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... vom Umgang mit Ambiguitäten in einer komplexen Welt

Was steckt eigentlich hinter dem Wort
"Ambiguitätstoleranz"? Warum müssen wir das üben und wo hat diese
Form der Toleranz auch ihre Grenzen? An zwei aktuellen Beispielen
schauen wir auf das Phänomen und seine realen Auswirkungen. Es
geht ums Aushalten von Widersprüchlichkeit, leben unter sich
ständig wandelnden Bedingungen, aber auch um Leiden und bisweilen
auch Zynismus. Denn wir alle dulden Widersprüchlichkeiten, die
bei anderen Menschen Leid erzeugen.

Ganz konkret stellt uns der Umgang mit der Pandemie gerade
täglich vor eben diese Herausforderung: Ambiguitäten auszuhalten.
Wir sehen ständig bei anderen ein Verhalten, das wir persönlich
so nicht richtig finden. Gleichzeitig handeln wir aber auch mit
uns selber aus, wo wir uns Freiheiten erlauben, obwohl wir
wissen, dass es eigentlich besser wäre, das zu lassen. Wir
entscheiden das alle hoch individuell. Und das sorgt für
Spannungen, aber eben auch die Notwendigkeit, dieses Verhalten
bei anderen zu tolerieren. Im Rahmen dessen natürlich, was
tolerabel ist. Auch Toleranz hat schließlich ihre Grenzen.

Das andere Beispiel ist die Dokumentation über 100 Menschen, die
Teil der katholischen Kirche sind und sich geoutet haben, nicht
dem Bild zu entsprechen, das die katholische Kirche nunmal von
Menschen hat. Homosexuelle, Trans- und Interpersonen haben unter
"Wie Gott uns schuf" von ihrem Leid erzählt, innerhalb der
Religionsgemeinschaft anders zu sein als das von ihnen erwartet
wird. #ComingOutInChurch zeigt deutlich, wie leidensfähig
Menschen sind, wenn es um Ambiguität geht. Und das ist erst
einmal eine Phänomenbeschreibung. Denn natürlich ist das im
Ergebnis eben nicht gut.

Und wenn wir auf das Leid schauen, das durch Amts- und
Würdenträger:innen der katholischen Kirche in der Welt verbreitet
wurde und wird, dann kommen wir auch schnell in den Bereich des
Zynismus, wenn von "Ambiguitätstoleranz" die Rede ist. Gar nicht
so einfach, das alles in seiner Komplexität zu verbalisieren. Wir
versuchen es trotzdem.

Ritas Literaturliste:

Abplanalp, Esther et al.: Beraten in der
Sozialen Arbeit. Eine Verortung zentraler
Beratungsanforderungen. Kap. 7: Widerstand in
Veränderungsprozessen. Bern 2020, S. 131-154.

Baethge, Christopher: Amerika, Blicke. Über
den Umgang mit Ambivalenz. In: Merkur, 58. Jahrgang, Heft 660.
April 2004, S. 316-324.

Bauer, Thomas: Die Vereindeutigung der Welt.
Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt. 2.,
durchgesehene Auflage. Stuttgart 2018.

De Beauvoir, Simone: Für eine Moral der
Doppelsinnigkeit. In: Dies.: Soll man de Sade verbrennen?
Reinbek bei Hamburg 1983. [Original 1947]

Frenkel-Brunswik, Else: Intolerance of
ambiguity as an emotional and perceptual personality variable.
In: Journal of Personality 18. 1949. S. 108–143. Abrufbar unter
https://doi.org/10.1111/j.1467-6494.1949.tb01236.x (Datum des
letzten Abrufs: 26.01.2022)

Merleau-Ponty, Maurice: Die Abenteuer der
Dialektik. Frankfurt/Main 1974.

Vintges, Karen: Zur Ethik bei Simone de
Beauvoir. 13.12.2019. Abrufbar unter
https://www.bpb.de/apuz/302121/zur-ethik-bei-simone-de-beauvoir
(Datum des letzten Abrufs: 26.01.2022)

Vives, Marc-Lluís/ FeldmanHall, Oriel:
Tolerance to ambiguous uncertainty predicts prosocial behavior.
In: Nature Communications 9, 2018. Abrufbar unter
https://doi.org/10.1038/s41467-018-04631-9 (Datum des letzten
Abrufs: 26.01.2022)

Noras Linkliste:

Wie Gott uns schuf - Coming out in der katholischen
Kirche: Ein Film von Hajo Seppelt, Katharina Kühn, Peter
Wozny, Marc Rosenthal. ARD Mediathek.

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