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313 Episoden
16 Minuten
Menschen kämpfen ums Überleben – das ist starker Filmstoff, hat sich Ron Howard gedacht. Der Film beruht auf wahren Begebenheiten: Ein Berliner Zahnarzt und Philosoph zieht sich mit einer ehemaligen Patientin auf die karge Galapagosinsel Floreana zurück. Regelmäßig schickt er Briefe an die Weltpresse, um nicht in Vergessenheit zu geraten. Ein deutsches Ehepaar wird darauf aufmerksam und wandert ebenfalls nach Floreana aus. Richtig schwierig wird es aber erst als eine Baroness mit Liebhabern und Dienern auftaucht mit dem irrsinnigen Plan, auf der menschenfeindlichen Insel ein Luxushotel aufzubauen. Zerbrechende Illusionen und brutaler Egoismus lassen die Situation bis zu Mord und Totschlag eskalieren. Das ist schon ein bisschen „Der Herr der Fliegen“ mit Erwachsenen: Wo es keine übergeordnete Ordnungskraft gibt, prallen die Interessen ungebremst aufeinander und auch wer auf ein friedliches Miteinander setzt, muss erkennen, dass er so vielleicht nicht überleben wird …

Von Anfang an herrscht eine bedrohliche Atmosphäre, Musik und Bildstimmungen machen klar: Das hier wird nicht gut ausgehen. Hollywood-Routinier Howard setzt in seinem Inselthriller auf starke Gefühle – auf sympathische Figuren, mit denen man mitleidet (Sydney Sweeney) und auf verlogene, intrigante Figuren, die man hasst (Ana de Armas). Spätestens wenn die wilden Hunde eine hochschwangere Frau angreifen, haben wir auch im Kinosessel ordentlich Puls. Die Darstellerriege ist dabei nicht nur namhaft, sondern auch großartig. Im Podcast loben wir den Film für seinen hohen Unterhaltungswert und sinnieren darüber, dass der Stoff auch für einen künstlerisch mutigeren Film getaugt hätte. Am Mikrofon direkt nach dem Kino: Johanna, Tom und Thomas.

Im unserer Episode erwähnen wir den Podcast TATORT GESCHICHTE in der ARD Audiothek, der sich in seiner 100. Jubiläumsfolge mit den historischen Gründen auseinandersetzt: Tatort Geschichte meets Hollywood: Das tödliche Rätsel der einsamen Insel Floreana und das Buch „Postlagernd Floreana“ von Margret Mittler, die das Drama auf der Insel überlebt hatte – erschienen bei der Büchergilde Gutenberg.
18 Minuten
ALL WE IMAGINE AS LIGHT beginnt ganz schlicht wie eine Dokumentation. Regisseurin Payal Kapadia nimmt uns mit nach Mumbai, mitten hinein in den Alltag von drei Krankenschwestern von Mumbai: Prabha, deren Mann im fernen Deutschland arbeitet und sich nicht mehr meldet und ihre jüngere Kollegin und Mitbewohnerin Anu, die sich ausgerechnet in einen Moslem verliebt hat. Die dritte und älteste ist die verwitwete Parvaty, die ihre Wohnung an Immobilienhaie verliert. Der Alltag in Mumbai ist hart, von Exotismus keine Spur, die gesellschaftlichen Regeln eng – gerade für die Frauen. Spätestens wenn die Frauen Mumbai verlassen fällt uns auf, wie die Filmsprache sich verändert. Die Bilder werden intensiver – oder waren sie das nicht schon eine Weile? Vielleicht haben wir es nur nicht bemerkt, so sehr waren wir bei den Frauen zwischen Träumen und Illusionen, in vergangenen oder verbotenen Beziehungen. Ein Kampf um ein bisschen Glück, ein bisschen Selbstbestimmung. Auf dem Weg zum Meer verdichtet sich die Atmosphäre, der Film mündet in einen magischen Realismus, als Prabha einen Mann wortwörtlich ans Ufer gespült bekommt. Spätestens jetzt hat der Film von Kapadia eine unerwartete Meisterschaft entwickelt – und das als Debütfilm! Im Podcast direkt nach dem Kino sprechen Bettina und Thomas über Gesellschaftskritik, die ganz en passant stattfindet, über sehr starke Darstellerinnen, über Rätselhaftigkeit und eine paradiesische Schlusseinstellung. Sehr empfehlenswerter Film.
13 Minuten
Es ist ein Film über uns, über das Jetzt, darüber das es kein richtiges Leben im falschen geben kann. Jobs, die auf die eine oder andere Art keinen Sinn machen, die Suche nach Nähe, die Angst vor der Nähe, die Erkenntnis, dass fair gehandelte Schokolade nicht darüber hinweg trösten kann, dass wir reich sind, weil andere arm sind, nicht davon ablenken kann, dass wir so viele Privilegien haben, dass wir es selbst nicht mehr merken. Aber das ist nur eine von vielen Ebenen dieses Films. DAS LICHT gibt uns so lange Farbsteine, bis wir Stück für Stück ein Muster darin erkennen können.

