Bereit zu sterben?

Bereit zu sterben?

vor 3 Monaten
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Podcast
Podcaster
MUTIG ist ein Podcast über das Leben in unruhigen Zeiten. Gedanken, Geschichten und ausgewählte Gespräche über Alltag, Entscheidungen, und Reflexion. Verständlich, bodenständig und ohne Belehrung.

Beschreibung

vor 3 Monaten

Ich gebe zu, der Titel dieses Textes ist bewusst etwas
provozierend gewählt. Nicht, um Aufmerksamkeit zu erzwingen,
sondern weil er genau den Gedanken trifft, der mich seit Tagen
nicht loslässt.


Ein Freund erzählte mir kürzlich von einem gemeinsamen Bekannten.
Beruflich ist er extrem erfolgreich, ehrgeizig, fokussiert,
diszipliniert. Einer, der sich Ziele setzt und sie erreicht. Nun
hat er sich ein neues vorgenommen. Kein berufliches, kein
wirtschaftliches – sondern ein sehr persönliches.


Er möchte in diesem Jahr allein mit seinem Motorsegler den
Nordatlantik überqueren. Und als wäre das nicht genug, plant er
bereits das nächste Abenteuer: die Nordwestpassage mit dem
Segelboot. Eine Route durch eisige Gewässer, fernab jeder
Zivilisation, fernab jeder schnellen Hilfe.


Das ist kein Sonntagsausflug. Keine sportliche Herausforderung im
üblichen Sinn. Es ist eine Unternehmung, die reale Gefahren
birgt: Kälte, Isolation, unberechenbares Wetter, technische
Risiken. Eine Reise, die – nüchtern betrachtet – ein Leben kosten
kann.


Ich habe nicht mit ihm darüber gesprochen. Ich kenne seine
Beweggründe nicht. Aber ich gehe davon aus, dass ihm dieses
Risiko vollkommen bewusst ist. Dass er weiß, worauf er sich
einlässt. Und dass er trotzdem aufbricht.


Dieser Gedanke hat mich beschäftigt. Nicht das Abenteuer an sich.
Nicht einmal der Mut, den es dafür braucht. Sondern die
Bereitschaft, für ein solches Vorhaben im Zweifel mit dem eigenen
Leben zu bezahlen.


Bereit zu sterben – für ein Abenteuer.


Die Faszination des Extremen


Die Geschichte dieses Bekannten steht nicht für sich allein. Sie
reiht sich ein in eine lange Linie von Menschen, die bewusst
dorthin aufbrechen, wo es kalt, einsam und gefährlich wird. In
Gegenden, in denen Fehler ernsthafte Folgen haben und Hilfe keine
Selbstverständlichkeit ist.


Bei solchen Unternehmungen denkt man schnell an historische
Expeditionen. An Menschen wie Roald Amundsen, die in einer Zeit
aufbrachen, in der eine Rückkehr eher Hoffnung war als Zusage.
Wer damals loszog, wusste: Es kann gutgehen – muss es aber nicht.


Noch näher liegt für mich jedoch Reinhold Messner. Nicht als
Held, nicht als Abenteuermarke, sondern als jemand, der immer
offen davon gesprochen hat, dass man am Berg sterben kann. Und
dass genau dieses Wissen Teil der Entscheidung ist. Kein
Ausblenden, kein Schönreden. Sondern Klarheit darüber, was auf
dem Spiel steht.


Was diese Menschen verbindet, ist weniger der Wunsch nach Ruhm
oder Aufmerksamkeit. Es geht nicht um Unterhaltung oder
Ablenkung. Es geht um etwas sehr Konkretes. Um das
Erleben der eigenen Grenze. Um die Erfahrung, ob man mit
sich selbst zurechtkommt, wenn Sicherheiten wegfallen. Für viele
ist diese Art von Herausforderung kein Zusatz zum Leben, sondern
etwas, das sie brauchen, damit es sich für sie richtig anfühlt.


Von außen werden solche Menschen schnell als Spinner bezeichnet.
Als lebensmüde oder verantwortungslos. Wer genauer hinschaut,
sieht oft das Gegenteil. Akribische Vorbereitung. Wochen,
manchmal Monate des Planens, Trainierens, Durchdenkens. Und wenn
sie dann unterwegs sind, handeln sie aufmerksam, konzentriert,
nüchtern. Keine Romantik. Kein Leichtsinn.


In solchen Situationen sind sie ganz bei der Sache. Nicht im
Sinne von „jeden Moment auskosten“, wie man es oft liest. Sondern
ganz praktisch. Weil es keine Alternative gibt. Extreme
Unternehmungen lassen wenig Spielraum. Man kann nicht nebenbei
etwas anderes machen. Man kann sich nicht ablenken. Der Körper
ist gefordert, der Kopf muss klar bleiben, Entscheidungen müssen
getroffen werden. Alles andere rückt automatisch in den
Hintergrund.


Der normale Alltag funktioniert anders. Er ist strukturiert,
organisiert, gut abgesichert. Und genau darin liegt auch seine
Kehrseite. Wir leben heute bequemer und sicherer als frühere
Generationen. Und trotzdem fühlen sich viele innerlich zerstreut.
Man ist ständig beschäftigt, aber selten wirklich bei einer
Sache. Gedanken springen, Aufmerksamkeit verteilt sich auf zu
viele Dinge gleichzeitig.


Vielleicht ist es kein Zufall, dass manche Menschen dort Klarheit
finden, wo das Leben auf eine schmale Spur reduziert wird. Wo man
sich nicht verstecken kann. Wo Entscheidungen nicht theoretisch
bleiben, sondern spürbare Folgen haben.


Nicht, weil sie den Tod suchen. Sondern weil sie diese Form von
Herausforderung für ihr gutes Leben brauchen.


Meine persönliche Einstellung


Auch ich brauche Herausforderungen. Ich gehe Risiken ein. Und bei
fast allem, was wir tun, schwingt ein gewisses Risiko mit. Selbst
dann, wenn wir zu Fuß unterwegs sind oder ins Auto steigen. Die
Möglichkeit, nicht zurückzukehren, ist real und gehört zum Leben
dazu, ob wir darüber nachdenken oder nicht.


Trotzdem wäre ich nicht bereit, für ein solches Abenteuer mein
Leben bewusst aufs Spiel zu setzen. Ich kann mir vorstellen, eine
Woche zu Fuß durch Österreich zu gehen, alleine. Ich kann mir
auch vorstellen, mit dem Kajak auf europäischen Flüssen unterwegs
zu sein. Aber was ich persönlich brauche – zumindest nach
heutigem Gefühl – ist ein Sicherheitsnetz. Die Möglichkeit, Hilfe
zu holen, wenn etwas Unvorhersehbares passiert.


Das hat für mich wenig mit Angst zu tun. Es ist eher eine Frage
der eigenen Art. Ich glaube, mir fehlt die innere Anlage für
diese Form des Extremen. Und das ist in Ordnung. Jeder von uns
bringt andere Eigenschaften mit. Jeder von uns hat ein anderes
Verhältnis zu Risiko, Kontrolle und Sicherheit.


Vielleicht besteht Mut nicht darin, alles zu riskieren.Sondern
darin, zu wissen, was man nicht riskieren will.


Und vielleicht gehört auch das zu einem aufrechten Leben: die
eigenen Grenzen zu kennen, ohne sie mit denen anderer zu
verwechseln.


Würdest du für ein Abenteuer dein Leben aufs Spiel setzen?


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