragt. Das Kind hat in diesem Bild, das sowohl den Gürtel des Stiefvaters wie auch den Penis des Vergewaltigers darstellen kann, beide Arten von Gewalt erfasst, denen es ausgesetzt ist. Aber die Antwort auf die Frage will niemand hören, die Tabuisierung auch dieser (nicht nur der sexuellen) Gewalterfahrung setzt sich fort. Das Kind wird vom Schulpersonal ermahnt, nicht so schmutzige Sachen zu zeichnen. „Der Junge hat zu viel Fantasie“, sagt eine Lehrkraft.
3 Minuten
In dieser Episode geht es um die Rolle des institutionellen Umfelds. In der Ich-Form wird erzählt, wie ein Lehrer das Kind auf seine blauen Flecken anspricht. Das Kind fasst Vertrauen zum Lehrer und sagt: „Mein Vater ...“ Der Lehrer kündigt an, mit dem Vater zu reden, und kommt tatsächlich zu einem Hausbesuch. Das Kind hört vom Bett aus, wie Lehrer und Stiefvater miteinander reden. Der Stiefvater schildert dem Lehrer, wie schwierig und verlogen das Kind sei. Anschließend schlägt er das Kind und wirft ihm dabei vor, dem Lehrer Lügen erzählt zu haben. Dieser maximale Widerspruch – der Stiefvater bezeichnet den Bericht über seine Gewalt als Lüge, während er sie ausübt – ist symptomatisch für die Dualität der Realitäten in der Familie: „Wahrheit“ ist das, was die Erwachsenen vorschreiben (die „offizielle Wahrheit“ des familiären Systems), Wirklichkeit ist das, was mit dem Kind geschieht. „Enttäuschte Hoffnung, wo es nie wirklich Hoffnung gab“, erfährt das Kind am nächsten Tag in der Schule, weil der Lehrer sich auf die Seite des Vaters hat ziehen lassen: „Bist du nicht selber schuld, dass dein Vater dich so behandelt?“ Aus heutiger Sicht besonders verstörend erscheint es, dass der Lehrer dem Kind zwar glaubt, dass es Gewalt erfährt, er diese aber als legitimes Mittel der Erziehung einstuft. Für das Kind ist entscheidend: auch durch diese Enttäuschung verinnerlicht es das Schuldgefühl, das es auch im Kontext des sexuellen Missbrauchs erlebt. „Der einzige Mensch, dem ich vertraute: verloren. Und schuld war wieder ich.“ Diese Schuldgefühle entstehen – und das ist auch in heutigen Fällen aktuell – auch dann, wenn man Kindern ihre Missbrauchserfahrungen nicht glaubt.
31 Sekunden
„Weitergehen! Niemals stehen bleiben!“, fordert Rübezahl Pierre auf der Meta-Ebene auf, sich nicht von seinen Erinnerungen überwältigen zu lassen. Doch der aufgewühlte Pierre bleibt bei einem weiteren Fenster stehen und die nächste Episode beginnt.
4 Minuten
Die Leitmotiv-Frage nach dem Beginn der Vergewaltigung eröffnet nun eine Episode, in der es um die extreme körperliche Gewalt des Stiefvaters gegen das 12- oder 13-jährige Kind geht, das zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Jahre des sexuellen Missbrauchs hinter sich hat. (Auch hier ist die körperliche Erinnerung an den vor Angst schmerzenden Magen noch zum Zeitpunkt des Erzählens Jahrzehnte später vorhanden.) Das Erlebte führt zu einer Dissoziation vom eigenen Körper: „Doch ich bin nicht mehr in diesem Körper, Alter. Ich stehe neben dir und schaue zu, wie du auf diesen Körper, wie du auf dieses Kind einschlägst. … Du hast keine Macht mehr über mich, selbst wenn du mich jetzt totschlagen solltest.“ In seinen Rachefantasien wünscht sich das Kind ein Messer, um nur ein paar Sekunden seinen Hass gegen den Peiniger auszuleben. Dazu kommt es jedoch nicht. Das Kind resigniert und fühlt sich wie „das älteste Kind der Welt“. Es zeichnet sich ab, dass sein ganzes Leben von diesen Erfahrungen geprägt sein wird: „Wann endet die Geschichte einer Vergewaltigung?“
23 Sekunden
Die Meta-Ebene dient hier als Überleitung zwischen zwei Szenen. Pierre blickt immer wieder in Fenster, Rübezahl zieht ihn weiter. Als Pierre vor einem weiteren großen Fenster stehen bleibt, eröffnet dies den Blick in die nächste Erinnerungs-Szene.