Tykwer mischt dabei mit bewundernswerter Sorglosigkeit einen Berliner Arthouse-Film mit Hollywoodreifen Szenen, lässt die Menschen auf der Straße tanzen und vor dem Licht einer Frau halluzinieren, die aus Syrien zu uns geflohen ist. Tragödie, Komödie, Familiendrama, magischer Realismus, ich wette, Tom Tykwer ist es völlig gleich, in welche Schublade sein Film gesteckt wird. Es ist großes Kino, das steht fest (auch großes Schauspielerkino), das mit wenig Klischees und ganz ohne moralisch erhobenen Zeigefinger daherkommt. Direkt nach dem Kino waren wir sehr begeistert und mussten erst einmal die Bilder und die Gefühle sortieren – am Mikrofon: Anke, Katharina, Marc, Hendrik und Thomas.
11 Minuten
AVENGERS: ENDGAME wäre der perfekte letzte Film des Marvel Cinematic Universe gewesen. Aber das war natürlich keine Option – es gab noch soviel Heldinnen und Helden, soviel potentieller Stoff – und so viele Dollars zu verdienen. Aber die Zeit der großen Helden war vorbei: Thor anderweitig unterwegs, das Kapitel Iron Man war endgültig abgeschlossen, das Kapitel Black Widow ebenfalls und Steve Rogers hatte sich verabschiedet und seinen Schild weitergegeben. Kevin Feige fährt seitdem mehrgleisig: Serien, die wie LOKI und SHE-HULK zum Teil richtig gut funktionierten, Filme, die in der winzigen Quantenwelt scheiterten oder Filme, die sich in unendlich ermüdenden Multiversen verloren oder ein Film, der einigermaßen gelungen in die Vergangenheit der Black Widow führte.

Mit CAPTAIN AMERICA BRAVE NEW WORLD wird noch ein anderer Weg beschritten: Es werden kleinere Brötchen gebacken. Sam Wilson steckt im Anzug von Captain America und es hat eine ganze eigene Serie gedauert, bis er seinen Frieden damit gemacht hatte, dass er nicht Steve Rogers ist und dessen große Fußstapfen nicht vollständig wird ausfüllen können. Die meisten anderen (und viele im Kinopublikum) können sich damit nicht abfinden. Aber es hat schon einen besonderen Reiz, dass hier die Helden und Heldinnen ohne Superkräfte ans Werk gehen. Die Story schrumpft auf Menschenmaß und die Actionszenen fallen ebenfalls kleiner aus.

