Auf den Tag genau Archiv
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6 Minuten
Eine der ganz großen und zeitlosen Menschheitsfragen stellt das Friedenauer Tageblatt am 11. Mai 1922: „Sind die anderen Gestirne bewohnt?“ Und auch die Motivation für diese Frage klingt für uns vertraut – der jammervolle Zustand unseres Planeten. Und so geht es im Folgenden auch nicht nur um die Existenz von Außerirdischen, sondern auch um die Möglichkeiten für Menschen anderweitig im Weltraum einen neues Plätzchen zu finden. Paula Leu begibt sich mit auf die Suche.
12 Minuten
Die von den zwei Kunsthistorikern Dr. Fritz Goldschmidt und Dr. Victor Wallerstein nach dem Ersten Weltkrieg gegründete und nach ihnen benannte Galerie am Schöneberger Ufer 36a eröffnete 1921 eine Abteilung für die Moderne. Und in ihr fand vom April bis zum Juni 1922 eine Ausstellung von Wassily Kandinsky statt. Sie begleitete sozusagen Kandinskys Rückkehr nach Deutschland. War er vor dem Krieg als Mitbegründer der Künstlergruppe „Blauer Reiter“ in München tätig, zog ihn die russische Revolution nach Moskau, wo er 1920 der Leiter des „Instituts für Künstlerische Kultur“ wurde. Als ihm klar wurde, dass die neuen Machthaber in Rußland weder der künstlerischen Freiheit allgemein, noch der abstrakten Malerei im Besonderen zugeneigt waren, kehrte er zurück und folgte im Juni 22 dem Ruf Walter Gropius‘, um am Bauhaus in Weimar zu unterrichten. Die Berliner Börsen-Zeitung veröffentlichte in ihrer Ausgabe vom 10. Mai eine Kritik der Einzelausstellung bei Goldschmidt-Wallerstein. So ganz kann sich der Rezensent nicht für die Abstraktion Kandinskys erwärmen, wie Paula Leu zu berichten weiß.
9 Minuten
Charkow oder Charkiw – diese dieser Tage so erschütternd blutig ausgetragene Frage war auch schon vor einhundert Jahren bedrückend aktuell und hatte die Stadt im Osten der Ukraine zwischen 1917 und 1920 während des Russischen Bürgerkriegs mehrfach zum Schauplatz schwerer Kämpfe gemacht. Charkow oder Charkiw – für Colin Roß stellte sich diese Frage, zumindest sprachlich nicht. Der berühmte Reiseschriftsteller (der hier in diesem Podcast schon verschiedentlich aus Südamerika berichtet hatte) hielt sich, wie damals in der deutschen Berichterstattung weithin üblich, an die russischen Sprech- bzw. Schreibweisen – und griff auch ansonsten auf einige heute nicht mehr gebräuchliche, weil als diskriminierend in Verruf gerate Redewendungen zurück. Seine Aufzeichnungen aus der Berliner Morgenpost vom 9. Mai 1922 vermitteln interessanterweise den Eindruck, als habe sich nach der Oktoberrevolution und der Herrschaftssicherung der Bolschewiki sooo viel doch (noch) gar nicht geändert. Es liest Frank Riede.
9 Minuten
Das Heilbad Piešťany in der Slowakei wird wohl nur wenigen bekannt sein, aber nur Schachhistoriker kennen die Bedeutung dieses Ortes für die Schachgeschichte. Denn ebendort fand im April 1922 auf Anregung des in der Nähe lebenden ungarischen Schachspielers Gyula Breyer ein erstes internationales Turnier nach dem Ersten Weltkrieg statt, das die durch den Krieg verursachte Zersplitterung und die nationalen Feindschaften, im Geiste dieses Sports zu überwinden suchte. Der Initiator Breyer starb überraschend 1921 und so wurde der Wettkampf als “Breyer Memorial" tituliert. In diesem Turnier setzten sich zwei künftige WM-Kandidaten durch, die aus Rußland und der Ukraine emigrierten Alexander Aljechin und Efim Bogoljubow, wobei Bogoljubow knapp den Turniersieg davontrug. Der Bericht über das Turnier aus der DAZ vom 8. Mai könnte den Eindruck vermitteln, dass es schlecht besetzt war, da er sich en Detail mit allen Absagen beschäftigt. Paula Leu bringt uns alle Ab- und Zusagen.
