Jedes dritte Haus eine Kneipe, kaum Steuern und nur ein Polizist - das Museum Vieille Montagne
37 Minuten
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Beschreibung
vor 3 Jahren
BITTE NICHT ANFASSEN! #6 – Das Museum Vieille Montagne
Show Notes
Jedes dritte Haus eine Kneipe, kaum Steuern und nur ein Polizist
für ein ganzes Land. In der heutigen Folge geht es um
Neutral-Moresnet, ein kleines Gebiet im heutigen Belgien, das
über Jahrzehnte umstrittenes Gebiet war und zum ersten
Esperanto-Staat der Welt werden sollte. Existieren konnte dieses
unmögliche Land nur weil sich Preußen und die Niederlande, später
Belgien, nicht darauf einigen konnten, wem die darauf liegende
Zinkmine gehören sollte. Warum diese Mine so wichtig war und was
aus Neutral-Moresnet wurde, hat Ralph bei seinem Besuch im Museum
Vieille Montagne in Kelmis erfahren. Dort hat er mit der
Direktorin Celine Ruess gesprochen, die diese Folge nicht nur mit
ihrer Stimme, sondern auch mit viel Hintergrundwissen versorgt
hat.
Hilfreiche Links:
Foto von der Zinkwanne Napoleons (abfotografiert aus der
Ausstellung):
https://www.escucha.de/wp-content/uploads/Die-Zinkwanne-scaled.jpg
Hier sieht man die Zinkdächer von Paris:
https://dachundfassade.blog/2019/10/28/ein-meer-aus-zink/
Landkarte des Gebiets Neutral-Moresnet (abfotografiert aus der
Ausstellung):
https://www.escucha.de/wp-content/uploads/Karte_Gebiet-scaled.jpg
Hier befindet sich der Dreiländerpunkt
Belgien/Deutschland/Niederlande:
https://www.google.com/maps/place/Three-Country+Point+Belgium,+Germany+and+the+Netherlands/@50.754348,6.0206033,125m/data=!3m1!1e3!4m12!1m6!3m5!1s0x0:0xdf7e0dae3f65e6a3!2sLabyrint+Drielandenpunt!8m2!3d50.7553533!4d6.018589!3m4!1s0x0:0xd1943f8d121476dd!8m2!3d50.7543949!4d6.0209946
Hier ein Artikel über den Prostitutions-Tourismus in Saarbrücken:
https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.prostitutionshochburg-saarbruecken-aus-paris-in-den-puff-nach-burbach-page1.526a5062-bf4c-41ec-824b-5d91a7a4a42b.html
Lesenswert dazu und hilfreich für die Recherche ist Philip Dröge,
Niemands Land, erschienen bei Piper:
https://www.piper.de/buecher/niemands-land-isbn-978-3-492-31429-9
Infos zum Museum:
Museum Vieille Montagne
Lütticher Straße 278
4720 Kelmis
Belgien
http://www.mvm-kelmis.be
über BITTE NICHT ANFASSEN!:
Woran denkst du beim Wort Museum? An weltberühmte
Ausstellungsstücke wie Sarkophage ägyptischer Pharaonen, an
Gemälde von Picasso oder an technische Erfindungen wie das
Automobil? Denkst du an das Deutsche Museum in München, das
Pergamon-Museum in Berlin oder an das Städel in Frankfurt? Wir –
das sind Ralph Würschinger und Lukas Fleischmann – denken beim
Wort Museum an etwas Anderes: an Milbenkäse, Mausefallen, an
Flipper-Automaten, Nummernschilder oder auch an Gartenzwerge.
Denn die schätzungsweise 7.000 Museen in Deutschland haben so
viel mehr zu bieten als das Angebot der großen Häuser.
Mit „BITTE NICHT ANFASSEN – Museum mal anders“ begeben wir uns an
kleine Orte, in Seitengassen großer Städte, um die kleinen und
alternativen Ausstellungen zu finden, von denen du vermutlich
noch nie gehört hast.
Pro Monat erscheint eine Folge, für die einer von uns beiden ein
besonderes Museum besucht und sich mit dem jeweils anderen
darüber austauscht. Dabei kommen Museumsbetreiberinnen und
-betreiber zu Wort, aber auch die Exponate an sich werden hörbar
gemacht.
Dieser Podcast ist für Museumsliebhaber, für Mitarbeiter aus dem
Museumsbereich und für alle, die sich für Kunst, Kultur und
Technik-Geschichte interessieren und skurrile Stories
mögen.
BITTE NICHT ANFASSEN! ist eine Produktion von Escucha – Kultur
für's Ohr.
Mehr Infos auf https://www.escucha.de/bitte-nicht-anfassen/
Wenn ihr als Museum darüber nachdenkt, ob Podcasting
etwas für euch ist – hier sind 10 gute Gründe dafür:
https://www.escucha.de/gruende-fuer-museumspodcasts/
~~~~~
Kontakt
Instagram: https://www.instagram.com/bittenichtanfassen_podcast/
E-Mail: info[at]escucha.de
Podcast-Credits:
Sprecher: Lukas Fleischmann, Ralph Würschinger
Produktion: Escucha GbR
Podcast-Grafik: Tobias
Trauth https://www.instagram.com/don_t_obey/
Intro/Outro: Patrizia Nath
(Sprecherin) https://www.patrizianath.com/, Lukas
Fleischmann (Musik)
Wenn euch der Podcast gefällt, dann abonniert uns und
empfehlt uns weiter. Welches Museum sollen wir unbedingt
vorstellen? Schreibt uns eure Vorschläge!
Transkript:
Lukas:
Ort der Freundschaft, Ort der 3000 Kneipen, Ort der illegalen
Alkohol Produktion, Ort der Anarchie.
Ralph:
Und Ort der steuerlichen Vergünstigungen.
Intro:
Bitte nicht anfassen. Museum mal anders. Ein Podcast von
Escucha.
Lukas:
Hi Ralph.
Ralph::
Hi Lukas.
