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Digitalgespräch Archiv

87 Episoden
44 Minuten
Die Digitalisierung ist genauso wie unser Wirtschaftsmodell auf Wachstum ausgerichtet. In welchem Umfang wächst aber der Ressourcenverbrauch der Digitalität, wenn immer mehr Dinge immer schneller verfügbar sein müssen? Dass Digitalität überhaupt nicht „immateriell“ ist, wird schnell klar, wenn man an die vielen Rohstoffe denkt, die wir für sie einsetzen. Und der Bedarf wird immer größer. In Europa und Deutschland nehmen wir die luxuriöse Hardware des Digitalen meist kaum wahr. Zum öffentlichen Thema werden Rohstoffe hier meist erst dann, wenn sie nicht in gewohnter Weise verfügbar sind. Für uns zählt vor allem die immer leistungsstärkere Technik, die wir konsumieren oder als selbstverständlichen Teil unserer Umgebung voraussetzen. Man ist gewohnt, regelmäßig neue Geräte anzuschaffen, weil die alten mit den Nachfolgermodellen nicht mehr mithalten können. Vermeintlich „Veraltetes“, das weiterbenutzt oder zumindest recycelt werden könnte, verschwindet dann oft in einer Schublade oder einfach im Müll. Die Ressourcen für neue Smartphones und Laptops – vor allem Metalle – werden allerdings in der Regel anderswo in der Welt mit großem Aufwand abgebaut. Oder schlecht bezahlte Arbeitskräfte gewinnen sie aus schrottreifen Geräten zurück, unter Umständen mit Methoden, die Natur und Menschen großen Schaden zufügen. Industrienationen wie Deutschland bringen erst in der letzten Zeit vermehrt eigene, effiziente Recyclingpraktiken für eWaste voran. Diese Vorhaben sind komplex. Sie versprechen Wege in eine ökologisch nachhaltigere Digitalität, reagieren aber auch auf geopolitische Entwicklungen. Und ob sie ihre Ziele – weniger Abhängigkeit und mehr Nachhaltigkeit – erreichen, hängt nicht nur vom technischen Fortschritt im Bereich des professionellen Recyclings ab. Mathias Schluep ist Geschäftsführer des World Resources Forum und Experte für ökologische Nachhaltigkeit im Ressourcenkreislauf. Im Digitalgespräch erklärt der Umweltingenieur, an welchen Stellen unser Umgang mit Ressourcen für die Digitalität Schäden an der Umwelt und der Gesundheit von Menschen verursacht, beschreibt Orte und Strukturen, die davon betroffen sind und wie internationale Projekte und Kooperationen gegen diese Probleme vorgehen. Er beschreibt, welche Möglichkeiten für Recycling existieren und wie gut sie umgesetzt werden. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert Schluep politische Motivationen für einen nachhaltigen Umgang mit wertvollen Ressourcen und auch, welche Rolle – und Macht! – Konsument:innen in dieser Frage haben.
45 Minuten
Der Tod stellt jeden Einzelnen und jede Einzelne vor große Herausforderungen. Sei es, die eigene Sterblichkeit zu begreifen und zu akzeptieren oder den Tod eines wichtigen, vielleicht geliebten Menschen in das eigene Weiterleben zu integrieren. So, wie die Digitalisierung unser Leben verändert, gewinnt durch Sie auch unser Lebensende neue Dimensionen. Auf einer praktischen Ebene entstehen Aufgaben in der Nachlasspflege, die durch Online-Accounts, Identitäten im Netz und digitale Kommunikationsspuren ganz eigene technische, juristische und auch ethische Fragen aufwerfen. Aber auch Trauer und Erinnerung suchen und finden neue – auch individuellere – Ausdrucksmöglichkeiten in digitalen Räumen durch Erweiterung der physischen Orte, zeitlichen Grenzen und etablierten Muster unserer Rituale. Stephan Neuser ist Generalsekretär des Bundesverbands Deutscher Bestatter e. V. und Rechtsanwalt. Er erlebt täglich, welche Veränderungen die Digitalität auch für den Umgang der Menschen mit dem Tod bringt. Im Digitalgespräch gibt der Experte Einblicke in neue Möglichkeiten, Anforderungen und Bedürfnisse, die zu einem Wandel der Bestattungskultur führen und beantwortet Fragen zum digitalen Nachlass. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert er digitale Formen der Trauer- und Erinnerungskultur, wie sie an bestehende Praktiken und Motive anknüpfen, sie ergänzen oder umdeuten und welche Bedeutung dabei das „Analoge“ behält oder auch: neu bekommt.
