Neuerscheinung
Zwischen Täter und Held: Khesrau Behroz im Interview zum Podcast „This is America: Free Luigi“
Warum wird ein mutmaßlicher Mörder gefeiert? Der neue Podcast von Khesrau Behroz erzählt einen Fall, bei dem sich die Grenze zwischen Täter und Held zu verschieben scheint. Im Interview mit podcast.de berichtet Behroz von der Arbeit an "This is America: Free Luigi" - und davon, warum dieser Fall auch Fragen über Deutschland aufwirft.
Mit This is America: Free Luigi startet Khesrau Behroz einen neuen True-Crime-Podcast, der weit über eine klassische Verbrechensgeschichte hinausgeht. Die Produktion von Undone und der ARD erzählt in fünf Episoden den Fall Luigi Mangione, der die USA tief erschüttert hat – und stellt dabei eine zentrale Frage: Wie wird ein mutmaßlicher Täter zum gefeierten Helden?
Der Fall Luigi Mangione im Podcast "This is America: Free Luigi"
Nach dem Mord an dem US-Versicherungs-CEO Brian Thompson im Dezember 2024 entwickelt sich rund um den Verdächtigen eine ungewöhnliche Dynamik: Begleitet von Memes und Songs wird Mangione im Netz unter dem Hashtag #FreeLuigi zur Symbolfigur – und wird von einigen Menschen offenbar eher gefeiert als verurteilt.
Der Podcast folgt dieser Entwicklung quer durch die USA und beleuchtet die gesellschaftlichen Hintergründe der Tat: ein umstrittenes Gesundheitssystem, wirtschaftliche Ungleichheit und eine zunehmende Frustration, die den Blick auf Schuld und Gerechtigkeit verschiebt.
True-Crime Podcast über Gesellschaft und Gewalt
This is America: Free Luigi verbindet True-Crime mit Gesellschaftsanalyse und zeigt dabei, wie schnell die Grenzen zwischen Täter und Held verschwimmen können.
Im Interview mit Kira Scherr von podcast.de gibt Khesrau Behroz, Mitgründer von Undone und Produzent zahlreicher Erfolgspodcasts, einen Einblick in die Arbeit an This is America: Free Luigi.
Kira von podcast.de fragt: Warum habt ihr euch gerade für diesen Fall entschieden?
Khesrau: Wir haben uns für diesen Fall entschieden, weil er mehrere große Themen bündelt: die enorme öffentliche Aufmerksamkeit rund um „Free Luigi“, die Frage nach Schuld und Projektion – und vor allem, was das über die gesellschaftliche Stimmung in den USA erzählt. Uns ging es nicht darum, einen einzelnen Täter zu „erklären“, sondern zu verstehen, warum bestimmte Geschichten zu Symbolen werden und welche Strukturen dahinterstehen.
Kira: Was hat euch bei der Recherche zu dem Fall besonders überrascht?
Khesrau: Vielleicht nicht wirklich überrascht, aber: Wie schnell sich im Netz feste Deutungen bilden – oft lange bevor gesicherte Informationen vorliegen. Da entstehen Heldenerzählungen, Verschwörungserzählungen oder moralische Kurzschlüsse, die sich dann gegenseitig verstärken. Überraschend war auch, wie sehr der Fall auf strukturelle Erfahrungen einzahlt –etwa Frust über Kosten, Zugangshürden oder Ungleichheit – und wie diese Erfahrungen dann auf eine konkrete Person projiziert werden.
Kira: Wie erklärst du dir, dass ein mutmaßlicher Täter für manche Menschen zum Helden wird?
Khesrau: Das passiert, wenn Menschen sich ohnmächtig fühlen und da jemand kommt und eine scheinbar „gerechte“ Abkürzung anbietet. Dann wird die mutmaßliche Tat nicht als Gewalt betrachtet, sondern als Symbol für Widerstand gegen ein als ungerecht empfundenes System. Hinzu kommt die Logik sozialer Medien: starke, einfache Rollen funktionieren besser als Ambivalenzen. Wenn dann noch Memes, Hashtags und Community-Dynamiken dazukommen, kann aus einem mutmaßlichen Mörder schnell eine Identifikationsfigur werden – unabhängig von der juristischen Realität, die von den Gerichten gerade noch geschaffen wird.
Kira: Gab es rechtliche oder sicherheitsrelevante Herausforderungen bei der Produktion?
Khesrau: Ich möchte von einer Herausforderung erzählen, die wir vor ein paar Jahren nicht erwartet hätten: Wir haben uns viele Gedanken gemacht über die Vor-Ort-Recherche – und ob ich als deutscher Journalist mit afghanischen Wurzeln überhaupt reingelassen werde. Auch, ob ich mir Sorgen darüber machen sollte, in Haft genommen zu werden – und ob es besser ist, mein Privathandy Zuhause zu lassen und ein leeres Macbook mitzunehmen, auf denen nicht meine gesamten Kontakte, E-Mails und Dateien der letzten Jahre abgelegt sind. Das ist schon besorgniserregend, dass wir im Team über diese Dinge nachdenken mussten vor der Recherche in den USA.
Kira: Wie lange habt ihr an dem Projekt gearbeitet?
Khesrau: Insgesamt haben wir etwa ein Jahr lang daran gearbeitet – von der ersten Themenfindung über die Recherche bis hin zur Produktion: Skript, Musikkomposition, Schnitt und Fact-Checking.
Kira: Welche strukturellen Probleme des US-Gesundheitssystems werden in dem Podcast sichtbar?
Khesrau: Sichtbar werden vor allem drei Dinge: erstens die enorme Kostenbelastung und die Angst, sich eine Behandlung „nicht leisten zu können“. Zweitens die Abhängigkeit vom Versicherungsstatus – wer wie versichert ist, entscheidet oft über Zugang, Qualität und Geschwindigkeit der Versorgung. Und drittens die Ungleichheit: Einkommen, Wohnort und Herkunft beeinflussen die Gesundheitschancen massiv.
Kira: Wieso sollten die Menschen mehr über diesen Fall erfahren?
Khesrau: Weil der Fall über das Einzelereignis hinaus zeigt, wie stark gesellschaftliche Konflikte – etwa Ungleichheit, Wut auf Institutionen und Misstrauen gegenüber Medien – kippen können. Und weil wir in diesem Podcast über ein Land sprechen, das gerade jetzt so wahnsinnig aufwühlt: Die Sorge davor, wie Amerika sich gerade radikal verändert – ich glaube, das ist auch die Sorge davor, was das für uns bedeuten könnte. Auch wir haben Ungleichheit, Wut auf Institutionen und Misstrauen gegenüber Medien. THIS IS AMERICA, ja – aber was ist dann Deutschland?
THIS IS AMERICA: FREE LUIGI – ab 30. April 2026 überall, wo es Podcasts gibt. Neue Episoden gibt es immer donnerstags, alle fünf Episoden sofort ab Start in der ARD Sounds App.
- Podcast
- Luigi Mangione
- Khesrau Behroz
- True Crime
- ARD
- Undone
- News
- Gewalt
- schuld
- Soziale Gerechtigkeit
- USA