Lukas:
Also wohin geht's heut?
Ralph:
Ja, heut geht's mal über die Grenzen hinweg, die wir sonst zu
haben. Ich habe aber auch gleich was mitgebracht aus dem Museum,
das wir uns anhören können. Da bitte ich dich, ich stehe doch mal
kurz auf. Hand auf die Brust und ab der Ton.
(Es wird Marschmusik gespielt)
Ralph:
Was hat das dir gegeben?
Lukas:
Äh, tja, halt ist halt ein Marsch, ne. Er hat halt was
Hymnenartiges. Was Marschierartiges. Ein bisschen befremdlich, um
ehrlich zu sein. Weil ich das mal nicht so ganz nachvollziehen
kann, wie Menschen irgendwo vor einer Flagge oder irgendwas
stehen und dann mit stolzgeschwellter Brust sich damit
identifizieren. Genau.
Ralph:
Und das, was ich mitgebracht habe, das ist ja auch in dem Museum
anzuhören, über das wir heute sprechen. Kannst du dir vorstellen,
worum es da gehen könnte?
Lukas:
Das Hymnen Museum? Keine Ahnung. Irgendwas mit Heimat, irgendwas
mit Herkunft, Heimat, irgendwie sowas in der Richtung.
Ralph:
Na ja, haben wir oft gerade bei so kleinen Museen, dass es
irgendwie um Heimat geht. Also was du gerade gehört hast, das
sollte die Hymne eines Landes werden, nämlich neutral Moresnet,
das letztlich aber nie existiert hat und trotzdem weltweit für
Schlagzeilen gesorgt hat. Und ich habe das Museum besucht, das
darüber erzählt. Also es wird heut echt aufregend, muss man
sagen.
Es wird aufregend, es wird illegal und ja, also wirklich,
Mindblowing. Zumindest war es für mich Mindblowing, vielleicht
hast du davon auch schon mal gehört. Es wird um Alkohol Schmuggel
gehen, um Glücksspiel, Prostitution und um den Traum vom eigenen
Land.
Lukas:
Also gut, ich bin gespannt.
Ralph:
Und normalerweise ist es ja so, dass wir Museen in Deutschland
besuchen. Und mit dieser Folge geht es aber über die Grenze
hinaus, wenn auch nur knapp. Ich wohne ja in Aachen, das liegt ja
nahe an der Grenze und da bin ich einfach mal nach Belgien
rübergefahren, in einen Ort namens Kelmis. Der liegt nur eine
halbe Stunde Busfahrt entfernt und zeichnet sich dadurch aus,
dass da eine große Nationalstraße durchführt. Und der Ort, der
liegt entlang dieser Straße. Da wohnen heute so 11.000 Leute. Der
Ort befindet sich in einer Art Tal, also außenrum steigt quasi
die Landschaft an und ist auch bewaldet und fast schon außerhalb
des Ortes befindet sich das besagte Museum, in dem ich war. Das
ist in einem alten Gebäude einer Bergbau-Gesellschaft mit dem
Namen Vieille Montagne.
Lukas:
Also alter Berg.
Ralph:
Ja genau, alter Berg. Eben deswegen, weil dieser Berg, der
daneben liegt, eben Altenberg auf Deutsch heißt. Und in diesem
Altenberg hat man eben einen Rohstoff gefunden, der sehr
lohnenswert war. Was kannst du dir vorstellen, was könnte da
abgebaut worden sein?
Lukas:
Gold?
Ralph:
Nee.
Lukas:
Silber?
Ralph:
Nein.
Lukas:
Kohle?
Ralph:
Ja, ich dachte jetzt kommt eigentlich Bronze.
Lukas:
Das ist eine Legierung. Die kann man nicht abbauen.
Ralph:
Ja. Du hast recht. Ne. Galmei. Hast du davon schon mal
gehört?
Lukas:
Nein.
Ralph:
Ja. Galmei ist so eine alte Bezeichnung für verschiedene
Zinkerze. Und der Name der Ortschaft Kelmis, der leitet sich auch
von dem Galmei ab. Da hat man schon begonnen, im 15 Jahrhundert
diesen Galmei abzubauen. Man hat dann mit Kupfer zusammen Messing
draus gemacht. Daraus werden dann eben Kessel oder Dosen oder
Pfannen usw. hergestellt. Man kann aber auch aus dem Galmei
selber Zink heraus gewinnen.
Ralph:
Das ist aber relativ kompliziert, sodass es lange Zeit gedauert
hat, bis das erstmals passiert ist, das ist nämlich so dass wenn
man jetzt Eisen oder Kupfer und so weiter einer hohe Temperatur
aussetzt, dann schmilzt das ja. Man bekommt dieses Eisenerz Also
so flüssiges Metall zum Beispiel. Und beim Galmei ist es so, dass
das eine hohe Temperatur braucht und die ist dann so hoch, dass
das Zinkerz gleich gasförmig wird.
Ralph:
Und deswegen ist es lange Zeit einfach entwichen in die Luft, bis
dann ein Erfinder aus Lüttich kam, der Jean Jacques Daniel Dony.
Der hat sich 1805 die Genehmigung zum Zink Abbau vom Altenberg
geholt und zwar von Napoleon. Warum von Napoleon? Weil dieser um
die Jahrhundertwende, also vom 18. ins 19. Jahrhunderts, Teile
Europas erobert hatte, wie zum Beispiel das heutige
Belgien.
Das heißt das Gebiet, das Dony wollte, um den Altenberg, das war
französisch zu dieser Zeit. Dony hat also diese Genehmigung
erhalten und aus Dank schenkte er Napoleon eine Badewanne aus
Zink und das Zink dazu das hat er mithilfe seiner bahnbrechenden
Erfindung gewonnen, dem Reduktions-Ofen. Das kannst du dir so
vorstellen, ein bisschen wie beim Destillieren von Alkohol.
Also das verdampft ja in einem Kessel. Und dann wird das
weitergeleitet in einen anderen Behälter, wo dann das Gas wieder
flüssig wird. In dem Fall von Galmei ist es so, dass dieses Zink
dann erstarrt, und dann kann man es abkratzen.
