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Auf den Tag genau Archiv

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8 Minuten
Bereits seit Tagen überboten sich die Berliner Tageszeitungen in Vorberichten – am 10. April 1922 ging die mit großen Erwartungen befrachtete Wirtschaftskonferenz von Genua endlich los, und weckte in Deutschland ein weiteres Mal Hoffnungen auf eine Neuverhandlung der als ungerecht und unbezahlbar aufgefassten Reparationsauflagen. Allzu viel war bei der feierlichen Eröffnung der Veranstaltung naturgemäß noch nicht passiert, aber das vorherrschende Narrativ der hiesigen Berichterstattung ist bereits im Auftaktartikel der Berliner Volks-Zeitung vom 11. April zu besichtigen: Die deutschen Sympathien galten eindeutig der auf das internationale Parkett zurückgekehrten russischen bzw. nunmehr sowjetischen Delegation, die Rolle des Bösewichts spielten aus Berliner Perspektive weiterhin die Franzosen unter ihrem Hardliner in Reparationsfragen, Ministerpräsidenten Raymond Poincaré. Alle weiteren Details kennt Frank Riede.
11 Minuten
Der Berliner Hockey-Club gilt bis heute als erste hauptstädtische Adresse in seinem Sport, und er tat das auch schon vor einhundert Jahren. 1905 gegründet, war der Name des BHC siebzehn Jahre später offensichtlich bereits so klingend, dass seine erste Herren-Mannschaft zu einer ausgedehnten Spanienreise nach Barcelona eingeladen wurde, um sich dort mit den führenden einheimischen Mannschaften zu messen. Gleich mehrere Berliner Zeitungen berichteten von dieser exotisch anmutenden Tour. In der B.Z. am Mittag vom 10. April tat dies ein gewisser Dr. P., von dem wir nicht nur dankenswerterweise einiges über das Drumherum erfahren, sondern aus dessen Spielbericht auch hervorgeht, dass – natürlich, ist man fast geneigt zu sagen – auch damals schon ein Mitglied der legendären Berliner Hockeyfamilie Keller mit von der Partie war. Es handelt sich dabei um den Vater des Olympiasiegers von 1972 Carsten, den Großvater der Olympiasieger Andreas (1992), Natascha (2004) und Florian (2008): Erwin Keller war 1922 zwar erst zarte siebzehn Jahre alt, aber offensichtlich bereits ein Leistungsträger seiner Mannschaft – vierzehn Jahre bevor er mit seiner Silbermedaille bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin die Dynastie der Kellers recht eigentlich begründete. Es liest Paul Leu.
11 Minuten
Der Paragraph 175, der in seiner Fassung von 1871 die Zitat: „widernatürliche Unzucht, welche zwischen Personen männlichen Geschlechts“ Zitat Ende, unter Strafe stellte, bestand in Abwandlungen bis 1994 fort und ist damit ein dunkles Kapitel der westdeutschen Nachkriegs-Rechtsordnung – zumal die Rehabilitierung der zwischen 1945 und 1994 Verurteilten noch bis 2017 auf sich warten ließ. Heute betreibt die Antidiskriminierungsstelle des Bundes eine Hotline für Betroffene und bietet Entschädigungen für die Opfer des Paragraphen 175 an. Dass der Paragraph juristisch höchst fragwürdig war, war schon vor hundert Jahren offenkundig und Versuche ihn abzuschaffen wurden regelmäßig unternommen. So lesen wir in der liberalen Berliner Volks-Zeitung vom 9. April eine klare Stellungnahme gegen den Paragraphen, die die Menschenverachtung der Justiz, die den Paragraphen zur Anwendung brachte, herausstreicht, die Chancen auf eine Abschaffung aber, leider realistisch, als nicht sehr hoch einschätzt. Wir bringen dieses spannende Zeitdokument, obgleich die Bezeichnungen der Homosexuellen sowie die Ausführungen zu ihrer sexuellen Orientierung für heutige Standards zu Recht als diskriminierend zu betrachten sind. Wir folgen der Argumentation eines Autors, der deutlich für die Rechte der Homosexuellen eintritt, es aber nicht als Widerspruch empfindet, zugleich Deutschland gegen den Vorwurf aus dem Ausland zu verteidigen, die Zahl der Homosexuellen sei in Deutschland besonders hoch. Frank Riede macht dessen Text für uns hörbar.