Heraus kommt eine Art Politactionthriller mit Superheldenelementen. Es werden mit einem charmanten Nachwuchs-Falcon (Danny Ramirez als Joaquin Torres) und einer sehr beeindruckenden neuen Black Widow (Shira Haas als Ruth Bat-Seraph) zwei neue Charaktere eingeführt, von denen wir mehr sehen wollen. Ein paar mehr schmissige Screwball-Dialoge hätten diesem Film gut getan, aber als Beginn einer neuen Filmreihe funktioniert er richtig gut. Im Podcast direkt nach dem Film sind wir unterschiedlicher Meinung, sind uns aber einig, dass Harrison Ford als wütender Präsident schon sehr viel Spaß macht. Direkt nach dem Kino am Mikrofon: Gabriele, Tom und Thomas.
13 Minuten
Die Vorfreude war extrem groß: Bong Joon-ho dreht eine Science-Fiction-Action-Tragikomödie! Der Trailer sah aus, als sei der Film millimetergenau meine Kragenweite. Das war er dann nicht. Aber beginnen wir am Anfang: Mickey muss die Erde verlassen und ohne sich über die Konsequenzen im Klaren zu sein, bewirbt er sich als Expendable (deutsch: entbehrlich) auf einem Raumschiff, d.h. er wird gescannt und bei Bedarf neu aus dem Biodrucker hergestellt, inklusive Gedächtnisspeicher. Ab sofort ist er ein Wegwerfarbeiter: Er übernimmt die unangenehmsten und gefährlichsten Aufgaben und dient als Versuchskaninchen für tödliche Experimente. Dann wird die Leiche verbrannt und die neue Version wird ausgedruckt. Als Mickey 17 einen Auftrag wider Erwarten überlebt, ist Mickey 18 schon gedruckt. Und damit fangen die Probleme richtig an …

Tolle Idee (von Edward Ashton), toller Look, tolle Schauspieler und spannende Themen, die angerissen werden: menschliche Arbeiter als Wegwerfartikel und narzisstische Milliardäre, religiöser Fanatismus und Widerstand, Kolonialismus und Genozid. Mit dem richtigen Einflugwinkel ein starker Film. Allerdings nicht für mich, ich bin emotional leider immer auf Abstand geblieben: Die relevanten Themen werden nur oberflächlich angerissen, zu viel Voice Over, zu wenig Screwball, die Szenen sind zu lang, der Film ist zu lang und ganz subjektiv: Ich bin es so unendlich leid, durchgeknallte Milliardäre mit Allmachtsfantasien zu sehen – sowohl auf der Leinwand als auch in den Nachrichten. Also: Möglicherweise ein sehr guter Film, aber nicht für mich. im Podcast vergleichen wir auch den Film mit der Buchvorlage. Direkt nach dem Kino am Mikrofon, mit ganz unterschiedlichen ersten Eindrücken: Johanna, Anke, Marc, Hendrik, Tom und Thomas.
10 Minuten
Die Folkmusik lebt von der Erkenntnis, dass ein guter Song nur eine Stimme und vielleicht noch eine Gitarre braucht. Und die guten Songs werden immer wieder gespielt, mehr oder weniger immer auf die gleiche Art. Aber auch die Traditionals sind einmal zum ersten Mal gespielt werden und haben eine Chance bekommen, heißt es in A COMPLETE UNKNOWN. Die Songs des Newcomers Bob Dylan sind Anfang der 1960er Jahre so gut, dass sie ebenfalls gespielt werden. Aber wer ist Bob Dylan? Robert Zimmermann hat sich auf den Spuren von Woody Guthrie als Folksänger Bob Dylan selbst erfunden. Aber der Folk-Star wird zum Problem, denn er erfindet sich nach ein paar Jahren als Rockmusiker neu und tritt beim Newport Festival mit Rockband und elektrischer Gitarre auf. Als im Publikum jemand „Judas!“ schreit, lässt Bob Dylan die Band lauter spielen. Die Folk-Szene hat dem Song „The Times they are a changing“ zugejubelt, aber nicht verstanden, dass die Zeiten sich ändern – auch in der Musik.