Lukas:
Für was braucht man denn Zink?
Ralph:
Ja, wofür man dieses Zink braucht, das hat mir auch die
Museumsleiterin Celine Ruess: erzählt, die ich dort getroffen
habe. Und da hören wir einfach mal rein.
Celine Ruess:
Man kannte schon früher Kupfer und Blei, aber Zink ist natürlich
leichter als diese Metalle. Aber was wirklich den Aufschwung für
Zink war, das ist die Entwicklung der Städte, unter anderem die
Entwicklung von Paris. Wenn neue Regelungen gekommen sind, zum
Beispiel um Regenrinnen zu haben, solche Sachen, wenn man auch
versucht hat oder einen Bedarf hatte in verschiedenen Städten
höhere Gebäude zu machen, mit Dächern, die ein bisschen flacher
sind, damit man noch eine Etage gewinnen kann. Und für das alles
war Zink ein wichtiges Metall.
Lukas:
Du hast mir jetzt immernoch nicht verraten, worum es in dem
Museum geht. Also um die Zink Produktion?
Ralph:
Im Museum geht es einerseits um die Geschichte der
Bergbau-Gesellschaft, die dort ansässig war, und um die
Zink-Herstellung an sich und andererseits geht es um die
politische Geschichte Europas im 19. Jahrhundert, die zur
Entstehung von Neutral-Moresnet geführt hat. Und beide Aspekte
sind miteinander verknüpft. Das Zink Vorkommen im Altenberg das
hat nämlich die ausschlaggebende Rolle dabei gespielt.
Als Napoleon 1815 bei der Schlacht von Waterloo verloren hat,
hatte das zur Folge, dass die von ihm eroberten Gebiete neu
aufgeteilt werden sollten. Im selben Jahr gab es deswegen den
Wiener Kongress, auf dem sich unter anderem Preußen und die
Niederlande getroffen haben, um über Gebiete im heutigen Belgien
zu entscheiden, also wem was gehört. Und darunter eben auch das
Gebiet um Kelmis. Wie da die Grenzverläufe festgelegt wurden das
kann dir Celine Ruess erzählen.
Celine Ruess:
Damals wurden die Entscheidungen nicht auf einer Landkarte
gezeichnet, sondern in Artikeln geschrieben. Und es gab einen
Artikel für die niederländische Grenze und einen Artikel für die
preußische Grenze. Und jeder hatte dann unterschiedliche
Meinungen oder Interpretierungen. Also es gab dann eine
bilaterale Verhandlung zwischen den Niederlanden und Preußen um
den genauen Ablauf der ganzen Grenze zu bestimmen. Und das wurde
dann im Aachener Grenzvertrag von 1816 festgelegt. Und überall
konnten sie sich einigen nur am Altenberg nicht. Das Gebiet ist
umstritten geblieben und das wurde dann später als
Neutral-Moresnet bezeichnet. Warum? Weil die beiden Mächte keine
Soldaten dorthin schicken durften.
Ralph:
Dieses Gebiet hieß ja dann Neutral-Moresnet. Und das Kuriose
dabei ist ja dass das benannt ist nach dem Gebiet Moresnet, das
zurückzuführen ist auf ein Dorf. Also man muss sich das so
vorstellen, dass wie bei uns, dass es Landkreise gibt, du hast
eben ein Stadtnamen oder eben in dem Fall Moresnet, was wirklich
eine Ortschaft ist, was aber dann noch mal als Gebiet Moresnet
heißt und zu diesem Gebiet Moresnet gehört halt eben unter
anderem auch Kelmis dazu.
Was jetzt aber verwirrend ist, dass dieses Moresnet gar nicht in
dem Neutral-Moresnet liegt, sondern das liegt auf
niederländischer Seite.
Lukas:
Okay, das heißt dann einfach nur auch Moresnet als Reminiszenz an
diesen Ortsnamen, aber hat quasi mit dem Namen Moresnet gar
nichts zu tun. Also wenn quasi die Museumsdirektorin von
Neutral-Morsnet spricht, dann spricht sie von dem Gebiet, auf dem
die Zink Mine ist, also auf dem Altenberg ist.
Ralph:
Genau, die konnten sich eben auch nicht einigen wegen des
Altenbergs, weil die natürlich diese Mine haben wollten, Preußen
und Niederlande, weil die ja gesehen haben: okay, Zink ist sehr
gefragt und Preußen hatte zwar im Osten auch eine Mine, die
wollten natürlich aber dann dieses Monopol nicht verlieren und
dann ist dadurch eben dieses Gebiet von Neutral-Moresnet
entstanden. Das 3,4 Quadratkilometer umfasst.
Lukas:
Und das ist ein komplett staatenlos neutrales Gebiet
gewesen.
Ralph:
Es ist ein neutrales Gebiet in dem Sinn gewesen, dass eben, wie
Celine Ruess gesagt hat, keine Soldaten hingeschickt werden
konnten und dass dort so ein bisschen andere Regeln gegolten
haben. Es war eher ein umstrittenes Gebiet als ein neutrales
Gebiet. Also das hatte zur Folge, dass es einige Probleme gab,
weil man wusste halt nicht mehr wie behandelt man die Leute, mit
welchem Recht und so weiter. Und was ist da auch so praktisch
Vorfälle gab, das kann uns Celine Ruess auch mal erzählen.
Celine Ruess:
Es gab so Fälle wie zum Beispiel ein Deutscher aus Preußen, der
nach Neutral-Moresnet kommt, verlor seine Staatsangehörigkeit an
Preußen. Er war nicht mehr Untertan vom Königreich Preußen,
musste dann auch keinen Militärdienst mehr machen. Aber das
bedeutet nicht, dass er automatisch neutral wurde. Und dann waren
es immer so Zwischenfälle. Man hat es einfach so weitergemacht.
Okay, man hat ihn dann einfach als neutral behandelt.