8 Minuten
Friedensverträge gab es nach dem Ersten Weltkrieg eigentlich zur Genüge; da aber jedes Papier immer neue Probleme und Konflikte potenzierte, stapelten sich auch im Frühjahr 1922 die Konferenzen, von denen man sich endlich stabile politische Verhältnisse in Europa erhoffte. Nach weitegehend ergebnislosen Verhandlungen im Januar in Cannes kam man ein Vierteljahr später in noch größerer Runde, das hieß vor allem erstmals auch wieder unter russischer Beteiligung gut zweihundert Kilometer nordostwärts auf italienischer Seite in Genua erneut zusammen, um das durch den Krieg nach wie vor verheerte Wirtschafts- und Finanzleben auf dem Kontinent neu zu organisieren. Bereits vor der großen Politik waren ungezählte Pressevertreter vor Ort eingetroffen, die vor Beginn der Verhandlungen schon einmal einfahrende Züge mit Kongressdelegierten und die diese erwartenden Luxus-Hotels besichtigen. Für uns dabei waren die Berliner Morgenpost vom 8. April 1922 – und Paula Leu.
6 Minuten
Die Darwinsche Evolutionstheorie könne nicht zutreffen, da sie der biblischen Menschheitsgeschichte widerspricht, derzufolge, die Menschen vor wenigen tausend Jahren mit den Dinosauriern zusammenlebten, ehe diese durch die Sintflut beseitigt wurden. Dies behauptet der sogenannte Kreationismus, der auch aktuell für eine Verbannung von Darwin aus den Lehrplänen amerikanischer Schulen kämpft und seine Ansichten in einem riesigen Themenpark in Kentucky, in dem ein maßstabsgetreuer Nachbau der Arche Noah steht, zu veranschaulichen und zu beweisen versucht. Nahezu mit genau diesen Argumenten fand dieser Konflikt um die Bildung der Kinder schon vor 100 Jahren statt. Der Vorwärts berichtet am 7. April 1922 von dem Feldzug des Politikers der Demokratischen Partei William Bryan gegen Darwin. Frank Riede gibt uns Einblick in diesen Jahrhundertkampf zwischen der einzig „wahren, göttlichen Wissenschaft“ und den „schändlichen“ Naturwissenschaften.
7 Minuten
Wer ist Leila? Wem gehört der Schnauzer Mimili? Und wen überhaupt umfasst das ‘wir‘, von dem hier ständig die Rede ist? Viele Fragen, die unser heutiger, sehr literarischer Text vom „Frühling auf der Müritz“ aus dem Berliner Tageblatt vom 6. April 1922 aufwirft, beantwortet er selbst nicht. Dennoch oder gerade deswegen vermittelt er dichte atmosphärische Eindrücke vom streckenweise offensichtlich noch recht kalten Vorfrühling des Jahres 1922 an der Mecklenburgischen Seenplatte, die wir unserer Podcast-Community nicht vorenthalten wollen. Sein Autor Fred Hildenbrandt war in den 1920er Jahren hochgeschätzter Feuilletonchef des Berliner Tageblatts. Nach 1933 machte er dann eher mit heroischer Erinnerungsprosa an den Ersten Weltkrieg und Drehbüchern zu NS-Propagandafilmen von sich reden. Es liest Paula Leu.
8 Minuten
O tempora, o mores! Die Verpackungen von Tabakartikeln, lehrt uns ein Blick in die Vossische Zeitung vom 5. April 1922, waren auch schon vor einhundert Jahren ein Politikum. Wo heute drastische Photographien von künstlich beatmeten Menschen und verkohlten Lungen vor den Gefahren des Rauchens warnen und die Verbraucher*innen vom Kauf des nämlichen Produktes abschrecken sollen, galt der Nikotinismus dabei seinerzeit noch als unschuldiges Laster, das in den buntesten Farben und mit gesundesten Körperbildern beworben werden durfte. Es sei denn, diese Körper waren zu nachlässig bekleidet. Dann waren nicht einmal mythologische Darstellungen des Renaissancemaler Correggio vor der preußischen Sittenpolizei sicher. Ob Leda und Zeus damals in mythischer Zeit ihren Geschlechtsakt mit einer Zigarette danach beschlossen und ob sie dies – nicht auszudenken! – womöglich à poil taten, ließ sich leider nicht zuverlässig ermitteln. Alle weiteren nackten Fakten kennt Frank Riede.