11 Minuten
Diese Episode beginnt wieder mit der Leitmotiv-Frage, wo die Geschichte einer Vergewaltigung beginnt: „Beginnt die Geschichte einer Vergewaltigung wirklich mit der Vergewaltigung?“ Hier wird zunächst in der Pierre-Form berichtet, dass Pierre sich noch genau an die Stufen der Treppe in den Keller erinnern kann, in dem er jahrelang regelmäßig von einem älteren Nachbarsjungen vergewaltigt wurde.
Dann erfolgt ein Wechsel in die Ich-Form. „Manchmal glaube ich, ich kann nicht vergessen, weil ich mich nicht an ihn erinnern kann.“ Wie der Vergewaltiger aussah, entzieht sich der Erinnerung, an der Stelle des Täters klafft ein Loch in der Erinnerung. Das Ich spekuliert darüber, ob ein Vergessen möglich werden könnte, wenn noch einmal eine Konfrontation mit dem Täter möglich wäre. Dann folgt eine Beschreibung der ersten Begegnung mit dem Vergewaltiger und des Beginns des Missbrauchs. Der Täter ist ein Schüler auf dem Gymnasium, etwa doppelt so alt wie sein achtjähriges Opfer. Er spricht das Kind an und zeigt ihm seine Modelleisenbahn. „War ich glücklich, weil jemand mit mir spielen wollte?“ Im Keller sei noch mehr von der Bahn. Dort kommt es zur ersten Vergewaltigung. Sie wird sich vier Jahre lang an jedem Werktag wiederholen, wenn die Erwachsenen außer Haus sind und die Gefahr der Entdeckung gering ist: „1000 Mal den Kellerboden schockhaft kalt am Bauch gespürt, 1000 Mal den Arsch hochgestreckt.“ Jede Erinnerung an die Ereignisse wirft das Ich wieder in diese Erfahrung zurück, die psychische Erschütterung lässt es glauben, wahnsinnig zu werden. „Doch diese Gnade bleibt mir verwehrt.“ Der Täter braucht es nicht oft zu sagen, das Kind spürt instinktiv die Tabuisierung: der Missbrauch muss geheim gehalten werden, sonst droht ihm der Tod. „Sexuelle Neugier? Nein. Nur Angst. Nur Schmerz.“ Das achtjährige Kind ist neu zugezogen in der Gegend und sozial isoliert, weil es von der Sonderschule kommt. Dies begünstigt eine starke emotionale Abhängigkeit vom Täter: Das Kind sieht den Vergewaltiger als seinen einzigen Freund, „der so schlimme Dinge mit mir tun musste, damit er mein Freund sein durfte“. Das erwachsene Ich, 20 oder 30 Jahre später, hat kaum andere Erinnerungen an diese Zeit seiner Kindheit. Die Erinnerungen kommen stets nur in Alpträumen, wobei das Zählen der Stufen der Kellertreppe immer wiederkehrt.
Die Erfahrungen der Vergewaltigung führen zu einer extremen Verletzlichkeit. Der Ich-Erzähler berichtet, wie Alltägliches ihn in Panik und Abwehrhaltung versetzt, etwa der Atem einer anderen Person im Nacken – in einem Laden, im Zug oder im Fahrstuhl – sodass er am liebsten um sich schlagen möchte. Diese extreme Verletzlichkeit führt immer dazu, sich extrem beherrschen zu müssen, denn: „Niemand darf es merken.“ Der Erzähler resümiert, er sei „nie erwachsen geworden. Irgendwo in der Kindheit stehen geblieben.“
Die Beschreibung der Vergewaltigung endet damit, wie das Kind auf die Straße tritt und das Gefühl hat, jeder könne an einem Stigma auf seiner Stirn sehen, was es Schlechtes getan hat: „Seht das Kainszeichen auf seiner Stirn.“ Ab diesem Zeitpunkt verinnerlicht es das Schuldgefühl, für alles Schlimme verantwortlich zu sein, was – zum Beispiel in der von häuslicher Gewalt gegen das Kind geprägten Familie – passiert: „Es gab nichts, woran ich nicht schuld war auf dieser Welt. … „An diesem Tag machte ich mich auf die Flucht. Flucht durch das Leben und Flucht vor dem Leben.“ Die körperliche Erinnerung, speziell an den kalten Kellerboden, bleibt unauslöschlich.