42 Minuten
Der Begriff “Darknet“ wird in der Öffentlichkeit meist direkt mit Kriminalität in Verbindung gebracht. Allerdings wissen die wenigsten, was sich hinter diesem Namenwort verbirgt und welche Funktionen und Strukturen damit bezeichnet werden. Auch, wenn leicht ein anderer Eindruck entstehen kann, sind weder das Surfen noch das Betreiben von Seiten im Darknet nach unserer Rechtsprechung per se illegal. Im Gegenteil: Die Infrastruktur des Darknet wird auch für Zwecke genutzt, die nicht nur mit demokratischem Recht in Einklang stehen, sondern sich sogar als wichtige Instrumente für die Stärkung von Demokratie, den Erhalt individueller Freiheit und Schutz der Privatsphäre erweisen können. Entsprechende Argumente kommen immer wieder auf, wenn Debatten um mögliche Eingriffe oder gar ein faktisches Verbot des „anonymen Internets“ geführt werden. Hat das Darknet also einfach „böse“ und „gute“ Seiten? Und müssen wir damit leben, dass diese Technik solang sie dem Whistleblowing, politischer Opposition oder gutem Journalismus dient, auch schwere und schwerste Kriminalität begünstigt? Dr. Kai Denker ist Philosoph, Informatiker und Historiker. Er forscht und lehrt am Institut für Philosophie der Technischen Universität Darmstadt und hat sich auch mit dem Darknet intensiv beschäftigt. Im Digitalgespräch erklärt der Experte für Netzkulturen technische Grundlagen, gibt einen Eindruck von den Angeboten und Möglichkeiten, die das Darknet bietet – für unterschiedliche Akteur:innen mit unterschiedlichen Absichten. Dabei diskutiert er mit den Gastgeber:innen Marlene Görger und Petra Gehring, warum viele Netzaktivist:innen das Darknet in seiner heutigen Form trotz seines schlechten Rufs verteidigen, welche Grundwerte in diesem Zusammenhang eine Rolle spielen, welche technische Aspekte des Darknets für seine demokratiefördernden Funktionen entscheidend sind – und auf welche andere zugunsten der Bekämpfung von Kriminalität zumindest theoretisch verzichtet werden könnte.
50 Minuten
Wollen wir den Klimawandel in einem für Menschen erträglichen Rahmen halten und voraussehen, an welche Veränderungen wir uns anzupassen haben werden, dann müssen wir das Klima berechenbar machen – mit seinen komplexen Zusammenhängen, so gut es geht. Die Klimaforschung hat in den letzten Jahrzehnten auch in der öffentlichen Wahrnehmung enorm an Bedeutung gewonnen. Wie jedoch kommen die Wissenschaftler:innen zu denjenigen Ergebnissen, die dann in der Öffentlichkeit als Szenarien, Prognosen und Warnungen ankommen? Ein Teil der Antwort lautet: auf Basis von Simulationen, für die mathematische Klimamodelle mit großen Datenmengen zu verbinden sind. In Deutschland steht Forscher:innen dafür seit den späten 80er Jahren das Deutsche Klimarechenzentrum in Hamburg zur Verfügung. Es handelt sich um ein Hochleistungsrechenzentrum, das die öffentliche Hand speziell für diesen Zweck unterhält. Neben Rechenzeit auf optimierten Supercomputern bietet es seinen Nutzer:innen breite Unterstützung und Services an. Was genau geschieht am DKRZ und wodurch unterscheidet es sich von anderen Hochleistungsrechenzentren? Welchen Beitrag leistet es – für die Wissenschaft in Deutschland und in der internationalen Zusammenarbeit? Könnten moderne Technologien wie Quantencomputer oder Maschinelles Lernen in Zukunft helfen, das Klima schneller besser zu verstehen? Und: Wie sieht eigentlich die Klimabilanz vom Klimarechnen aus? Thomas Ludwig ist Professor für Informatik und leitet das Deutsche Klimarechenzentrum (DKRZ). Als Wissenschaftler forscht und lehrt er außerdem an der Universität Hamburg. Im Digitalgespräch stellt der Experte für Wissenschaftliches Rechnen vor, worin der Auftrag dieses besonderen Rechenzentrums besteht und wie es ihn erfüllt. Dabei erklärt Ludwig auch, wie sich Hochleistungsrechnen seit den 1980er Jahren entwickelt hat und wie das Zusammenspiel aus wissenschaftlicher Modellierung und den Möglichkeiten, die modernste Supercomputer bieten, zu Durchbrüchen in der Klimaforschung führt. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert Ludwig, welchen konkreten Nutzen die Ergebnisse der Klimaforschung und die Daten, die dabei gesammelt werden, der Allgemeinheit bringen können, ob Forschungsinfrastruktur zu wenig öffentliche Beachtung erfährt – und warum es nicht so schlimm ist, wenn falsche Wettervorhersagen durch machine learning noch ein bisschen falscher werden.
