Aus der Stille, in die Stille

Aus der Stille, in die Stille

26 Minuten

Beschreibung

vor 1 Monat

Von den Worten des Menschen, dem Klang der Musik und der Stimmung
des Schweigens von HOLGER ZABOROWSKI


Die Stille und das Wort des Menschen Aus der Stille kommt alles,
was ist. Die Welt ist aus der Stille geboren. Bevor überhaupt
etwas war, vor dem Anfang von allem, vor dem Urknall – Wer hätte
ihn hören können? Wie klang er? – war die Stille. Die
anfängliche, den Anfang ermöglichende Stille ist das Nichts, das
allem, was ist, zuvor und zugrunde liegt. Und sie ist als Grund
die Offenheit für alles, für all die Möglichkeiten, die sich aus
ihr ergeben, all die Worte und Klänge, die Geräusche und Laute,
die sich aus ihr hervorwagen. Alles kommt aus der Stille, und so
kommt aus der Stille auch der Mensch. Wenn ein Mensch auf die
Welt gekommen ist, beginnt er recht bald, laut zu schreien. Dass
er schreit, ist ein gutes Zeichen. Er lebt, dieser neue
Erdenbürger. Er macht auf sich aufmerksam, drückt Begierden aus,
äußert sich. Diese ersten Äußerungen sind elementarer Natur. Sie
sind überlebensnotwendig. Menschen teilen diese Fähigkeit, sich
bemerkbar zu machen, mit den Tieren, die auch schreien, weinen,
jammern können. Es gibt jedoch noch eine andere Weise, in der
Menschen sich äußern, in der sie ihr Inneres nach außen wenden,
sich zeigen als die, die sie sind. Wenn sie nämlich nicht einfach
animalische Laute von sich geben, sondern sprechen, wenn sie ein
Wort und noch ein anderes Wort, wenn sie Sätze, Gedanken,
Bedeutungsvolles äußern und dies aus ihrem Inneren heraus ins
Außen der Welt hinein erklingen lassen. In solchen Äußerungen
zeigen sich Menschen, zeigen, dass sie nicht nur etwas sind,
etwas Vorhandenes, sondern jemand, eine Person mit Innenleben,
das sich in allem, was sie sagt oder tut, mal mehr, mal weniger
nach außen wenden kann. Daher ist es fürEltern wichtig, wann ein
Kind das erste Wort gesagt hat – und was es genau gesagt hat. War
es »Mama«? »Papa«? Oder etwas ganz anderes? Manche Kinder fangen
besonders früh an zu sprechen. Andere sind mundfaul und beginnen
sehr spät mit dem Sprechen. Doch für alle ist der Moment des
ersten Wortes ein entscheidendes Ereignis, das im Gedächtnis der
Familie weitergetragen wird – als sei es ein zweiter Geburtstag,
ein zweites Zur-Welt-Kommen. Und genau das ist es auch: ein
Sich-Zeigen, in dem noch einmal neu die Welt betreten und die
Welt angeeignet, zu etwas Eigenem gemacht wird. Denn mit dem
ersten Wort tritt der Mensch aus der Stille, in der es für ihn
noch keine Worte gibt, sondern nur Laute, heraus. Er lässt diese
Stille hinter sich und kommt zur Sprache und dadurch erst in
vollem Sinne zur Welt, die sich ihm in Worten eröffnet und die er
sich durch Worte erschließt, Wort um Wort, Satz für Satz, ein
Wechselspiel, ein Hin und Her von Anspruch und Zuspruch, der
Dialog von Mensch und Welt. Aus der wortlosen, wenn auch nicht
lautlosen Stille heraus zeigen sich Menschen als Menschen, die,
wie Aristoteles sagte, den Logos, das Wort, die Sprache, den Sinn
haben, um dadurch zur Welt zu kommen und in ihr Heimat zu finden.
Geheimnisvoll ist dieser Übergang, so geheimnisvoll wie überhaupt
die Menschwerdung und das Menschsein. Ein Mensch zeigt sich, ein
erstes Wort erklingt, und nun lebt er, dieser Mensch, im
Gespräch, als Gespräch mit sich selbst, der Welt, anderen
Menschen und, wenn er betet, auch mit Gott.


Cover: Jedi Noordegraaf

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