#28 2026 SPEZIAL Demokratie sucht Zukunft - Teil 4

#28 2026 SPEZIAL Demokratie sucht Zukunft - Teil 4

vor 1 Tag
n dieser vierten Folge der Reihe „Zukunft der Demokratie“ spricht Christoph Chorherr mit dem Historiker Götz Aly über die Frage, wie die Demokratie in Deutschland und Österreich untergehen konnte und welche Rolle „ganz normale“ Menschen dabei spielten. Al
2 Stunden 16 Minuten
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Beschreibung

vor 1 Tag

Christoph Chorherr gestaltet die vierte Folge der Sonderserie zur
„Zukunft der Demokratie“ mit einem Gespräch über das neue Buch
von Götz Aly „Wie konnte das geschehen?“, das den Untergang der
Weimarer Demokratie und die Entstehung des Nationalsozialismus
aus der Perspektive der Mehrheitsgesellschaft beleuchtet. Aly
schildert biografisch, wie er als Nachkriegskind über
NS‑Prozesse, Filme über Konzentrationslager und das Schweigen der
Eltern zur Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Shoah
kam und warum er darin weniger ein Staats- als ein
Gesellschaftsversagen erkennt. Er kritisiert das gängige
Gedenkstättenkonzept, das Täter als „SS‑Monster“ auslagert und
die Identifikation mit Opfern erleichtert, während die
Beteiligung der „halbwegs normalen“ Deutschen und Österreicher an
Arisierung, Zwangsarbeit und Deportationen weitgehend
ausgeblendet bleibt. Ausführlich erklärt Aly, wodurch die
NS‑Regierung bis 1938 so populär wurde: durch radikale soziale
Maßnahmen zugunsten von Mietern, Bauern, Arbeitslosen und
Kriegsversehrten, finanziert durch Schulden, höhere Steuern für
Vermögende und Unternehmen sowie eine Politik der materiellen
„Bestechung“ breiter Schichten. Ebenso zeigt er, wie moderne
Massenmedien – vor allem Radio, Kino-Wochenschau und
Unterhaltungsfilme – mit 85 Prozent Unterhaltung und
wohldosierter Propaganda kombinierte, um Zustimmung zu Hitler,
zur Aufrüstung und später zum Krieg emotional abzusichern. Am
Beispiel der „Euthanasie“-Morde an psychisch Kranken und
Behinderten und der späteren Judendeportationen beschreibt Aly,
wie Verwaltung, medizinische Profession, Nachbarschaften und
Familien stufenweise in ein System des Mitwissens,
Mitprofitierens und opportunistischen Schweigens hineingezogen
wurden. In einem zweiten Schwerpunkt vergleicht er die Endphase
der Weimarer Republik mit heutigen Demokratien: Die damalige
Zersplitterung und Selbstblockade der Parteien der Mitte, das
Ausweichen in Symbolpolitik und die Angst, Wählerinnen und
Wählern unangenehme Wahrheiten zu zumuten, erkennt er in
abgeschwächter Form auch in Berlin, Wien, Paris und Washington.
Aly warnt jedoch vor inflationären Faschismus‑Vergleichen,
plädiert dafür, von Nationalsozialismus bzw. „Hitlerismus“ zu
sprechen und die konkreten sozialen und politischen Mechanismen
von Stabilisierung und Radikalisierung genau zu analysieren,
statt alles mit einem Schimpfwort zu überdecken. Abschließend
reflektiert er seine eigene 68er‑Biografie („Unser Kampf“), zeigt
die langen Schatten elterlicher NS‑Biografien und formuliert
einen Satz, den er auf ein großes Plakat am Potsdamer Platz
schreiben würde: „Bildet euch nicht ein, ihr würdet auf der
besseren Seite der Geschichte stehen.“


Links zur Folge:


Götz Aly auf Wikipedia


Buch "Wie konnte das geschehen?" (S. Fischer Verlag)


Buch "Unser Kampf" (S. Fischer Verlag)


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