#03 – Die Produktion des sample-basierten Software-Instruments NOIRE

#03 – Die Produktion des sample-basierten Software-Instruments NOIRE

vor 7 Jahren
1 Stunde 17 Minuten
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Beschreibung

vor 7 Jahren
Native Instruments´ Konzertflügel von Nils Frahm

Native Instrument NOIRE wurde in Zusammenarbeit mit Galaxy
Instruments und dem Pianisten Nils Frahm entwickelt. Zu Gast aus
dem Team von Galaxy Instruments war in unserem Podcast
Sounddesigner, Produzent und Sound&Recording-Autor Stephan
Lembke.


Im Interview erzählt er, wie das Software-Piano entstand, das auf
dem originalen Konzertflügel von Nils Frahm basiert, einem CFX
Grandpiano von Yamaha, der in einem Preissegment von etwa 146.000
Euro liegt.


**Stephan, wie kam es zu der Idee, genau diesen Flügel zu
sampeln? **


Wir haben bereits bei der Produktion von Una Chorda mit Nils
zusammengearbeitet. Damals hatten wir große Freude daran, den
Sound so zu shapen, wie Nils sein Upright aufgenommen hat, und
den Sound, den man auch in seiner Musik wiederfindet, so in die
Software zu integrieren. Und so kam es, dass wir uns mit Nils
danach auch nochmal getroffen und überlegt haben, was man noch so
machen könnte. Irgendwann rief Nils an und sagte: „Ich habe mir
einen neuen Flügel gekauft, den müsst ihr unbedingt hören, der
ist der absolute Wahnsinn“. Und so kam es, dass wir mit einer
kleinen Delegation von Native Instruments, die ja auch in Berlin
sitzen, zu ihm rüber ins Studio gefahren sind, um uns dann vor
Ort anzuhören, wie Nils auf seinem wunderschönen CFX gespielt.
Wir waren alle hin und weg und wussten, das ist das Ding, das
wollen wir machen!‘


Welche Eigenschaften muss denn ein Instrument mitbringen, dass
ihr sagt ‚Ja, den sampeln wir‘?


Das sind oft Charakter-Sachen, die man vielleicht gar nicht so
richtig erwartet. Klar, wenn man einen Steinway D Konzertflügel
sampeln will, dann ist es schon so, dass der eine bestimmte
Charaktereigenschaft hat. Aber auch die gleichen Modelle
unterscheiden sich aufgrund der Handarbeit, alle haben einen
gewissen Grundcharakter. Wenn es das gleiche Modell ist, wird’s
trotzdem anders klingen. Und so guckt man, welche Qualitäten hat
der Flügel, wie ausgewogen ist ein Flügel, wie ist die dynamische
Entwicklung eines Tons. Also wir gehen da wahrhaftig recht
technisch ran, wenn wir Probe spielen, da wir auch keine
ausgebildeten Pianisten sind. Wir kommen mit ein paar Akkorden
klar, aber da hört es dann auch irgendwann auf. Deswegen hören
wir dann auch, was passiert denn hier mit dem einzelnen Ton, wenn
man ihn von ganz leise bis hin zu ganz laut spielt. Und was
passiert auch chromatisch, wenn ich die Töne durchgehe? Sind die
ausgewogen, wie klingt der Bass, wie klingt der mittlere Bereich,
wie klingt der Diskant? Das sind die Grundlegenden Eigenschaften.
Instrumente sprechen einen aber auch direkt an. Der
Maverick-Flügel zum Beispiel, den wir für die
Definitive-Piano-Collection von Native Instruments gesampelt
haben, war eher ein Ausrutscher. Wir haben in einem Klavierhaus
nach einem anderen Flügel geschaut und zufällig bei dem in die
Tasten gehauen. Den hätten wir uns sonst nie ausgesucht.
Plötzlich haben wir da gesagt: „Was ist das denn, was da
rauskommt?“ Ein schön surrender Oberton und ein ganz spezieller
Charakter. Das war das Ding, das war ein Charakter-Piano.


Welche Rolle spielte Nils Frahm bei dieser Produktion?


Nils war in erster Linie beratend tätig. Er hat uns das Studio
und das Piano zur Verfügung gestellt, sowie sein gesamtes Team,
inklusive seinem Klaviertechniker, sein Studio-Team, sein ganzes
Equipment, und sein Know-how aus unzähligen Flügel- und
Upright-Piano-Aufnahmen die er gemacht hat. Wir waren somit
direkt an der Quelle und konnten gucken, wie hört Nils seinen
Flügel, wie würde er ihn aufnehmen, was würde er empfehlen, wie
findet man einen Weg, das so abzubilden, dass es in seinen Stil
und in sein Klangkonzept passt.


