Podcaster
Episoden
20.02.2026
22 Minuten
Die Sozialpsychologin Nancy Cantor schlug deshalb schon vor 30
Jahren vor, man solle die Persönlichkeit als eine Ansammlung
sozialen Wissens betrachten, das es uns ermöglicht die Aufgaben,
die das Leben uns stellt, zu lösen. Eine extravertierte Person
würde demnach schlicht über effektivere Problemlösungsstrategien
für Gruppensituationen verfügen als eine introvertierte Person.
Oder anders ausgedrückt: die Situation definiert bis zu einem
gewissen Punkt die Persönlichkeit, jedoch definiert die
Persönlichkeit auch die Situation. Sprich: je nach Disposition und
vorhandenem sozialen Wissen werden Situationen unterschiedlich
wahrgenommen. Eine ängstliche Person nimmt die Situation „allein im
dunklen Wald unterwegs“ als bedrohlich wahr, während eine mutige
Person sie als die Chance auf ein Abenteuer wahrnimmt. Umgekehrt
betrachtet ruft der dunkle Wald bei Person A ihre ängstliche Seite
hervor und bei Person B ihre neugierige Seite. In einer anderen
Situation würden wir vielleicht das genaue Gegenteil beobachten:
Person A ist nun mutig und Person B ängstlich. Deshalb lohnt es
sich, sich immer mal wieder in neuartige Situationen zu begeben.
Wer weiß, vielleicht bringt sie eine ganz neue Seite an euch
hervor!
Mehr
22.01.2026
21 Minuten
Industrialisierung und Urbanisierung hatten Massenarmut und
steigende Kriminalität hervorgebracht. Die Schulen hatten nun die
Aufgabe, diese sozialen Probleme in den Griff zu bekommen, indem
sie Kinder zu fügsamen und produktiven Arbeitern erzogen. Um
potenzielle „faule Eier“ unter den Schülern ausmachen zu können,
vor allem solche mit Intelligenzdefiziten oder delinquenten
Neigungen, entwickelte die Psychologie verschiedenste
Messinstrumente, unter anderem erste Intelligenztests. Wer von der
etablierten Norm abwich, konnte somit frühzeitig identifiziert
werden. Da Entwicklung, sowohl die in Anführungsstrichen gesunde
als auch davon abweichende Formen, als ein vorrangig biologischer
Prozess betrachtet wurde, lag der Fokus vor allem auf der
frühzeitigen Erkennung derjenigen Kinder, die als Erwachsene
vielleicht einmal Staat und Gesellschaft Probleme verursachen
würden. Hier ging es also weniger um das „Fordern und Fördern“
benachteiligter Kinder, sondern darum, die Spreu vom Weizen zu
trennen!
Mehr
25.11.2025
21 Minuten
Die Sozialpsychologen Margaret Wetherell und Jonathan Potter haben
schon vor über 30 Jahren in ihrem Buch „Mapping the language of
racism“ gezeigt, dass ein und dieselbe Person innerhalb eines
Gesprächs zwischen rassistischen und anti-rassistischen Äußerungen
bzw. Positionen hin- und herwechseln kann. Und dass solche ‚inneren
Widersprüche‘ nicht nur vollkommen normal, sondern tatsächlich gar
keine Widersprüche sind. Der Widerspruch löst sich auf, wenn wir
uns von der Idee verabschieden, es gäbe nur ein echtes,
authentisches Selbst, mit einer Persönlichkeit, einer politischen
Haltung, etc. Stattdessen nehmen wir, je nach Kontext, Stimmung
usw. jeweils unterschiedliche Ich-Positionen ein. Diese gehen aus
den jeweiligen Beziehungskonstellationen hervor. Das macht sie
nicht weniger authentisch, dafür jedoch durch und durch soziale
Produkte.
Mehr
24.10.2025
20 Minuten
Die Karte, also unsere kulturelle Logik, gaukelt uns vor, dass
etwas da ist, was es in Wirklichkeit jedoch nicht ist. Wie fühlt
man sich? Betrogen? Enttäuscht? Sehr wahrscheinlich. Das Problem
ist nun aber, dass, wie in „Des Kaisers neue Kleider“, niemand
ausspricht, dass der Kaiser nackt oder das Schokoladengeschäft gar
nicht da ist. Die anderen um dich herum stehen da und zeigen auf
das Ladenschild, machen Fotos, kommentieren die Auslage. Nur du
kannst nichts sehen. Was passiert? Du fängst an, an deiner eigenen
Wahrnehmung zu zweifeln. Vielleicht reibst du dir die Augen, setzt
deine Brille ab und wieder auf, wenn du eine trägst, gehst zum
Augenarzt, um deine Sehkraft überprüfen zu lassen. Da wir durch und
durch soziale Wesen sind, zweifeln wir eher daran, was wir mit
eigenen Augen sehen als daran, was – zumindest vermeintlich – alle
anderen sehen!
Mehr
19.09.2025
21 Minuten
Dass Empathiefähigkeit in einer sich rasant globalisierenden und
vernetzenden Weltgesellschaft essenziell ist, steht wohl außer
Frage. Denn: nur wenn wir uns als Menschheit, und nicht nur als
Deutsche oder ChinesInnen, auf gemeinsame Ziele und eine gemeinsame
Vorgehensweise einigen, werden wir nennenswerte Fortschritte
erzielen. Allerdings steht in unserem Selbstverständnis das
Menschsein in den seltensten Fällen an erster Stelle. Zunächst
einmal begreifen wir uns als Sohn oder Tochter von, politisch
progressiv oder konservativ, als Bewohnerin dieses oder jenes
Landes, als Maurerin oder Zahnarzt usw. Der Klimawandel oder die
wachsende soziale Ungleichheit sind jedoch globale Probleme, die
globale Lösungen erfordern. Tausendmal gehört, aber so richtig
angekommen ist es noch nicht.
Mehr
Über diesen Podcast
Dieser Podcast beleuchtet, wie Gesellschaft und Psyche
zusammenhängen und bringt euch, ganz nebenbei, die diskursive und
narrative Psychologie näher. Basierend auf ihrer eigenen
Forschungsarbeit, widmet sich die Sozialpsychologin Nilima
Chowdhury (Universität St.Gallen, Universität Lausanne) hier
verschiedensten Fragestellungen: was genau ist eigentlich das
‘Ich’? Warum werden die Menschen immer perfektionistischer? Wie
wirken sich kulturelle Ideale auf unsere Psyche aus? Und wie
funktioniert individuelle Veränderung?
Folgen erscheinen Mitte des Monats, freitags.
In-Sayn ist Teil von Sayn Space. Wenn ihr mehr darüber erfahren
und/oder Nilimas Arbeit unterstützen wollt, schaut auf
www.sayn.space vorbei.
Kommentare (0)