DIE SPIRITUELLE KRISE DES WESTENS

DIE SPIRITUELLE KRISE DES WESTENS

4 Minuten

Beschreibung

vor 2 Wochen

 


Der Westen befindet sich in einer spirituellen Krise, die nicht
aus Mangel entstanden ist, sondern aus Entbindung. Der Mensch
verfügt über Freiheit, wie keine Generation vor ihm – und
entzieht sich zugleich jeder Verpflichtung. Er kann wählen,
jederzeit und überall. Aber er weigert sich, die Konsequenzen
seines Wollens zu tragen.


Diese Krise ist nicht äußerlich. Sie ist nicht primär politisch,
ökonomisch oder technologisch. Sie ist innerlich. Sie betrifft
das Selbstverständnis des Menschen. Freiheit wird als Zustand
verstanden, nicht als Aufgabe. Als Anspruch, nicht als
Verantwortung. Als Recht, nicht als Zumutung.


Der moderne Mensch begreift sich als autonomes Ich, das sich
selbst genügt. Doch dieses Ich ist leer geworden. Es will, ohne
Maß. Es entscheidet, ohne Bindung. Es fordert Anerkennung, ohne
Verpflichtung. Übrig bleibt ein Subjekt, das alles darf, aber
nichts mehr schuldet – weder sich selbst noch anderen.


Hier liegt der Kern der Krise: Freiheit wurde von Pflicht
getrennt. Selbstbestimmung von Gewissen. Individualität von
sittlicher Form. Was einst Haltung war, ist zur Option geworden.
Was bindend war, ist verhandelbar. Was verpflichtete, wird als
Zumutung empfunden.


Doch Freiheit ohne Selbstbindung ist keine Freiheit. Sie ist
Willkür. Und Willkür zerstört nicht nur Ordnung, sondern auch
Würde. Denn Würde entsteht nicht durch Möglichkeiten, sondern
durch Maß. Nicht durch Entgrenzung, sondern durch Form.


Der Mensch braucht keine äußere Autorität, um verpflichtet zu
sein. Die Instanz liegt in ihm selbst. In seiner Fähigkeit,
zwischen richtig und falsch zu unterscheiden. In seinem Vermögen,
sich selbst Grenzen zu setzen. Nicht aus Angst, nicht aus Zwang,
sondern aus Einsicht.


Spirituelle Krise heißt daher: Der Mensch verweigert die Arbeit
an sich selbst. Er sucht Erlösung im Außen – in Systemen,
Ideologien, Konsum, Identitäten – und flieht vor der Zumutung,
sich selbst Maß zu sein. Er will Freiheit ohne Disziplin. Sinn
ohne Opfer. Würde ohne Arbeit.


Der Westen leidet nicht daran, dass ihm Werte fehlen. Er leidet
daran, dass er sie nicht mehr als bindend anerkennt. Alles ist
verfügbar, nichts verpflichtend. Alles diskutierbar, nichts
verbindlich. Daraus entsteht kein Fortschritt, sondern
Orientierungslosigkeit.


Der Mensch muss sich wieder als verantwortliches Ich begreifen.
Nicht als Konsument von Möglichkeiten, sondern als Träger von
Pflicht. Nicht als Opfer der Umstände, sondern als Urheber seiner
Haltung.


Die spirituelle Krise des Westens ist keine Schicksalsfrage. Sie
ist eine Charakterfrage. Und sie entscheidet sich nicht im Außen,
nicht in Programmen oder Strukturen, sondern im Inneren des
Menschen – dort, wo Freiheit entweder zur Willkür verkommt oder
zur sittlichen Aufgabe wird.

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