10 Minuten
Wer jemals in der Karwoche in Südspanien weilte, wird die Bilder vom Scheitel bis zur Sohle in Kutten vermummter, unter repetitivem Trommelwirbel stundenlang Kreuze und Monstranzen durch die Innenstädte tragender Kohorten von Gläubigen nicht vergessen. Dieser Brauch der Semana Santa ist Jahrhunderte alt und schlug Reisende aus dem Norden über all die Zeit in ihren Bann. So erging es offensichtlich auch einem gewissen Paul Frank, den es im Frühjahr 1922 nach Málaga verschlagen hatte, von wo er einen eindringlichen Bericht von der dortigen Gründonnerstagsprozession ins protestantisch-heidnische Berlin schickte. Die Morgenpost hat ihn ein paar Wochen später am 7. Mai abgedruckt – und Frank Riede ihn für uns eingelesen.
10 Minuten
Der Name Christian Dietrich Grabbe ist, jenseits von Detmold, heute fast nur mehr germanistischen Spezialisten ein Begriff. Seine ambitionierten Dramen wie Herzog Theodor von Gothland oder Don Juan und Faust sind von der deutschen Bühne nahezu vollständig verschwunden. Vor einhundert Jahren sah das noch ein wenig anders aus, sein 1831 vollendetes Stück Napoleon oder Die hundert Tage war freilich auch schon damals in Weimarer Tagen ein eher selten gespieltes Werk. Mit seiner Inszenierung am Staatlichen Schauspielhaus am Gendarmenmarkt wagte Intendant und Regisseur Leopold Jessner also quasi, wie man heute sagen würde, eine Ausgrabung. Das Ergebnis würdigt im Berliner Börsen-Courier vom 6. Mai 1922 dessen Chefredakteur Emil Faktor – und für uns Frank Riede.
10 Minuten
In der heutigen Folge beschäftigen wir uns zusammen mit der Vossischen Zeitung vom 5. Mai 1922 mit der Luftballonfahrt und stoßen dabei auf den Pionier der Luftfahrt und Luftaufnahme: Eduard Spelterini. Der 1852 geborene Schweizer besorgte sich 1887 in Paris einen eigenen Ballon „Urania“ und flog mit ihm kreuz und quer durch Europa. Er beförderte Prominente, wie Kaiser Franz Joseph, den Grafen von Zeppelin, aber auch zahlreiche Wissenschaftler, die in der Höhe Experimente machten. Irgendwann um 1895 begann er aus dem Korb Luftaufnahmen auf Glasplatten zu machen, die mit der Zeit eine bedeutende Sammlung darstellten. Als der Motorflug die Ballon-Luftfahrt verdrängte und nach dem Ersten Weltkrieg die Begeisterung für Ballonfahrten nachließ, musste er seine Bildersammlung verkaufen und arbeitete Anfang der 20er Jahre vor einem Ballon posierend in einem Vergnügungspark in Kopenhagen. 23 zog er ins österreichische Zipf und baute eine Hühnerzucht auf. Gänzlich von der Weltöffentlichkeit vergessen starb er dort 1931. Paula Leu lässt uns an der Begeisterung für die Ballonfahrt und für Spelterini teilhaben.
5 Minuten
Das Osmanische Reich, vor allem in seiner Spätphase, gilt im allgemeinen Bewusstsein als besonders von Korruption geplagt – das Schmieröl der Verwaltung war das Bakschisch. Das Wort stammt aus dem Persischen, in dem es zunächst Geschenk bezeichnete, für Almosen oder Trinkgeld benutzt wurde, aber zunehmend die Bedeutung von Schmiergeld annahm. An dem Narrativ der fröhlich korrupten Osmanischen Reiches strickt auch die Vossische in ihrer Ausgabe vom 4. Mai 1922 mit, die ihren deutsch-jüdischen Autor Eli Samgar das Prinzip Bakschisch erläutern lässt. Paula Leu brauchen wir nicht zu bestechen, damit sie liest.
