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Auf den Tag genau Archiv

2057 Episoden
10 Minuten
Lange Kongresse haben fast immer etwas Quälendes, aber bisweilen auch einen großen Vorteil: Je ergebnisärmer die Verhandlungstage dahinplätschern, desto besser werden die Chancen zumindest für randständigere Teilnehmende, sich gelegentlich auch einmal zu absentieren und die Umgebung zu erkunden. So machte es auch Emil Ludwig, der nach zwei Genueser Tagungswochen – wir berichteten mehrfach – spürbar ermüdet und desillusioniert sich ostwärts wie westwärts an der reizvollen ligurische Küste umtat. Was er dort erlebte, ließ ihn das in seinen Augen unerfreuliche Konferenzgeschehen zwar nicht wirklich verdrängen, aber doch mehr Hoffnung für die Zukunft des europäischen Kontinents schöpfen, als die aktuellen politischen Sitzungen und Papiere. Was er im 8-Uhr-Abendblatt vom 26. April 1922 sonst noch zu Protokoll brachte, weiß Frank Riede.
5 Minuten
So mancher Podcast beginnt mit einem von den Podcaster:innen selbst vorgetragen Werbeblock, beinahe jedes Youtubevideo bekommen wir erst zu sehen, wenn wir uns durch die Werbungen geklickt haben, alle öffentlich sichtbaren Flächen sind potentiell Reklameflächen. Wie sehr die Werbung sich auf allen Kanälen ihren Raum verschaffen würde, war 1922 noch nicht abzusehen. Heftig diskutiert wurde damals die Reklame auf Hauswänden, Zäunen und Öffentlichen Verkehrsmitteln. Und doch erkannten einige, noch bevor das Radio zum Massenmedium wurde, das der Hör-Werbung die Zukunft gehört. Satirisch vorgetragen, und dabei wohl eher unwissentlich nah an der zukünftigen Werbe-Realität, finden wir diese Vision im Vorwärts vom 25. April. Paula Leu hat für uns keine akustische Reklame auf den Lippen, sondern nur den gleichnamigen Text.
6 Minuten
Als SPD-Parteizeitung war der Vorwärts der Realität der proletarischen Arbeitswelt seinem Selbstverständnis naturgemäß eng verbunden und gab dieser entsprechend auch immer wieder Raum in seinen täglichen Berichten. Am 24. April 1922 zog es ihn im Zuge dessen nach dem Hamburger Hafen bzw. auf eine daran angeschlossene Werft. Von dort meldet sich der Autor mit zwei kontrastreichen journalistischen Miniaturen zu Wort, die uns zum einen den Einblick in ein vergangenes Industriezeitalter gewähren, zum anderen aber auch eine unverändert aktuelle hanseatische Erfahrung vermitteln: Wenn ausnahmsweise mal kein Schietwetter ist, sondern die Sonne scheint, ist Hamburg eine wunderschöne Stadt! Paula Leu war für uns an der Elbe.
9 Minuten
Was passierte 1922 eigentlich mit all dem Zeitungspapier der über 100 Berliner Tageszeitungen mit oftmals mehreren Ausgaben täglich, nachdem sie gelesen waren? Nur wenige Ausgaben behielten die Bibliotheken, um sie später auf Mikrofiches, Rollfilm oder digitalisiert uns zur Verfügung zu stellen, damit wir jeden Tag einen Artikel auswählen können. Das Gros der Auflage landete wohl als Altpapier auf dem Hof der Papierfabrik, wo es unter anderem auf Restauflagen wissenschaftlicher Publikationen traf, um anschließend zu Packpapier und Pappe verarbeitet zu werden. Das Berliner Tageblatt beschrieb, lange vor der Einführung der Altpapiertonne, die Recyclingprozesse in ihrer Ausgabe vom 23. April 1922. Frank Riede schaut sich für uns in der Papierfabrik um.