Er hatte aber nicht einen Pass, der sagt, ich bin neutral und das
war einfach zurzeit normal die Zwischenfälle; oder jemand, der
zum Beispiel in Belgien wohnt, aber für die Vieille Montagne in
arbeitet, und dann später nach Neutral-Moresnet kommt, konnte als
Neutraler betrachtet werden. Es gab immer so Einzelfälle,
Zwischenfälle, wo man in jedem Einzelfall überlegen musste, wie
wird das betrachtet. Und es gab nie wirklich eine feste Regel,
weil das einfach nicht eine Lage war, die irgendwie im Vorfeld
ganz systematisch überlegt wurde.
Ralph:
Also hat es halt Regeln gebraucht. Und es war ja so, dass die
Niederlande und Preußen sich noch nicht einig werden konnten. Die
hatten dann eben zwei Kommissare eingesetzt, die das verhandeln
sollten, wem was gehört. Und diese Kommissare wiederum haben sich
auf einen Bürgermeister verständigt, der für das Gebiet zuständig
war. Bei den Regeln oder bei den Gesetzen haben sich dann diese
Kommissare darauf verständigt, dass nicht das preußische Recht
galt, aber auch nicht das niederländische Recht, sondern das
napoleonische Recht. Und genauso war auch offizielle Währung in
diesem Gebiet der französische Franc.
Lukas:
Okay. Und wieso das?
Ralph:
Es war halt so, dass dann der eine Kommissar gesagt hat: Ja, wir
machen dann preußisches Recht dort. Und da war der
niederländische Kommissar eben dagegen. Also man wollte sich halt
wirklich gar nichts zugestehen gegenseitig. Also es war einfach
eine Übergangslösung.
Lukas:
Welche Sprache hat man in Neutral-Moresnet eigentlich gesprochen.
War das dann Deutsch?
Ralph:
Es war eine Mischung aus mehreren Sprachen, so wie es im
Endeffekt auch in Belgien ist. Es ist ja in Belgien immer noch
so, dass quasi der nördliche Teil, dass der niederländische
Sprache ich, der südliche Teil, dann französischsprachige. Und
ganz im Osten, an der Grenze zu Deutschland, sprechen die Leute
Deutsch. Und dieser Code Napoleon, also dieses napoleonische
Recht, das war eigentlich ein recht besonderes, muss man sagen,
weil es halt Prügelstrafen zum Beispiel hatte oder Stockschläge
oder so weiter als Bestrafung. Es führte dann oft dazu, dass
Leute, die sich in dem Gebiet in Neutral-Moresnet aufgehalten
haben und was verbrochen haben, vermeintlich härter bestraft
worden sind als Leute, die halt außerhalb davon waren. Weißt du,
wenn jetzt zum Beispiel ein Kutscher zufällig durch Moresnet
gefahren ist und hat durch Neutral-Moresnet gefahren ist und hat
dort was verbrochen, wie zum Beispiel da gibt es einen Fall, wo
einer in einer Herberge Essen stiehlt, dann musste der dafür fünf
Jahre ins Gefängnis.
Das waren so die, ich sag mal schrecklichen Sachen, aber
gleichzeitig hat halt diese Neutralität auch ihre Vorzüge gehabt
für die Leute, die dort gelebt haben, es durften ja keine
Soldaten von Preußen oder Niederlande rein geschickt werden. Das
heißt, es sind in relativ kurzer Zeit sehr viele junge Leute nach
Neutral-Moresnet gekommen, um der Wehrpflicht zu entgehen. Auch
mit den Steuern war es schwierig.
Dann hatten sich diese Kommissare eben darauf geeinigt, dass es
nur eine Luxussteuer gebe, also nur auf Grundbesitz, auf Fenster
oder Patente. Und diese Steuern, die wurden dann auch von den
beiden Kommissaren eingetrieben. Mehr nicht. Also es gab zum
Beispiel auf Verbrauchsgüter oder so, keine Steuern.
Lukas:
Aber wie haben sie sich denn dann finanziert? Also ich meine,
wenn die sozusagen so eine eigene Neutralität haben, so eine
eigene Staatlichkeit, dann haben die ja auch eine eigene
Verwaltung und diese eigene Verwaltung, oder? Oder war das dann
die komplette Anarchie?
Ralph:
Na ja, die hatten halt ihren Bürgermeister und noch einen
Gehilfen, aber eine richtige Behörde in dem Sinn hatten die gar
nicht.
Lukas:
Von wie vielen Menschen sprechen wir denn da, die da gelebt
haben?
Ralph:
Ich glaube, so um die 300.
Lukas:
Aso, okay.
Ralph:
Aber diese Zahl ist dann auch noch angewachsen. Und die Arbeit in
der Bergbau Gesellschaft, die war aber gleichzeitig eine sehr
harte Arbeit und auch eine sehr gefährliche Arbeit, die
hauptsächlich von Männern ausgeübt worden ist. Diese Bergbau
Gesellschaft, die Vieille Montagne, die hatte ja in Moresnet nur
einen Standort. Also es war eigentlich eine viel größere
Gesellschaft, aber dazu kann uns Celine Ruess auch mehr
erzählen.
Celine Ruess:
Moresnet blieb immer noch für ein paar Jahrzehnte die wichtigste
Gruppe. Dann haben sie wirklich sehr sehr sehr intensiv Zink Erz
gewonnen, bis die Grube Altenberg leer war. Also 1884 war sie
leer, da war kein Bergbau in Kelmis selbst, aber die
Aktiengesellschaft Montagne hatte auch ein Gebiet, also ein
Bergbau Gebiet, das viel größer war. Und hat sie ganz ganz
systematisch Probebohrungen gemacht, um neue Erzvorkommen zu
suchen. Und so wurden Ende vom 19. Jahrhunderts und bis in die
dreißiger Jahre verschiedene kleinere Gruben betrieben, nicht bis
sie leer waren, sondern bis es sich wirtschaftlich nicht mehr
gelohnt hat.