10 Minuten
Seit wir mit diesem Podcast auf Sendung sind, ging es in ungezählten Folgen immer wieder um die Frage von Grenzziehungen in Folge des Ersten Weltkriegs, und auch im Frühjahr 1922 war diesbezüglich nach wie vor kein Ende in Sicht. Nicht nur in Oberschlesien, sondern auch in Westpreußen und Pommerellen stand die Klärung, wo Deutschland und wo Polen anfangen respektive enden sollten, immer noch aus. Zu den umstrittenen Gebieten, die es immer wieder in die hauptstädtische Presse schafften, zählten u.a. auch fünf Dörfer am Unterlauf der Weichsel, die zusammen zwar kaum ein paar hundert Einwohner zählten und in ihrer Mehrheit zusammen genommen auch hauchdünn für einen Anschluss an Polen votiert hatten – für deren Verbleib bei Deutschland das Berliner Tageblatt am 3. Mai aber dennoch leidenschaftlich auf die Barrikade stieg. Für uns berichtet aus Marienwerder Frank Riede.
4 Minuten
Berlin-Friedenau gilt seit Jahrzehnten als Inbegriff eines gefragten, links-bürgerlichen Innenstadtquartiers mit satten grün-roten Mehrheiten. Vor einhundert Jahren war dessen Prägung indes noch deutlich konservativer, was sich auch an der Ausrichtung des hiesigen Friedenauer Tageblatts ablesen ließ. Die Kundgebungen zum Ersten Mai, zum Tag der Arbeit, interessierten hier nur, so lange sie die kommunistischen und unabhängigen Aktivisten auf ihrem Weg zum Lustgarten entlang der Hauptstraße durch den Bezirk führten und sich gleichsam von oben aus dem Fenster betrachten ließen. Und was man dort, aus sicherer Entfernung, so an Beobachtungen machte und anderntags, am 2. Mai 1922, über das durchmarschierende Proletariat zu Papier brachte, klingt auch nicht besonders herzlich. Oder, Paula Leu?
10 Minuten
Das Museum für Naturkunde - Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung lautet der vollständige Name des Hauses in der Berliner Invalidenstraße, das weltweit bekannt ist für das riesige in Lebensgröße aufgebaute Skelett des Brachiosaurus brancai. Neben der Ausstellung, die sich etwa im Jahre 2019 über 700 Tausend Besucher:innen anschauten, lädt das Museum zusammen mit der Initiative „Wissenschaft im Dialog“ zu Bürgerwissenschaftsprojekten ein, bei denen sich jeder an wissenschaftlicher Forschung beteiligen kann. 1922 machte die Berliner Morgenpost in ihrer Reihe „Gänge durch Berliner Bildungsstätten“ halt und berichtete am 30. April, also in der Ausgabe, die auch den zeitungsfreien 1. Mai bespielte, darüber. Der Brachiosaurus stand damals freilich noch nicht. Welche Exponate vor hundert Jahren im Lichthof ausgestellt waren, und dass manche davon aus den ehemaligen deutschen Kolonien in Afrika stammten, schildert für uns Frank Riede.
8 Minuten
Was macht es mit uns, dass wir immer und überall damit rechnen müssen, von einer Handykamera gefilmt oder fotografiert zu werden? Wie verändert sich unser Verhalten im öffentlichen Raum? Was bedeutet es erst für den Alltag von sogenannten Prominenten? Eine erste Revolution in dieser Hinsicht vollzog sich in den 20er Jahren, als die Photokameras zunehmend mobiler und die Photomaterialien empfindlicher wurden. Damit einhergehend feierten illustrierte Magazine, in denen die Zeichnungen durch Photografien ersetzt wurden, mit riesigen Auflagen Erfolge. Ein Riesenschritt auch für das, was wir heute als Boulevardjournalismus bezeichnen. Für den Berliner Börsen-Courier vom 30. April 1922 dachte Joseph Roth über die Auswirkungen der Schnappschüsse in den Medien, über das Dauerfotolächeln der Politik nach. In seinem Studio, vor neugierigen Paparazzi-Objektiven geschützt, liest für uns Frank Riede.
