Beschreibung
vor 21 Stunden
In dieser Folge von Bad News & Good News sprechen Michael
Schellberg und Ralph Sina bei hochsommerlichen Temperaturen über
schlafende Riesen – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.
Ralph berichtet zunächst von seinem Besuch in Lichtenau bei
Paderborn. Auf der Paderborner Hochebene gibt es eine hohe
Konzentration von Windrädern, deren Strom bei Spitzenlast oft
nicht ins Netz eingespeist werden kann und deren Betreiber dafür
mit Steuergeldern kompensiert werden. In Lichtenau soll daraus
künftig grüner Wasserstoff produziert werden – gespeichert im
„Schlafenden Riesen", einem sechs Kilometer langen, ungenutzten
Erdgasrohr. Anlass für den Besuch ist Ralphs Vortrag bei der
Wasserstoff-Konferenz der Wasserstoff-Region Rhein-Ruhr am 24.
Juni in Berlin.
Vom schlafenden Riesen Wasserstoff führt das Gespräch zum
schlafenden Riesen Europa. Ralph erinnert sich an seine Brüsseler
Korrespondentenzeit und an die Iran-Atomverhandlungen 2014/2015.
Damals handelte die EU-Chefdiplomatin Helga Maria Schmid den
Vertrag federführend aus – Seite für Seite, mit Atomphysikern der
IAEA in Wien, im Pendelverkehr zwischen Peking, Moskau, Teheran,
Berlin, Paris und London. Heute spielt die EU bei vergleichbaren
Verhandlungen praktisch keine Rolle mehr; vermittelt wird über
Pakistan und die Türkei, unterzeichnet wurde zuletzt in
Versailles – und statt Spitzendiplomat:innen verhandeln
Spitzenpolitiker wie J. D. Vance.
Daran anschließend diskutieren die beiden das Motiv der
Demütigung in der Politik: Trumps Obama-Komplex seit dem
Correspondents' Dinner 2011, Putins Reaktion auf Obamas
„Regionalmacht"-Etikett sowie das Selbstverständnis von
EU-Beamten, die sich von fossilen Konzernen wie Exxon
intellektuell hintergangen fühlten – ein Motiv, das in den Green
Deal mit eingeflossen ist.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Wirtschaftsethik.
Schellberg, im Hauptamt für die Hamburger Stiftung für
Wirtschaftsethik tätig, beschreibt das Spannungsverhältnis
zwischen ökonomischer Stärke und ethischem Anspruch: Universelle
Standards lassen sich nur durchsetzen, wenn die eigene
wirtschaftliche Position dafür Gewicht hat. Sina ergänzt mit
Beispielen aus seiner Afrika-Zeit, etwa zur Kinderarbeit, und
stellt die Frage, ob CO₂-Bepreisung, Lieferkettenpflichten und
ähnliche Auflagen im aktuellen geopolitischen Umfeld noch tragen
oder die EU im Wettbewerb mit China schwächen. Schellberg hält
dagegen, dass Wirtschaft ohne politische Rahmensetzung nicht
auskommt – entscheidend sei am Ende die Wirksamkeit, nicht die
reine Gesinnung.
Zum Schluss ein Paradox: Mit „Drill, Baby, Drill" und der
Eskalation am Persischen Golf wird ausgerechnet Donald Trump zum
unfreiwilligen Werbeträger für Wasserstoff, Resilienz und
erneuerbare Energien.
Eine Folge über Energie, Diplomatie, die Psychologie der Macht –
und die Frage, warum Riesen oft erst dann erwachen, wenn es fast
zu spät ist.
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