Podcaster
Episoden
17.02.2026
29 Minuten
Der Schweizer Autor Pedro Lenz hat «Mit linggs» ein berührendes
Buch über den Ausnahme-Fussballer Diego Maradona geschrieben. Und
die italienische Autorin Gabriella Zalapì erzählt eine aufwühlende
Familiengeschichte. Der Buchtitel «Mit linggs» spielt auf den
starken linken Fuss von Diego Armando Maradona an, den für viele
besten Fussballer, den es je gab. Pedro Lenz lässt in seinem Buch,
das zum gleichnamigen Bühnenprogramm erscheint, Maradona sein Leben
aus der Ich-Perspektive erzählen. Lenz' Maradona ist ein
Melancholiker zwischen Grössenwahn und Selbstlosigkeit. «Mit
linggs» konfrontiert den Lesenden ungeschützt mit der emotionalen
Achterbahn des ballverliebten Jungen, der die Welt erobert und an
dieser Welt zerbricht. Sehr berührend, sehr anregend, findet Markus
Gasser, der das Buch vorstellt. Die achtjährige Ilaria hängt
kopfüber an einer Metallstange auf dem Schulhof in Genf, als ihr
Vater sie mit dem Auto abholt. Anstatt sie zur Mutter zu bringen,
fährt er mit Ilaria über die Grenze nach Italien. Es ist der Beginn
einer Entführung, die zwei Jahre dauern wird. Für ihren Roman hat
sich die französischsprachige Schriftstellerin mit Schweizer
Wurzeln, Gabriella Zalapì, von ihrer eigenen Lebensgeschichte
inspirieren lassen. Aus der Perspektive des Kindes schildert sie
Ilarias Angst und Verunsicherung – und zugleich die tiefe Zuneigung
zu einem Vater, der die Trennung von seiner Frau nicht akzeptieren
kann. Für Tim Felchlin ist es ein aufwühlender Roman, der neben
seiner Ernsthaftigkeit aber auch eine feine Italien-Nostalgie der
1980er-Jahre heraufbeschwört. Kurztipp: Das Sach-Bilderbuch «Auf in
die Berge!» gewinnt den diesjährigen Österreichischen Kinder- und
Jugendbuchpreis. Die Illustratorin Katja Seifert erzählt darin von
der Geschichte des Bergsteigens. Das wunderschön illustrierte Buch
thematisiert vieles: Wissenswertes, die mystische Wirkung der
Berge, Herausforderungen, Veränderung und Gefährdung.
Empfehlenswerte Lektüre für die ganze Familie. Buchhinweise: Pedro
Lenz. Mit linggs. 120 Seiten. Der gesunde Menschenversand, 2026.
Gabriella Zalapì. Ilaria. 162 Seiten. Aus dem Französischen von
Claudia Steinitz. Suhrkamp, 2026. Katja Seifert. Auf in die Berge!.
64 Seiten. NordSüd, 2025.
Mehr
10.02.2026
29 Minuten
Die schwedische Schriftstellerin Lisa Ridzén schreibt über das
Älterwerden auf wohltuende und empathische Weise. Und die
argentinische Schriftstellerin übersetzt scheinbar alltäglichen
Wahnsinn in literarischen Horror. Allein geht es nicht mehr. Der
89-jährige Bo lebt zwar noch mit Hund Sixten auf seinem abgelegenen
Hof in Schweden, doch dreimal täglich stehen Pflegefachkräfte vor
der Tür und Sohn Hans füllt regelmässig das Tiefkühlfach mit
Fertiggerichten. Als Hans seinen Vater drängt, Sixten wegzugeben,
wächst Bos Wille zur Unabhängigkeit. In der Angst vor der
Einsamkeit schweifen seine Gedanken zu seiner demenzkranken Frau im
Pflegeheim, zu einem gewaltvollen Vater und zu prägenden Momenten
der Freundschaft. Lisa Ridzéns Romandebüt «Wenn die Kraniche nach
Süden ziehen» war in ihrer Heimat ein Riesenerfolg. Auch auf
Deutsch ist dieses Buch ein wohltuender Begleiter für alle, die das
Älterwerden fürchten oder sich um alternde Eltern sorgen, meint Tim
Felchlin. Mariana Enriquez’ Geschichten werden zwar als Horror
bezeichnet, und klar, da ist einiges drin, das einen gruseln kann,
aber eigentlich passiert etwas viel Grösseres. Die argentinische
Schriftstellerin nimmt die soziale Realität Argentiniens und
verwandelt sie in unheimliche, beklemmende Albträume: Geister
tauchen auf, Gesichter von lebenden Menschen verwesen, die Grenzen
zwischen Leben und Tod verschwimmen. Doch dieser Horror ist nur die
Oberfläche. Jennifer Khakshouri ist fasziniert von Enriquez’ neuer
Geschichtensammlung «Grelles Licht für darke Leute». Kurztipp: Auch
der US-amerikanische Schriftsteller Stewart O’Nan thematisiert in
seinem neuen Buch das Alter: In «Abendlied» erzählt er von vier
älteren Frauen, die einen Selbsthilfeklub gegründet haben.
