Deutschland gibt pro Kopf fast am meisten Geld für Gesundheit in der EU aus – bei der Herzgesundheit liegt es seit Jahrzehnten nur im europäischen Mittelfeld. Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind mit rund 64 Milliarden Euro im Jahr der größte Kostenblock im deutschen Gesundheitswesen. Der EU Safe Hearts Plan setzt jetzt Ziele: Bis 2035 sollen 75 % der 25- bis 64-Jährigen und 90 % der über 65-Jährigen jährlich ihren Blutdruck messen lassen. Warum belohnt unser System die Behandlung stärker als die Vermeidung – und was muss sich ändern? Darüber spricht EinBlick-Redakteur Christoph Nitz mit Udo Schauder, Mitinitiator und Vorsitzender des ImPuls Think Tank Herz-Kreislauf. Schauder studierte Medizin, war in leitenden Funktionen der Industrie tätig und stand dem Patientenunterausschuss des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller vfa vor. Den Think Tank hat er 2017 mit ins Leben gerufen – eine gesamtgesellschaftliche Initiative mit heute 29 Mitgliedern, die fordert, Vorbeugung politisch verbindlich zu verankern. Die Themen der Folge: – Systemfehler seit 1883: Die Krankenversicherung bezahlt seit Bismarck die Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit, nicht die Gesunderhaltung – und ob Vorbeugung gewirkt hat, lässt sich 20 Jahre später kaum nachweisen. – Aufklärung oder Regulierung? Schauder will beides: weniger Werbung für zucker-, fett- und salzhaltige Produkte, eine nach Zuckergehalt gestaffelte Abgabe – und die Einnahmen in die Prävention, etwa in eine Bundesstiftung. – Marmelade mit 60 % Zucker ist billiger als die mit 30 %: Warum Obst, Gemüse und gesunde Schulverpflegung günstiger werden müssen. – Blick nach Europa: Norwegens Public Health Act verpflichtet alle Ressorts auf Gesundheit, Frankreich startet 2026 eine nationale Strategie mit frühen Screenings bis zum Neugeborenen, Dänemark organisiert Prävention wohnortnah. – Lipoprotein(a): ein Wert, der bei Männern nur einmal im Leben gemessen werden muss und 15 bis 25 Euro kostet. – Früherkennung mit Augenmaß: Warum Messwerte nicht automatisch zur Medikation führen dürfen – und die ePA zum Gamechanger werden könnte. – Wearables: Warum die Smartwatch den ärztlichen Rat nicht ersetzt und junge Menschen ihren hohen Blutdruck unterschätzen. Udo Schauder: »Wir wollen nicht, dass dadurch mehr Menschen Patienten werden, sondern wir wollen, dass mehr Menschen einfach gesund sind.« Das fordert der ImPuls Think Tank: Vorbeugung politisch verbindlich verankern. Schauders Rat an die Bundesregierung: ein nationales Programm zur Senkung des Blutdrucks, weniger Salz in Lebensmitteln – und Gesundheit als Aufgabe aller Ressorts, nicht nur des Gesundheitsministers.
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