8 Minuten
Die Tourismusbranche feiert seit Jahrzehnten – besonders in nordafrikanischen Staaten – riesige Erfolge mit abgeschotteten Urlaubsressorts, in denen die Touristen aus der sog. Ersten Welt sich gemütlich an all-inclusive Buffets mit oftmals aus ihrer Heimat importierten Speisen und Getränken sattessen, ihren eigenen Badestrand haben und Konversation mit anderen Pauschaltouristen betreiben, um hin und wieder eine vom Ressort organisierte Reise auf Kamelen durch die Wüste, oder zu archäologischen Sehenswürdigkeiten zu unternehmen. Davon sind wir 1922 noch weit entfernt. Und dennoch lassen sich Anklänge daran im Bericht des 8Uhr-Abendblattes vom 22. April finden, in dem die Sahara-Oasen als neues Touristenziel vorgestellt werden. Paula Leu schlürft für uns den Champagner in der Wüste.
7 Minuten
„Der leise Meister“ heißt ein Aufsatz, den Marcel Reich-Ranicki einst Alfred Polgar widmete, und tatsächlich ist ein größerer, eleganterer Virtuose der beiläufigen Beobachtung schwerlich denkbar. Polgar braucht weder einen aufregenden Anlass, noch einen spektakulären Gegenstand, noch eine große Form, um literarisch zu eben solcher, nämlich zu großer Form aufzulaufen. Vielmehr entdeckt er das Wesen der menschlichen Welt noch in deren alltäglichsten Erscheinungen. Wer diese Gabe besitzt, braucht wahrscheinlich wirklich keine fette Bibliothek, denn echte Weisheit passt, wie Polgars nachfolgende Überlegungen zur Bibliothek einmal mehr belegen, auch und vielleicht ausschließlich in wenige Zeilen. Abgedruckt hat diese das Berliner Tageblatt vom 21. April 1922, gelesen für uns Frank Riede.
9 Minuten
Der britische Ökonom John Maynard Keynes erfreute sich in der deutschen Zeitungslandschaft 1922 einer gewissen Beliebtheit, da er sich deutlich für eine Revision der Reparationsforderungen einsetzte, er den Weg einer langfristigen wirtschaftlichen Schwächung Deutschlands für unsinnig hielt. Während in den Pariser und Londoner Blättern die Empörung über den deutsch-russischen Vertrag von Rapallo hochkochte, französische Politiker laut darüber nachdachten, die Konferenz von Genua platzen zu lassen, meldete sich Keynes mit einem deutlich sachlicheren Blick auf die Ereignisse zu Wort. Das Berliner Tageblatt druckte seine Einschätzung am 20.4. ab mit einer redaktionellen Vorbemerkung, die sich von der dann doch in dem Artikel geäußerten Kritik am Vorgehen Deutschlands, distanziert. Uns lässt Paula Leu an den Ansichten von Keynes teilhaben.
11 Minuten
Hellerau – der Name des beschaulichen Fleckens an der Peripherie Dresdens gilt bis heute als Synonym für die moderne Idee einer Synthese von Kunst und Leben. Zentrale Keimzelle der 1909 im Geiste der Lebensreform gegründeten Gartenstadt war dabei die sogenannte „Bildungsanstalt für Rhythmische Gymnastik“, die der Schweizer Musikpädagoge Émile Jaques-Dalcroze 1911 im heutigen Hellerauer Festspielhaus ins Leben gerufen hatte. Jaques-Dalcroze hatte Hellerau im Zuge des Ersten Weltkriegs bereits wieder verlassen und war auch danach nicht wieder zurückgekehrt. Sein Projekt blühte und gedieh jedoch auch in absentia ihres Erfinders – jedenfalls wenn man einem Bericht des Berliner Börsen-Couriers vom 19. April 1922 Glauben schenken darf. Dessen Autorin Gisella Selden-Goth war selbst eine bedeutende Komponistin und Musikschriftstellerin, die nach ihrer Flucht vor den Nazis u.a. in New York für die Exilzeitung Aufbau schrieb und nach der Befreiung wieder in ihre Wahlheimat Florenz zurückkehrte. Mit ihr in die Straßenbahn nach dem Dresdner Norden begibt sich für uns Frank Riede.
