Kein Nachruf (sdn. ein (V-)erlernen) III: Kritik der verkohlten Vernunft, Kulturkampf und das Patriarchat.

Kein Nachruf (sdn. ein (V-)erlernen) III: Kritik der verkohlten Vernunft, Kulturkampf und das Patriarchat.

vor 4 Wochen
1 Stunde 11 Minuten
0
0 0 0
Podcast
Podcaster

Beschreibung

vor 4 Wochen
00:00:15 Forethought 00:09:12 Erste Notiz: Kritik der verkohlten
Vernunft 00:37:31 Zweite Notiz: Mein Wahn nach Rationalität
00:46:31 Dritte Notiz: KI, die verkohlte Vernunft 00:50:21 Vierte
Notiz: Kulturkampf und Männlichkeit 00:55:10 Fünfte Notiz: Dies ist
kein Nachruf 01:07:51 Abmoderation Link zur ‘Folgenwebsite’
(Skript) Diese Folge wurde produziert, recherchiert und moderiert
von Steven Xavier Cassimo. Die Intro- und Outro-Musik wurde
komponiert und produziert von Jason Shaw (Creative Commons Music by
Jason Shaw on Audionautix.com). Schickt mir eure Kritik an
stevenxaviercassimo@protonmail.de Folgt mir auf Instagram, um auf
dem Laufenden zu bleiben. Es gibt auch die Möglichkeit, meine
Arbeit auf Steady zu unterstützen. Gott ist tot. Religion, Werte
und Moral sind tot. Alle metaphysischen Gewissheiten tot. Sie atmen
den Nihilismus, sie atmen das Nichts, weil sie das geduldige
Gespräch mit den Dingen, den Ahnen, den unvollständigen Geschöpfen
der Welten in ihrer Welt ablehnen. Sie sahen zu, wie die
christliche Moral mit ihrer Leibfeindlichkeit, ihren Demutsidealen
und ihrer Betonung des Mitleids ihre Kraft einbüßte, Sinn zu
stiften, und sie erlebten, wie diese Moral das schlechte Gewissen
und die Unterdrückung der Emotionen hervorbrachte. Sie haben die
Vorstellungen von einer göttlichen Ordnung, einem jenseitigen Sinn
des Lebens als überholt verworfen. Die Kosmologien und Ahnen jener
Welten hörten alles, was sie sagten, und sahen alles, was sie
taten. In ihrem Herrschaftswahn über ihr eigenes Schicksal
bestimmen zu wollen, schluckten sie die Ideen von Gut und Böse
einfach hinunter, als bedeuteten sie nichts. Nationalismus,
Antisemitismus und Sozialismus wurden zu ihren neuen Religionen.
Zwar war ihnen der Kapitalismus noch kein Begriff, dennoch
erkannten sie sich an der Herrschaft des Geldes und des Erwerbs und
machten sie zum Ausdruck ihrer eigensüchtigen Geldaristokratie. Die
Ahnen hörten ihnen dabei zu, wie sie ihren Rassismus und
Kolonialismus anbeteten. Während einige wenige von ihnen spürten,
dass es seltsam war, was sie taten, verhielten sie sich ihrer Zeit
entsprechend mehrzüngig zu ihrem Rassismus und Kolonialismus: Die
wenigen verspotteten die Vorstellung eines spezifisch deutschen
Rassebegriffs, sie taten ihn als Irrtum ab und sahen gerade im
‘Mischmasch-Europa’ den Ursprung großer Kulturen.1 Gleichzeitig
griffen sie den Rassebegriff, ohne etwas zu sagen, auf, etwa in der
Rede von einem ‘Herrenrasse'-Begriff, der naturgegeben an oberster
Stelle stehe.2 Überkreuz mit jenem formulierten sie die
Überzeugung, dass jede Kultur auf Sklaventum und der Ausbeutung
einer leidenden Masse beruhe, deren Elend gar gesteigert werden
müsse, um einer kleinen Elite ihre künstlerische Entfaltung zu
ermöglichen.3 Schließlich forderten sie, ohne den Begriff
Kolonialismus zu verwenden, eine expansive Weltpolitik und den
Kampf um ‘Erdherrschaft’, entwarfen geopolitische Szenarien von
russischer Dominanz über Europa und Asien bis hin zu kolonialen
Fantasien einer deutschen Forstkultur in Mexiko.4 Ihre Kritik an
den rassistischen Exzessen ihrer Zeit ist ein Januskopf: Die
Argumentation dagegen dient zeitgleich als Apologie, um die eigene
Vorherrschaft sowie die Aufrechterhaltung der
Ausbeutungsverhältnisse moralisch abzusichern. Hinter dem
gleißenden Licht modern geglaubter Ideologien verbirgt sich der
Verlust der Metaphysik, den auch das lauteste Versprechen von Sinn
und Identität nicht zu füllen vermag. Wie kann eine Identität das
Gewicht der Geschichte tragen, wenn ihr ideologisches Gewebe
entleert ist? Der eurozentrische Mensch bleibt ein Isolierter, weil
er Sinn nur dort sucht, wo er sein Privileg nicht gefährdet – indem
er versucht, sich autark vom Rest der Welt zu schöpfen. Er ist ein
Verdammter seiner eigenen Welt. Seine Verdammnis ist die
Unfähigkeit, sich ohne sein Privileg zu denken. Solange er sich
weigert, nach den vielen Welten in der Welt zu suchen, muss er
ständig neue Ismen und Ideologien produzieren, um den Riss zwischen
seinem humanistischen Selbstbild und seinen Ausbeutungspraktiken zu
überblenden. Vor fast 150 Jahren schrieb Friedrich Nietzsche sein
Werk ‘Der Wille zur Macht’, dessen Worte letztlich zur Idee des
Übermenschen kulminierten. Dann setzte eine unheilbare Krankheit
ein. Nietzsche starb. pole pole, gerne auch mit den Augen rollen,
aber nicht abschalten, denn ich möchte hier natürlich keinen
romantisierenden Nachruf auf Nietzsche verfassen. Obwohl sein
Gesamtwerk erstaunlich aktuell ist und viel über unsere Zeit zu
erzählen hat und einiges davon zu Recht gewürdigt wird. Kritische
Theoretiker*innen, Geschichtsphilosoph*innen und antike
Philosoph*innen verdienen unsere Würdigung und sollten nicht
vergessen werden. Gleichzeitig sollten wir sie aber auch mit den
Ideen der Poststrukturalist*innen, dekolonialen und postkolonialen
Theoretiker*innen, also der ideenreichen Epistemologie des Südens,
konfrontieren. Wir müssen die Werke von Kant, Fichte, Hegel,
Hildegard von Bin
15
15
Close