Lukas:
Okay, das heißt diese Bergbau Gesellschaft Vieille Montagne hat
also dann noch kleinere Gruben ausgehoben und in dieser Region,
um da einfach weiterhin Bergbau zu betreiben, obwohl die große
ursprüngliche Grube, über die wir die ganze Zeit gesprochen
hatten, also die Grube, aus der auch das Zink für Napoleons
Badewanne geliefert wurde, die war dann erschöpft.
Ralph:
Genau. Also Celine Ruess hatte schon gesagt, die war 1884 oder so
erschöpft, aber trotzdem wurde dann auch Zink in die Gegend
geliefert, jetzt auch von Gruben außerhalb, die weiter weg waren,
um dort verarbeitet zu werden. Also die Vieille Monatgne, die
hatte auch europaweit Gruben. Diese ganze Entwicklung der Vieille
Montagne, die kann man auch schön im Museum verfolgen. Das ist
so, dass es dort Jahrbücher gibt und die Vieille Montagne hat
auch sehr viel dokumentiert mit Fotos und so weiter. Und im
Museum ist das alles ja teilweise auch digital aufbereitet. Also
man kann dann zum Beispiel an einer Station sich so ein Buch
angucken, so ein Finanz Buch und dann auf verschiedene
Persönlichkeiten treffen, die auch interessante Geschichten
haben, wo ich jetzt auch gar nicht überall drauf eingehen kann.
Und es gibt dort auch einen Audioguide und diese Audioguide, der
ist personalisiert.
Also dort gibt es wirklich eine Person aus der damaligen Zeit,
die dich durch das Museum führt. Das ist ein gewisser Guillaume
Martens, ein Arbeiter jetzt kein besonders hoher Arbeiter in der
Bergbau Gesellschaft und der hat eben Mitte des 19. Jahrhunderts
dort gearbeitet. Und das wir von dem wissen und auch ein Bild von
dem haben, das war wirklich zu der Zeit was sehr sehr
Ungewöhnliches. Das passt aber ganz gut zu dem Image, das das
Unternehmen damals gepflegt hat.
Da hat Celine Ruess nämlich auch was zu zu sagen.
Celine Ruess:
Das war wirklich ein Beispiel für Paternalismus. Also die Idee
war, es gibt eine enge Verbindung zwischen die Arbeiter und den
Direktor und dieses Album sollte ein bisschen die Familie
sozusagen darstellen, was es für verschiedene Arbeiter in der
Region gibt. Wenn man von Paternalismus spricht, es war die Idee,
die Arbeiter müssen dem Unternehmen treu sein, gut dienen. Und so
gab es im Lohn ein fester Teil und ein Teil, der dann
proportional zur Leistung berechnet wurde.
So hat die dann auch Schule, Kirche dann finanziell unterstützt.
Aber hat auch Musikverein gegründet, zum Beispiel um den
Arbeitern eine gute moralische Aktivität zu bieten, dass da nicht
Kneipe war.
Lukas:
Diese Bergbau Gesellschaft hat sich auch ganz schön um das
Privatleben der jeweiligen Arbeiterinnen und Arbeiter gekümmert.
Wenn ich das so richtig verstanden hab.
Ralph:
Genau, das Unternehmen war sehr darauf bedacht, dass die Arbeiter
und die Familien was Sinnvolles auch machen in ihrer Freizeit und
dass es denen gut geht. Weil Kelmis hatte ein Kneipen Problem
muss man einfach so sagen können. Es hat ein Kneipen Problem oder
ein Alkoholproblem dahingehend, dass sehr viele Arbeiter sich in
den Kneipen versammelt haben, getrunken haben, aber nicht nur
getrunken haben, sondern da fanden Boxkämpfe statt, dort gab es
Glücksspiel mit dem Arbeiter versuchten da ihr Gehalt
aufzubessern und das war in dieser Zeit etwas sehr
Verruchtes.
Preußen, die Niederlande, aber auch andere Länder hatten das
Glücksspiel verboten. Das war nämlich so, dass die Staaten halt
diese Entwicklung des Glücksspiels und der Casinos im Laufe der
Jahre verfolgt hatten. Und das hat auch zu vielen Selbstmorden
geführt tatsächlich, weil die Leute halt ihr ganzes Hab und Gut
verspielt hatten. Und das hat Preußen und Niederlande halt gar
nicht gefallen.
Und eigentlich durften die ja auch nicht eingreifen, die durften
ja keine Soldaten reinschicken. Und dann war es aber so, dass sie
im Code Napoleon so eine Passage gefunden haben, in der es heißt,
dass eine Versammlung von mehr als 20 Leuten ohne Genehmigung
verboten ist. Und dann haben wir damit im Endeffekt auch das
ganze Glücksspiel in Neutral-Moresnet beendet und im gleichen Zug
haben die die Prostitution noch verboten.
Die haben dann nämlich so eine Regel eingeführt, dass in einer
Kneipe oder Wirtschaft nicht mehr als eine Frau arbeiten
darf.
Lukas:
Okay.
Ralph:
Wir befinden uns ja jetzt schon Ende des 19. Jahrhunderts, das
heißt die Kommissare und auch die Nachfolger, die haben es
einfach nicht geschafft sich zu einigen. Und dieses Gebiet
bestand halt weiter und weiter und Ende des 19. Jahrhunderts
lebten in Moresnet, ich habe es ja vorher erwähnt, wie viele es
am Anfang waren, so 300. Es lebten dort 4000 Menschen. 4000
Menschen, ein Bürgermeister, ein Polizist und kein
Gefängnis.
Und ja, also es ist wirklich fast Anarchie. Alkoholschmuggel war
auch ein großes Problem in Kelmis. So ein Arbeiter, der konnte
halt schnell mal seinen Tageslohn verdoppeln, wenn er zehn Liter
über die Grenze geschmuggelt hat. Und die Leute, die sind dann
auf ganz verrückte Ideen gekommen, denn die haben dann zum
Beispiel Fahrräder genutzt mit wasserdichten Rahmen, wo sie dann
Alkohol eingefüllt hatten.