47 Minuten
Unsere Informationsgesellschaft hat sich in Abhängigkeiten hinein entwickelt, die eigentlich völlig inakzeptabel sind: Wenige Digitalkonzerne diktieren Preise und Geschäftsbedingungen, denn um die Nutzung ihrer Software kommt niemand mehr herum. Auch auf die Integrität internationaler Lieferketten müssen wir uns blind verlassen. Wir haben die Funktionen und das Funktionieren unserer digitalen Infrastrukturen also längst nicht selbst in der Hand. Oft werden die Systeme, die wir nutzen, zudem den europäischen Anforderungen z. B. in puncto Daten- und Grundrechtschutz nicht gerecht. Mindestens setzt eine vernünftige, also beherrschbare Digitalität aber voraus, dass die Funktionsweise unserer Technik nachvollziehbar bleibt und auch rechtskonform angelegt ist. Ein Stichwort, das dabei immer wieder fällt, wird auch für den öffentlichen Sektor relevant: Open Source. Die Informatikerin Marit Hansen ist Datenschutzbeauftrage des Landes Schleswig-Holstein – des ersten Bundeslandes, das sich vorgenommen hat, die gesamte öffentliche Verwaltung, Schulen und Behörden vollständig auf Open Source umzustellen. Die Expertin erklärt im Digitalgespräch, wie diese Strategie zustande kam, wie ein solches Vorhaben in die Praxis umgesetzt wird, wie man Politik, Mitarbeiter:innen und IT-Expert:innen motiviert, an einem Strang zu ziehen und auch, wie sich die Zusammenarbeit innerhalb des Bundes und Europas entwickelt. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert Hansen, welche Rolle Open Source für das Fernziel der digitalen Souveränität spielt, warum dabei nicht nur die Software, sondern auch die Hardware „open“ sein muss, wie es um die IT-Kompetenz auf Seiten des Staates bestellt ist – und warum man der Langsamkeit bei der Digitalisierung deutscher Verwaltung trotz aller Versäumnisse auch etwas Gutes abgewinnen kann.