6 Minuten
Die von den Nachbarn beargwöhnte Nähe Deutschlands zu Russland ist zwar kein durchgehendes, aber doch ein wiederkehrendes Thema in den letzten Jahrhunderten europäischer Geschichte. Im Ersten Weltkrieg standen beide Länder ursprünglich noch auf entgegengesetzten Seiten und bekämpften einander an der Front. Nach Deutschlands Kriegsniederlage und der vorangegangenen Implosion des zaristischen Russland in den Revolutionen des Jahres 1917 fanden sich beide einstigen Mächte jedoch als Parias am Katzentisch des Kontinents wieder. Was lag da näher, als sich wieder zusammenzutun? Bereits im Vorfeld der Konferenz von Genua hatte es Schritte der Annäherung gegeben, die jetzt, am Rande der Konferenz und zur großen Überraschung der westlichen Kriegsgewinner, im berühmten „Vertrag von Rapallo“ – einem Vorort von Genua, in den sich die Vertreter beider Staaten am Ostersonntag für ein paar Stunden ‘zurückgezogen‘ hatten – mündeten. Deutschland und Russland normalisierten dort ihre Beziehungen und vereinbarten eine weitreichende Zusammenarbeit. Den Wortlaut dieser (in Deutschland überwiegend begrüßten) Vereinbarungen entnehmen wir der Berliner Volks-Zeitung vom 18. April 1922, es liest Paula Leu.
10 Minuten
„Hemmt oder beeinträchtigt Berlin wirklich das künstlerische Schaffen?“ fragte vor 100 Jahren und einem Tag die Vossische vom 16. April 1922 renommierte in Berlin ansässige Künstler:innen. Gestern hörten wir einen Teil der eingegangenen Antworten und heute, am 1922 zeitungsfreien Ostermontag, reihen sich drei weitere Stimmen ein in das Lob der künstlerisch befruchtenden Metropole Berlin. Frank Riede und Paula Leu verleihen für uns dem Maler Max Pechstein, der Dichterin Else Lasker-Schüler und dem Komponisten Ferruccio Busoni ihre Stimmen.
10 Minuten
Berlin konkurriert sicherlich nicht um den Titel der schönsten Stadt der Welt, kann sich, was die Touristenströme angeht, nicht mit Rom oder Paris messen, und ist definitiv keine reiche Stadt. „Arm aber sexy“ als werbende Charakterisierung der Stadt prägte der ehemalige Bürgermeister Klaus Wowereit. Und damit traf er zumindest für die Kunstszene einen Nerv. Denn, wenn Berlin in weltweiten Ranking-Listen mithalten kann, dann, wenn es um die Attraktivität der Stadt für Künstler:innen und die Lebendigkeit der Kunstszene geht. Diese Anziehungskraft für Literat:innen, Bildende Künstler:innen, Musiker:innen gilt je nach Jahrzehnt, mal mehr, mal weniger als erwiesen. Die Vossische Zeitung machte sich Sorgen um den Ruf der Stadt als Kunstmetropole, da offensichtlich zahlreiche Künstler Anfang der 20er Jahre der Stadt den Rücken gekehrt hatten, und veranstaltete eine Umfrage unter Künstlern mit der Leitfrage: „Hemmt oder beeinträchtigt Berlin wirklich das künstlerische Schaffen?“ Da der 17. April 1922 auf den Ostermontag fiel, erschienen an dem Tag keine Zeitungen, so dass die Sonntagausgabe vom 16.4. beide Tage abdeckte. Wir machen es genauso und teilen die auf die Umfrage antwortenden Künstler:innen auf den heutigen und morgigen Tag auf. Heute machen die Literaten Bernhard Kellermann und Alfred Döblin sowie der Maler Lovis Corinth den Anfang, alternierend gelesen von Paula Leu und Frank Riede.