Oder haben sich halt Gummi Beutel um den Leib geschwungen oder
teilweise haben die auch so Hunde benutzt, die 15 Liter Fässer
über die Grenze geschmuggelt haben und es hat sich ja keiner an
den Hund rangetraut. Es gab ja auch, wie gesagt, nur diesen einen
Polizisten und ein paar Grenzbeamte.
Oder es wurden Grenzbeamte ins Gespräch verwickelt, sodass die
dann weitere Leute rüber gewunken haben und es war dann so, dass
es Anfang des 20. Jahrhunderts in Moresnet drei Destillen gab,
die rund um die Uhr gearbeitet haben, die rund um die Uhr Alkohol
hergestellt haben. Die Begebenheit der Grenze von Moresnet, die
hat auch beim Schmuggel geholfen. Das kann dir aber Celine Ruess
auch erzählen.
Celine Ruess:
Die Nationalstraße, das war ja die Grenze und das Besondere mit
dieser Nationalstraße: Sie hat auch die Arbeit der Schmuggler ein
bisschen erleichtert, weil sie war eigentlich neutral. Das
bedeutet, die Zollbeamten durften auf der Straße nicht
eingreifen. Nur wenn man dann auf der preußischen Seite ging,
dann war es Schmuggel, aber auf der Straße nicht.
Lukas:
Verrückt. Irre, wenn man sich überlegt, wie viele verschiedene
Regelungen es gibt. Einfach nur gemessen an der Tatsache, wo du
dich gerade befindest. Ist doch verrückt, oder? Aber es ist ja
heutzutage teilweise immer noch so, also warst du mal in
Saarbrücken?
Ralph:
Ne.
Lukas:
Saarbrücken ist eine der Hotspots der Prostitution in
Deutschland, weil Saarbrücken ja direkt an der französischen
Grenze liegt. Und wenn ich mich richtig erinnere, dann ist
Prostitution in Frankreich illegal und deswegen gehen sehr viele
Freier aus Frankreich nach Saarbrücken. Und deswegen hat
Saarbrücken glaube ich die höchste Bordelle Rate in Deutschland
pro Einwohner, obwohl Saarbrücken direkt an der Grenze
liegt.
Lukas:
Also du kannst von der französischen Ortschaft, hab den Namen
vergessen, kannst du dann direkt reinfahren und der ist quasi auf
der Straße das Grenzschild zwischen Frankreich und Deutschland.
Also wenn du da nicht drauf achtest, dann fährst du einfach durch
und merkst es gar nicht. Und das heißt, wenn du dich jetzt rechts
von der Grenze befindest, 20 Zentimeter, gelten andere Regelungen
für dich, als wenn du dich links von dem Schild befindest.
Aber Anwohner rechts oder links des Grenzschildes würden beide
zum selben Bäcker gehen, weil der 50 Meter weg ist, so nach dem
Thema. Also das ist diese, diese Absurdität von Regeln, je
nachdem wo du dich befindest. Das gibt es heute noch genauso
glaube ich.
Ralph:
Das ist auch diese Absurdität von Grenzen, einfach von künstlich
geschaffenen Grenzen, wo man sagt, okay, das verläuft jetzt genau
hier. In Aachen gibt es ja auch diesen drei Länder Punkt, wo man
dann, du gehst einen Schritt drüber, bist du in Belgien, einen
Schritt in die andere Richtung bist du plötzlich in Niederlande,
machst wieder einen Schritt in eine Richtung bist du in
Deutschland.
Lukas:
Kriegst du dann jedes Mal von deinem Provider willkommen in
Belgien, willkommen in Niederlande, willkommen in
Deutschland?
Ralph:
Das ist eine gute Frage, wo das genau ist. Ich weiß nicht. Ich
glaube, das geht nicht genau entlang der Grenze. Schon verrückt,
aber generell so Grenzregionen sind einfach total faszinierend.
Genau du hattest ja jetzt Saarbrücken angesprochen: Mit der hohen
Prostitutionsrate in Kelmis Dd war es so, dass auf fast jedes
dritte Haus eine Kneipe war, also die Kneipendichte war das sehr
hoch.Es gab in dem Ort 80 Kneipen.
Lukas:
Wahnsinn.
Ralph:
Das kann man sich eigentlich, wenn man heute durch Kelmis fährt,
kann man sich das nicht vorstellen.
Lukas:
Heute sieht es anders aus.
Ralph:
Ja, wobei die Straße, von der Celine gesprochen hat, die gibt es
ja noch. Es ist ja nach wie vor eine große, große und vielfach
genutzte Straße.
Am Anfang sind wir ja aufgestanden, um uns diesen Marsch
anzuhören, und auf den bin ich jetzt noch gar nicht eingegangen.
Denn es ist so, dass dieses Gebiet, Neutral-Moresnet, das war ja
nicht souverän, aber es gab immer wieder Bestrebungen, dass man
da einen eigenen Staat draus macht. Ich habe diese Plansprache
oder Kunstsprache auch kurz erwähnt. Damit ist konkret Esperanto
gemeint, von dem hast du bestimmt schon mal gehört.
Lukas:
Eine Sprache, die künstlich vom Menschen erschaffen wurde mit dem
Ziel, als Weltsprache so einfach wie möglich eine gemeinsame
Sprache zu erschaffen. Wenn ich da richtig informiert bin.
Ralph:
Ja, absolut richtig. Und es bedient sich an bestehenden
Sprachen.
Lukas:
Das ist ja Deutsch, Französisch, Englisch, glaube ich. Das sind
die Haupteinflüsse oder sogar Spanisch.
Ralph:
Spanisch auch, ja genau. Aber wie du richtig festgestellt hast,
europäische Sprachen. Also es wurde auch in dieser Zeit ungefähr,
in der wir uns jetzt gerade befinden, also Mitte, Ende des 19.