45 Minuten
Auch wenn das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung in unserer Demokratie nach wie vor Bestand hat: die Regeln und Forderungen des Datenschutzes sind zumindest umstritten. Nicht nur ist konsequenter Datenschutz in der Praxis vielfach kaum zu gewährleisten. Er scheitert systematisch etwa an intransparenten Geschäftsmodellen oder der Sorglosigkeit von Verbraucher:innen, die ihre Daten und Datenspuren unbedacht teilen. Es stellt sich außerdem immer häufiger die Frage, ob Datenschutz nicht das Interesse von Bürger:innen einschränkt, ihre persönliche Daten aktiv zu ihrem eigenen wie auch gesellschaftlichem Nutzen einzusetzen. Lautet die Alternative lediglich „Schutz“ oder aber „Weggabe“, können wir keine Bedingungen für die Nutzung unserer Daten stellen. Wir können sie auch nicht gezielt investieren, sie gleichsam kontrolliert arbeiten lassen. Beispiele aus der Medizinforschung liegen nahe, wenn z. B. Patienten im Eigeninteresse Daten „spenden“ möchten. Und auch abseits von Gesundheitsfragen wird den Individuen die Beteiligung an Potentialen von Big Data erschwert oder unmöglich gemacht. Auch kollektive Interessen lassen sich kaum an die Datenweggabe knüpfen. Neue Konzepte der Datensouveränität hinterfragen hier den klassischen Datenschutz: Anstelle der Idee des Schützens und Abschirmens soll das Motiv eines mündigen, produktiven und gestalterischen Verfügens über die Daten treten, die wir in unserem täglichen Leben generieren. Steffen Augsberg ist Professor für Öffentliches Recht an der Justus-Liebig-Universität Gießen und Mitglied des Deutschen Ethikrats. Der Experte für Fragen nach ethischen Implikationen unserer verfassungsmäßigen Rechte ist auch ein ausgewiesener Kenner der Idee von Datensouveränität. Im Digitalgespräch erklärt er, was sich hinter dem Begriff verbirgt und wie Datenschutz und Datensouveränität mit dem Recht auf Informationelle Selbstbestimmung zusammenhängen. Mit Gastgeberinnern Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert er, wohin die Entwicklung der Datensouveränität als neuem Leitparadigma gehen könnte, welche Fragen nach praktischer Umsetzung, Sicherheit und Vertrauen sich dann stellen und warum Datenschutz als Option – nur eben nicht als einzige – dabei enthalten bleibt.
42 Minuten
Instagram ist das Reich der perfekten Bilder. Dass sie wenig mit der analogen Realität hinter den digitalen Idealwelten zu tun haben, wissen sowohl Erwachsene, die soziale Medien in einer späteren Lebensphase erschlossen haben, als auch Kinder und Jugendliche, die damit selbstverständlich aufwachsen. Trotzdem entfalten aufwendig inszenierte und digital bearbeitete Bilder, mit denen Influencer:innen vor allem junge und sehr junge Menschen erreichen, Wirkungen. Oft entstehen so bei Betrachter:innen Unsicherheiten, die sich aus Diskrepanzen speisen: zwischen der eigenen Erscheinung und der von berufsmäßig gutaussehenden Models, zwischen echten Körpern und ihren idealisierten Abbildern, zwischen dem diffusen Gefühl, perfekt sein zu müssen und der Erfahrung des Scheiterns. Solche Momente entstehen freilich nicht erst im Digitalen. Aber sie häufen und verstärken sich, wo sich die Beschäftigung mit Perfektion intensiviert – und ein großer Teil der Bilderplattform Instagram hat sich zu einer regelrechten Bühne der Makellosigkeit entwickelt. Vor allem für Mädchen und junge Frauen birgt Instagram daher Risiken für das Selbstwertgefühl, denn trotz aller Bemühungen um Modernität und Emanzipation scheint das Aussehen für sie nach wie vor eine bestimmende Rolle zu spielen. Medienwissenschaftlerin und Medienpädagogin Maya Götz leitet das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen beim Bayerischen Rundfunk (IZI). Im Digitalgespräch erklärt die Expertin, wie Jungen und Mädchen mit Medien wie auch Medieninhalten umgehen, wo das soziale Umfeld die Weichen für Unterschiede stellt, die sich hierin zwischen den Geschlechtern entwickeln und welche Rolle das erste eigene Smartphone spielt. Mit Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert sie, wo für den Einfluss sozialer Medien auf die Entwicklung von Körperbildern die Schwelle hin zum Bedenklichen liegt, warum Mädchen auch heute noch engere Spielräume für ihre Individualität haben als Jungen und wie diese Ungleichheit durch soziale Medien verstärkt werden kann.