8 Minuten
Spätestens seit Goethes Faust haben Osterspaziergänge in deutschen Landen eine gewisse Tradition, und warum sollen sie nicht auch einmal nach Steglitz führen? Immerhin war dort vor einhundert Jahren mit dem Steglitzer Anzeiger eine der anspruchsvolleren Groß-Berliner Vorstadtzeitungen beheimatet, die heute mit ihrem „Osterspaziergang“ bei Auf den Tag genau debütiert. Dass der Artikel sich Goethe-Anspielungen denn auch nicht versagen mag, mutet entsprechend weniger überraschend an als seine Datierung vom 15. April 1922. Das Osterfest fiel 1922 nämlich erst auf den 16. und 17. April, zumindest nach christlichem Kalender. Im kirchenfernen Berlin, respektive Steglitz, huldigte man indes offensichtlich auch bereits vor einhundert Jahren bisweilen lieber den heidnischen Wettergöttern – und feierte die Auferstehung aus dem Jammertal des ostelbischen Winters durchaus schon einmal am Karfreitag. Für uns mitgefeiert hat Paula Leu.
9 Minuten
Die alte Erkenntnis, dass Propheten im eigenen Land häufig nichts gelten, trifft, neben vielen anderen, auch auf den großen Architekten Hans Poelzig zu, der fast sechzig Jahre alt werden und vor allem im Osten des Reiches zahlreiche bedeutende Bauprojekte realisieren musste, bis man auch in seiner Geburtsstadt Berlin so langsam auf ihn aufmerksam wurde. Erst Ende der 1920er, Anfang der 1930er Jahre verewigte sich Poelzig mit der Neugestaltung des Bülowplatzes (heute Rosa-Luxemburg-Platz) und vor allem dem heute als ikonisch geltenden Haus des Rundfunks auch hier im Stadtbild. Mit ihrer Hymne auf Poelzig als einen der künstlerischen Charakterköpfe des neuen modernen Nachweltkriegs-Berlin vom 14. April 1922 war die Berliner Morgenpost ihrer Zeit mithin weit voraus. Für uns wird sie angestimmt von Frank Riede.
8 Minuten
Mit Hans Goslar kommt bei Auf den Tag genau heute eine weitere Stimme des journalistischen Weimars zu Wort, die nach 1933 gewaltsam unterdrückt wurde und anschließend dem Nazi-Regime zum Opfer fiel. Im Falle des 1889 geborenen Goslar führte der Leidensweg über die Emigration nach Amsterdam, wo seine Familie 1943 verhaftet und ins Konzentrationslager Bergen-Belsen verschleppt wurde. Dort starb Hans Goslar im Februar 1945. 1922 war er, der Nationalökonomie studiert hatte, Leiter der Pressestelle des preußischen Staatsministeriums. Seine auf einer Studienreise in die USA gewonnenen Eindrücke fasste er im Buch mit dem Titel „Amerika 1922“ zusammen. Für die Vossische Zeitung vom 13. April beschrieb er die Ernährungsgewohnheiten der Amerikaner, und damit Schnellrestaurant-Ketten, viele frische Früchte, Milch, offiziell keinen Alkohol, aber vor allem: unglaublich viel Zucker. Für uns tingelt Frank Riede vom Grapefruit- zum Candy-store.
7 Minuten
Neutral, ergo nicht am Ersten Weltkrieg beteiligt, Bankgeheimnis intakt, ergo massive Geldflüsse in den sicheren Bank-Hafen während des Weltkrieges. Man könnte meinen, dass die Schweiz 1922 wirtschaftlich gut dastand. Jedoch plagten die auf Export ausgerichtete Agrarwirtschaft und Industrie die Krisen und die sinkende Kaufkraft der Nachbarstaaten. Davon berichtet der Vorwärts vom 12. April, sowie, damit verknüpft, von den Hoffnungen der Schweiz auf einen die europäische Wirtschaft stabilisierenden Verlauf der Konferenz in Genua. Paula Leu schaut für uns hinüber zu den Sorgen der Schweiz.
Auf den Tag genau

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Der Podcast mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Welt vor hundert Jahren