Ich stelle mir die Projektplanung von so einer Sampling-Session
sehr umfangreich vor. Das ist doch bestimmt eine aufwendige
Vorplanung, die man leisten muss. Wenigstens stand der Flügel
schon mal da, dass ihr euch nicht um den Transport kümmern
musstet. Aber wie sieht die Planung für eine solche Session aus?
Welches Material, Mikrofone, Outboard wählt ihr?


In dieser speziellen Situation war das relativ komfortabel. Nils
hat vor Ort im Saal 3 ein komplettes Studio mit Regie, das
Instrument war da, das war soweit alles vorbereitet. Bei uns
fängt es üblicherweise so an, dass wir eine kurze Demoaufnahme
machen, die bei uns tatsächlich in einem kleinen
Sample-Instrument resultiert. Das nehmen wir dann mit in unser
Studio, um es in gewohnter Abhörumgebung zu hören. Auf dieser
Basis überlegen wir dann, welches Equipment wir womöglich
brauchen. Und obwohl Nils da ein komplettes Studio hat, sind wir
trotzdem mit einem Sprinter und einem Kombi hochgefahren, die
beide vollgepackt mit Equipment für die Session waren, weil wir
auch unser gewohntes Equipment dabeihatten, da es bei uns auch
oft darum geht sehr Low-Noise zu arbeiten mit wenig Rauschen. Das
bedeutet auch eine bestimmte Kombination aus Mikros und Preamps,
die wir durch viel Ausprobieren so gefunden haben. Und da setzen
wir einfach auf unser Zeug, da wir dort genau wissen, wie das
funktioniert. Aber tatsächlich haben wir in diesem Fall alles
mitgebracht, alles aufgenommen und haben es letztendlich dafür
entscheiden, das Setup so zu benutzen, wie auch Nils seinen
Flügel aufnimmt. Das sind zwei ganz alte Neumann M50
Röhrenmikrofone, die aus seinem Bestand waren. Das sind sündhaft
teure Mikrofone, die man heute eigentlich so gut wie gar nicht
mehr bekommen kann. Wir haben über sein Pult aufgenommen. Als
weiteres Mikrofon haben wir lediglich ein – und auch das nutzt
Nils für seine Aufnahmen – Coles Bändchenmikrofon über den
Basssaiten als Stütze noch dazu gefahren. Das ist der Sound von
Nils, und das ist auch der Sound von NOIRE.


Du hast es eben schon erwähnt: Low-noise ist bei Mikrofonen eine
wichtige Sache, aber welche Anforderungen habt ihr noch an
Mikrofone und Outboard?


Genau, Low-noise ist ein Thema, aber Klang ist das Thema, was
über allem steht! Erst dann kommt das Thema Noise. Wenn ich
beispielsweise die DPA 4006er nehme, mit denen gerne Klavier und
Flügelaufnahmen gemacht werden, dann klingen die wunderbar. Wenn
ich dann aber eine Alternative habe, wie beispielsweise die
Sennheiser MKH; Mikrofone mit sehr geringem Rauschen, dann ist es
komfortabler diese zu benutzen, auch wenn der Klang etwas
unterschiedlich ist. Aber es kommt auch drauf an, in welcher
Situation man sich befindet, und den Klang auch bewerten kann. Es
ist auch ganz oft so, dass wir die Coles-Mikrofone benutzen und
wir dann denken: „Ja, das ist der Sound, der klingt richtig gut!“
Dann schalten wir um auf andere Mikrofone, die deutlich weniger
rauschen. Das ist dann auch eine Gewissensfrage: geht man jetzt
mit den rauschigeren Mikrofonen; da sprechen wir von einem
Unterschied von ca. 6 dB mehr Rauschen oder weniger, das ist kein
Beinbruch. Aber wir wissen, was in der Kette bei der
Nachbearbeitung passiert, und dann spart man sich da deutlich
Zeit und Nerven, indem man vorher schon etwas weniger Rauschendes
verwendet.