39 Minuten
Auch, wenn nicht jede:r von uns Expert:in für Zivilrecht ist, gehen wir im Alltag routiniert miteinander vertragliche Verpflichtungen ein. Ob wir Brötchen kaufen, eine Lebensversicherung abschließen oder einen Flug buchen – wir verlassen uns darauf, dass wir uns aufeinander verlassen können. Und wenn doch mal etwas schief geht, regeln Gesetze oder eben Gerichte den Streitfall. Das Internet als Marktplatz macht da auf den ersten Blick keinen großen Unterschied. Wir bestellen beim Versandhandel einfach online statt wie unsere Großeltern per Telefon oder Postkarte. Wir klicken und vom Kredit bis zum Aktienkauf geht alles blitzschnell. Sonst ändert sich nichts – oder? Vielleicht lohnt sich doch ein genauerer Blick. Denn Automatisierung verändert ausbalancierte Garantieregeln im Hintergrund von Verträgen, von denen wir oft gar nicht wissen. Und dass Digitalität möglicherweise großes Potential hat, unser Verständnis von gegenseitiger Verpflichtung zu verändern, zeigt spätestens der Hype um Smart Contracts. Mit ihnen soll eine automatisierte Vertragsabwicklung möglich werden, die zumindest in der Theorie ganz ohne Vertrauen ineinander und staatliche Institutionen funktioniert. Aber inwiefern wäre das ein Fortschritt? Nikolas Guggenberger forscht und lehrt an der Yale Law School zur Automatisierung von Recht und ihren Auswirkungen auf die Gesellschaft. Zuvor war der Rechtswissenschaftler Juniorprofessor am Institut für Informations-, Telekommunikations- und Medienrecht der Universität Münster. Im Digitalgespräch erklärt Guggenberger, an welchen Stellen Digitalität einen Unterschied für unsere Vertragspraxis macht und beleuchtet die Hintergründe des Schlagworts „Smart Contract“. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert er, ob ausgeklügelte Technik das Recht ersetzen könnte und stellt klar, wo deutsche Gesetze der Automatisierung Grenzen setzen, die z. B. das Rechtssystem der USA nicht unbedingt kennt.
39 Minuten
Automatisierung, besonders mit Hilfe Künstlicher Intelligenz, soll Prozesse schneller, effizienter und präziser machen. Man will den Menschen als limitierenden Faktor umgehen und Wettbewerbsvorteile schaffen. Im Militärischen erhält dies eine unmittelbar existenzielle Dimension: Systeme Künstlicher Intelligenz werden seit einigen Jahren zunehmend Bestandteil militärischer Ausrüstung und Maschinerie. Sie können Kampfhandlungen unterstützen, vorbereiten oder sogar selbständig ausführen. Das automatisierte Töten von Menschen, die von einem Computer als Ziel identifiziert werden, ist keine Dystopie, sondern eine technische Möglichkeit. Wann und wie präzise sie Wirklichkeit wird, liegt allein im Ermessen derer, die die Systeme bauen und einsetzen. Denn: Bisher gibt es keine internationalen Abkommen, die den Einsatz tödlicher autonomer Waffensysteme oder sogenannter „LAWS“ (Lethal Autonomous Weapon Systems) regulieren oder gar verbieten würden. Zwar wurden 2013 auf UN-Ebene entsprechende Verhandlungen angestoßen, aber zwischen den beteiligten Staaten ist noch nicht einmal entschieden, ob eine Regulierung überhaupt angestrebt wird. Anfang März 2022 soll der Prozess in Genf fortgeführt werden, aber schon vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine am 24. Februar 2022 sahen Beobachter:innen wenig Chancen für einen produktiven Verlauf – zu groß ist der vermeintliche Vorteil, den Militärs in LAWS sehen, als dass sie sich auf den Verzicht verpflichten wollten. Eine der Beobachter:innen der Verhandlungen im Rahmen der UN-Waffenkonvention (CCW) ist Anja Dahlmann, Leiterin des Berliner Büros des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg und Mitglied des International Panel on the Regulation of Autonomous Weapons (iPRAW). Im Digitalgespräch erklärt die Politikwissenschaftlerin Bedeutung und Stand der Verhandlungen und umreißt, welche Positionen verschiedene Staaten darin einnehmen. Sie beschreibt, um welche Waffensysteme es dabei genau geht, wie und von wem sie entwickelt werden und welche Hinweise auf den Stand der Technik es gibt. Mit den Gastegeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert Dahlmann, worauf die Regulierungsversuche abzielen und warum sie trotz aller Widerstände vorangetrieben werden. Das Gespräch wurde am 17. Februar 2022 aufgezeichnet, eine Woche vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine.