Jahrhunderts, wurde es entwickelt von einem polnischen
litauischen Arzt namens Ludwik Zamenhof. Und der hat dann eben
ein Buch geschrieben darüber, über diese Kunstsprache mit dem
Pseudonym Doktoro Esperanto. Und das hat sich halt so
durchgesetzt, dass diese Sprache als Esperanto bezeichnet worden
ist, obwohl der Zamenhof eigentlich eine andere, einen anderen
Namen sich dafür überlegt hatte, nämlich Lingwe Uniwersala.
Universalsprache.
Hast du die schon mal gehört?
Lukas:
Ja ein paar Mal sogar. Ich kenn sogar ein paar Songs, die auf
Esperanto geschrieben sind.
Ralph:
Ach, okay, weil ich habe mir jetzt hier extra aufgeschrieben
einen Satz, den ich dir jetzt sagen kann.
Lukas:
Bitte.
Ralph:
Auf Esperanto. Vielleicht kriegst du heraus, worum es geht. mia
nomo estas Ralph kaj tiel Tiel sonas en Esperanto.
Lukas:
Mein Name ist Ralph äh und ich spreche auf Esperanto.
Ralph:
Ja, fast. Und so klingt das auf Esperanto. Der Anfang war
richtig. Um die Jahrhundertwende, also von 19 ins 20.
Jahrhunderts hatte Esperanto auch schon einige Anhänger gefunden.
Also es gab schon Tausende Leute, die diese Sprache gesprochen
haben, die dann auch einen internationalen Verband ins Leben
gerufen haben, der dann auch Weltkongress abgehalten hat.
Lukas:
Glaube ich, bis heute gibt.
Ralph:
Den gibt es bis heute genau. Und die Zentrale ist in der Schweiz,
in Genf. Diese Esperanto Leute, die hatten auch schon länger die
Idee, dass sich die Sprache wahrscheinlich besser etablieren
würde, wenn sie auch irgendwo als Amtssprache eingeführt werden
würde. So kam das dann, dass die von Neutral-Moresnet Wind
bekommen haben und sich mit den Bürgern dort verständigt
haben.
Und zwar mit einem Bürger im Speziellen, nämlich Wilhelm Molly.
Der ist eine ganz wichtige Person in Kelmis, denn er war
Betriebsarzt der Bergbau-Gesellschaft. Er war Freimaurer und er
war stellvertretender Bürgermeister und der hat sich schon länger
dafür eingesetzt, dass Neutral-Moresnet ein unabhängiger Staat
wird. Und er hat auch viel Werbung gemacht und kam auf, ich sag
mal, ungewöhnliche Ideen.
Ralph:
Da gibt es auch einen Ton von Celine Ruess darüber.
Celine Ruess:
Es gab einen Verkehrs Verein, der neutrale Briefmarken, Post
Briefmarken, gedruckt hat und verkauft hat. Sie wussten bestimmt,
dass es bald verboten werden musste, weil es ist ja nicht
erlaubt, einfach so Briefmarken zu drucken. Aber diese Idee hat
so gut funktioniert, weil man heute immer noch davon spricht und
diese Briefmarken heute immer noch sammelt. Ich stelle mir vor,
dass dieser Herr Molly auch sehr aktiv war. Er hat ja auch die
Presse angesprochen über Neutral-Moresnet, über Esperanto und ist
ja weitergegangen, hat die Idee gehabt aus Neutral-Moresnet einen
Esperanto Staat zu machen. Sollte Amikeyo heißen, Ort der
Freundschaft, ist aber nur auf Papier geblieben.
Lukas:
Ort der Freundschaft, Ort der 3000 Kneipen, Ort der illegalen
Alkohol Produktion, Ort der Anarchie und Ort einer Bergbau
Gesellschaft. Faszinierend.
Ralph:
Ja und Ort der steuerlichen Vergünstigung. Celine Ruess hat ja
schon gemeint, dass es nie dazu gekommen ist, dass ein Staat
draus geworden ist, dieses Amikeyo, weil es war ja immer noch zu
diesem Zeitpunkt so, dass Neutral-Moresnet neutral war, aber
weiterhin umstrittenes Gebiet. Seit 1830, seit der Gründung
Belgiens eben nicht mehr zwischen Preußen und den Niederlanden,
sondern zwischen Preußen und Belgien.
Und diese Mächte haben die Entwicklungen, die es jetzt in
Neutral-Moresnet gab, verfolgt, also dass Neutral-Moresnet jetzt
ein eigener Staat werden möchte und da eine sehr große Gefahr
darin gesehen, so dass sie die Spannungen und den Druck auf
Neutral-Moresnet und auch auf den Esperanto Verband erhöht hatten
und dass es letzten Endes nicht dazu kam, dass dort ein Staat
gegründet worden ist, geschweige denn, dass die Zentrale wie
geplant ursprünglich von Genf nach Neutral-Moresnet verlegt
worden ist.
Also wir befinden uns jetzt Anfang des 20. Jahrhunderts die
Neutral-Moresneter, die kommen 1914 auf die Idee, jetzt ein
Festkomitee einrichten, denn die Hundertjahrfeier steht ja schon
an. Die Hundertjahrfeier von Neutral-Moresnett. Zu dieser
Hundertjahrfeier soll es dann aber nicht mehr kommen, weil 1914
Erzherzog Franz Ferdinand ermordet wird und was passiert?
Lukas:
Erster Weltkrieg bricht aus. Krise von Sarajevo.
Ralph:
Ja, durch den 1. Weltkrieg kommt es dann wieder zu massiven
Umverteilungen im Endeffekt. Also ich meine, Deutschland
marschiert ja in Belgien ein, verliert aber den Krieg und dann
werden eben diese Ländergrenzen, diese Ländereien ja wieder neu
verhandelt.
Lukas:
Das ist dann das Ende von Neutral-Moresnet.
Ralph:
Das ist dann das Ende von Neutral-Moresnet. Also da fällt dann
eben Moresnet an Belgien.
Lukas:
Spannend.