6 Minuten
Die Wissenschaftskommunikation ist mittlerweile ein vielfältiges Feld, das zu beackern, zu den Pflichten der Universitäten, Forschungsverbünde, Akademien und sonstiger wissenschaftlicher Institutionen gehört. Podcasts, Science-slams, Diskussionsrunden, Ausstellungen, Webseiten, Interventionen im öffentlichen Raum, Blogs und: Videos. Das Bemühen die wichtigsten Errungenschaften der Wissenschaften, einem breiten Publikum näher zu bringen, existierte auch vor 100 Jahren. Die Theorie der Zeit war zweifellos die Relativitätstheorie von Albert Einstein. Er wurde nicht müde auf Vortragsreisen rund um die Welt zu erklären, was es mit der Relativität auf sich hat. 1922 entstand auch ein erster Erklärfilm dazu, einer der ersten Wissenschaftsfilme überhaupt. Ohne die Beteiligung von Einstein hatte ein Kollektiv von Wissenschaftlern den zu großen Teilen animierten Film erstellt, der jedem die Grundzüge und Grundannahmen erklären sollte. Lange galt er als verschollen, bis 2005 eine britische Kopie, um englische Zwischentitel und Sprechblasen ergänzt, auftauchen. Wenn wir nicht ins Filmarchiv wollen, erfahren wir über den Inhalt nur aus den Rezensionen der Zeitungen – etwa derjenigen aus der Vossischen Zeitung vom 4. April. Paula Leu macht uns schlau.
8 Minuten
Heute verstehen wir unter “KI" Künstliche Intelligenz und knüpfen - zumindest in einigen Bereichen – ein Heilsversprechen an diese selbstlernenden Systeme. So warten wir etwa auf die KI, die Texte in Frakturschrift automatisch erkennt und transkribiert. Vor hundert Jahren stand “KI” für “Komintern”, also für die “Kommunistische Internationale”, zu der sich 1919, auf Betreiben der Moskauer Bolschewiki, kommunistische Parteien der Welt vereinigten. Nun bestand das Problem darin, dass die KI wiederum auch die "Dritte Internationale” war und nun nach einer Vereinigung mit der “Zweiten Internationale”, der 1889 in Paris gegründeten “Sozialistischen Internationale” strebte, um eine einheitliche Vertretung der Arbeiterschaft, des Proletariats zu schaffen. Doch dann war da seit 1914 noch die Abspaltung von der “Zweiten Internationale”, die als “Zweieinhalbte Internationale” bezeichnet wurde. Anfang April 1922 traf man sich zu Gesprächen in Berlin, um zu sondieren. Folgen wir dem Beobachter des Berliner Tageblatts, das am 3. April berichtete, so verlief der Start, nun ja, holprig. Frank Riede gibt Einblick.
9 Minuten
Schon vor 100 Jahren war die Erwartungshaltung omnipräsent, dass wenn ein Lichtschalter gedreht wurde, die daran angeschlossene Lampe auch aufleuchtete. Und geschah dieses Wunder der Elektrizität nicht, wurde in Richtung des Elektrizitätswerkes geschimpft. Dabei war die Versorgung der Berliner Industrie und der Privathaushalte mit ihrem stetig steigenden Energiehunger eine komplizierte Herausforderung, über die das Berliner Tagblatt vom 2. April 1922 seine Leser:innen aufklärte. Sie erfuhren, aus welchen Elektrizitätswerken über welche Umspannwerke der Strom die Haushalte erreichte. Sie lasen aber auch den Satz: „Ohne Kohle keine Elektrizität.“ Und der gilt leider noch heute. Paula Leu forscht für uns der Frage nach, wie der Strom in die Berliner Steckdose kam.
8 Minuten
Das Wort „wireless“, erfahren wir in unserem heutigen Artikel aus dem 8-Uhr-Abendblatt vom 1. April 1922, ist nicht erst ein Modeanglizismus des 21. Jahrhunderts, sondern elektrisierte auch schon Technikfreaks vor einhundert Jahren. Seinerzeit war man natürlich noch nicht kabellos mit dem Internet verbunden, aber ein Netz war es doch auch, welches die Funktelegrafie über die Welt legte und die Menschen über große Entfernung miteinander global in Kontakt treten ließ. Das galt interessanterweise selbst auf dem Wasser, wo bisweilen wohl die Verbindung zum Festland abreißen konnte, jedoch fast immer die Kommunikation mit anderen Schiffen intakt blieb. Den Erfahrungsbericht eines dänischen Journalisten an Bord der „Peru“ auf ihrem Weg von der englischen Kanalküste nach dem Indischen Ozean teilt für uns, als mitreisender Klabautermann von Auf den Tag genau, Frank Riede.