44 Minuten
Immer häufiger hört man den Namen „Gaia-X“: Im Konflikt zwischen Datenschutz und wachsenden Forderungen nach effektiver Datennutzung soll eine neue Infrastruktur vermitteln, aber auch industriepolitisch ist Gaia-X ein Hoffnungswort. Innovative Konzepte zu Datensouveränität sollen Datenprodukte entstehen lassen, die mit europäischen Werten und Gesetzen in Einklang sind. Europa soll zu unabhängigen, freiheitlich-demokratischen Formen der Digitalität finden. Doch wie geht das? Angesichts der Marktdominanz vor allem außereuropäischer Konzerne, die zurzeit die Regeln und Standards der Digitalität definieren, erfordert die Verwirklichung dieser Vision jedenfalls eine enorme gemeinsame Anstrengung. Tatsächlich ist Gaia-X bereits auf dem Weg und macht große Schritte. Einzelheiten sind aber außerhalb von Expert:innenkreisen noch kaum bekannt. Daher ist die Infrastruktur, auf der das europäische Datenökosystem entstehen soll, das Thema dieses Digitalgesprächs. Boris Otto ist Professor für Industrielles Informationsmanagement an der TU Dortmund und geschäftsführender Institutsleiter des Fraunhofer ISST. Im Kontext von Gaia-X hat er seit Beginn des Projekts verschiedene zentrale Rollen inne und gestaltet die Entwicklungen maßgeblich mit. Der Experte und Insider erklärt im Digitalgespräch genau, worum es bei Gaia-X geht, welche Triebfedern, Interessen und Rahmenbedingungen die Ausgestaltung bestimmen und woran sich der Fortschritt und letztlich der Erfolg des Projekts messen lassen werden. Mit den Gastgeberinnen des ZEVEDI-Podcasts – Marlene Görger und Petra Gehring – diskutiert Otto die Effekte, die Gaia-X für Unternehmen wie auch Privatpersonen haben kann und welche Hürden dabei noch zu überwinden sein werden.
40 Minuten
Tracking kann uns überall dort begegnen, wo wir Software nutzen. Ob beim Surfen im Internet oder beim Joggen mit angelegter Smart Watch: Wir wissen, dass hier Daten über uns und unser Verhalten entstehen, die zu ganz unterschiedlichen Zwecken erhoben und verarbeitet werden. Ein Teil dieser Zwecke soll uns dienen, zum Beispiel wo es um die Überwachung unserer Gesundheit geht oder wenn personalisierte Dienste unser Leben komfortabler machen sollen. Oft stehen aber einfach finanzielle Interessen Dritter im Hintergrund, die mit unseren Datenspuren Geld verdienen können, kriminelle Aktivitäten – und wohl im schlimmsten Fall Überwachungsmaßnahmen autoritärer Regierungen. Das volle Potential der immer elaborierteren Tracking-Techniken entfaltet sich vor allem in der fortschreitenden Vernetzung und Vernetztheit unserer IT-Systeme. Das gilt für den vermeintlichen Nutzen genauso wie für Missbrauchsrisiken. Matthias Hollick ist Professor für Informatik an der TU Darmstadt und leitet dort das Arbeitsgebiet Sichere Mobile Netze. Im Digitalgespräch erklärt der Experte, welche Technologien heute schon eingesetzt werden, um Daten über uns zu sammeln und auszuwerten, welche Akteure dahinterstehen und welche Zwecke sie verfolgen. Er diskutiert dabei mit den Gastgeberinnen des ZEVEDI-Podcasts – Marlene Görger und Petra Gehring –die Dynamik der Entwicklung potentieller Überwachungstechnologien, das Spannungsverhältnis zwischen Nutzen und Risiken der Tracking-Infrastrukturen, die uns umgeben, wo und wie Regulierungen sinnvoll sein könnten und welche Perspektiven sich daraus für freiheitliche, demokratische Gesellschaften ergeben.
