Das Kainszeichen - Geschichte einer Vergewaltigung Archiv
33 Episoden
6 Minuten
Die Titel der Szenen der „mythologischen“ oder „(Alp-) Traumebene“ des Textes sind zur leichteren Orientierung im Hörbuch und in dieser Übersicht eingeklammert. Auf dieser Ebene geht es in bildhaft chiffrierter Form darum, wie sich Pierre seinen eigenen verdrängten Erinnerungen wieder annähert (vgl. Szene 1: die Seemannskiste); wie er lernt, sich (ohne Schuldgefühle) zu glauben, dass ihm das Ungeheuerliche, Unaussprechliche wirklich passiert ist. Somit ist diese Erzählebene der Versuch des Erzählers, für sich ein Problem zu lösen, vor dem Missbrauchsopfer immer wieder stehen. Allgemeiner gesprochen, kann die Traumebene auch als eine Meta-Ebene verstanden werden, welche die therapeutische Verarbeitung der Traumata behandelt. Die Figuren sind Chiffren für innerpsychische Vorgänge.
Pierre kämpft sich durch Buschwerk, jeder Zweig, der ihm ins Gesicht schlägt, rührt eine noch unklare Erinnerung auf. Etwas Kaltes ringelt sich um seinen Knöchel, er hält es für eine Giftschlange, die ihn töten wird. Später wird sich herausstellen, dass es sich um den Schlangenpenis seiner Mutter handelt (vgl. Episode 31). Die Todesangst gibt ihm die Kraft für einen baumhohen Sprung, der ihn von der Schlange befreit und ihm den Blick auf die Lichter eines Dorfes eröffnet. Es verheißt eine schützende Bleibe für die Nacht, doch wirken die Häuser beim Näherkommen zunehmend schemenhaft und irreal. Im Dorf begegnet Pierre ein Mann, dessen Statur und Stimme ihm seltsam vertraut verkommen, als sei er eine Art andere Version von ihm selbst, die alles über ihn weiß. Der Mann begrüßt Pierre wie selbstverständlich mit seinem Namen und fordert ihn auf, ihm zu folgen. „Mir ist es egal, wie du mich nennst, du weißt, wer ich bin. Für dich bin ich der Bürgermeister dieses Dorfes, wenn du magst, nenn mich Rübezahl. … Aber wenn diese Nacht vorüber ist, wirst du mich vergessen müssen. Aber wie kannst du vergessen, wenn du ihm keinen Namen gegeben hast?“
Auf Pierres Frage, ob die Häuser und Wege real seien, weil sie ihm so traumartig vorkommen, antwortet “Rübezahl“: „Es sind deine Wege, deine Häuser, deine Bilder. Du musst lernen, ihnen zu vertrauen, so schrecklich sie dir auch vorkommen mögen. Diese Bilder sind deine Wahrheit.“
Während sie sich den Häusern nähern, wächst in Pierre wieder die Unruhe. Pierre möchte in die Fenster schauen, obwohl Rübezahl ihn davon abzuhalten sucht: „Es ist nicht gut, wenn du stehen bleibst.“ Doch Pierre blickt trotzdem in eines der Fenster.
Pierre kämpft sich durch Buschwerk, jeder Zweig, der ihm ins Gesicht schlägt, rührt eine noch unklare Erinnerung auf. Etwas Kaltes ringelt sich um seinen Knöchel, er hält es für eine Giftschlange, die ihn töten wird. Später wird sich herausstellen, dass es sich um den Schlangenpenis seiner Mutter handelt (vgl. Episode 31). Die Todesangst gibt ihm die Kraft für einen baumhohen Sprung, der ihn von der Schlange befreit und ihm den Blick auf die Lichter eines Dorfes eröffnet. Es verheißt eine schützende Bleibe für die Nacht, doch wirken die Häuser beim Näherkommen zunehmend schemenhaft und irreal. Im Dorf begegnet Pierre ein Mann, dessen Statur und Stimme ihm seltsam vertraut verkommen, als sei er eine Art andere Version von ihm selbst, die alles über ihn weiß. Der Mann begrüßt Pierre wie selbstverständlich mit seinem Namen und fordert ihn auf, ihm zu folgen. „Mir ist es egal, wie du mich nennst, du weißt, wer ich bin. Für dich bin ich der Bürgermeister dieses Dorfes, wenn du magst, nenn mich Rübezahl. … Aber wenn diese Nacht vorüber ist, wirst du mich vergessen müssen. Aber wie kannst du vergessen, wenn du ihm keinen Namen gegeben hast?“
Auf Pierres Frage, ob die Häuser und Wege real seien, weil sie ihm so traumartig vorkommen, antwortet “Rübezahl“: „Es sind deine Wege, deine Häuser, deine Bilder. Du musst lernen, ihnen zu vertrauen, so schrecklich sie dir auch vorkommen mögen. Diese Bilder sind deine Wahrheit.“
Während sie sich den Häusern nähern, wächst in Pierre wieder die Unruhe. Pierre möchte in die Fenster schauen, obwohl Rübezahl ihn davon abzuhalten sucht: „Es ist nicht gut, wenn du stehen bleibst.“ Doch Pierre blickt trotzdem in eines der Fenster.