Timothee Chalamet spielt und singt und spricht den rätselhaften, oft auch unsympathischen Künstler wunderbar. Noch beeindruckender ist Edward Norton als Pete Seeger. Und Regisseur James Mangold tut, was er am besten kann: Er stellt sich ganz in den Dienst der Geschichte und schafft es, dass wir nicht einmal darüber nachdenken, wie großartig der Film inszeniert ist. Zu meinen Lieblingsszenen gehören die Begegnungen von Dylan und Guthrie und der Moment als „The Times they are a changing“ zum ersten Mal vor Publikum gespielt wird. Im Podcast spreche ich mit Bettina und Katharina direkt nach dem Film über das Rätsel Bob Dylan, Joan Baez (im Film mit einer angenehmeren Stimme als in der Realität) und werden sentimental in der Erinnerung an Lagerfeuer, an denen man als Jugendlicher „Blowin´in the winds“ gesungen hat. Tipp: Im Original schauen.
12 Minuten
„I could stand in the middle of 5th Avenue and shoot somebody and I wouldn’t lose voters.“, sagte Donald Trump am 24. Januar 2016. Daran musste ich denken, als ich VENI VIDI VICI gesehen habe. Hier ist es der superreiche, österreichische Investor Amon Maynard, der den Thrill als Jäger genießt – nur dass er keine Hirsche schießt, sondern Menschen, völlig zufällig, Radfahrer, Jogger, Pärchen beim romantischen Waldspaziergang. Daniel Hoesl und Julia Niemann erzählen diese Satire, die nur ein Jagdgewehr von der Wirklichkeit entfernt ist, in einer durchgehend trockenen, schwarzhumorigen Atmosphäre. Die Morde erscheinen so normal wie das Polospiel der Tochter (das mich an THE THOMAS CROWN AFFAIR erinnert hat), so normal wie sein Familiensinn und seine Verhandlungen mit der Regierung über eine neue Fabrik. Ein Aufbegehren erscheint naiv und sinnlos. Im Podcast direkt nach dem Kino diskutiere ich mit Johanna über die Absicht des sehenswerten Films, über die Unangreifbarkeit der Superreichen und über die sichtbaren Zeichen des Reichtums.
14 Minuten
Sexy ist der Film und unterhaltsam, ganz ohne Frage, aber ist BABYGIRL mehr als ein 50 SHADES OF GREY für Akademiker:innen? Im Mittelpunkt steht eine mächtige, erfolgreiche Unternehmerin Mitte 50, Mutter, Ehefrau, alles erreicht und dabei auch noch sehr attraktiv (perfekte Besetzung: Nicole Kidman). Aber der Preis für das perfekte Leben ist nicht nur Disziplin und Härte, sondern auch (sexuelle) Selbstverleugnung. Romy verdrängt ihre unerfüllten Neigungen bis sie Samuel kennenlernt: Nur ein Praktikant, aber genau der dominante Partner, den sie begehrt. Grenzüberschreitend sind dabei nicht die sexuellen Praktiken, auch nicht die selbstgewählte sexuelle Unterwerfung der Frau unter ihren Liebhaber. Grenzüberschreitend ist, dass Romy als mächtige CEO ein Verhältnis mit einem ihr anvertrauten Praktikanten beginnt. Die Machtverhältnisse werden zwischenzeitlich auf den Kopf gestellt, Romy wird erpressbar. BABYGIRL will aber keine düstere Tragödie sein. Regisseurin Halina Reijn geht es um Sex, um Befreiung, um Begehren und Orgasmen aus weiblicher Perspektive – und das gab es im Mainstreamkino zuletzt viel zu selten. Im Podcast direkt nach dem Film diskutieren wir, ob und wenn ja wie provokativ der Film eigentlich ist, wie aufregend oder nicht – und über Harris Dickinson, der uns schon in THE TRIANGLE OF SADNESS beeindruckt hatte. Am Mikrofon mit ganz unterschiedlichen Meinungen: Johanna, Heidi, Tom und Thomas.
11 Minuten
Biopics … Eigentlich nicht mein Genre: Oft werden die wichtigen Stationen abgehakt, aber der Mensch, der im Mittelpunkt steht, hat entweder klischeehafte Züge oder wird als Symbol aufgeladen. Das ist nicht Pablo Larrains Herangehensweise: MARIA konzentriert sich auf die letzte Lebenswoche von Maria Callas 1977 in Paris. Seit viereinhalb Jahren steht sie nicht mehr auf der Bühne, ihre einst übermenschliche Opernstimme hat sie nicht mehr unter Kontrolle. Sie ist tablettensüchtig, schwer krank und behandelt ihre Haushaltsdame und ihren Butler mit einer Mischung aus Liebe und Schikane. Von hier springen wir in ihre Erinnerungen, an die deutschen Soldaten in Griechenland, an die sie ihre Mutter verkauft hat, an Triumphe auf allen großen Opernbühnen, an Onassis, der ihr das Singen verboten hat. Steven Knight findet in seinem Drehbuch eine bemerkenswert gelungene Balance zwischen psychologischen Einblicken auf der einen Seite und Prominenz und Popkultur auf der anderen Seite. (Steven Knight ist übrigens der Regisseur und Drehbuchautor von LOCKE!)  Im Podcast direkt nach dem Film rede ich mit Katharina über Angeline Jolie, die eine außergewöhnliche Leistung als Schauspielerin zeigt, über Puccini und halluzinierte Interviews, über verschobene Klaviere, die Sucht nach Anbetung, über Star-Status und berührende Szenen.
14 Minuten
Robert Eggers Version von NOSFERATU wollte ich unbedingt auf einer Kinoleinwand sehen. Und einen Wunsch hat mir Eggers erfüllt: Er hat eine optisch-hochwertige Fassung abgeliefert mit einem durchgehenden ästhetischen Konzept. Das ist handwerklich eine Eins mit Sternchen. Trotzdem ist der Film überraschend blutleer, keine Originalität, keine Subtilität, keine eigene Aussage. Stattdessen eine zum Teil interessante Musik ständig mit allen Reglern auf 12, besonders Defoe und Taylor-Johnson mit leicht unangenehmen Over-Acting und die deutsche Stimme von Nosferatu ganz hart an der ungewollten Parodie. Das ist keine Neuinterpretation, das ist maximal eine überflüssige Coverversion.