52 Minuten
Der Leistungsfähigkeit selbst modernster Supercomputer sind Grenzen gesetzt. Wissenschaft und Technik wollen sie mithilfe der Quantenphysik überwinden: Mit vergleichsweise wenigen Quantenbits oder Qubits soll es dann möglich sein, in kurzer Zeit Rechenoperation auszuführen, wie sie mit den mächtigsten klassischen High-Performance-Computer nicht möglich wären. Damit kündigen sich Lösungen für etliche praktische Fragestellungen in den verschiedensten Lebens- und Wissensfeldern, an. Es wird erwartet, dass Quantencomputing ein enormes Entwicklungspotential freisetzt. Welche Prozesse dabei in diesen Rechnern ablaufen werden, wie sie also funktionieren, lässt sich freilich eigentlich nur mathematisch genau beschreiben – Quantenphysik ist nicht bekannt dafür, besonders anschaulich zu sein. Umso geheimnisvoller ist also diese neue Gattung von Rechenmaschine, die Forschungsgruppen auf der ganzen Welt gerade entwickeln. Im Rennen um Erfolge sind internationale Kooperationen genauso wichtig, wie eine Prise Prestigestreben und Konkurrenzdruck – und auch der Ansporn durch Sicherheitsbedenken. Wie jeder technologische Fortschritt ist die Quantenbeschleunigung, in der sich Überlegenheit von Quantencomputing gegenüber klassischen Technologien ausdrückt, nicht frei von Risiken für die digitale Gesellschaft. Frank Wilhelm-Mauch ist Professor für Theoretische Physik an der Universität des Saarlandes und koordiniert zurzeit am Forschungszentrum Jülich die Entwicklung eines europäischen Quantencomputers – das Flaggschiff-Projekt OpenSuperQ. Im Digitalgespräch erklärt der Experte, wie das Vorhaben zustande kam und mit welchem Ziel es verfolgt wird, was diese neuartige Technologie auszeichnet und wie man sich als Laie das Rechnen mit Quantensystemen vorstellen kann. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert er, bei welchen Aufgaben Quantencomputer große Fortschritte versprechen, wie sich an der Schnittstelle zwischen Physik, Informatik und Ingenieurskunst die Praxistauglichkeit des Quantencomputing entwickelt – und wer wann zu welchen Bedingungen Rechenzeit bekommen könnte.
44 Minuten
Die Digitalisierung war lange Zeit ein Prozess, der sich ohne gezielte politische Steuerung vollzogen hat, auch wenn dabei Veränderungspotential in allen Lebensbereichen freigesetzt wurde. In den letzten Jahren hat sich das geändert: Mehrere deutsche Bundesländer haben Digitalressorts, also eigene ministerielle Zuständigkeiten, geschaffen. Wie kann aus Sicht eines Ministeriums wirksame Digitalpolitik aussehen, die Steuerungsmechanismen für eine digitale Transformation anbietet? Wie macht man Potentiale der Digitalität für die Gesellschaft nutzbar? Diese Fragen sind selbst Gegenstand politischer Diskurse. Zugleich gibt es erste Erfahrungen von Politiker:innen, die als Pionier:innen dieses neue Feld der Digitalpolitik zu bestellen haben. Kristina Sinemus ist als Hessische Ministerin für Digitale Strategie und Entwicklung eine der ersten Digitalminister:innen Deutschlands: Die Professorin für Public Affairs und langjährige Unternehmerin hat Ende 2019 ihr damals neu eingerichtetes Amt übernommen. Im Digitalgespräch erklärt sie, wie sie ihr Ressort mit seinen zentralen Aufgaben organisatorisch, inhaltlich und strategisch aufgebaut hat und welche Hürden dabei zu überwinden waren. Mit den Gastgeber:innen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert Sinemus, wie im komplexen Feld der Digitalisierung Schwerpunkte gesetzt werden können, welche Rolle der Dialog mit Bürger:innen spielt und wie sich landespolitische Fragestellungen zu europäischer Digitalpolitik verhalten.