7 Minuten
Der Text beschreibt Pierres innere Unruhe und Angst nach seiner Flucht. Er hält es nicht in seinem Zimmer aus, kann nicht allein sein. Er fühlt sich einer ungreifbaren Gefahr ausgeliefert, die aus seinem Inneren kommt. Deshalb begibt er sich nachts an öffentliche Orte, um unter Menschen zu sein, auch wenn er nicht mit ihnen sprechen kann. „Aber ihre Anwesenheit beschützte ihn, bewahrte ihn vor sich selber, bewahrte ihn davor, diese innere Gefahr ausbrechen zu lassen.“ Die Gefahr besteht darin, dass Pierre, bliebe er allein zu Hause, versuchen würde, sich mit einer Nadel oder einem Messer selbst zu verletzen. Die Selbstverletzung erscheint in der Szene als ein Verhaltensmuster mit suizidaler Tendenz, das Pierre schon an sich kennt, aber selbst nicht versteht: „Gerade genug Schmerz, um sich selbst zu fühlen und doch nicht zu sterben. … Vielleicht werde ich verbluten. Dann ist alles so, wie es sein sollte.“ Pierres fluchtartiges Gehen erinnert ihn an seine Schulzeit, als seine Schulkameraden ihn, das unbeliebte, unsportliche Kind regelmäßig verfolgt und verprügelt hatten. Seinem Stiefvater konnte er in jener Zeit zwar immer davonlaufen, aber da er letztlich immer wieder nach Hause zurückkehren musste, waren die sinnlosen Prügel des Stiefvaters immer nur aufgeschoben. Mit Bauchweh wartete Pierre auf das Nachhausekommen des Stiefvaters. „Oft hatte er sich in die waldkalte Nacht geflüchtet“, heißt es mit Bezug auf Pierres Flucht aus der elterlichen Wohnung. Damit kehrt der Text aus der Kindheitsrückblende wieder in die Gegenwart des rastlosen Gehens zurück, wo er sich plötzlich auf feuchtem Waldboden findet. Dies markiert den Übergang auf eine zweite dramaturgische Ebene des Textes, die sich in einer alptraumartigen Landschaft abspielt. Sie ist bevölkert von den Figuren einer Art tiefenpsychologischen Privatmythologie: Rübezahl, Klabautermann, Neptun und Wotan.
4 Minuten
Pierre spricht in einer therapeutischen Einrichtung mit dem Arzt. Die 30 weißen Betten erinnern ihn daran, dass er als Kleinkind in einer Lungenheilanstalt ins Sterbezimmer gelegt worden war (vgl. Episode 17). Die Frage danach, wo die Geschichte einer Vergewaltigung beginnt – sie zieht sich als Leitmotiv oder Refrain durch den ganzen Text –, führt zu einer Rückblende. Er erinnert sich daran, wie er mit dem Zug aus der Stadt seiner von Gewalt geprägten Kindheit geflohen ist. Er nimmt eine Abspaltung der Erinnerungen von sich vor und legt die Kindheitserinnerungen in eine imaginäre Seemannskiste, die er mit einem schweren Schloss verschließt und dann das Bild der Kiste in seiner Imagination mit einem großen Kreuz durchstreicht: „Kindheit hatte es für ihn nie gegeben.“
Das Kainszeichen - Geschichte einer Vergewaltigung
Erweitertes Soziogramm einer Missbrauchsfamilie in Hörbuchform