Im Podcast direkt nach dem Kino reden wir über Murnau, der ganz neue Bilder geschaffen hat (die Prozession der Särge, Orloks Haus in Wismar), über Herzog mit seinem inspirierten Low Budget-Charme (das letzte Festessen der Pestgesellschaft!) und erinnern uns an sehenswerte und originelle Versionen des unsterblichen Vampirstoffes: vom anspruchsvollen SO FINSTER DIE NACHT oder DURST von Park Chan-wook oder BRAM STOKERS DRACULA von Coppola als prallvolles Abenteuer oder RENFIELD als durchgeknallte Gore-Komödie – ganz zu schweigen von Jarmuschs Meisterwerk ONLY LOVERS LEFT ALIVE … Am Mikrofon direkt nach dem Kino: Hendrik, Tom und Thomas.
15 Minuten
Nachrichtenjournalist:innen entscheiden oft unter enormen Zeitdruck – es gibt zu wenig Informationen und viel zu wenig Zeit, um eine „richtige“ Entscheidung zu treffen. Dieses Dilemma der Aktualität, der Rausch der Atemlosigkeit, das ist das Thema von Tim Fehlbaums Film SEPTEMBER 5. Der Film schildert konsequent aus der Perspektive der ABC-Sportnachrichtenredaktion die Geschichte des Olympia-Attentats in München 1972, der Geiselnahme und Ermordung der jüdischen Sportler. Während das Team auf der einen Seite einfallsreich sein muss, um Live-Bilder des Geschehens zeigen zu können, brechen auf dem Flur hinter dem Regieraum Diskussionen zwischen den Verantwortlichen auf: Dürfen wir eine Erschießung live übertragen? Helfen die Live-Bilder der Terroristen, weil die Aktionen der Polizei zu sehen sind? Müssen wir wirklich auf eine zweite Bestätigung für die breaking news warten?