8 Minuten
Mary Wigman, eigentlich bürgerlich 1886 als Marie Wiegmann in Hannover geboren, zählt zu den wichtigsten Wegbereiterinnen des sogenannten Ausdruckstanzes in Deutschland. Als Choreographin wirkte sie vor allem mit ihrer eigenen Tanzgruppe von Dresden aus und stand in engem Austausch auch mit bildenden Künstlern wie Ernst Ludwig Kirchner. Darüber hinaus hinterließ sie aber auch tiefe Spuren als Tanzpädagogin, bei der u.a. Gret Palucca, Margarete Wallmann und Harald Kreutzberg lernten. 1922 war der neue Stil der Wigman, wenig überraschend, noch sehr umstritten. Erich Vogeler versucht im Berliner Tageblatt vom 29. April eine Lanze für sie zu brechen, artikuliert zugleich aber doch auch einige Vorbehalte. Hier gelesen von Paula Leu.
8 Minuten
In der Filmgeschichte gibt es gibt immer wieder Filme, die als Zeitbilder ihrer Entstehungsepoche gesehen werden, als würden sie die Stimmung, Themen, Leidenschaften, das Lebensgefühl etwa eines Jahrzehnts in sich verkörpern. „Ausser Atem“ von Jean-Luc Godard, „Die Fahrraddiebe“ von Vittorio de Sica sind Beispiele dafür. Und sicherlich gehört „Dr. Mabuse, der Spieler“ von Fritz Lang auch in diese Reihe. Die nervöse, verruchte, ekstatische und anarchische Weimarer Republik bekommt mit diesem zweiteiligen insg. 4 ½ stündigen Film ein Denkmal gesetzt, weshalb es nicht verwundert, dass die Erfolgsserie “Babylon Berlin” sich immer wieder vor diesem Stummfilm verneigt. Dr. Mabuse ist ein Meisterverbrecher, Manipulator, Hypnotiseur, Spieler, ein Mann mit tausend Gesichtern, einem weit verzweigten Verbrechernetzwerk, der die Börse manipuliert, mit Immobilien spekuliert und dabei weniger von finanziellem Gewinn getrieben ist, sondern vor allem von der Freude am Spiel. Am 27. April 1922 feierte der erste Teil Premiere in Berlin und einen triumphalen Erfolg. Für den Regisseur Fritz Lang und die Drehbuchautorin Thea von Harbou ebnete er den Weg zu weiteren gemeinsamen Großproduktionen. Mit der Filmkritik aus der BZ. am Mittag vom 28. April folgt für uns Paula Leu den Spuren des Dr. Mabuse.
10 Minuten
Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich, lautet ein bekanntes, meistens fälschlich Mark Twain zugeschriebenes Bonmot, mit dem regelmäßige Hörer:innen von Auf den Tag genau möglicherweise etwas anfangen können und an das auch unser heutiger Zeitungsartikel aus dem Berliner Tageblatt vom 27. April 1922 unwillkürlich denken lässt: Auch vor gut einhundert Jahren tobte in Teilen der Ukraine ein blutiger Krieg um deren Unabhängigkeit, der im Frühjahr 1922 immer noch nicht ganz beendet war und u.a. erhebliche Fluchtbewegungen gen Westen initiierte. Vor allem ethnische Minderheiten, nicht zuletzt die in nicht geringer Zahl dort lebenden Deutschen, waren es damals offensichtlich, die ihre Koffer packten und auf die häufig wochenlange, lebensgefährliche Reise machten. Wir senden einen Augenzeugenbericht, gelesen von Frank Riede.