Kannst du uns nochmal eine Übersicht geben über die verwendeten
Mikrofone? Ein paar hast du ja schon angesprochen…


Bei NOIRE waren es, abgesehen von Nils Setup, Lewitt LCT 540, die
rauschärmsten Mikrofonen die es überhaupt gab, bis Lewitt selbst
noch rauschärmere Mikrofone rausgebracht hat. Solche Mikrofone
eignen sich z.B. um Hammer-Noises aufzunehmen. Also das Geräusch,
wenn die Taste runter gedrückt wird, ohne dass die Saite
angeschlagen wird, und das Zurückfallen. Würde man so etwas mit
einem Raummikrofon aufnehmen, dann könnte das auch ein Cent-Stück
sein, das irgendwo auf ein Kissen fällt oder ähnliches. Da muss
man also schon sehr nah ran und hochpegeln. Dafür sind die
Lewitts interessant. Andere waren Gefell M930 Nierenmikrofone.
Die funktionieren ganz gut. Schöps MKII Kugeln waren da,
Sennheiser MKH 8040 und 8020, das sind Kugel und Nierenmikrofone
mit sehr geringem Rauschen. Es gab ein paar speziellere
Mikrofone, z.B. das einzige französische Bändchenmikrofon, das je
gebaut wurde, das Melodium, das uns der frühere Techniker von
Nils empfohlen und auch mitgebracht hatte. Klang auch gut, aber
wie gesagt, am Ende waren es die beiden Neumann M50 und das Coles
am Bass, und das war es in erster Linie. Allerdings gab es noch
etwas Spezielleres: Wir hatte einen NS10 Lautsprecher
mitgenommen, den man ja auch gern bei Schlagzeugaufnahmen
verwendet, indem man ihn mit einem XLR-Stecker verkabelt, um ihn
als Mikrofon zu verwenden. Den stellt man als Woofer vor die
Kickdrum, und sobald dort Luft bewegt wird, bewegt sich auch der
Lautsprecher. Dadurch bekommt man entsprechend einen sehr tiefen
vollen Bass. Allerdings haben wir ihn am Flügel unter den
Basssaiten positioniert. Dazu mussten wir etwas suchen. Das war
schon sehr speziell. Wir haben gemerkt, dass er nicht dafür
gemacht war, horizontal zu höngen. Typischerweise stehen die ja
vertikal, wie ein Lautsprecher – oder Mikro – eben steht. In der
Session haben wir dann drei NS10 Lautsprecher zerstört, weil die
einfach nicht durchgehalten haben. Die Aufnahmen gingen drei
Wochen und irgendwann haben die durchgehangen oder es gab einen
anderen Grund, dass die nach einer Zeit ausgefallen sind. Die
Basis für diese Idee lag übrigens darin, dass Nils einen
elektronischen Pickup unter den Saiten hat, dessen Signal er über
die PA schickt und ein wenig verstärkt, allerdings so, dass man
das erstmal gar nicht so bewusst hört. Auch uns hat er den Flügel
so vorgestellt und wir dachten: „Was ist das eigentlich für ein
übernatürliches Erlebnis?“ Und dann haben wir eben überlegt, wie
man das auch dem Nutzer von NOIRE mitgeben kann und sind eben
beim NS10 gelandet.


Ihr habt drei (?!) Wochen aufgenommen?


Genau, wir waren drei Wochen in Nils‘ Studio im Funkhaus, weil es
dort wirklich um absolute Details ging. Und es war nicht die
normale Sampling-Aufnahme, wo man das nur einmal aufnimmt.
Ähnlich wie schon beim Una Chorda damals, das wir dreimal
aufgenommen haben. Einmal in der puren Version, wie es damals von
David Klavins gebaut wurde, dann in einer Version mit einem
Baumwollstreifen zwischen Hämmern und Saiten, damit man ein etwas
stärkeres stoffiges Anschlagsgeräusch bekommt. Bei der dritten
Variante gabs ein Filz zwischen Hämmern und Saite, was
grundsätzlich den Ton, aber auch den Anschlag verändert.
Allerdings hat das Una Chorda weniger Dynamik und weniger Sustain
als der CFX. Den haben wir in zwei Varianten aufgenommen: einmal
die Version wie der Flügel als Konzertflügel bearbeitet wurde,
und dann gab es einen Filzmoderator, der speziell von Nils´
Klavierbauer angefertigt wurde. So ein Moderator hat in einem
Flügel eine spezielle Funktion. Serienmäßig wurde das nur mal von
einem Hersteller angeboten, allerdings war die Nachfrage sehr
gering. In einem Upright hat man das ja sehr häufig – das ist ein
Filzstreifen, der vertikal zwischen Hämmer und Saiten kommt, um
die Saiten und den Anschlag zu dämpfen. Beim Flügel muss das
natürlich horizontal geschehen, und ist der Filz zu dünn, bzw.
hat er nicht die nötige Steifigkeit, würde er wegfallen. Ist er
zu hart, funktioniert das ganze nicht richtig. Deswegen hat sich
der Klavierbauer etwas überlegt, sodass wir unseren „Wunschfilz“
nutzen konnten. Das war dann auch schon die erste Frage. Wir
haben quasi einen Tag dafür verwendet, verschiedene Filze
auszuprobieren. Es war also viel Ausprobieren und Sound-finden,
bevor dann das eigentliche Sampeln begann. So kam der recht hohe
Zeitaufwand zustande.