Tim Fehlbaum gelingt es, die 21 Stunden der weltweit ersten Liveübertragung eines Attentats fast komplett im dunklen Regieraum zu zeigen, als Kammerspiel vor einer Wand von Monitoren, so atemlos im Rausch der aktuellen, sich überschlagenden Ereignisse, dass dem Publikum die 90 Minuten Laufzeit vorkommen wie 30 Minuten. Fehlbaum hat als Regisseur hinter der Kamera einen Regisseur vor der Kamera im Regieraum stehen – das ergibt eine Menge dramaturgischer Möglichkeiten, die er sehr geschickt nutzt. Botenberichte zum Beispiel, über Telefon, über das Radio, Schnitt über Anweisungen am Regiepult, entscheidende Szenen über einen Monitor, die Gleichzeitigkeit der Ereignisse über mehrere Monitore im Bild. Bewundernswert, dass in der knappen Lauflänge weitere Motive Platz finden: die deutsche Vergangenheit oder dass Frauen nicht ernst genommen werden. Ganz stark übrigens Leonie Benesch als Übersetzerin, die mehrmals die Initiative ergreift.

Im Podcast direkt nach dem Film diskutieren wir unter anderem, wie der Film damit umgeht, dass die Berichterstattung für 900 Millionen wichtiger ist als die Sorge um die Geiseln und die Meinungen gehen bei uns durchaus auseinander, was denn die eigentliche Aufgabe der Journalist:innen ist. Schaut Euch den Film auf jeden Fall im englischsprachigen Original an. Am Mikrofon direkt nach dem Kino: Bettina, Katharina, Kathrin und Thomas.

P.S. Wer sich für Journalismus im Film interessiert, sollte einen Blick werfen auf journalismusfilme.de von Patrick Torma, auch mit einer Filmkritik über September 5. Die Podcastreihe Himmelfahrtskommando in der ARD Audiothek erzählt die Geschehnisse aus der Perspektive eines Polizisten.
12 Minuten
12 Menschen entscheiden über Schuld und Unschuld. Dieses US-amerikanische Jurysystem ist anfällig für unsere menschlichen Schwächen und ist deswegen immer wieder Gegenstand von Filmdramen. Der 94-jährige Clint Eastwood inszeniert seinen Gerichtsthriller JUROR #2 angenehm konventionell und setzt seine Mittel ebenso sparsam wie wirkungsvoll ein. Es wird ein moralisches Dilemma vorgeführt: Ein Jury-Mitglied erkennt, dass der unsympathische Angeklagte höchstwahrscheinlich nicht der Mörder ist – und dass es sich noch nicht einmal um einen Mord handelt. Aber die Wahrheit zu sagen, hätte für den Juror Nummer 2 tragische Konsequenzen … Es bleibt viel Raum für die Schauspieler:innen und die Entwicklung ihrer Figuren – vor allem Toni Colette als Staatsanwältin hat uns beeindruckt. Im Podcast direkt nach dem Kino diskutieren wir über die moralischen Strategiewechsel des Protagonisten, über den Blumenhandelpolizisten (J.K. Simmons) und nach der Spoilerwarnung über tragische Wendungen und das gelungene Filmende. Am Mikrofon: Johanna, Heidi, Kathrin, Hendrik und Thomas.
8 Minuten
Die Cousins David und Benji waren als Kinder und Jugendliche eng befreundet. Als Erwachsene unternehmen sie eine Gruppenreise nach Polen zum Geburtshaus ihrer Großmutter, die den Holocaust überlebt hatte. Die beiden Männer sind beide von Ängsten geprägt und gehen ganz unterschiedlich damit um: Der schüchterne David nimmt Tabletten, um im normalen Leben auf der Arbeit und in der Familie zu funktionieren und Benji, ja Benji ist ein charmanter, extrovertierter, übergriffiger, zutiefst trauriger und einsamer Mensch. Er bringt alles durcheinander, er ist sowohl eine echte Plage (eben a real pain) als auch eine disruptive Bereicherung für die Menschen in seinem Umfeld.