10 Minuten
Das Pariser Vergnügungsetablissement mit Konzertsaal Bataclan, das in orientalisierender Architektur 1865 errichtet und nach einer Operette von Jaques Offenbach benannt wurde, ist heute ein Ort, der an die Attacken durch den islamistischen Terrorismus in Frankreich erinnern lässt, richtete hier ja während eines Konzerts am 13. November 2015 eine dreiköpfige Dschihadistengruppe ein Blutbad an, bei dem 89 Konzertbesucher starben. Man könnte sagen: Das Ziel war sorgfältig gewählt. Traditionell hatte das Bataclan den Ruf, besonders für das lebensfrohe, libertinäre Partyvolk ein Magnet zu sein. Vor einhundert Jahren zeugt davon der Artikel von Mara Herberg vom 31. März 1922 aus der BZ am Mittag, in dem die Autorin das Leben, die Mode, den wiederkehrenden Luxus von Paris schildert – und eben auch die abendliche Vergnügungssucht. Doch sie ist nicht nur fasziniert von den Parisern und Pariserinnen. Der etwas spöttische Blick läuft auf eine klare Anklage hinaus, auf wessen Rücken die rauschenden Feste im Bataclan eigentlich gefeiert werden. Den Text, in dem Herberg zur Beschreibung des Publikums auf den Straßen von Paris heute zurecht nicht mehr salonfähiges rassistisches Vokabular benutzt, liest für uns Paula Leu.
6 Minuten
Einsame Inseln üben von jeher eine hohe Faszination auf die Phantasie von uns Menschen aus, und die vielleicht einsamste Insel auf dem Erdball überhaupt ist das Eiland Tristan da Cunha, britisches Überseegebiet, heute, 2022, von knapp 250 Einwohnern bevölkert, 3200 Kilometer von der brasilianischen Küste, 2800 Kilometer vom Kap der guten Hoffnung entfernt im Südatlantik ge- bzw. entlegen. Insbesondere Literaten hat es immer wieder hierher gezogen. Von Edgar Allen Poe über Jules Verne bis Primo Levi, Arno Schmidt und Raoul Schrott ist der Dampfer der Weltliteratur auf Tristan da Cunha bald häufiger vor Anker gegangen als die ordinäre Versorgungsschifffahrt. Davon weiß auch die Berliner Volks-Zeitung ein Lied zu singen, die hier am 30. März 1922 angelandet ist. Mit einem dicken Postsack sowie einem englischen Pastor an Bord – und mit Frank Riede.
9 Minuten
Dass im Berlin 1922 eine große Zahl von Russ:innen lebte, dürfte bekannt sein. Ausgelöst durch die russische Revolution waren etwa erst die Anhänger des Zarentums, später das republikanische, liberale Bürgertum zur Flucht gezwungen und so entstanden in Berlin verschiedene russische Communities. Von der politischen Ausrichtung zu letzterer gehörte Wladimir Dmitrijewitsch Nabokow, der an der republikanischen Regierung nach dem Sturz des Zaren beteiligt war, welcher die Oktoberrevolution ein Ende setzte. Ihm und seiner Familie gelang die Flucht über die Krim und schließlich nach Berlin. Sein Sohn Vladimir, der später als Literat zu Weltruhm gelangen sollte, studierte zu der Zeit in Cambridge und publizierte erste Abhandlungen über Schmetterlinge. Nabokow, der Ältere, hatte einen Vortrag des ehemaligen Außenministers Pawel Miljukow, in der Philharmonie mitorganisiert. Zwei rechtsradikale Monarchisten sahen das als Gelegenheit, sich für den Sturz des Zaren zu rächen und schossen auf Miljukow. Nabokow eilte ihm zur Hilfe und wurde tödlich getroffen. Ein weiterer politischer Mord im Deutschland der 20er Jahre. Die Berliner Börsen-Zeitung vom 29. März 1922 berichtet. Für uns schildert Paula Leu den Hergang der Ereignisse.
7 Minuten
Die Neigung der politischen Linken zu Schismen und Sezessionen war bekanntlich auch schon in den 1920er Jahren voll ausgeprägt. Die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD), eben noch aus den Reichstagswahlen 1920 nur gut vier Prozentpunkte hinter den Mehrheitssozialisten als drittstärkste Kraft hervorgegangen, war im Frühjahr 1922 im Begriff, zwischen SPD und KPD zerrieben zu werden und stritt inbrünstig darüber, ob der Ausweg aus diesem Dilemma in einer immer schärferen Abgrenzung zur SPD oder aber, im Gegenteil, in einer Wiederannäherung zu ihr zu finden sei. Gegen die Mehrheit des Parteivorstands vertrat die Parteizeitung Freiheit lange die letztere Linie, weswegen die alte Redaktion Ende März geschasst wurde. Karl Kautsky, ebenfalls Befürworter einer Rückkehr in den Schoß der SPD, konnte seinen Brief zur „Krise der Unabhängigen“ am 28.3. deshalb bereits nicht mehr in der Freiheit veröffentlichen – und fand mit ihm Asyl in der SPD-Parteizeitung Vorwärts. Es liest Frank Riede.
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