Es gibt also viele Entscheidungen, die man treffen muss:
Mikrofonauswahl, -position, Filz … so viele einzelne Details und
Variablen. Wo hört man denn da auf?


Tja, richtig … man kennt das ja: Man nimmt etwas auf, sei es
Musik, Sprache Soundeffekt, und dann ist man eigentlich nie
fertig. Außer man sagt: Ich mach das Ding nun und dann ist es
fertig! Wenn man dafür eine Stunde, einen Tag oder eine Woche
Zeit hat, dann muss irgendwann eine Entscheidung gefällt werden.
Das ist nicht immer leicht, aber das muss irgendwann passieren.
Erfahrung hilft da natürlich, aber trotzdem kommt es immer wieder
vor, dass man sich für Variante A entscheidet, über Nacht ins
Grübeln gerät, und am nächsten Tag doch nochmal Variante B
ausprobiert, nur um am Ende doch zu Variante A zurückzukehren.
Bei NOIRE fing das sogar damit an, dass wir den Flügel wahrhaftig
erstmal durch gen Raum geschoben haben. Dabei ist Saal 3
eigentlich sehr ausgewogen. Dafür hatten wir ihn an vier
Positionen im Raum mit jeweils zwei Mikrofonen aufgenommen, dann
schoben wir ihn wieder dorthin, wo wir ihn hatten, und haben auch
dort nochmal ausprobiert, was passiert, wenn wir ihn etwas mehr
nach links, nach rechts, nach vorne, nach hinten schieben, wenn
wir ihn drehen. Da ist es natürlich gut, wenn man einen Zeitplan
hat in dem steht wann man was bis wann erledigt haben möchte.
Unterm Strich probiert man auch das alles einen ganzen Tag oder
bis man einfach nicht mehr kann. Danach würde sowieso nichts mehr
passieren, was es besser macht. Am nächsten Tag hören wir dann
noch einmal mit frischen Ohren, und meistens wird auch dann
nochmal korrigiert und ausprobiert. Aber lange darf das dann
nicht mehr dauern. Dann muss bald eine Entscheidung fallen.


Wie würdest du denn den Zeitaufwand der Planung, Ausprobieren und
dem tatsächlichen Ausprobieren definieren?


Planung ist ein sehr großer Zeitaufwand, der sich über mehrere
Monate erstrecken kann, weil das auch alles umfasst. Termine
festlegen, Teamfinden, etc. Ausprobieren ist eher ein kleinerer
Zeitaufwand, im Verhältnis zur Planung und auch im Verhältnis zur
Aufnahme. Bei drei Wochen Aufnehmen, probieren wir vielleicht
vier Tage aus und dann geht’s los. Ich schätze 50% gehen etwas
für die Vorbereitung drauf, 10 – 15% auf das Ausprobieren und der
Rest für die Aufnahme.


Kannst du den Aufnahmeprozess nochmal kurz dokumentieren? Ihr
arbeitet gerne 24 Stunden am Tag und gebt euch dann die Klinke in
die Hand?


Richtig, bei Flügelaufnahmen, wo wir auch selbst die „Pianisten“
sind, da ist es dann etwas einfacher, da wir den gleichen
Arbeitsansatz haben, um das lieber gut und detailliert
durchzukriegen, und das lieber in drei Wochen als in drei
Monaten. Da geben wir uns wirklich die Klinke in die Hand, essen
noch zusammen – für den einen ist es das Frühstück, für den
anderen das Abendessen. Wir versuchen aber schon auch ein
Wochenende zu haben, allerdings organisiert man das in sinnvollen
Zusammenhängen. Würde man in einer Woche den halben Flügel
aufnehmen, würde die andere Hälfte die Woche drauf auch wieder
anders klingen. Wenn man selbst nicht der Musiker ist, wie bei
Thrill z.B., da hat man ein viel größeres Team und außerdem die
Musiker. Dann arbeitet man sechs Stunden am Tag konzentriert und
hat den Abend frei – das ist manchmal etwas verwirrend – da
sitzen wir dann im Biergarten und denken ‚Hä? Jetzt haben wir ja
frei. Was machen wir denn jetzt?
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