Großer Respekt für Drehbuchautor und Regisseur Jesse Eisenberg, der hier die komplexe Innenwelt zweier jüdischer Jungs aus New York als subtile Tragikomödie erzählt. Beeindruckend schon wie David eingeführt wird: Panisch bombadiert er auf dem Weg zum Flughafen Benji mit Textnachrichten – aus Angst den Flug zu verpassen und aus Angst Benji könnte nicht da sein. Benji aber ist schon lange am Flughafen, vielleicht weil er seine Verzweiflung und Einsamkeit zwischen tausenden Reisenden besser ertragen kann. Sehr guter Film – auch wenn Chopin als Soundtrack nicht jedem gefallen wird. Am Mikrofon direkt nach dem Kino: Johanna und Thomas.
12 Minuten
Küche ist Krieg. Der Zeitdruck, der Leistungsdruck ist enorm. Die Küche in LA COCINA versammelt die Wehrlosen, die Schwachen der Gesellschaft: Einwanderer ohne Papiere, alleinerziehende Frauen. Ein Kosmos, in dem die Leidenschaft, die Wut, die Verzweiflung hochkochen. Regisseur Alonso Ruizpalacios führt uns ganz nah heran an die Menschen in dieser lauten, schnellen Kochmaschine, in der Träume aufgerieben werden und Menschen an ihre Grenzen kommen. Diese Küche ist eine Bühne des Lebens, so intensiv, dass wir den Dampf und die Hitze fühlen, während uns die Ohren klingeln vom Scheppern der Töpfe. Wir betreten diese Welt mit Estela, eigentlich zu jung für den Job und stoßen auf Pedro, der Julia liebt und um das ungeborene Kind kämpft.

Um überhaupt in diesem Chaos eine Geschichte sichtbar zu machen, verzichtet Ruizpalacios auf Farbe, was überraschend gut funktioniert und dabei hilft, dass uns der Anblick des Essens nicht von den Menschen ablenkt. Und diese Menschen kämpfen um ihr Überleben und einer verliert dabei die Kontrolle. Ein sehenswerter Film, der unseren Blick auf diejenigen richtet, die schuften und arm bleiben, damit andere ihren Wohlstand und das Essen genießen können. Stark inszeniert mit einem großartigen Ensemble – vor allem Raúl Briones Carmona als Pedro, Rooney Mara als Julia und Anna Diaz als Estela. Am Mikrofon direkt nach dem Kino: Katharina und Thomas.
1 Stunde 5 Minuten
Fünfter und letzter Film im Japanuary2025: TOKYO-GA von Wim Wenders ist eine Wallfahrt zum heiligen Ozu – einerseits mit Schwächen, andererseits mit großartigen Begegnungen und Interviews. Thomas hat im Podcast Lieblingsgast Lucas Barwenczik vor dem Mikrofon.

Wim Wenders hat sich 1983 nach Japan aufgemacht – auf der Suche nach dem Tokio seines großen Regie-Idols Yasujiro Ozu. Dessen stille Filme mit klarer Form sind weltweit bekannt. Ozu beschäftigte sich stark mit Familienbeziehungen und den schwierigen Veränderungen Japans nach dem zweiten Weltkrieg. Mit Veränderungen hat Wenders in TOKYO-GA aber so seine Probleme: Er fremdelt unübersehbar mit dem Boom-Japan der 1980er Jahre – zu laut, zu bunt, zu modern, zu schnell, so gar nicht wie in Ozus Filmen. Dabei bleibt er überraschend oberflächlich, spricht nicht mit gleichaltrigen japanischen Kolleg:innen oder anderen Japanern.

Aber er führt zwei beindruckende und berührende Interviews: mit Ozus Kameramann Yuharu Atsuta, der sein ganzes Berufsleben mit Ozu verbracht hat und Einblicke in Ozus Inszenierungsarbeit gibt – und mit Chishu Ryu, dem großartigen Schauspieler, der in fast allen Ozu-Filmen vor der Kamera stand und über die Maßen bescheiden ist. Allein für diese beiden Gespräche lohnt sich der Film. Im Podcast sprechen Lucas und Thomas unter anderem über Verehrung, Verklärung, Japan-Begeisterung, Wenders salbungsvolle Kommentare und Werner Herzogs beleidigte Landschaft.
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Der erste Eindruck direkt nach dem Kino