Dann erfolgt ein Wechsel in die Ich-Form. „Manchmal glaube ich, ich kann nicht vergessen, weil ich mich nicht an ihn erinnern kann.“ Wie der Vergewaltiger aussah, entzieht sich der Erinnerung, an der Stelle des Täters klafft ein Loch in der Erinnerung. Das Ich spekuliert darüber, ob ein Vergessen möglich werden könnte, wenn noch einmal eine Konfrontation mit dem Täter möglich wäre. Dann folgt eine Beschreibung der ersten Begegnung mit dem Vergewaltiger und des Beginns des Missbrauchs. Der Täter ist ein Schüler auf dem Gymnasium, etwa doppelt so alt wie sein achtjähriges Opfer. Er spricht das Kind an und zeigt ihm seine Modelleisenbahn. „War ich glücklich, weil jemand mit mir spielen wollte?“ Im Keller sei noch mehr von der Bahn. Dort kommt es zur ersten Vergewaltigung. Sie wird sich vier Jahre lang an jedem Werktag wiederholen, wenn die Erwachsenen außer Haus sind und die Gefahr der Entdeckung gering ist: „1000 Mal den Kellerboden schockhaft kalt am Bauch gespürt, 1000 Mal den Arsch hochgestreckt.“ Jede Erinnerung an die Ereignisse wirft das Ich wieder in diese Erfahrung zurück, die psychische Erschütterung lässt es glauben, wahnsinnig zu werden. „Doch diese Gnade bleibt mir verwehrt.“ Der Täter braucht es nicht oft zu sagen, das Kind spürt instinktiv die Tabuisierung: der Missbrauch muss geheim gehalten werden, sonst droht ihm der Tod. „Sexuelle Neugier? Nein. Nur Angst. Nur Schmerz.“ Das achtjährige Kind ist neu zugezogen in der Gegend und sozial isoliert, weil es von der Sonderschule kommt. Dies begünstigt eine starke emotionale Abhängigkeit vom Täter: Das Kind sieht den Vergewaltiger als seinen einzigen Freund, „der so schlimme Dinge mit mir tun musste, damit er mein Freund sein durfte“. Das erwachsene Ich, 20 oder 30 Jahre später, hat kaum andere Erinnerungen an diese Zeit seiner Kindheit. Die Erinnerungen kommen stets nur in Alpträumen, wobei das Zählen der Stufen der Kellertreppe immer wiederkehrt.
Die Erfahrungen der Vergewaltigung führen zu einer extremen Verletzlichkeit. Der Ich-Erzähler berichtet, wie Alltägliches ihn in Panik und Abwehrhaltung versetzt, etwa der Atem einer anderen Person im Nacken – in einem Laden, im Zug oder im Fahrstuhl – sodass er am liebsten um sich schlagen möchte. Diese extreme Verletzlichkeit führt immer dazu, sich extrem beherrschen zu müssen, denn: „Niemand darf es merken.“ Der Erzähler resümiert, er sei „nie erwachsen geworden. Irgendwo in der Kindheit stehen geblieben.“
Die Beschreibung der Vergewaltigung endet damit, wie das Kind auf die Straße tritt und das Gefühl hat, jeder könne an einem Stigma auf seiner Stirn sehen, was es Schlechtes getan hat: „Seht das Kainszeichen auf seiner Stirn.“ Ab diesem Zeitpunkt verinnerlicht es das Schuldgefühl, für alles Schlimme verantwortlich zu sein, was – zum Beispiel in der von häuslicher Gewalt gegen das Kind geprägten Familie – passiert: „Es gab nichts, woran ich nicht schuld war auf dieser Welt. … „An diesem Tag machte ich mich auf die Flucht. Flucht durch das Leben und Flucht vor dem Leben.“ Die körperliche Erinnerung, speziell an den kalten Kellerboden, bleibt unauslöschlich.
83 Sekunden
Zeitsprung: Pierre ist erwachsen und lebt mit einer Frau namens B. zusammen. Sie will, dass er wegen seines unruhigen Schlafs – er schreit, schlägt um sich und schwitzt extrem stark – einen Arzt aufsucht. Dieser tut Pierres Beschwerden damit ab, dieser sei eben „ein nervöser Typ“. In Wahrheit hat Pierre jede Nacht wiederkehrende Alpträume aufgrund seiner Missbrauchserfahrungen. Am Ende dieser Szene wird ihm klar, dass er noch nie jemandem von seinem „Geheimnis“ erzählt hat. Der von vielen Missbrauchsopfern empfundene Zwang zur Geheimhaltung, das (vermeintliche) Verschweigen-Müssen der als Stigma empfundenen Erfahrung wird hier auf den Punkt gebracht.
Das Kainszeichen - Geschichte einer Vergewaltigung
Erweitertes Soziogramm einer Missbrauchsfamilie in Hörbuchform