44 Minuten
Der Unterschied zwischen einem einfachen Like und einer ausformulierten Begründung für eine Entscheidung ist klar: Das eine ist eine bloße Präferenz, die keine ihrer Kriterien preisgibt, das andere eine Rechtfertigung für ein Urteil, das man nachvollziehen und sich zu eigen machen kann oder auch nicht. Beide tauchen gleichermaßen auf, wenn Menschen im Netz Erfahrungswerte teilen, die anderen bei Konsumentscheidungen helfen sollen. Likes und gepostete Bewertungen haben außerdem eine gemeinsame Konkurrentin: die algorithmisch generierte, personalisierte Empfehlung. Sie ist gar nicht mehr an expliziten menschlichen Aussagen orientiert, sondern trackt Nutzer:innenverhalten. Im Extemfall starten dann Maschinen den nächsten vorgeschlagenen Song oder die nächste Serie automatisch. Von Nutzer:innen wird also nicht einmal mehr eine Bewertung erwartet – das getrackte Konsumverhalten reicht. So gibt es eine Entwicklung von diskursiver Verbraucherkommunikation, in der Rechtfertigung verlangt und erbracht wird, über unbegründete und kaum hinterfragbare Affektbekundungen bis hin zu einer automatisierten Kosumdynamik, die keine Reflexion mehr vorsieht – kritisches Bewusstsein rückt dabei immer weiter in den Hintergrund. Womöglich verschwindet es schließlich ganz. Trifft dieses Bild schon heute auf unsere Gewohnheiten zu? Woran ließe sich ein solcher Wandel festmachen? Und: Wohin entwickelt sich eine Gesellschaft, die im Netz immer weniger Raum für kritische Auseinandersetzung mit dem Alltäglichen vorsieht? Jörn Lamla ist Professor für Soziologische Theorie an der Universität Kassel und erforscht Verbraucherplattformen, seit sie in den 1990er Jahren im World Wide Web auftauchten. Im Digitalgespräch erklärt er, welchen Wandel die Praxis des Bewertens und Bewerbens von Produkten mit der Entwicklung von Web 2.0, Social Media und algorithmengestützten Plattformen in den letzten Jahrzehnten genommen hat und wie die heutigen Formen der digitalen Konsumgesellschaft unser Selbstbild vom kritischen, souveränen Individuum erschüttern. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert er, wie sich Konsumgewohnheiten und verschiedene Varianten digitaler Marktplätze auf Demokratie und Selbstbestimmtheit auswirken, welche Interessen dabei im Spiel sind und welche politischen Forderungen daraus erwachsen könnten.
47 Minuten
Mit den Überlegungen zur Einführung eines „digitalen Euro“ reagiert die Europäische Zentralbank auf eine Entwicklung, die sich in den letzten Jahren jenseits institutioneller Finanzpolitik abgespielt hat: Systeme aus privater Hand ermöglichen die Transaktion von Werten über das Internet und öffnen damit unsere bisherige Vorstellung von Geld und Währung für neue, digitale Konzepte. Immer drängender stellt sich die Frage, welche Bedeutung wir dieser Dynamik zumessen sollen und welche Reaktionen angemessen sind. Viele Unternehmen und Individuen integrieren digitale Bezahlsysteme bereits in ihre Finanzstrategien, andere widmen dieser Möglichkeit bisher wenig Aufmerksamkeit; internationale Konzerne schaffen hauseigene Alternativen zu etabliertem Geld, worauf staatliche Institutionen wie z.B. die EZB reagieren, indem sie versuchen eigene Modelle für die Einführung „digitalen Geldes“ zu finden. Hinter all diesen Aktivitäten steckt viel mehr, als bloß die Nutzung des Internets für finanzielle Transaktionen, an die wir uns ohnehin längst gewöhnt haben. Was also ist das Neue, das hier entsteht und welche Implikationen hat das – für Volkswirtschaften und jede:n einzelne:n Bürger:in? Martin Diehl ist Analyst bei der Deutschen Bundesbank und Experte für Zahlungssysteme und Makroökonomie. Im Digitalgespräch bringt der Wirtschaftswissenschaftler und Philosoph Ordnung in die Begrifflichkeiten, mit denen wir im Feld von Währung, Wert und Geld umgehen und erklärt aktuelle Entwicklungen rund um Blockchain und digitale Finanzmärkte. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert Diehl außerdem die revolutionären Ideen hinter dem Krypto-Token und warum Bitcoin keine Währung ist, welche Anforderungen Geld erfüllen muss und nicht zuletzt die Rolle, die Vertrauen dabei spielt.