Gemeinsam trotzen sie jeder Herausforderung, die das Leben für sie
bereithält. Stewart O’Nan erzählt präzis, humorvoll – und mit viel
Empathie für seine Figuren. Buchhinweise: Lisa Ridzén. Wenn die
Kraniche nach Süden ziehen. Aus dem Schwedischen von Ulla
Ackermann. 384 Seiten. btb, 2026. Mariana Enriquez. Grelles Licht
für darke Leute. Aus dem Spanischen von Silke Kleemann und Inka
Marter. 272 Seiten. S. Fischer, 2025. Stewart O’Nan. Abendlied.
Übersetzt von Thomas Gunkel. 352 Seiten. Rowohlt, 2026.
Mehr
20.01.2026
28 Minuten
Der britische Schriftsteller Julian Barnes und die deutsche
Schriftstellerin Helga Schubert haben einiges gemeinsam: mit
achtzig oder über achtzig Jahren sind sie beide in
fortgeschrittenem Alter. Und sie haben beide ein Buch
veröffentlicht, in dem sie Rückschau halten und über das Leben
nachdenken. Julian Barnes ist einer der bedeutendsten britischen
Schriftsteller und Booker-Preisträger. Er wird 80 und verabschiedet
sich vom Schreiben. Mit «Abschied(e)» legt er sein letztes Buch
vor: eine Mischung aus Liebesgeschichte, Erinnerungen und Gedanken
über Vergänglichkeit und Leben. Julian Barnes erzählt von einer
Jugendliebe, die nach 40 Jahren neu beginnt, von seiner eigenen
Krankheit und vom Rätsel der Erinnerung. An seiner Seite: Jimmy,
ein Hund, der ihn über Bewusstsein bei Mensch und Tier nachdenken
lässt. Jennifer Khakshouri stellt das Buch vor. In der DDR schrieb
die Psychologin und Schriftstellerin Helga Schubert jahrzehntelang
bespitzelt und ohne Anerkennung. Als sie 1980 zum
Ingeborg-Bachmann-Preis eingeladen war, durfte sie nicht ausreisen.
2020 kam die zweite Einladung. Mit 80 Jahren gewann Helga Schubert
sensationell den Preis, der eigentlich für Newcomer gedacht ist.
Seither ist sie aus der deutschen Literatur nicht mehr wegzudenken.
In ihrem jüngsten Buch «Luft zum Leben. Geschichten vom Übergang»
zieht sie Bilanz - mit einer Sammlung neuer und alter Texte aus
ihrem ganzen Schaffen. Ein berührendes und beflügelndes Buch,
findet Literaturredaktorin Franziska Hirsbrunner. Buchhinweise:
Julian Barnes. Abschied(e). Aus dem Englischen von Gertraude
Krueger. 256 Seiten. Kiepenheuer&Witsch, 2026. Helga Schubert.
Luft zum Leben. Geschichten vom Übergang. 288 Seiten. dtv, 2025.
Mehr
13.01.2026
22 Minuten
Mit «Trag das Feuer weiter» beendet die marokkanisch-französische
Schriftstellerin Leïla Slimani ihre autorbiografisch verwurzelte
Familiensaga und mit «Der Fluss der Zeit» erscheinen nochmals
Kurzgeschichten aus dem Nachlass des verstorbenen Schweizer
Erfolgsautors Pascal Mercier. Man kennt ihn für seinen Bestseller
«Nachtzug nach Lissabon»: Pascal Mercier. 2023 verstarb der
Schweizer Schriftsteller. Nun erscheint posthum ein Band mit
Kurzgeschichten aus seinem Nachlass. «Der Fluss der Zeit» ringt mit
elementaren Themen wie Freiheit, Identität und Vergänglichkeit.