Ralph:
Es ist ja so, dass Deutschland eben in Belgien einmarschiert
während des 1. Weltkriegs und auch unter anderen auch, ja, Kelmis
und so weiter und Neutral-Moresnet. Und die Bürger dort werden
Deutsche, also egal ob sie jetzt Niederländer waren oder
Staatenlose oder so, die werden alle Deutsche.
Lukas:
Wieso?
Ralph:
Na ja, weil es Deutschland halt annektiert und so festlegt. Nach
dem 1. Weltkrieg werden dann alle Belgier, weil das Belgien so
festlegt und wer halt nicht Belgier sein möchte, der muss dann
innerhalb von zwei Jahren Belgien verlassen.
Lukas:
Völkerrechtliche Bestimmungen sind nicht immer ganz leicht
nachzuvollziehen. Das ist ganz klar ein gutes Zeichen dafür.
Stimmt.
Ralph:
Und es ist ja dann so, dass während des Zweiten Weltkriegs Hitler
den Versailler Vertrag aufkündigt und dadurch wird dann Moresnet
wieder deutsch.
Lukas:
Also wirklich?
Ralph:
Ja, ja.
Lukas:
Krass. Aber jetzt ist es seit Ende des Zweiten Weltkriegs
belgisch.
Ralph:
Genau.
Lukas:
Okay. Und seit wann gibt es das Museum?
Ralph:
Das Museum? Das gibt es noch gar nicht so lange. Das gibt es seit
2018.
Lukas:
Ah, krass. Also ganz neu.
Ralph:
Es gibt in dem Museum auch einen Raum, in dem Videos von
Zeitzeugen gezeigt werden. Das fand ich auch sehr spannend. Das
kann ich ja leider hier im Podcast nicht wiedergeben. Aber da gab
es Leute, die von früher erzählt haben, wie das früher war oder
was ja auch von den Eltern und Großeltern gehört hatten, wie das
mit den Grenzen sich abgespielt hat.
Ralph:
Da gibt es zum Beispiel, ich weiß es nicht mehr, ob es jetzt ein
Mann oder eine Frau war, die halt erzählt, dass sie jemanden
kannte, der in einem Haus gelebt hat und wenn der sich jetzt in
der Küche befunden hat, war er auf neutralem Boden. Wenn er in
die ins Schlafzimmer gegangen ist, dann war er zum Beispiel auf
preußischem Territorium oder so. Aber wenn man sich jetzt heute
noch in dem Museum befindet und da durch die Räume geht, da gibt
es auch Landkarten und man hat ja zwei Stockwerke das heißt, man
hat den Vorteil, dass man von oben quasi auf diese Gegend gucken
kann.
Und dann kann man auch richtig schön nachvollziehen, wo sich die
Anlagen befunden haben. Und es ist ganz witzig, dass diese
Nationalstraße zwischen dem Gebäude und den Anlagen verlief. Also
es heißt, die Arbeiter, die dort gearbeitet haben, die sind
tagtäglich mehrmals über die Grenze gegangen.
Lukas:
Ja, spannend, total spannende Geschichte. Hab ich noch nie von
gehört.
Ralph:
Wäre das ein Museum, dass du besuchen würdest?
Lukas:
Ja, schon, weil mich jetzt vor allem die Ortschaft interessieren
würde. Ich glaube, wenn man die Dimensionen vor Ort sieht, ist es
noch mal was ganz anderes. Und wenn du überlegst, wie klein das
dann wahrscheinlich alles vor Ort ist. Und dass du im Prinzip,
wenn du auf der einen Seite dieses Gebietes ein Gewehr abfeuern
würdest, der Schuss wahrscheinlich durch drei Länder durchgehen
würde.
Und das finde ich halt so, so absurd, sich das zu überlegen, wie
klein dann einfach so Geschichten sind. Und vor allem, wenn das
Museum ja erst relativ neu ist, dann glaube ich auch, dass das
ein sehr modernes Museum ist. Und die meisten Museen, die wir
bislang ja besucht hatten, gibt es ja schon länger, weil es die
irgendein Heimatverein oder irgendwas sowas gegründet
hatten.
Und das siehst du den Museen halt auch an, dass die am Anfang mit
sehr viel Pathos gebaut wurden. Aber das sind halt häufig auch
die Mittel fehlen, das zu modernisieren und so ein kleines
Museum, was erst ein paar Jahre alt ist, stelle ich mir total
spannend vor. Ja, vielleicht noch einen Ausblick auf die nächste
Folge, Ralph, weil es gibt eine Parallele zu dieser Folge, die
ich schon mal vorwegnehmen kann.
Und zwar werden wir uns auch nächstes Mal in einem Grenzgebiet
aufhalten, und zwar wirklich in dem Grenzgebiet. Denn die Stadt,
die wir besuchen werden, hat zwei Bahnhöfe. Der eine Bahnhof wird
noch von der Deutschen Bahn betrieben und der andere Bahnhof
nicht mehr, obwohl es dieselbe Stadt ist. Und wir gehen in ein
Museum, das wahrscheinlich das kleinste Museum der Welt sein
könnte.
Ralph:
Das kleinste Museum der Welt. Aha.
Lukas:
Es ist so klein, dass da kein Mensch reinpasst. Aber so viel
schon mal vorweg.
Ralph:
Also man kann sich das nur von außen angucken?
Lukas:
Abwarten.
Ralph:
Ja, gut.
Lukas:
Dann bis dahin.
Ralph:
Ja, bis dahin. Danke auch fürs Zuhören, Lukas, und alle
Zuhörerinnen da draußen, wenn es euch gefallen hat, dann teilt
die Folge gerne. Gebt uns gerne Feedback. Wir sind immer dankbar
für Feedback. Wir sind dankbar für Abos und auch gerne für neue
Ideen, wo wir hinwollen. Naja, vielleicht kennt ihr ja das größte
Museum der Welt und kennt uns dahin führen.
Lukas:
Das ist in der Grenzregion liegt.
Ralph:
Ja.
Lukas:
Also gut, dann bis dahin. Macht's gut.
Ralph:
Ciao.
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