Fünf philosophische Miniaturen. Die letzte Zugabe Pascal Merciers.
SRF-Literaturredaktorin Katja Schönherr stellt den Erzählband vor.
Mit «Trag das Feuer weiter» vollendet Leïla Slimani ihre
dreiteilige Familiensaga. Die Trilogie erzählt von der 1974 in
Marokko geborenen Mia, die zwischen Tradition und Globalisierung
ihren Weg sucht und in Paris eine zweite Heimat findet. So baut
Slimani Brücken zwischen Orient und Okzident und zeigt, wie Politik
ins Private wirkt. Multiperspektivisch, lebendig, nah an der
Realität liest sich Slimanis Roman in einem Zug weg, findet
SRF-Literaturredaktorin Annette König. Buchhinweise: Pascal
Mercier. Der Fluss der Zeit. 112 Seiten. Hanser, 2026. Leïla
Slimani. Trag das Feuer weiter. 448 Seiten. Aus dem Französischen
von Amelie Thoma. Luchterhand, 2026.
Mehr
06.01.2026
30 Minuten
Joan Didion hält in «Notizen für John» ihre eigenen
Therapiegespräche für ihren Mann fest. Hu Anyan erzählt in «Ich
fahr Pakete aus in Peking» von seinem Leben in Nebenjobs. Joan
Didion (1934-2021) gehört zu den berühmtesten US-amerikanischen
Autorinnen. Wegen ihrer gnadenlosen Polit- und
Gesellschaftsreportagen ist sie bis heute Kult. Zudem war sie auf
eine zerbrechliche und schusselige Weise sehr schön und wurde noch
mit über 80 zum Gesicht des Modelabels Celine. Sie lebte ein
glamouröses Leben im Umfeld von Hollywood, war hip und erfolgreich.
Aber als Mutter sah sie sich gescheitert. Sie hatte ein Mädchen
adoptiert, als es noch ein Baby war und hatte ihm ein gutes Leben
geboten. Doch dann wurde Quintana schwer alkoholsüchtig. Quintanas
Psychiater bat Didion darum, selbst eine Therapie zu absolvieren.
Was Didion tat und die Therapiegespräche für ihren Ehemann John
Dunne festhielt. Das Tagebuch «Notizen für John» wurde nun aus dem
Nachlass veröffentlicht. Nicht ganz ohne Lärm – das sei doch
taktlos etc. Enthüllungen finden sich aber kaum. Vielmehr geht es
um verzweifelte Liebe, findet Franziska Hirsbrunner. Während seiner
Zeit als Paketbote in Peking kämpft Hu Anyan mit riesigem
Zeitdruck. Jede Minute, in der er kein Paket zustellt, kostet ihn
einen Teil seines sowieso schon winzigen Lohns. Fehler werden mit
Strafgebühren geahndet. Trotzdem begehrt er kaum auf – dafür liest
er in seiner knappen Freizeit James Joyce oder Robert Musil. «Ich
fahr Pakete aus in Peking» ist Hu Anyans Bericht über 20 Jahre
prekäre Arbeit in Niedriglohnjobs in chinesischen Riesenstädten –
immer so lang, bis Frust, Erschöpfung oder Langeweile zu gross
wurden. In China wurde das Buch schon 2023, kurz nach seinem
Erscheinen zu einem Hit – nun ist es auch in deutscher Übersetzung
erschienen. Für Simon Leuthold eine eindrückliche Stimme von
Ausgebeuteten, die selten zu Wort kommen. Buchhinweise: Joan
Didion. Notizen für John. Aus dem Amerikanischen von Antje Rávik
Strubel. 256 Seiten. Ullstein, 2025. Hu Anyan. Ich fahr Pakete aus
in Peking. Aus dem Chinesischen von Monika Li. 295 Seiten.
Suhrkamp, 2025.
Mehr
Über diesen Podcast
SRF Literatur bietet Orientierung im Bücherdschungel und
intelligente Unterhaltung für Leseratten und Bücherwürmer. Zweimal
pro Monat legen Redaktorinnen und Redaktoren des Literaturteams
diejenigen Bücher auf den Literaturstammtisch, die man unbedingt
lesen sollte. Vorgestellt werden aktuelle belletristische Werke aus
der Schweiz und aus aller Welt.
Kommentare (0)